„Es ist okay“ von Angela Doe

Ich kannte Angela Doe vorher nicht. Ihre 96.000 FollowerInnen auf Instagram werden jetzt entrüstet mit den Augen rollen, aber it is what it is. Angela hat nun aber ein Buch geschrieben und es trägt den Titel: „Es ist okay“ und das ist ein Satz, den man spätestens seit dem ersten Lockdown nicht nur dem eigenen Nachwuchs sagt, sondern auch anderen Müttern. 

Foto: Laura Die

Es ist okay, an sich selbst zu zweifeln. Es ist okay, nicht zu wissen, was man will. Du bist okay so wie du bist. Mit all deinen Ängsten, Unsicherheiten und Träumen. Denn Selbstfindung ist eine Lebensaufgabe und keine Checkliste, die man bis Ende zwanzig abgearbeitet haben muss. Es gibt keine Fehler – nur Situationen, an denen wir rückblickend wachsen konnten.

Es ist okay, Angela Doe

Wir dürfen einen Auszug mit euch teilen und werden auf Instagram vier Exemplare verlosen, haltet also Augen und Ohren offen! Außerdem planen wir eine Lesung mit anschließender Fragerunde auf Instagram, alle Updates dazu kriegt ihr am schnellsten, wenn ihr uns da folgt.

Triggerwarnung: Essstörung

Im Auszug geht es um das Thema Essstörungen bei Teenagern und jungen Erwachsenen. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter von elf bis 17 Jahren Symptome von Essstörungen. Über alle Essstörungen hinweg sind Mädchen bzw. Frauen deutlich häufiger betroffen als Jungen bzw. Männer. (Quelle)

Mit Angela Doe werden wir während der Live Lesung auch darüber sprechen, worauf wir als Eltern achten können. Nun aber zum Textauszug!

Gift für den Kopf

An diesem Tag – ich war damals 19 Jahre alt – beschloss ich, ab jetzt alles dafür zu tun, um »endlich dünn zu sein«. Ich erinnere mich noch sehr gut an dieses Gefühl: als ob sich etwas einst sehr Weiches und Zartes in mir verhärtete. Schockgefrostet. Es war ein harter Knoten entstanden, und es sollte viele Jahre dauern, diesen wieder zu lösen.

Ich hatte natürlich bereits zuvor versucht, »alles dafür zu tun, endlich dünn zu sein«. Mit elf Jahren wollte ich nicht mehr zum Ballettunterricht gehen, da sich einige andere Mädchen in der Gruppe über meinen »großen Bauch« lustig machten. Ich trug seitdem keine Bikinis mehr und traute mich nur noch im Badeanzug ins Wasser. Seit ich vierzehn Jahre alt war, kämpfte ich mich durch alle erdenklichen Diäten, die das Internet damals so hergab: Ich versuchte, nichts zu essen. Ich versuchte, mich tagelang nur von Kohlsuppe zu ernähren, trank so viel Almased, dass ich mich fast übergeben musste, und versuchte mich an Low Carb, Hollywood- und Atkins-Diäten. Aber nichts davon erzielte den gewünschten Effekt, denn jeder Versuch zu hungern stürzte mich abends nur wieder in einen Essanfall.

Mit fünfzehn stieß ich im Netz das erste Mal auf »Pro Ana«- und »Pro Mia«-Seiten. Ana steht für Anorexia nervosa – also die Magersucht – und Mia für Bulimia – die Ess-Brech-Sucht. »Pro Ana« bedeutet demnach nichts anderes als »für Mager- sucht«, und »Pro Mia« bedeutet »für die Ess-Brech-Sucht«. Ana und Mia bekommen zwei süße weibliche Namen und stellen somit die personifizierte Essstörung als »gute Freundin« dar, die den Betroffenen »helfen« soll, anorektisch oder bulimisch zu werden oder zu bleiben.

Diese Webseiten waren (und sind auch heute noch) voll- gepackt mit »Tipps und Tricks« zum Abnehmen, meist inklusive Abnehm-Tagebüchern junger Mädchen, die täglich darüber schreiben, wie viel sie abgenommen haben und auf was sie heute alles verzichten konnten. Unter dem Menüpunkt »Thinspiration« finden sich zahlreiche Fotos von dünnen Mädchen, die man sich ansehen soll, falls ein Fressanfall droht. Oder falls man nach tagelangem Fasten eine neue »Motivation« braucht. Einige Tipps, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind, möchte ich kurz aufführen, um euch noch etwas tiefer in meine Gedankenwelt von damals mitzunehmen – und auch um eine Warnung zu setzen. Vielleicht hätte jemand meine Essstörung erkennen können, hätten sie von solchen Seiten gewusst. Ich möchte die Triggerwarnung noch einmal wiederholen: Überspring diese Liste unbedingt, falls du gefährdet bist.

