Die kraftvollen Söhne der Working Moms

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Kinder haben kein Problem mit Müttern, die viel arbeiten, sagen Silke und Monika. Im Gegenteil: Ihre eigenen Söhne seien starke Männer ohne Angst vor Frauen. Die beiden Powermütter veranstalten seit 15 Jahren jedes Jahr die Märchentage in Berlin. Im Interview erzählen sie, wie sie Karriere und Familie vereinen und was man von Märchen lernen kann.

Hauptstadtmutti: Wie habt ihr euch kennengelernt?

Silke: Wir kennen uns seit 2000, da war Monika Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Literatur, die damals die Berliner Märchentage getragen hat. Ich fing dort neu an und nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass wir gut zusammenpassen. Der Verein ist dann leiderin die Insolvenz  gegangen, also haben wir 2004 von einem Tag auf den anderen Märchenland gegründet. Wir sind quasi von der Brücke ins kalte Wasser gesprungen.

Monika: Wir waren ein klassisches Startup-Unternehmen, obwohl es damals diesen Begriff noch gar nicht gab.

Hauptstadtmutti: Habt ihr euch selbst finanziert?

Silke: Die Berliner Märchentage hatten natürlich damals schon einen Namen und ein internationales Profil. Das hat geholfen, Gelder zu bekommen. Wir konnten und können immer noch nur das ausgeben, was wir reinholen.

Monika: Und wir hatten viel vor: Wir wollten die Märchentage auf ein hohes künstlerisches Niveau bringen und vor allem international machen.

Silke: In unserer Reihe „Die Frohe Botschaft“ machen wir zum Beispiel Veranstaltungen in der jeweiligen Botschaft, und da schauen wir immer, dass die Märchen auch in den jeweiligen Sprachen gelesen werden. Unser Jahresthema 2002 war „Die Schatzkammer des Zaren“, und wir hatten eine Märchenerzählerin aus Sibirien, die kein Wort Deutsch konnte. Wir hatten eine Dolmetscherin dabei, die aber kaum dolmetschen musste, da die Kinder gebannt  zuhörten. Obwohl sie die Sprache nicht kannten, haben sie verstanden, worum es ging, da die Märchenerzählerin einfach so gut und theatralisch erzählt hat. Atemberaubend.

Hauptstadtmutti: Sind die Märchentage eure einzige Veranstaltung?

Monika: Mittlerweile bietet Märchenland ein ganzjähriges Programm an. Es gibt regelmäßig Veranstaltungen, zum Beispiel auf unserem Märchenschiff „Spreeprinzessin“, das im Sommer fährt.

Silke: In diesem Sommer hatten wir ein Deutsch-Französisches Märchenfestival im Elsass und in Baden-Württemberg. Und wir haben in einem Projekt mit der Bundesregierung zwei Märchen-Archen fahren lassen: einmal von Berlin nach Budapest und einmal von Berlin nach Prag. Nächstes Jahr werden wir in Sachsen und in Baden-Württemberg ein Märchenfestival veranstalten.

Hauptstadtmutti: Seid ihr beide auch selbst verrückt nach Märchen?

Silke: Wir sind da ganz unterschiedlich. Für mich waren Märchen immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Monika hat das Projekt aber anfangs eher vom finanziellen Blickwinkel aus gesehen. Tolle Konzepte kommen aber ohnehin nur durch Reibung zustande. Wir diskutieren sehr viel und haben einen tollen Spruch für uns gefunden: Liebe ist nicht, wenn man sich anguckt, sondern wenn man in die gleiche Richtung schaut.

Monika: Ich hatte am Anfang viel Distanz zu Märchen und wollte mich damit auch gar nicht beschäftigen. Aber dann haben sie mich in ihren Bann gezogen und heute ziehe ich sehr viel Lebensweisheit aus Märchen.

Silke: Wir sind heute beide davon überzeugt, dass Märchen zu jedem Kinderleben dazugehören und vorgelesen oder erzählt werden müssen, sodass sich die Geschichten und die Weisheiten tief verwurzeln. Uns hat mal ein Kind gesagt: „Ich bin Hartz-4-Kind, ich werde auch Hartz-4 bleiben.“ Das wurde ihm eingeredet. Die meisten Protagonisten in Märchen sind Kinder, die aus dem Haus getrieben werden oder ausziehen oder denen nach dem Leben getrachtet wird. Und alle suchen sich Freunde, machen ihr Ding und lernen aus ihren Fehlern. Märchen vermitteln: Das Leben ist kein Ponyhof, du kannst es aber schaffen, wenn du dir die richtigen Leute suchst, selbst mit anpackst und durchhältst.

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Hauptstadtmutti: Ihr seid Freunde und arbeitet schon lange zusammen. Lassen sich da Arbeits- und Privatleben überhaupt trennen?

