Hauptstadtmutti

Pénélope Bagieu: „Wut macht mich kreativ!“

Pénélope Bagieu erzählt in ihren Comics gerne und leichtfüßig von unbequemen und modernen Frauenfiguren, zuletzt in „California Dreamin'“über die Sängerin von The Mamas and the Papas. Ihr neues Buch „Unerschrocken“ ist eine Sammlung von 15 biografischen Kurzcomics, die außergewöhnliche Frauen vorstellen, die den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit trotzten, um das Leben ihrer Wahl zu führen.

Pénélope Bagieu, geboren 1982 in Frankreich, wurde berühmt durch ihren Comicblog “Ma vie est tout à fait fascinante“. Ihr erster Comic “Eine erlesene Leiche” (Carlsen Comics) wurde 2010 vom Internationalen Comicfestival Angoulême in die Auswahl für den “besten Newcomer” aufgenommen. Ihre Serie “Josephine” ist bereits in zahlreichen Sprachen erschienen und wurde 2012 verfilmt. Im Carlsen Verlag sind von Pénélope Bagieu des weiteren “Wie ein leeres Blatt” (mit Boulet) und “California Dreamin’” erschienen. Sie gehört weltweit zu den erfolgreichsten Frauen in der Comicbranche. Elina traf sie in Berlin.

Ihr könnte Pénélope auf Instagram folgen.

Hauptstadtmutti: Du bist gerade auf einer sehr intensiven, anstrengenden Lesereise. Gerade aus New York angeflogen, heute Berlin, dann Stuttgart, dann Frankfurt, dann Spanien, dann Paris. Wie packt man da?

Pénélope: Das Hauptproblem ist tatsächlich das Wetter, weil ich in drei verschiedenen Ländern sein werde. Zum Einen brauche ich natürlich etwas Schickes, was im Moment ja wirklich nicht der Fall ist, wie man sieht.

Hauptstadtmutti: Ich finde, dass du perfekt für Berlin angezogen bist. (Jeans und NYU Pulli.)

Pénélope: Alle haben mich gewarnt! Auch, dass das der kälteste Ort sein wird und Madrid der wärmste, argh! Aber ganz im Ernst: Ich bin Mary Poppins, wenn es ums Packen geht. Ich packe sehr wenig und perfekt. Meine Kofferpacken-Skills sind unglaublich.

Hauptstadtmutti: Dann los. Was ist das Geheimnis?

Pénélope: Klamotten nicht überschätzen. Kein Mensch braucht eine Million Schuhe. Wirklich gucken, wie viele Outfits man tatsächlich für wie viele verschiedene Gelegenheiten braucht. Und, ganz ehrlich: Ich kaufe auf Reisen gerne ein und deshalb muss ich einfach Platz im Koffer lassen.

Hauptstadtmutti: Du kommst aus Paris und lebst in New York. Für viele sind das absolute Traumstädte. Wo ist es schöner?

Pénélope: Ich brauche beide Städte.

Hauptstadtmutti: Kannst du unseren Leserinnen einen Lieblingsort in beiden Städten empfehlen?

Pénélope: Unbedingt Pause Café in Paris. Ich vermisse all die schönen Außenbereiche der Pariser Restaurants. Ich finde, dass es in New York nicht genug Plätze zum draußen Sitzen und Essen gibt. In Paris sitzen wir manchmal so nah an der Straße, dass die Autos ihre Abgase direkt auf unser Essen abladen. In New York empfehle ich das Beer&Burgers in Park Slope.

Hauptstadtmutti: Wieso bist du nach New York gezogen?

Pénélope: Ein Buch von mir wurde dort vor drei Jahren veröffentlicht und ich wollte eigentlich nur ein bisschen da sein, um das Buch zu promoten und dachte ich bleibe ein paar Monate und jetzt sind es drei Jahre. Aber ich möchte auf jeden Fall zurück nach Frankreich. Vielleicht nächstes Jahr. (lacht)

Hauptstadtmutti: Hast du schon einmal in Deutschland gelebt?