  • Beeinflusse dich jede Minute. Hetze dich selber gegen dein Gewicht auf. Verbring jeden Tag ein paar Minuten auf Pro- Ana-Seiten und schau dir in jeder freien Minute dein Tagebuch an. Je mehr du dich selber aufstachelst, umso besser wirst du durchhalten.
  • Versuch in Unterwäsche vor dem Spiegel zu essen. Dann willst du bestimmt nichts mehr zu dir nehmen.
  • Kauf dir eine Hose, die dir zu klein ist, und versuche immer wieder reinzukommen. Der Frust wird dich antreiben.
  • Trink nach jedem Bissen einen Schluck Wasser, so wirst du schneller satt.
  • Iss nur so viel, dass dein Bauch sich nicht wölbt.
  • Dreh im Winter die Heizung in deinem Zimmer ab. Frieren verbrennt Kalorien!
  • Iss nichts, was größer ist als deine Handfläche.
  • Schaue in den Spiegel und stell dir vor, du wärst jemand anderes. Halte deine Eindrücke schriftlich fest.
  • Vergiss niemals: Nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt.

Diese Listen im Netz sind natürlich endlos und umfassen meist bis zu einhundert Punkte. Heutzutage ist es durch WhatsApp sogar noch schlimmer geworden: Junge Mädchen finden in WhatsApp-Gruppen zusammen, überlegen sich Challenges zum gemeinsamen Abnehmen, und wer sich nicht an die Regeln hält oder anfängt zu essen, fliegt raus. Regeln können so etwas sein wie: Poste jeden Morgen ein Bild von der Waage. Poste jeden Abend, was du gegessen hast und was du dafür getan hast, die Kalorien wieder zu verbrennen. Dank mobilem Internet, WhatsApp und Instagram muss man nicht mehr warten, bis man zu Hause ist, um sich »Hilfe bei einer Fressattacke« zu holen – sondern chattet ganz einfach schnell mit den anderen »Anas« in der Gruppe. Essstörung für die Hosentasche. Immer mit dabei.

Processed with Rookie Cam

Dass ebensolche Mädchen mit total verdrehter Selbstwahrnehmung und selbst geschürtem Hass auf ihren Körper sogar Opfer werden von Pädophilen, die sich als »Abnehm-Coaches« ausgeben, ist der abscheuliche Gipfel dieser Bewegung. Mein Herz wird ganz schwer, wenn ich nur daran denke, wie viele Mädchen auch heute noch der festen Überzeugung sind, dass der Selbsthass sie ins Glück führen könnte. Und was für unglaublichen Gefahren sie sich aussetzen – nicht nur aus gesundheitlicher Sicht, sondern auch aufgrund derer Menschen, die grausam genug sind, die Verzweiflung eines jungen Mädchens auszunutzen.

Ich war damals eine von ihnen. Auch ich versuchte stetig, den Selbsthass auf meinen Körper zu schüren – doch trotz Pro-Ana- Tipps und Thinspiration nahm ich nie ab. »Du musst dich nur genug selbst hassen, dann wird’s schon klappen«. Man könnte diese Methode auch als negative Affirmation bezeichnen. Eine Affirmation ist eigentlich ein bejahender Satz, den wir uns wieder und wieder sagen, um die eigenen Gedanken umzuprogrammieren. Eine gut formulierte und häufig wiederholte Affirmation kann sich positiv auf das Selbstbewusstsein aus- wirken:

»Ich glaube jeden Tag mehr daran, etwas wert zu sein, ich glaube jeden Tag mehr und mehr an mich selbst.«

Aber was passiert, wenn die eigene Affirmation darauf abzielt, sich selbst möglichst schlechtzumachen? Was, wenn wir uns über Jahre hinweg einreden, dass unser Körper hässlich ist, dass wir nichts wert sind, solange eine bestimmte Zahl auf der Waage steht? Wie kommen wir nur auf die Idee, dass sich etwas Positives in uns entwickeln könnte, wenn wir uns ständig nur Gift in den Kopf jagen? Ich habe mir damals mit voller Absicht wieder und wieder eingeredet, hässlich zu sein. Ich habe mir ein negatives Selbstbild in den Kopf gepflanzt. Ich hätte so viel abnehmen können, wie ich wollte – »schön« hätte ich mich niemals gefunden. Denn sich schön zu finden und zu fühlen hatte ich nie gelernt. Wie auch, ich redete mir seit Jahren das Gegenteil ein.

