Ein Plädoyer für #frausein am Frauentag

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Es war der 8. März 2012. Ich saß vor meinem Rechner in der Charité und versuchte mit einem TYPO3-Handbuch und meinem verkaterten Gehirn eine Website zu programmieren. Dann bemerkte ich die gelbe Rose und fragte, für wen die sei. „Zum Frauentag, kriegen alle eine“, war die Antwort meiner schwangeren Chefin.

Was ist das jetzt schon wieder für ein wahlloser Scheiß, dachte ich mir und googelte Frauentag. Ich muss dazu sagen, dass ich den Muttertag zum Beispiel schon als Kind dämlich fand. Ich war aber auch in der 5. Klasse über einen längeren Zeitraum hinweg vom Zweiten Weltkrieg besessen gewesen und felsenfest davon überzeugt, dass der Muttertag ein Nazi-Tag war. Und Nazis waren bäh.

Auf dem Rückweg von der Arbeit telefonierte ich mit meiner Mutter. Ob sie wisse, dass Frauentag wäre. Sie lachte. „Wie kannst du denn nicht wissen, dass 8 ????? ist? ? ??????? ?????!“ Sie erklärte mir, dass der Frauentag ein big fucking deal in der Sowjetunion war, wo ich geboren bin. Meine Familie gehörte einer mennonitisch-deutschen Minderheit an, suchte sich also immer genau die Teile russischer oder sowjetischer Kultur aus, die ihnen was taugten, und feierten sie. Dazu gehört natürlich der Schnaps, das Essen, und dass man Frauen am 8. März feiert. Mit Blumen und Geschenken, um Danke sagen.

Clara Zetkin würde sich auch bedanken, und zwar bestürzt, würde sie erfahren, wo ihr Frauentag 100 Jahre später gelandet ist. Eigentlich sollte es mal um das Wahlrecht gehen, um Gleichberechtigung und die Rechte der Frauen. Er ist immerhin ein offizieller Feiertag in Russland, Nepal, Afghanistan, Georgien, auf Kuba und in weiteren Staaten, die nun nicht unbedingt für ihre Frauenrechte an sich bekannt sind. Chinesische Frauen kriegen übrigens den Nachmittag frei. In Russland ist der Frauentag übrigens zu einem Mix aus Valentins- und Muttertag geworden, es werden also nicht nur Ehefrauen und Mütter, sondern auch Arbeitskolleginnen mit Kleinigkeiten beschenkt. Mei, Blumen und Pralinen schaden nie.

Vor ein paar Wochen durfte ich auf Einladung von Edition F an einem Sonntagvormittag mit vielen grandiosen Frauen den Film „Suffragette“ schauen. (Noch läuft er!) Ich hab geflennt und gezittert und hatte danach das Gefühl, irgendetwas machen zu müssen, mal wieder zu helfen, einfach wieder politisch zu werden. Man ist ja manchmal doch ein bisschen eingekuschelt hier in unserem friedlichen Deutschland, und manchmal, so zwischen Bronchitis, Kita-Eingewöhnung und Frust, denkt man sich, ich schaffe es kaum, mich um mich selbst zu kümmern, wie kann ich denn anderen Frauen helfen? Und warum sollte ich? Das Warum kann ich nicht beantworten, die Antwort muss jede selbst finden, aber auf change.org kann sich auch die gestressteste Mutter mit einer Unterschrift für andere Frauen einsetzen. Euch kotzt der Sexismus der Bild-Zeitung an? Ihr wollt ein Zeichen gegen Missbrauch setzen? Oder ihr möchtet helfen, das Anti-Säure-Gesetz in Uganda zu verabschieden? Schweres Thema. Am Frauentag geht es eben nicht nur um Champagner und Pediküren. Aber auch!

