Hauptstadtmutti

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Aktivistinnen und Rebellinnen vor 100 Jahren + Verlosung Bücher und Missy Magazin Kalender 2019

Seid ihr auch manchmal müde, von allem, was im Moment so passiert? The struggle ist real. Vor allen Dingen für Women of Color, für die LGBT Community und auch alleinerziehende Frauen. Immer wenn ich mir denke, ach komm, lasst mich alle in Ruhe, ich ignoriere jetzt die Schlagzeilen für ein paar Tage, erinnere ich mich selber, dass ’sich mal aus dem politischen Alltag auszuklinken‘ auch ein Privileg ist.

Die Wahlen der letzten Jahre, gerade auch die letzte Midterm Wahl in den USA haben mal wieder gezeigt, dass weiße Frauen sehr gerne den Sexismus ignorieren, um vom Rassismus zu profitieren. #metoo war und ist wichtig, die Paygap zu schließen ist wichtig, aber lasst uns nie vergessen, dass 2018 das wahrscheinlich tödlichste Jahr für Trans Women of Color war, das die Paygap für Women of Color noch größer ist und dass die Geburtensterberate bei nicht-weißen Frauen weiterhin alarmierend hoch ist.

Unser Kampf ist noch lange nicht beendet. Und während wir Vorbilder für unsere Kinder suchen, feministische Bücher kaufen und genderneutrale Kleidung aussuchen, lasst uns auch unsere eigenen Entscheidungen hinterfragen. Wir brauchen Vorbilder, die uns inspirieren können, das macht es doch manchmal einfacher, oder? Wir müssen nicht alle die Welt retten, aber wir können bei uns anfangen, uns mehr Gedanken zu machen. Ihr wisst schon, nach dem Adventsbasteln und vor dem Fußballspiel am Samstag. Und wenn eingekauft ist, und die Woche durchgesprochen ist, dann! Dann aber wirklich! Dann legen wir uns mit den Büchern von Unda Hörner und Simone Frieling aufs Sofa und gehen am nächsten Tag demonstrieren!

Deshalb habe ich heute zwei Buchtipps und dazugehörige Kurz-Interviews für euch, in denen Frauen vorgestellt werden, die im 20. Jahrhundert dafür gekämpft haben, dass es uns heute besser geht. Lasst uns das Gleiche für Frauen tun, die jetzt von uns Unterstützung benötigen.

Wir verlosen am Ende des Beitrags je drei Exemplare der Bücher und den Missy Magazin Kalender 2019!

Simone Frieling „Rebellinnen – Hannah Arendt, Rosa Luxemburg und Simone Weil“

Hauptstadtmutti: Woher kam Idee, jetzt über diese drei Frauen zu schreiben?

Simone Frieling: Arendts Reportage, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, mit der sie so Hass auf sich gezogen hat – besonders den von Juden –, war in meinem Elternhaus ein viel diskutiertes Buch. Schon in meiner Kindheit war mir der Name Hanna Arendt vertraut und sie wurde für mich, als ich älter wurde, ein wichtiges Vorbild. Und das ist sie bis heute. Wenn ich an der sozialen Kälte des Bürgertums verzweifle, das mich umgibt, denke ich an Arendt, an ihren unbestechlichen Blick, an ihre unbeugsame Haltung. Das ist der Grund, warum ich über sie schreiben wollte. Anlass, es „jetzt“ zu tun, waren die häufigen Besuche im Jaspers-Haus in Oldenburg, bei denen ich in der Bibliothek von Jaspers viele Bücher in die Hand nahm, die Arendt dem Freund gewidmet hatte.

Mit dem Leben und Werk von Rosa Luxemburg war ich nicht vertraut, doch die neunhundert Seiten lange Biographie Rosa Luxemburg von Peter Nettl gab mir einen sehr guten Einblick. Das, was sie aber zu meiner Vertrauten gemacht hat, sind ihre Briefe. Zehntausende hat sie während ihres Lebens verfasst, viele von ihnen sind erhalten geblieben. Und es gibt kaum einen unter ihren Liebesbriefen und denen, die sie im Gefängnis schrieb, der mich nicht tief berührt hätte. Rosa Luxemburg, die mir vor der Beschäftigung fremd war, ist mir durch die Lektüre der Briefe so nah geworden, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Mit ihr verbindet mich mehr als mit Arendt oder Weil. Der Grund, warum ich „jetzt“ über Luxemburg geschrieben habe, hatte erst einmal nichts mit dem 100. Todestag am 15. Januar 2019 zu tun, sondern mit meinem „Nichtwissen“. Jetzt allerdings habe ich mich aus Anlass des grausamen Jubiläums sehr darum bemüht, Lesungen und Ausstellungen über Luxemburg auf den Weg zu bringen, weil diese Frau in die Mitte der Gesellschaft gehört hätte und nicht totgeschlagen.