Pénélope: Ich war in einem deutschen Kindergarten! Ha! Soweit ich weiß ist das deutsche Bildungssystem für die ganz Kleinen das weltweit Beste und deshalb hatten meine Eltern den großen Traum, mich in einen deutschen Kindergarten zu stecken. Zu dem Zeitpunkt hatten sie, warum auch immer, Geld, und konnten es sich zwei Jahre lang leisten, mich in einen fancy Kindergarten zu schicken. Wir waren so klein aber wir durften kochen, backen und gingen ins Museum! Als ich auf eine französische Schule musste, war mir sehr schnell sehr langweilig. Und wir hatten so viele gut ausgebildete und kompetente Erzieherinnen! Der Betreuungsschlüssel war im Vergleich zu den französischen Kindergärten sehr hoch. Und das scheint wohl Standard in Deutschland zu sein?

Hauptstadtmutti: Puh. Ich weiß nicht. Vielleicht im Vergleich zu Frankreich. Aber ich glaube wir haben nicht genug Zeit, um darüber zu sprechen. Vielleicht lag es auch daran, dass es ein privater Kindergarten war? Sollen wir das Interview auf Deutsch führen?

Pénélope: Oh Gott nein. Aber du wirst lachen, nachdem ich im deutschen Kindergarten war, konnte ich kein Französisch mehr! Meine Eltern waren verzweifelt! Sie konnten ja beide kein Deutsch. Auch einer der Gründe, warum ich wieder auf eine reguläre französische Schule musste, und da haben sich die französischen Kinder über meinen deutschen Akzent lustig gemacht.

Hauptstadtmutti: Oh nein! Du armes deutsches Kind! Und jetzt ist endlich die deutsche Version deines Buches da! WHOOHOO! Isas Mann hat die französische Version schon länger und deshalb haben wir sehnsüchtig auf das Buch gewartet, denn wir sind alle große Fans. Wie hast du diese Frauen gefunden? Oder haben sie dich gefunden?

Pénélope: Ich habe sie gefunden indem ich sie nicht gesucht habe. Sie waren bereit, überall gesehen zu werden, aber niemand hat sie als Heldinnen betrachtet. Sehr oft waren sie die Hintergrundcharaktere in den Biographien von anderen Menschen. Ihre Ehemänner, ihre Chefs, etc. Die meisten von ihnen trage ich schon jahrelang mit mir herum, immer mit dem Gedanken, irgendwann ein einziges Buch über sie alle zu machen. Mit einer sehr kurzen Geschichte, die neugierig machen soll, mehr über diese Frauen erfahren zu wollen. Katia Krafft, die Geowissenschaftlerin, war der Anstoß für das Buch. Mit ihr begann alles. Die Geschichte wurde zunächst online veröffentlicht und sofort begannen Leserinnen, mir weitere Frauen vorzuschlagen. Doch die wenigsten haben meinen ‚Sind sie cool genug’- Test bestand.

Hauptstadtmutti: Wie funktioniert dieser Test?

Pénélope: Es muss eine kleine und eine große Geschichte zu der Person geben. Es gibt viele berühmte Frauen, die zum ersten Mal irgendetwas gemacht haben, aber ich konnte nicht genügend Elemente in ihrem Werdegang finden, mit denen ich mich identifizieren konnte. Ich brauchte eine persönliche Verbindung, muss ihnen nah sein. So schreibe ich. Ich möchte keine illustrierten Wikipedia Einträge produzieren, also muss es eine emotionale Verbindung geben, die mir hilft, zu interpretieren, wie die Frauen reagieren würden in jeder Situation. Selbst wenn ich völlig falsch liege, was ja sein kann, kann ich stolz darauf sein, meine Version gefunden zu haben.

Hauptstadtmutti: Das kann man spüren! Sie sind wirklich alle unfassbar besonders und bewegend.