Manchmal hat man das Gefühl, dass man vor lauter Hin- und Hergezerre kaum weiß, wo einem der zerzauste Kopf steht. Das Kind ist mal wieder besser angezogen als man selbst und apropos Kopf, da könnte auch mal wieder ein bisschen Farbe drauf, oder wenigstens eine Schere ran! Müsst ihr die Muffins für die Kita wirklich selbst backen? Muss das 2-jährige Kind auf diesen Kindergeburtstag am Samstag, zu Kindern, die er die ganze Woche über schon sieht? Reicht es nicht, dass die 7-jährige ein Fußballturnier am Samstag UND Sonntag hat? Musst du dir jedes einzelne Spiel angucken? Hat Oma Zeit? Kann Papa das nicht alleine? Kannst du dich nicht in einen Zug setzen und wegfahren? Mein Gott, für eine Nacht mal? Musst du wirklich jede einzelne Minute deiner Freizeit mit deinen Kindern verbringen, oder tust du es, weil du glaubst, dass das so von dir erwartet wird? Glaubst du wirklich, die Welt bleibt stehen, wenn Sohnemann am Montag nicht das Elmo Shirt frisch gewaschen und gebügelt in der Schublade vorfindet? (Kleiner Scherz, ich bügel doch keine Kinderkleidung, wo kommen wir denn dahin.) Will die 3-jährige Klavierunterricht oder willst du Leuten erzählen Emilia Charlotta kann schon ‚Alle meine Entchen’ auf dem Piano spielen? Und sagst du jetzt immer Piano statt Klavier? Hör auf damit! Hör auf, immer und immer und immer nur Mutter zu sein! Und dann den Rest der Zeit mit deiner verbleibenden Energie deine Küche zu putzen, deinen Mann glücklich zu machen und zu versuchen, im Job zu brillieren!

Du bist auch ohne glutenfreie Blaubeermuffins eine großartige Mutter! Deinem Kind wird es richtig, richtig gut gehen im Leben, auch ohne Chinesisch und Englisch im Kindergarten! Glaub mir! Kannst du mir versprechen, diesen Dienstag jede Frau anzulächeln, die dir begegnet, vor allen Dingen die mit dem schreienden Kind oder dem schweren Kinderwagen? Die, die müde aussehen? Und die, die fabulös aussehen? Kannst du mir versprechen, das auch an anderen Tagen öfter zu machen? Und kannst du mir versprechen, jeden Tag doch wenigstens mal 15 Minuten für DICH aufzuwenden? Aber eigentlich noch länger? #frausein am Frauentag, für dich.

Man kann sich nicht immer nur zerreißen und versuchen, jede Rolle brillant zu spielen und drauf hoffen, dass es irgendwann mal jemand zu schätzen weiß. Leo hat auch 22 Jahre auf seinen Oscar gewartet! Politik hin oder her, nehmt euch (ausnahmsweise) am Frauentag mal ein Beispiel an russischen oder osteuropäischen Frauen! Hier in Berlin haben wir ja eine große russische und russlanddeutsche Community, und die feiert den Tag ausgelassen! Und soll ich dir mal was sagen,  da ich ja quasi Ehrenmitglied in dieser Community bin, auch wenn mein Russisch katastrophal ist und ich keine Rote Beete mag? Diese Frauen vergessen selten, Frau zu sein.

Besonders aufgefallen ist mir das auf meiner Reise nach St. Petersburg 2012. Ich war 25, Single (mit meinen Eltern auf dieser Reise) und vor allen Dingen noch keine Mutter. Trotzdem ist mir eines aufgefallen: Während dieser Reise habe ich ausschließlich fabulöse Mütter gesehen, kein Scherz. Ich hab eine komplette Fotoreihe angelegt, für Mütter in High Heels und großartigen Outfits und ich habe sie bewundert, dass sie ihren Kindern nicht hinterherlaufen, dass sie die Ruhe selbst waren und vor allen Dingen, auch wenn es so unglaublich oberflächlich klingt: Sie sahen großartig aus. Ich wage zu vermuten, dass diese Damen morgens, bevor sie aus dem Haus gehen, in den Spiegel gucken. Für sich. Und ich kann nicht behaupten, dass ich das immer tun würde. Ja, die Leggings und das blöde Flanellhemd ist schnell angezogen, und es ist gemütlich, und ja, jede darf rumlaufen wie sie will, aber dann geht man am Schaufenster vorbei und denkt sich HUCH! Ich mag nicht immer HUCH! denken, ich mag auch mal wieder DAMN WOMAN! Denken! Deshalb challenge ich mich zu Ehren des Frauentags mal wieder Frau zu sein, und mich selbst ein bisschen mehr zu feiern.

  • Christina

    Was für ein wunderbarer Artikel und was für eine wundervolle Einstellung!