(Die Ausstellung „In den Augen Rosa Luxemburgs“ und auf Simone Frielings Vortrag am 15. Januar 12.30 im Literaturhaus Berlin weisen wir an dieser Stelle gerne hin.)

Mit Simone Weil bin ich auf persönliche Weise verbunden, meine Eltern haben mich nach ihr benannt. Ihre Schriften waren meinem Vater, dem Theologen, sehr wichtig. Ich allerdings bin als Jugendliche immer an ihnen gescheitert. Die, die mir von meiner Biographie her die Nächste hätte sein müssen, wurde mir während der neuerlichen Beschäftigung die Fremdeste. Ihre Texte, ihre Lebensauffassung, ihr Umgang mit ihrer Familie, das alles kommt mir „absonderlich“ vor – eine Bezeichnung, die Ingeborg Bachmann im Zusammenhang mit Weil gebraucht hat. Die Auseinandersetzung mit Weil war „jetzt“ nötig, um etwas Lebensgeschichtliches in mir zu klären: eine kleine Alterstorheit vielleicht? Außerdem bietet Simone Weil als religiöse Sozialistin eine weitere Facette zu dem Spektrum, das Arendt und Luxemburg als politische Theoretikerinnen abdecken.

Hauptstadtmutti: Kannten sich Arendt, Luxemburg und Weil persönlich?

Simone Frieling: Nein, es ist nicht anzunehmen, dass nur eine der Frauen eine der anderen persönlich kennen gelernt hat. Dazu sind Lebenswege und Lebensalter zu verschieden. Zwar war die Mutter von Hannah Arendt, Martha, eine glühende Rosa Luxemburg-Verehrerin und ging zu ihren Kundgebungen. Aber es gibt keinen Hinweis, dass Martha ihre kleine Tochter zu diesen Veranstaltungen mitgenommen hätte. Hannah Arendt hat sich aber als Erwachsene intensiv mit Luxemburgs politischen Schriften auseinandergesetzt. Die Biographie von Peter Nettl hat sie zum Anlass genommen einen eigenen Essay über Luxemburg zu schreiben, den sie in der Sammlung Menschen in finsteren Zeiten herausgebracht hat. Ihre Hochachtung vor Luxemburg ist stark zu spüren. „Konformität war ihre Sache nicht“, stellt Arendt bewundernd fest; nach dieser Maxime lebte sie selber.

Für Simone Weil wurden Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis zu einer außerordentlich wichtigen Lektüre, die sie 1933 in einer französischen Zeitschrift besprach. In den Briefen fand sie das Zeugnis einer Frau, die in der Abgeschiedenheit einer Gefängniszelle zu sich gekommen war. Weils lebenslange Bemühungen gingen in eben diese Richtung: alles „von der Wurzel her“ zu begreifen. Auch in ihren Essays, die sich mit Krieg und Gewalt beschäftigen, knüpfte sie an die Schriften Luxemburgs, vor allem die Junius-Broschüren, an, die in der Haft entstanden waren.

Von Hannah Arendt ist nicht bekannt, ob die philosophischen und religiösen Schriften Weils zu ihrer Lektüre gehörten; eine eingehende schriftliche Auseinandersetzung mit ihnen findet sich nicht in ihrem Werk. Interessiert hat sich Arendt aber für die Gesellschaftskritikerin Weil, deren Schriften sie gelesen hat, vor allem das Fabriktagebuch. In ihrem Buch Vita activa oder vom tätigen Leben nennt sie es „einzigartig in der ungeheuren Literatur über Arbeitsfragen […], weil es ohne Vorurteile, ohne Sentimentalitäten und ohne Glorifizierungen einfach Erfahrungen beschreibt und interpretiert„. In der Form eines Tagebuches notierte Weil ihre tagtäglichen Erfahrungen als ungelernte Arbeiterin. Überschrieben sind ihre Eintragungen mit dem Homer-Zitat: „sehr unwilligen Muts, doch zwingt dich grausames Müssen“. Die Akademikerin Weil nahm die Schinderei in der Fabrik auf sich, „nicht als Lehrende und Belehrende, sondern als Lernende“, sie wollte die elitäre Existenz einer Intellektuellen überwinden.