Monika. Ein Leben völlig außerhalb gibt es nicht wirklich. Wir haben sehr viel Vertrauen zueinander entwickelt. Aber in den Urlaub fahren wir nicht zusammen!

Silke: Monikas Sohn Jan war unser Bürobaby! Wir hatten hier eine Wickelkommode und ein Bettchen. Nach so vielen gemeinsamen Jahren mit gemeinsamen Erlebnissen reicht bei uns ein Blick, und wir wissen, was der andere sagen wird.

Hauptstadtmutti: Gegen so eine Beziehung hat ein Mann wahrscheinlich keine Chance, oder?

Silke: Auf der Männerseite gab es Eifersüchteleien, ja. Aber natürlich lieben wir Männer!

Monika: Wir verbringen ja viel mehr Zeit miteinander und schaffen auch viel mehr zusammen. Das kann man mit einem Mann, den man vielleicht zwei Stunden am Tag sieht, schwer herstellen.

Silke: Bei uns trifft der Spruch zu: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, und hinter jeder starken Frau eine gescheiterte Beziehung.“ Aber wir arbeiten daran, dass sich das ändert! Humorvolle Männer, die das Leben gelassen sehen, sind immer willkommen!

Hauptstadtmutti: Silke, du hast einen Sohn (20), und Monika hat eine Tochter (20) und drei Söhne (7, 15 und 23). Denkt ihr, dass eure Art, das Leben anzupacken, einen Einfluss auf eure Kinder hatte?

Silke: Mein Sohn ist gerade in eine Frauen-WG gezogen, weil er keine Angst vor Frauen hat. Unsere Söhne werden andere Männer sein als ihre Väter. Sie sind kraftvoller und lassen sich nicht von Frauen abschrecken.

Monika: Es waren immer die Männer, die versucht haben, uns einzureden, dass Kinder unter berufstätigen Müttern leiden. Unsere Söhne haben aber kein Problem damit, dass wir arbeiten, wenig Zeit haben und nur am Wochenende kochen. Die Kinder unterstützen uns total.

Silke: Sie haben sich noch nie beschwert. Fröbel, der den Kindergarten erfunden hat, hat gesagt: „Liebe und Vorbild sind das Wichtigste“, und das lässt sich nicht an der Quantität festmachen. Ganz ehrlich, da sind Mütter zu Hause, weil Vati das so will, und es kotzt sie alles an. Wenn wir mit unseren Kindern zusammen sind, sind wir voll und ganz mit ihnen und sind nicht halbherzig bei der Sache, dadurch kriegen sie eine ganz andere Power mit.

Monika: Meine beiden großen Kinder arbeiten selbst auch sehr viel, obwohl sie noch sehr jung sind. Das kommt durch meine Vorbildfunktion. Sie haben nie etwas anderes kennengelernt. Alle unsere Kinder sind sehr stolz darauf, dass wir arbeiten. Sie sagen oft „Meine Mutter arbeitet! Beim Märchenland“.

Hauptstadtmutti: Was ist eure Vision für die Zukunft?

Monika: Wir sehen eine Internetplattform mit allen Informationen zum Thema Märchen, allen relevanten Veranstaltungen und mit Möglichkeiten, direkt im Netz Märchen vorzulesen. Da Märchen ja moderne Themen transportieren, wollen wir sie natürlich dort anbieten, wo die Kids sind.

Silke: So etwas wie Märchenpedia, wo man alles findet. Und dafür benötigen wir Investoren, die das mit aufbauen. Wir möchten gern bundesweit, europaweit und weltweit arbeiten, aber bei allem ist immer Geld das großes Thema, wir haben ja leider keinen Goldesel im Keller. Wir fangen jedes Jahr wieder von vorne an mit der Akquise und merken immer noch, dass die Wertschätzung fehlt, auch nach so vielen Jahren. Wir sind nach wie vor nicht im festen Haushalt von Berlin drin und müssen immer wieder auf Neue bei der Stiftung Deutsche Klassenlotterie das Geld beantragen.

Monika: Wir verwenden so unglaublich viel Zeit für die Geldbeschaffung.

Hauptstadtmutti: Denkt ihr manchmal daran, aufzuhören?

Silke: Klar!

Hauptstadtmutti: Und warum macht ihr weiter?

Monika: Weil wir das nie gleichzeitig denken. Immer zieht die eine die andere wieder weiter. Außerdem denke ich mittlerweile auch schon wie im Märchen: Der Hans hatte ja auch drei Auswege im Wald …

Silke: Wir schauen uns an, was wir geschaffen haben und sehen die Aasgeier, die bereits kreisen, und dann denken wir: Nein. Das ist unser Werk, das geht nicht an andere.

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