Egal, was wir auf Selbsthass sähen: Es wird niemals Glück, Selbstliebe oder Zufriedenheit daraus erwachsen. Eine Glei- chung, die niemals aufgeht.

An diesem Tag, 2009, übergab ich mich nach dem Mittagessen zum ersten Mal. Wenn alles nichts hilft, dann muss das wohl sein. Und trotzdem: Essgestört war ich in meinen Augen natürlich nicht. Eine Essstörung, so sagte ich mir selbst, haben doch nur die »Abgemagerten in der Klinik«. Ich hatte mir ja bisher nur ein paar Tipps aus dem Internet für drei oder vier Kilos weniger gesucht, weiter nichts. Und als ich mich schließlich übergab, machte ich das ja nicht immer, nicht nach jeder Mahlzeit, und deshalb war es nicht so schlimm. Auch die Bulimie kannte ich bis dato nur aus den Medien, und in meinem Kopf entsprach ich nicht dem Bild einer:eines Bulimikers:in. Ich war ja nicht untergewichtig. Ich hatte ja keine Mangelerscheinungen, keinen Haarausfall, keine kaputten Zähne oder brüchige Fingernägel. An mir war alles normal – also war das bisschen Erbrechen wohl auch nicht so schlimm.

Diese Zeilen zu schreiben macht mich auch heute noch tief traurig. So absurd mir all das von meinem jetzigen Standpunkt aus erscheint – damals war es meine Wahrheit. Und es ist noch heute die Wahrheit so vieler junger Menschen. Der Glaubenssatz, dass man ausschließlich mit einem sehr schlanken Körper in dieser Gesellschaft akzeptiert wird, ist immer noch weit verbreitet – wenn er auch selten laut ausgesprochen wird. Auf jedem Plakat, in jedem Magazin, in jedem Film und auf fast jedem Instagram-Account steht er in unsichtbaren Lettern geschrieben: Du musst schön sein, um etwas zu erreichen. Und auch ich war felsenfest davon überzeugt, dass all meine Probleme einzig und allein daher rührten, dass ich nicht »schön genug« war.

Ich dachte, wenn ich dünn wäre, würden sich all meine Probleme endlich in Luft auflösen: Denn nur schöne Menschen erreichen etwas im Leben. Schöne Menschen sind erfolgreich und finden einen »Mann fürs Leben«. Wer schlank ist, wird nicht betrogen. Außerdem würde ich mich ja endlich schön fühlen, wenn ich dünn wäre, und somit hätte ich auch endlich mehr Selbstbewusstsein. Ich wäre schön und cool, und niemand in der Arbeit würde mich dumm oder blöd finden. Ich wäre stark und selbstbewusst und tough. Nur so, ganz allein so, würden mich endlich alle mögen – und nur so könnte ich jemals glücklich werden.

Ich hatte mir also gleich zwei negative Glaubenssätze in den Kopf gelegt: »Ich kann nichts« und »Ich bin nicht schön genug«. Natürlich war mir damals nicht bewusst, dass es sich dabei um Glaubenssätze handelte, die in der Kindheit und Jugend unter anderem durch die Gesellschaft geprägt wurden – damals war es einfach meine Wahrheit. Früher waren meine Gedanken und meine Gefühle immer die Wahrheit und somit absolut. Erst später lernte ich, nicht all meinen Gedanken und Gefühlen sofort zu glauben und darüber zu reflektieren.

Damals aber konnte ich noch nicht differenzieren. Es war (und ist auch heute noch) ganz normal, dass vor allem Frauen ihre »Problemzonen« haben. Ein Mädelsabend ist kein Mädelsabend, wenn man sich nicht auch über sich selbst auslässt. Die eine findet ihre Oberschenkel zu dick, die andere mag ihre Nase nicht, die dritte beschwert sich über ihre Dellen – und all das scheint ganz normal. Sich selbst nicht zu akzeptieren wird akzeptiert. Man würde wahrscheinlich eher auf Verwunderung stoßen, fände man nichts an sich selbst auszusetzen.

Zwar sagten und zeigten meine Eltern mir tagtäglich, dass sie mich liebten, dass sie mich schön fänden, und doch liegt der Glaubenssatz »Ich bin zu dick« bei mir in der Familie. Ich kannte niemals eine Frau in meinem näheren Umfeld, die mit ihrer Figur zufrieden war.