Hauptstadtmutti: Alle drei blieben kinderlos. Ist das eine bewusste Entscheidung der Frauen gewesen?

Simone Frieling: Simone Weil, die sich absichtsvoll nachlässig kleidete, ihren weiblichen Körper unter zeltartiger Kleidung versteckte, burschikose Züge zur Schau stellte, wie ein Schlot rauchte, in tiefer Stimmlage sprach und sich von ihren Eltern „Simon“ nennen ließ, scherzhaft auch „unser Sohn Nummer zwei“ und die Briefe an die Mutter mit: „Dein respektvoller Sohn“ unterschrieb, kannte keinen Kinderwunsch.

Hannah Arendt blieb bewusst kinderlos. Sie lebte von 1933, als sie Deutschland als Jüdin verließ, „in finsteren Zeiten“. Und auf der Flucht oder im französischen Exil ein Kind zu bekommen, wäre sehr wahrscheinlich ein Todesurteil gewesen. In ihrem Essay Wir Flüchtlinge, den sie 1943 in der jüdischen Zeitschrift Menorah veröffentlichen konnte, spürt man ihre tiefe Verzweiflung über ihre Situation als Flüchtling:

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Ghettos zurückgelassen, unsere besten Freunde sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden, und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“

Dieser Zusammenbruch der privaten Welt lässt keinen Kinderwunsch zu, das wusste Arendt.

Rosa Luxemburg war die einzige der drei Frauen, die sich sehnlichst ein „Bobo“ wünschte. In einem der schönsten Liebesbriefe der Welt malt sie ihren Geliebten, Leo Jogiches, die gemeinsame Zukunft aus:

„eine eigene kleine Wohnung, ein paar eigene Möbel, eine eigene Bibliothek; ruhige und regelmäßige Arbeit, gemeinsame Spaziergänge, ab und zu die Oper, ein kleiner, ein sehr kleiner Kreis von Bekannten, die man gelegentlich zum Abendbrot einlädt, jedes Jahr im Sommer eine Reise für einen Monat aufs Land, das aber ganz ohne Arbeit!… (und vielleicht auch noch so ein kleines, ganz kleines Bobo? Wird es niemals erlaubt sein? Niemals? Dziodzius, weißt Du, was mich gestern während des Spaziergangs im Tiergarten plötzlich überfallen hat? Aber ohne jede Übertreibung! Plötzlich wirbelte irgendein Bobo von drei bis vier Jahren in einem entzückenden Kleidchen, mit blondem Haar vor meine Beine und begann mich anzugaffen. Schlagartig stieß mich etwas geradezu, dieses Bobo zu ergreifen und mit ihm schnell nach Hause zu fliehen und als eigenes zu behalten. Ach, Dziodziu, werde ich nie ein Bobo haben?!“)

Hauptstadtmutti: Wie können Frauen, ob Mütter oder nicht, Rebellinnen werden?

Simone Frieling: Hannah Arendt hat den Grund für Rosa Luxemburgs revolutionärer Haltung darin gesehen, dass Luxemburg, „die nach ihren eigenen halb ernstgemeinten Aussagen ‚zum Gänsehüten‘ auf die Welt gekommen war, hätte sich genau so gut in Botanik oder Zoologie vertiefen können oder in Geschichte, Nationalökonomie, Mathematik, wenn nicht die Zeitläufe ihren Sinn für Gerechtigkeit und Freiheit verletzt hätten“.

Das gilt für alle drei Frauen. Ihr Handeln war geleitet von höchsten moralischen Ansprüchen; nicht Anpassung an gegebene Verhältnisse war ihre Sache, sondern Auflehnung gegen unhaltbare Zustände. Ihr Denken zielte nicht auf Versöhnung ab, sondern auf scharfe Analyse und Kritik. Halbheiten kannten sie nicht, immer ging es ihnen ums Ganze. Das machte den Umgang mit ihnen nicht einfach. Die Schmähungen, die sie zu Lebzeiten ertragen mussten, waren so vielfältig wie die Legendenbildungen nach ihrem Tod.

Hauptstadtmutti: Für wen ist dieses Buch?

Simone Frieling: Für alle Menschen, die dem „Nichtwissen“ die Neugier entgegen stellen möchten. Für alle, die durch die Darstellung vielschichtiger Charaktere und verschlungener Lebenswege ihr eigenes Leben zu begreifen wünschen. Für die, die ohne Vorurteile sich auch denen zuwenden, deren politische Einstellung sie nicht teilen. Kurz: für Menschenfreunde.

