Neukölln Homestory: „Ich habe keine Lust auf viele Schränke und Kladderadatsch.“

An einem sonnigen Samstag im März öffnete mir die Familie Schauschitz/Zins mitten im Herzen von Neukölln die Türen zu ihrer klassischen Berliner Wohnung – und die Homestory konnte beginnen.

Von dem kleinen, aber feinen Flur geht es rechts ins Kinderzimmer von Janosch (8) und Romy (7), links ins Badezimmer und geradeaus in ein Berliner Zimmer. Im gemütlichen Wohn- und Essraum steht ein farblich stimmiges Frühstück auf dem Esstisch – schöner kann ein Arbeitstag echt nicht beginnen!

Hauptstadtmutti: Liebe Nadine, stell uns deine Familie doch mal kurz vor.

Nadine: Wir – Nadine, Hunor, Janosch und Romy – sind die Familie Schauschitz/Zins. Ich bin die einzige, die Zins heißt, Schauschitz wollte ich nicht heißen.

Romy: … und Janosch ist eine Nervensäge (grinst).

Hauptstadtmutti: Und wie alt seid ihr und was macht ihr so?

Romy: Ich bin sechs und mein Bruder ist acht. Äh, nein, ich bin sieben.

Nadine: Und ich bin 25 (lacht). Äh, nein, ich bin 37, und Hunor auch.

Hauptstadtmutti: Meine Kolleginnen von Hauptstadtmutti haben dich ja schon mal besucht, warum?

Nadine: Ich habe einen Friseursalon (ZINS – Organic Haircare) und ihr habt euch mal anguckt, was ich da als arbeitende Mutti so mache.

Hauptstadtmutti: Was macht den Salon so besonders? Gibt es etwas, was ihn auszeichnet?

Nadine: Der Salon ist in Neukölln. Wir verwenden Bio-Produkte von Less is more, das sind ausschließlich organische Shampoos. Und wir versuchen, sehr entspannt und stressfrei zu arbeiten. Es ist alles in allem eine kleine Oase.

Hauptstadtmutti:  Und was arbeitet dein Mann?

Nadine: Der ist beim Film. Er ist Tontechniker und hält eine Angel mit Mikrophon dran in die Luft. Dafür wohnt er in 5-Sterne-Hotels und umgibt sich mit interessanten Leuten (lacht).

Hauptstadtmutti: Dann mal zurück zu eurer schönen Wohnung, wo sind wir hier denn genau?

Romy: (wie aus der Pistole geschosssen) Karl-Marx-Straße!

Nadine: Neukölln, Alter!

Hauptstadtmutti: Bist du hier aufgewachsen?

Nadine: Nee, in Schöneberg.

Romy: … und in Australien.

Nadine: Nee, da waren wir nur im Urlaub, Schatz. Und Hunor ist in Steglitz aufgewachsen.

Hauptstadtmutti: Ihr seid also zwei richtige Berliner?

Nadine: Ja, mit Migrationshintergrund, integrierte Ausländer (lacht). Bei uns hat es funktioniert, bei unseren Eltern nicht so gut, die haben noch einen starken Akzent.

Hauptstadtmutti: Hat euch der Zufall nach Neukölln verschlagen? Oder gibt es einen bestimmten Grund?

Nadine: Damals, als unser erstes Kind unterwegs war, haben wir nach einer günstigen Wohnung gesucht, weil ein Freiberufler beim Film und eine Friseurin nicht soviel Kohle haben. Und da waren die Mieten in Neukölln noch sehr, sehr billig. Und dann waren auch die meisten Leute, das Umfeld, in Neukölln. Wie zum Beispiel Hunors Eltern. Was natürlich sehr praktisch ist, wenn man Kinder hat.

Hauptstadtmutti: Ihr habt hier wirklich eine schöne Wohnung gefunden, wie groß ist sie? Und hast du einen Lieblingsraum?

