„Es wird unheimlich viel Druck auf Gründer ausgeübt“

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Sarah (27), ihr Mann Julius (31), Mathilda (3), Magnus (fast 2) und Bücher, überall Bücher: Wir sind im Büro von Librileo, dem Kinderbücher-Start-up des Berliner Gründerpaars. Es ist bereits das zweite Unternehmen der beiden, und über die letzten Jahre haben sie viel über die Kunst gelernt, eine gute Balance zwischen Familienleben und Karriere hinzubekommen. Leicht ist es immer noch nicht, als Eltern zusammenzuarbeiten, aber eines der Geheimnisse scheint „positive Lächelenergie“ zu sein.

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Hauptstadtmutti: Ihr habt eine tolle Kennenlern-Geschichte, mit der ihr sogar mal eine Reise nach Venedig gewonnen habt – erzählt mal!

Julius: Wir haben uns vor fünf Jahren im Zug kennengelernt, zwischen Magdeburg und Berlin. Ich habe mir während meines Studiums eine goldene Nase damit verdient, Leute mit dem Wochenendticket von A nach B zu fahren und Sarah war einer meiner „Fahrgäste“. Ihr Freund hatte sich ein paar Tage vorher von ihr getrennt und sie saß tränenüberströmt im Zug, war nur am Heulen und da hab ich zu ihr gesagt, sie soll den Kopf hochhalten, denn es ist nie der letzte.

Sarah: Aber wir waren nicht interessiert aneinander.

Julius: Du warst nicht interessiert an mir. Sarah hatte aber ihre Tasche in Magdeburg vergessen und mir gesagt, dass ich die bei meiner nächsten Fahrt nach Berlin mitbringen muss.

Sarah: Ich wollte kein Date. Ich wollte nur meine Tasche wieder. Aber trotz allem haben wir uns zwei Wochen später nochmal in Magdeburg getroffen, waren im Park spazieren, haben Eis gegessen und da hat es gefunkt. Eigentlich waren wir dann auch sofort ein Paar und sind direkt zusammen gezogen.

Julius: Wir hatten in Tempelhof unsere absolute Traumwohnung gefunden, großes Loft, mit fünf Meter hoher Decke. Nach zwei Wochen war Sarah schwanger. Und dann mussten wir umziehen, denn mit Kind hat die Wohnung nicht mehr so richtig gepasst.

Hauptstadtmutti: Wie seid ihr dazu gekommen, zusammen zu arbeiten?

Julius: Ich bin ursprünglich Sicherheitsingenieur, habe mich dann noch weitergebildet zum Vertriebsingenieur, war aber gelangweilt. Also habe ich Elternzeit angemeldet und bin danach nicht wieder zurück. Wir haben dann Kirondo gegründet, ein Portal für nicht genutzte Kinderkleidung. Nach einem Jahr sind wir aus dem Unternehmen ausgeschieden und haben mit verschiedenen anderen Ideen gespielt. Sarah hatte die Idee mit Librileo, wo wir monatlich Kinderbücher-Boxen versenden. Bei den Null- bis Achtjährigen werden Bücher einfach nie aus der Mode kommen. Natürlich ist es schwer, in die Branche reinzukommen, aber wir hatten Glück, dass wir einen guten Mentor und Freund aus der Verlagsbranche haben, der uns viele Tipps gegeben hat. Überhaupt kennen wir in der recht kleinen Gruppe der Kinder-Start-ups fast jeden.

Hauptstadtmutti: Bei eurem ersten Start-up habt ihr euch komplett finanzieren lassen, habt Investoren gesucht und es klassisch aufgebaut. Seid ihr beim zweiten denselben Weg gegangen?

Julius: Gar nicht. Wir finanzieren uns komplett selbst. Wir liebäugeln zwar immer wieder mit dem Gedanken von Investoren, aber immer wenn wir die Konditionen hören, steigen wir aus.

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Sarah: Die Verträge sind immer mies, jeder auf seine Art. Bei uns geht es ja noch um kleine Beträge und man fragt sich dann, warum man da schon so ein Theater abzieht. Es ist so, als müsste man ständig seine Mutter fragen, ob man dies oder jenes machen darf. Und immer sagt sie nein.

Hauptstadtmutti: Also nie wieder Investoren?

Julius: Das würde ich nicht sagen, aber es muss einfach passen. Man kann natürlich einen Business-Case schreiben, den Investoren mehr versprechen, als man jemals erreichen wird und damit das Unternehmen wertvoller machen. Das ist meiner Meinung nach genau das, was bei 99 Prozent aller Start-ups in Deutschland momentan passiert. Man findet kaum Leute, die in traditionelle Geschäfte investieren, bei denen sie vernünftige Rendite erwirtschaften können. Sie wollen alle immer den riesigen Exit-Case sehen und nehmen dafür in Kauf, dass du als Start-up ihnen direkt ins Gesicht lügst. Das ist denen klar, dass da Pläne gezaubert werden, die große Blasen sind. Es wird unheimlich viel Druck auf die Gründer aufgebaut. Wir machen das nicht mehr mit.