Dankeschön Simone Frieling!

Hier geht es zur Verlagsseite.

Im Literaturhaus Berlin wird am 15. Januar 2019 eine Lesung mit Simone Frieling zum Buch stattfinden. Hier mehr Infos.

Und Achtung an alle in NRW: In Münster erinnert aus Anlass des 100. Todestags von Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 das Theater Münster in verschiedenen Veranstaltungsformaten an die Jüdin, Sozialistin, Pazifistin und Schriftstellerin  Rosa Luxemburg. Hier mehr Infos zu den Veranstaltungen im Januar.

Unda Hörner „1919 – Das Jahr der Frauen“

1919 erhalten Frauen in Deutschland erstmals das Wahlrecht und machen sich auf allen Gebieten daran, ihr Leben selbst zu gestalten: Mit Käthe Kollwitz wird erstmals eine Frau in die Akademie der Künste berufen, Maria Juchacz hält als erste eine Rede im Parlament. Während in Berlin Rosa Luxemburg ihren Einsatz für die politische Neuordnung mit dem Leben bezahlt, widmet man sich in Paris der Wissenschaft und Kultur: Marie Curies Radiuminstitut öffnet seine Pforten, Sylvia Beach gründet Shakespeare & Company und Coco Chanel kreiert das unsterbliche Chanel No. 5. Unda Hörner verwebt die Lebenswege und historischen Ereignisse zu einer atmosphärisch dichten Erzählung – eine faszinierende Zeitreise ins Jahr 1919, in dem auf einmal alles möglich schien für die Frauen.

Hauptstadtmutti: Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Buch gekommen?

Unda Hörner: 1919 ist vor allem durch das Frauenwahlrecht, das in diesem Jahr zum ersten Mal wahrgenommen wurde, herausragend. Im Zuge der Neuordnung nach dem 1. WK konnten natürlich auch noch ganz andere Neuerungen in unterschiedlichen Bereichen stattfinden, etwa Gründung vom Bauhaus mit der Aufnahme von Frauen, Käthe Kollwitz als erste Frau in der Akademie der Künste, die Bühne stand Else Lasker-Schüler endlich offen für ihr Stück ‚Die Wupper‘ etc..

Hauptstadtmutti: Über welche Frau aus Ihrem Buch wurde noch nicht genug berichtet?

Unda Hörner: Seltsamerweise kennen ausgerechnet die wichtige Marie Juchacz nur wenige, die Sozialdemokratin, die eine der 37 Frauen im 1. Parlament war und ihre berühmte Rede hielt: „Meine Herren und Damen!“ Im Dezember 1919 rief sie auch die Arbeiterwohlfahrt ins Leben.

Hauptstadtmutti: 1919 und das deutsche Frauenwahlrecht ist fast hundert Jahre her und wir verdanken weißen Frauen in Amerika einen Präsidenten wie Trump. Wieso wählen weiße Frauen nach wie vor mehrheitlich gegen ihre Interessen? (Es gibt auch den Spruch: White women ignore the sexism so they can benefit from the racism.)

Unda Hörner: Mir ist das völlig unverständlich, wie man als Frau Trump wählen oder das Programm der AfD gutheißen kann.

Hauptstadtmutti: Werden die Frauen und ihre Arbeit, die Sie in Ihrem Buch vorstellen, in Deutschland ausreichend anerkannt oder geehrt?

Unda Hörner: Es sind ja grundunterschiedliche Frauen wie Coco Chanel oder Rosa Luxemburg. Die sind natürlich Ikonen jeweils in Ihrem Wirkungsbereich. Eine Frauenrechtlerin wie Anita Augspurg etwa kennen indes nur wenige, da geht noch mehr. Als Pazifistin ging es ihr auch um den großen europäischen Gedanken – daraufhin sollte man sich ohnehin nochmal viele Biografien anschauen.

Hauptstadtmutti: Welche Frauen könnten 2019 das Jahr besonders machen?

Unda Hörner: Teresa May, indem sie den Brexit doch noch abwendet …

Dankeschön Unda Hörner!

Hier geht’s zur Verlagsseite des Buches.

VERLOSUNG

Auf Instagram wollen wir von euch wissen: Über wen würdet ihr auf Hauptstadtmutti gerne einmal mehr erfahren?

Wir verlosen je 3 Exemplare der beiden Bücher und auch 3 Missy Magazin 2019 Kalender. Hüpft schnell mal rüber!

 

Foto: T. Chick McClure auf Unsplash.

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