Nadine: Die Wohnung hat 106 qm und mein absoluter Lieblingsraum ist das Berliner Zimmer.

Romy: Darf ich mal kurz unterbrechen? Mein Bruder war ein bisschen dick – und ich war dünn.

Hauptstadtmutti: Wollt ihr hier wohnen bleiben? Oder habt ihr Zukunftspläne?

Nadine: Wir würden gerne einen Durchbruch machen, also praktisch aus den zwei Wohnungen hier auf der Etage wieder eine machen. Das war ja mal die klassiche Berliner L-Wohnung mit Dienstboteneingang. Die wurden  in den 1990-ern getrennt. Wir würden sie gerne wieder zusammen legen, damit wir mehr Platz haben und uns mehr entfalten können. Dann würden wir hier bleiben. Wenn das nicht klappt, müsste man dann doch mal umziehen, weil der Platz irgendwann zu knapp wird.

Hauptstadtmutti: Ihr seid hier in der Gegend aber sicher total verwurzelt, auch mit deinem Laden und der Schule.

Romy: Darf ich mal kurz unterbrechen? Wie lange dauert das denn noch?

Nadine: Da musst du bis 10.000 zählen.

Romy: Ohhh, ho, ho.

Nadine: Du lachst!

Hauptstadtmutti: Wie kommt ihr zu euren Möbeln in der Wohnung? Macht ihr als Paar das zusammen? Wer ist bei euch fürs Einrichten zuständig?

Nadine: Das bin schon ich. Wir hatten eigentlich fast nichts, außer dem Schreibtisch von Hunor, das Sofa und meine schwarze Bar, zu der es auch eine sehr lustige Geschichte gibt. Als erstes haben wir einen Tisch gekauft und dann den Teppich irgendwann. Es ist einfach so zusammengewürfelt. Wir hatten auch wenig Geld damals und dann hat man sich beim Trödler eine günstige Lampe geholt. Es ist nichts durchdacht. Es gibt kein Konzept.

Hauptstadtmutti: Ihr seid euch dann aber schon treu geblieben, für mich sieht alles sehr stimmig und passend aus.

Nadine: Es ist sehr wenig Mobiliar. Ich habe keine Lust auf viele Schränke und Kladerradatsch.

Hauptstadtmutti: Mistest du dann regelmäßig aus?

Nadine: Ja, zweimal im Jahr auf jeden Fall. Meistens sind das nur Klamotten oder Spielzeug und solche Dinge. Die werden dann verschenkt und unter die Leute gebracht. Und Möbel sammeln wir nicht an, weil wir einfach keine Möbel kaufen. Nur Lampen! Auf ebay Kleinanzeigen.

Hauptstadtmutti: Und das Kinderzimmer, mit der Hochetage? Haben sich die Kinder das so gewünscht?

Nadine: Ja, die Hochetage sieht charmant aus mit dem Geländer. Und der Raum ist ziemlich groß und die Decken sind ziemlich hoch. So einen Raum nutzt man ja nicht richtig aus nach oben hin. Und dann dachten wir halt, weil sich die Kinder ja auch ein Zimmer teilen, warum wir nicht von unserer Freundin Katja Aldinger so eine Hochebene einbauen lassen. Dann hat Janosch da oben so ein bisschen sein Reich und sie können sich so etwas aus dem Weg gehen. Romy klettert manchmal außen am Geländer und den Schrank hoch, aber eigentlich darf sie da nicht hoch.

Romy: JA!

Nadine: Und dann kommt sie von der anderen Seite. Von hinten durch die kalte Küche. Sie hat da so ihre Wege. Ja, und das Geländer ist aus einem alten Jugendstil-Treppenhaus. Das habe ich bei ebay Kleinanzeigen gefunden.

Hauptstadtmutti: Dein Lieblingseinrichtungskaufhaus heißt ebay Kleinanzeigen?

Nadine: Ja, gerne jeden Abend für mehrere Stunden. So habe ich auch den Laden eingerichtet. Das lief komplett über ebay Kleinanzeigen.