Pénélope: Ja! Es muss einen HA! Moment geben. ‚Oh, wir haben die gleiche Mutter!’ oder ‚So etwas habe ich auch schon einmal auf der Arbeit durchgemacht.’ Vielleicht gibt es hunderte, tausende andere Frauen, die so unfassbar mutige Sachen gemacht haben, aber ich habe es nicht geschafft, eine Verbindung aufzubauen, sie waren wie Fremde für mich. Ich liebe diese Frauen wie meine Schwestern, Töchter, Freundinnen.

Hauptstadtmutti: Ist das Buch geeignet für Kinder? Oder ist es eher eine Inspiration für Erwachsene?

Pénélope: Kommt drauf an. Nicht alle Geschichten sind geeignet für Kinder, einfach weil den Frauen auch echt brutale Dinge passieren. Das müssen die Eltern sich vorher angucken, würde ich sagen. In den USA gibt es anstelle der 30 Originalfrauen nur 29, weil sie die Geschichte von Phoolain Devi gestrichen haben. Sie hatten ein Problem mit den Vergewaltigungen, die ihr als Kind angetan wurden. Ich habe versucht, nicht zu grafisch zu sein, aber ich konnte es nicht weglassen.

Manchmal kommen sehr junge Leserinnen zu meinen Lesungen und ich glaube, dass sie einfach noch nicht wissen, wie scheiße die Welt sein kann. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass Frauen früher nicht wählen gehen durften. Dieses Buch sagt ganz klar: Die Welt ist scheiße. Es ist alles ein bisschen weniger scheiße als früher, aber nicht wirklich viel. Es gibt Hoffnung, aber es ist trotzdem scheiße. Für Erwachsene ist es vielleicht mehr ein Buch voll von Mut, Tapferkeit und Hoffnung, weil sie wissen, dass die Welt scheiße ist, weil du es dir seit Jahrzehnten anguckst.

Hauptstadtmutti: Die Frauen in deinem Buch haben manchmal durch einen kleinen Stein eine große Revolution ins Rollen gebracht. Manchmal ging es einfach nur darum, bequemer schwimmen zu können, und schwupps, definiert man die Rechte der Frau neu, einfach nur, weil sie sich beim Schwimmen wohlfühlen wollte. Wenn wir einfach nur alle in unserem Alltag mehr für die kleinen Dinge kämpfen würden, dann wäre die Welt doch nicht mehr ganz so scheiße, oder?

Pénélope: Leider dürfen wir ja alle nicht das gleiche, weltweit gesehen. Aber es stimmt, kleine Dinge, können zu großen Konsequenzen führen. Und es geht in meinem Buch auch um das erste Mal. Diese Frauen haben alle auf ihre Art und Weise etwas zum ersten Mal geschafft. Einfach den Fuß in die Tür zu kriegen, damit es eine kleine Öffnung für alle anderen gibt, das ist der harte Teil! Für die, die danach kommen, wird es immer ein wenig einfacher sein.

Es hält uns zurück, wenn wir denken, ich sehe keine anderen Frauen, die das machen, warum sollte ich das machen. Eine 15-jährige Leserin hat mir erzählt, dass sie sehr gut in den MINT-Fächern ist und sich Universitäten angeguckt hat, und überall das gleiche Bild: Nur Kerle. Das ist demotivierend. Vorbilder sind wichtig, genau wie Repräsentation.

Irgendwer muss die Erste sein. Sei es, um in einem Badeanzug schwimmen zu können und ‚Fuck it’ zu sagen, egal ob man verhaftet wird.

Hauptstadtmutti: Welches ‚erste Mal’ muss noch gemacht werden?

Pénélope: Ihr in Deutschland habt es schon gemacht, aber wir in Frankreich hatten noch keine weibliche Präsidentin. Und wir sind noch nicht mal in der Nähe davon, dass das bald passieren wird. Die einzige Frau, die nah dran war, wollen wir nicht. Intelligenz, Stärke und ein gutes Herz ist wichtig. Man sollte keine Frau an der Spitze der Regierung haben, nur weil sie eine Frau ist, das ist natürlich Blödsinn.