Vor einigen Jahren, als ich gerade mit meiner Familie über Weihnachten bei meinen Großeltern war, fand ich alte Fotos von meiner Mutter: eine so schöne junge Frau, mit braunen Locken und großer 80er-Jahre-Hornbrille, High-Waist-Jeans und engem Top. Meine Augen strahlten – ich erkannte mich selbst in ihr. So eine tolle Mama habe ich, dachte ich, denn in meinen Augen ist meine Mama eine der coolsten und schönsten Frauen der Welt. Und trotzdem musste ich stutzen, als ich das Bild sah. Hatte meine Mutter nicht erzählt, dass sie »schon immer etwas zu dick« war? Ich sah kein »zu dick«, ich sah kein »zu viel«, ich sah einfach nur meine Mama mit der tollen Ausstrahlung und einem mir sehr bekannten Lächeln auf den Lippen – und einer Figur wie meiner.

Als ich ihr das Bild zeigte und sie fragte, was sie daran denn als »zu dick« empfand, sah sie mich entgeistert an. Ganz so, als könne sie nicht glauben, dass ich es nicht sehen konnte. Ich sah es nicht. Und da verstand ich zum ersten Mal, was es bedeutet, ein verzerrtes Bild von sich selbst in sich zu tragen. In meinen Augen war ich »zu dick« und meine Mutter »perfekt«. In den Augen meiner Mutter war sie »zu dick« und ich »perfekt«. Dabei sahen wir uns doch so ähnlich! Ich erkannte, dass man sich selbst immer viel strenger begutachtet als die Menschen, die man liebt. Wir beide sahen uns selbst nur durch unsere eigenen Augen kritisch.

Foto: Simone Klimmeck

Trotzdem: Eine Essstörung ist nicht in Stein gemeißelt, nur weil die eigene Mutter – wie viele Frauen – ebenfalls Probleme mit dem Selbstbild hat. Ich denke sogar, dass viele Eltern einen ähnlichen Glaubenssatz in sich tragen, und trotzdem rutscht das eigene Kind nicht in eine Essstörung. Auch mein damaliger Freund, der mich zur Zeit des Praktikums betrog, war nicht »schuld« an meinem negativen Selbstbild – es war nur ein weiterer Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ein Fass, das ich bereits mit elf Jahren anfing zu füllen.

Über die Jahre und vor allem durch meine Therapie begab ich mich immer weiter auf die Suche nach den Gründen. Heute weiß ich: Es ist verdammt schwer, in dieser Gesellschaft frei zu bleiben von einem negativen Selbstbild. Dazu kam noch der gesellschaftliche Druck, als junge Erwachsene meinen Platz in der Gesellschaft zu finden, meine Sensibilität und Emotionalität und die Tatsache, dass Wut kein Gefühl war, das ich zu akzeptieren und auszuleben wusste: Bevor sich meine Wut gegen mein Gegenüber richten konnte, schluckte ich sie herunter, weinte und zog mich zurück. Dass ich all diese unterdrückten Gefühle letztendlich an meinem eigenen Körper ausließ, erscheint mir heute als logische Schlussfolgerung daraus. Wohin mit all der Energie, mit all der Aggression, wenn sie nicht nach außen kann? Dann verläuft sie sich im Inneren, in einem Kampf gegen sich selbst.

Aber woher hätte ich damals all das wissen sollen? Woher hätten mein Chef, meine Eltern und mein damaliger Freund es also wissen sollen? Ich kannte mich selbst (noch) nicht – wie hätten andere mich (er)kennen sollen?

Mia

Die Jahre danach wurde die Bulimie meine treue, beständige Begleiterin. Mia, eine toxische Freundin, die immer für mich da war. In meiner damaligen Realität redete ich mir weiterhin ein, dass eine »Krankheit« ganz anders aussähe. Ich übergab mich ja »nur« zwei- bis dreimal die Woche. Nicht jeden Tag oder mehrere Male nach jeder Mahlzeit. »Es ist ja nicht so schlimm« wurde zu meinem eigenen kleinen Mantra. Die Bulimie fühlte sich viel zu leicht an, als dass sie eine schwere Krankheit hätte sein können: Irgendwann war ich so routiniert, dass sich das Erbrechen wie Händewaschen anfühlte.

Ich hing nicht – wie man es sich klassisch vorstellt – weinend und voller Selbsthass geplagt über der Kloschüssel, sondern ich lief ins Bad, steckte mir den Finger in den Hals, und binnen dreißig Sekunden war alles vorbei. Und ich war für den Moment wieder glücklich. Manchmal konnte ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, ob ich mich heute schon übergeben hatte oder nicht.