Hauptstadtmutti: Kleiner Themawechsel. Zwei Selbstständige und Eltern, wie macht ihr das? Einerseits gibt es deinen Laden, wo du für alles und immer verantwortlich bist, und beim Film gibt es auch gerne mal Überstunden und außergewöhnliche Arbeitszeiten.

Nadine: Ja. Ich habe ein Kindermädchen, die hilft. Und die Großeltern unterstützten uns am Wochenende. Wenn Hunor nicht da ist, hab ich sogar mal ein komplettes Wochenende für mich, wenn ich Samstag nicht arbeite. So zwei, drei Tage nur für mich. Das geht eigentlich ganz gut. Aber es gibt Phasen, in denen es wirklich schwierig ist. Also auch wirklich schlimm!

Hauptstadtmutti: Was machst du dann, wenn es schwierig wird und Fragen auftauchen? Wenn du an einem Punkt angekommen bist, an dem du nicht weiterkommst?

Nadine: Ich quatsche mit den Erziehern in der Schule, die erzählen einem dann auch ein bisschen was von den Kindern aus der Schule. Und dann heckt man gemeinsam Pläne aus. Und neulich haben wir eine Streitliste angefertigt, als wir die ganze Zeit nur noch gestritten haben und ich keine Lust mehr auf den Lärm hatte. Streit finde ich eigentlich überhaupt nicht schlimm, es kommt darauf an, wie man streitet. Also haben wir uns hingesetzt und gemeinsam diese Liste erstellt, jedes Kind hat vier Punkte aufgelistet. Was man beim Streiten darf und was nicht. Und das hat dann auch tatsächlich sehr gut geklappt.

Hauptstadtmutti: Und die hängt da zur Erinnerung?

Nadine: Ja, wir sammeln da Punkte und dann gehen wir gemeinsam ins Kino oder Eisessen. Es gibt also ein Belohnungssystem und ich finde das vollkommen in Ordnung. Die Kinder denken selber dran und erinnern mich auch, wenn ich mich mal nicht daran halte.

Hauptstadtmutti: Ihr erzieht euch gegenseitig?

Nadine: Ja, genau! Wenn ich fluche, brülle oder schimpfe.

Romy: Fluchen darf man nicht!

Nadine: .. dann erinnert ihr mich dran und am Ende gibt es eine Belohnung für alle.

Hauptstadtmutti: Das ist eine schöne Idee, Ich finde es sehr schön, wenn in der Familien miteinander gesprochen wird und man übt vernünftig zu streiten. Das ist eine tolle Idee.

Nadine: Rollentausch habe ich auch mal probiert.

Hauptstadtmutti: Was heißt das?

Nadine: Als ich einmal nicht mehr weiter wusste, hab ich mich einfach auf den Boden geschmissen, mit den Armen und Beinen gestrampelt und „Ich will nicht!“ gebrüllt. Dann standen die Kinder da und haben mich mit großen Augen angeguckt.

Hauptstadtmutti:  …und dir Schokolade angeboten?

Nadine: Nee, zunächst hatten sie eine wenig Angst, dann war es ihnen peinlich und dann fanden sie es witzig. Sie haben mich dann ins Bett gelegt und sich einfach um mich gekümmert. Ich habe mich total daneben benommen und die fanden das super anstrengend.

Hauptstadtmutti: Und das war auch heilsam?

Nadine: Ich hatte das Gefühl, das hat ein bisschen geholfen.

Hauptstadtmutti: Spannend. Auch ein Thema, wegen dem man gerne streitet, ist das Saubermachen. Macht ihr das gemeinsam? Helfen die Kinder mit? Oder kommt da jemand?