Aber kleine Mädchen sollten auf ihre Liste der Berufswünsche auch Präsidentin stehen haben. Nicht nur Lehrerin, Tierärztin und Prinzessin. Es ist aber schwer von etwas zu träumen, was du nie gesehen hast.

Das ist der Unterschied zu den USA. Sie war so nah dran, und Millionen von kleinen Mädchen haben das gesehen. Das ist so wichtig!

Hauptstadtmutti: Hast du eine Lieblingsfrau in ‚Unerschrocken’?

Pénélope: Nein. Ich liebe sie alle. (denkt nach) Vielleicht Peggy Guggenheim. Die so sehr für die Kunst gekämpft hat. Und mit vielen Künstlern geschlafen hat. Sie hat gesagt: ‚Ich möchte einfach nur einen Vornamen haben.’ Sie hatte ein verrücktes, sehr Rock’n’Roll lastiges Leben.

Hauptstadtmutti: Was inspiriert dich in deinem Alltag?

Pénélope: Wenn es um das Zeichnen geht, oder um schöne Dinge, dann ist New York an sich einfach sehr inspirierend. Die Farben in Brooklyn lassen meine Vorstellungskraft vor Freude schreien! Ich habe aber auch ein Pinterest Board.

Wenn es aber ums Schreiben geht, brauche ich Wut. Ich werde schnell und oft wütend, vor allen Dingen, wenn es um Ungerechtigkeit geht.

Hauptstadtmutti: Ich liebe wütende Frauen!

Pénélope: Ich glaube, wenn ich nicht wütend wäre, könnte ich nicht arbeiten. Es ist traurig, aber je wütender ich bin, desto kreativer werde ich. Und im Moment gibt es genug, worüber man wütend sein kann. Aber das endet ja nie. Je älter man wird, desto wütender wird man und entwickelt auch eine Zerstörungswut. Früher war ich sehr leise, aber das ist vorbei. Ich bin jetzt vor allen Dingen dann laut, wenn Menschen mich nicht sprechen lassen, oder wenn sie ‚mansplainen’.

Hauptstadtmutti: Kennst du ‚hepeated’? Also ‚he repeated’? Wenn Männer wiederholen, was du gerade gesagt hast.

Pénélope: Das ist auch ein super Wort! Ich bemerke diese Dinge jetzt eher, mit 35, und will nicht, dass sie mir wieder passieren, also erhebe ich jetzt meine Stimme. Selbst wenn ich nicht das Opfer bin, versuche ich Frauen die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdienen. ‚Ich glaube, sie wollte etwas sagen, und war noch nicht fertig.’ Es ist wichtig, für andere einzustehen.

Ich habe mir Interviews vom Womens March angeguckt und jedes Mal, wenn das Thema spezifischer wurde, haben die Frauen das Mikro an ihre männlichen Kollegen weitergegeben. ‚Fragen Sie ihn, er kennt sich besser aus.’ Alle Frauen, die ich kenne, stressen sich, sobald sie das Gefühl haben, dass ihnen gut zugehört wird. Sie wollen nichts Falsches sagen! Ich bin genauso. Ich muss mir 100% sicher sein, dass ich weiß wovon ich rede, wenn ich eine Antwort gebe. Männer kennen dieses Gefühl nicht.

Hauptstadtmutti: Genau wie bei Bewerbungen.

Pénélope: Richtig! Frauen bewerben sich erst, wenn sie 100% der Anforderungen erfüllen, und Männer gehen davon aus, dass sie die fehlenden Qualifikationen schon noch lernen werden.

Hauptstadtmutti: Frauen werden nach Erfahrung und Männer nach Potential bewertet.

Pénélope: Traurig. Aber wahr. Es gibt so viel, was wir machen können. So viele kleine Dinge.

Hauptstadtmutti: Die zu großen Revolutionen führen können. Danke, Pénélope.

 

 

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