Hauptstadtmutti: Könnt ihr nach einem Jahr von Librileo leben?

Julius: Marketing mit Null-Budget zu machen, ist eine Herausforderung. Es funktioniert aber so gut, dass wir eine stetig steigende Kundenzahl haben. Wir können noch nicht zwei volle Stellen davon zahlen, aber der Weg dahin ist nicht mehr weit.

Sarah: Wir haben auch Praktikanten, bis vor kurzem noch sechs. Gerade suchen wir neue, weil ich meine Bachelor-Arbeit schreibe und daher einfach weniger Zeit habe.

Julius: Außerdem arbeiten wir mit einer Behindertenwerkstatt zusammen. Die übernehmen das Verpacken und Versenden, alles andere machen wir hier.

Hauptstadtmutti: Zusammen leben und arbeiten – geht ihr euch manchmal auf die Nerven?

Sarah: Zurzeit sind wir ja nicht ständig zusammen, da ich mit meiner Bachelor-Arbeit eingespannt bin. Und überhaupt sehen wir uns auch nicht 24 Stunden am Tag, weil einer von uns die Kinder um 16 Uhr abholt und der andere dann erst 19 Uhr oder später kommt. Ich genieße aber die Zusammenarbeit, und wir wussten von Anfang an: Ich kann das und er kann das. Ich mache Marketing, PR und Personal und Julius macht das Technische, den Businessplan und die logistischen Prozesse.

Hauptstadtmutti: Gibt es bei euch eine Trennung zwischen Privatem und Beruflichem?

Julius: Nein. Nur wenn wir uns mit den Kindern nachmittags beschäftigen. Ich mache dann ganz bewusst meinen Rechner und mein Telefon aus. Das musste ich aber auch erst lernen. Bei Kirondo hatte ich das nicht geschafft, da ist alles verschmolzen. Ein Dreivierteljahr lang haben wir eigentlich wenig Zeit mit unserem Baby verbracht. Klar, er war immer dabei, aber eben im Büro. Das hat uns geärgert. Und damit ich den gleichen Fehler nicht nochmal mache, habe ich mir einen Anker mit „Home is where your heart is“ auf den Arm tätowieren lassen.

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Hauptstadtmutti: Hat das was bewirkt?

Julius: Ich probiere, Arbeit und Familie klar zu trennen. Aber abends arbeiten wir natürlich weiter. Anders geht es nicht. Wir sind einfach nicht genug Leute.

Hauptstadtmutti: Geht ihr manchmal noch zusammen aus als Paar?

Sarah: Vor zwei Wochen waren wir zusammen bei einem Konzert, und abends trinken wir schon mal zusammen Wein und schauen Filme. Aber momentan ist das schon echt grenzwertig.

Julius: Auf Dauer ist diese Art Arbeit schon Selbstausbeutung. Länger als fünf oder sechs Jahre mache ich das nicht. Wir sind ja ständig an der Grenze.

Hauptstadtmutti: Was wäre eure Traumsituation?

Sarah: Wir haben verschiedene Träume. Meiner ist, die Kinder in Australien einschulen zu lassen und von dort aus zu arbeiten.

Julius: Ich hätte gern drei bis vier Unternehmen, die so viel Geld abwerfen, dass ich hinterher tun und lassen und Ideen entwickeln kann, wie ich will.

Hauptstadtmutti: Habt ihr einen Tipp für Leute, die als Paar ein Unternehmen gründen?

Sarah: Man muss als Pärchen zusammen passen, sowohl beim Arbeiten, als auch in der Beziehung. Und man muss furchtbar flexibel und gelassen sein. Also öfter mal einatmen und „Positive neue Energie“ dabei denken. Positive neue Lächelenergie!

Hauptstadtmutti: Zwei Kinder, zwei Start-ups – drei Kinder, drei Start-ups?

Julius: Nein, mit Familienplanung bin ich durch und ich glaube, Sarah auch.

Sarah: Ich sag niemals nie.

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Danke, liebe Sarah, lieber Julius von Librileo für das Interview! Sehr beeindruckend!

Mittlerweile haben Sarah und Julius Librileo Gemeinnützig gegründet, ein Unternehmen, das einkommensschwache Familien mit Bücherboxen unterstützt.

 

Interview: Isa Grütering    Fotos: Claudia Kahnt    Text: Yvonne Vávrá

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