Es war zur Normalität geworden.

Auch hatte ich selbst nach acht Jahren Bulimie keine erkennbaren Schäden davongetragen – für mich nur ein weiteres Indiz dafür, dass es »nicht so schlimm« sei. Ich möchte also noch einmal betonen (weil ich ebensolche Zeilen damals sehr gebraucht hätte): Nur weil du in deinem Kopf nicht dem Bild einer Essgestörten, einer drogen-, alkoholsüchtigen oder depressiven Person entsprichst, bedeutet es nicht, dass du keine Hilfe in Anspruch nehmen darfst. Die unsichtbaren psychischen Probleme sind vielleicht sogar die schlimmsten. Jahre später, als ich meinen Weg in die Therapiegruppe fand, stellte ich erneut fest: Essstörungen sind viel mehr im Kopf als auf den Hüften. Ich saß jeden Mittwoch in einem Raum mit neun anderen essgestörten Frauen, und erkennbar untergewichtig waren höchstens zwei. Nur den wenigsten hat man ihre Essstörung angesehen.

Ich erkenne erst heute, über zehn Jahre nach dem schlimmen Moment im Praktikum, was die Bulimie damals für mich getan hat – und wieso ich nicht daran dachte, sie loszulassen: All die ständigen Gedankenkreise ums Essen und die permanente Angst vor dem Zunehmen waren auf einmal wie weggeblasen. Wann immer ich essen wollte, aß ich. Denn ich konnte es hin- terher einfach wieder »loswerden«. Die Bulimie nahm mir mein schlechtes Gewissen, das mich jahrelang zuvor so zermürbte. Ich fühlte mich dadurch endlich frei. Der Gedanke daran, mein Essen immer bei mir behalten zu müssen, hätte mich wieder unendlich traurig gemacht. Doch genau das ist die Tücke, die größte Lüge, die sich Essgestörte selbst erzählen: Die Essstörung macht alles besser. Denn sie hilft uns, das Wesentliche, das, was eigentlich so schmerzt, schnell und unkompliziert zu verdrängen.

Eben deshalb ist es mir besonders wichtig, diese Worte loszuwerden: Die Bulimie, die Essstörung, ist immer nur eine kurzweilige Erleichterung. Wie bei jeder Sucht hilft sie zu verdrängen. Ich verdrängte damals vor allem meine riesengroße Angst davor, meinen Platz in dieser Gesellschaft nicht zu finden. Ich aß aus Langeweile oder aus Frust, denn Essen und gute Geschmäcker sind immer etwas Positives, machen immer glücklich. Wann immer sich ein Mensch in eine Sucht stürzt – egal ob Binge-Eating, Bulimie, Anorexie, Alkohol oder Drogen –, verdrängt er einen tief liegenden Schmerz. In meinem Fall das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Liebe, nach Kontrolle, nach Anerkennung. Stürzt man sich in eine Sucht und verdrängt diese Bedürfnisse und Probleme über Jahre hinweg, nimmt man sich die Möglichkeit, daran zu arbeiten. Gewährst du deinen Problemen keinen Raum, machen sie sich unter- bewusst breit wie ein Lauffeuer.

Sie wirken sich auf deine Beziehungen, deine Freundschaften, deine Arbeit, auf dein ganzes Leben aus – ganz still und heimlich und ohne, dass man sich dessen bewusst ist. Je früher man also anerkennt, dass eine Sucht vorhanden ist, desto mehr Zeit hat man, diese zu bekämpfen. Und natürlich tut es erst mal unfassbar weh, sich mit seinen größten Ängsten auseinanderzusetzen. Aber lass dir eines gesagt sein: Es lohnt sich. Je früher du deine Ängste anschaust und deinen Schmerz zulässt, desto früher wirst du da wieder rauskommen. Ich habe meine verdrängten Ängste acht Jahre mit mir herumgeschleppt, bis sie mich in die Depression und 2015 an meinen persönlichen Tiefpunkt trieben. Es ist schier unmöglich, sein Leben lang mit einer Sucht zu leben und gleichzeitig ein glücklicher Mensch zu sein. Innerlich aufzuräumen ist das Allerwichtigste, das wir für uns tun können – was du für dich tun kannst.

Was genau ich letztendlich getan habe, um meinen Weg aus dieser Sucht zu finden, werde ich natürlich noch erzählen.

Vielen Dank an Angela Doe und Ullstein.

Hier auch ein interessantes Interview zum Thema mit Kinderpsychiaterin Beate Herpertz-Dahlmann.