Nadine: Hatten wir tatsächlich, und das war auch eine Zeit ganz ok. Aber ich merke halt doch, dass ich anders Ordnung mache. Und wir waren auch viel schlampiger, als wir eine Putzfrau hatten. Weil wir einfach alles haben rumliegen lassen, so nach dem Motto „Die kommt ja morgen“. Das Kindermädchen unterstützt und auch, die schmeißt mal eine Maschine an, hängt die Wäsche auf oder macht den Abwasch. Das hilft total. Und den Rest machen wir, und das finde ich jetzt im Nachhinein doch besser. Ich habe jetzt schon alle möglichen Optionen probiert, und irgendwie klappt es auch so ganz gut. Mal ist es chaotisch und dann ist sieht es wieder aus wie im KDW. Sehr schwankend. Ich habe schon so eine Linie, nur im Kinderzimmer haben wir eben so viel Zeug. Da hat sich gerade wieder viel angesammelt, weil die Großeltern immer so viel schenken. Und eben die Wäsche, das ist manchmal wirklich verrückt. Wenn man da nicht hinterher ist, hat man schnell nichts mehr zum Anziehen.

Hauptstadtmutti: Und du scheust dich auch nicht davor, dir Hilfe zu holen, wenn du welche brauchst?

Nadine: Nö. überhaupt nicht. Warum auch?

Hauptstadtmutti: Na ja, es gibt viele, denen genau das schwerfällt. Die vielleicht auch den Anspruch haben, eine perfekte Hausfrau zu sein. Und alles einfach so zu managen.

Nadine: Ich habe über die Jahre gemerkt, dass man dafür weder ein Dankeschön noch Kohle bekommt, noch dass es irgendjemanden auffällt – außer du machst es nicht, dann fällt es komischerweise auf einmal auf. An dem Punkt habe ich mir dann eine Putzfrau geholt. An dem Tag, an dem sie das erste Mal da war, hat sie dann den Schlüssel bekommen und die Woche darauf sind wir in den Urlaub gefahren. Wir hatten die Bude hinterlassen, das war echt nicht schön. Und dann kamen wir wieder und es war alles total schick. Das war schon Luxus. Aber es war mir auch ein bisschen peinlich.

Hauptstadtmutti: Magst du noch die Geschichte zu deinem Lieblingsmöbel erzählen?

Nadine: Die Lampe hier habe ich für den Laden bauen lassen. Die hat nicht genug Licht abgeworfen, was mir zwar versprochen wurde, aber es war eine Fehlproduktion, eine zu teure. Dann hab ich sie jetzt mit in die Wohnung genommen und wir haben uns total darüber gefreut. Weil sie einfach perfekt zur Decke und dem Stuck passt, so Bauhaus, Art déco. Und die Bar, die habe ich in der Bergmannstraße gekauft. Da gab es früher noch ganz viele von diesen arabischen Trödelläden, die im Keller unten waren. Da stand sie auf der Straße, und es standen schon lauter Leute um sie herum und haben geboten. Ich wollte gerade Geld einzahlen gehen. Ich war damals total pleite. Das Geld, das ich bei mit hatte, war für meine Miete – aber davon habe ich dann die Bar gekauft. Ich habe mir aus Lust und Laune heraus einfach diese Bar gekauft. Ich musste sie einfach haben. Aus der Wohnung bin ich zum Glück nicht geflogen, ich konnte es noch rumreißen, das Ruder.

Hauptstadtmutti: Was ist für dich das Schönste am Elternsein? Und was das Nervigste?

Nadine: Dass man im Alltag immer wieder dasselbe, immer und immer wiederholen muss. Dass man sehr häufig am Tag dasselbe sagen muss, was dazu führt, dass die Kinder noch mehr abstumpfen und noch weniger hören. Am schönsten finde ich, dass es doch unerwartet cool ist mit Kindern. Das man viel Spaß hat und dass man immer wieder stolz auf sie ist. Die guten Sachen überwiegen auf jeden Fall!

Humor (setzt sich dazu): Das schönste am Elternsein? Die Kinder an sich.

Hauptstadtmutti: Danke für das tolle Interview, eure Zeit und das leckere Frühstück!

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