Reisen mit Kind: Per Anhalter durch Südamerika

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Meine Definition von Freiheit? Reisen! Mit Baby um die Welt? Unmöglich! Dachte ich. Denn als mein Sohn zur Welt kam, stand meine Welt plötzlich Kopf. Ich sollte Verantwortung übernehmen für ein kleines, neues Menschlein, ein Wesen, das in völliger Abhängigkeit meiner selbst existiert.

Plötzlich stand nicht mehr ich im Mittelpunkt meines Lebens. Als diese Erkenntnis mich zu erdrücken schien, beschloss ich, mich auf den Weg der Selbstwiederfindung zu begeben – mit dem größten kleinen Glück der Erde an meiner Seite.

Ich sei verantwortungslos, übermütig und völlig durchgedreht, hieß es. Allgemeines Entsetzen setzte ein, als ich mich entschloss, für drei Monate nach Südamerika zu fliegen. Trotzdem stieg ich mit meinem eineinhalb jährigen Sohn und einer Freundin ins Flugzeug. Geplant und gebucht waren lediglich die ersten vier Nächte in einem Hostel in Belo Horizonte und der Rückflug von Buenos Aires aus, drei Monate später.

Schon nach dem ersten, nur einstündigen Flug hatte mich der Kleine mit ununterbrochenem Gebrüll an meine Grenzen gebracht. Ich hatte noch 27 Stunden Reise vor mir und war bereits mit den Nerven am Ende – was hatte ich mir nur dabei gedacht?! Wir brauchten die ersten zwei Wochen, um uns an das neue, vorübergehende Leben zu gewöhnen. Dann hatten wir unseren Rhythmus gefunden. Mein Sohn verschlief nächtelange Busfahrten, meine Freundin war Wickel- und Kinderwagenprofi geworden und wir fingen an, die Sonne und das Meer in vollen Zügen zu genießen.

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Als wir nach dem ersten Monat Brasilien verließen und Uruguay betraten, hatten wir genug Erfahrungen gesammelt und Vertrauen gefasst, um uns nur noch per Anhalter zu bewegen. Und so gingen wir kilometerweit an Autobahnen entlang, bewaffnet mit unseren Rucksäcken, einem Tragetuch plus einem Kinderwagen, der zum Reisebett geworden war, und hielten den Daumen raus. Und es funktionierte wunderbar! So durchquerten wir ganz Uruguay mit einer sich verfestigenden Liste an Dingen im Kopf, die nie fehlen durften. Absolute Priorität hatten geregelte Mahlzeiten, denn wie jeder weiß, sind hungrige Kleinkinder der Nerventod einer jeden Mutter. Sonnencreme, Hütchen, Wasser. Windeln waren überflüssig geworden, denn der Kleine hatte in seiner allgegenwärtigen Nacktheit bei Temperaturen über 35°C sehr schnell gelernt, seine Bedürfnisse kundzutun.

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Und trotz der Tatsache, dass Schlafenszeiten eingehalten wurden und vor Einbruch der Dunkelheit unser Lager aufgeschlagen sein musste, um über einem Lagerfeuer Grießbrei zu kochen, waren wir ungebunden und frei. An keinem Morgen wussten wir, wo wir am Abend zu Bett gehen würden.

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Nirgends war mein Sohn das einzige Kind. Nicht am Strand, auf dem Campingplatz oder der Party im Freien am Abend. Wo wir waren, war er auch – wie hätte es anders sein können. Aber statt uns einzuschränken, bereicherte er unseren Reisealltag ungemein. Nicht nur eine Bekanntschaft hatten wir ihm zu verdanken, der immer strahlend durch die Gegend tapste und von allen Seiten mit Liebe überschüttet wurde. Alle Menschen empfingen uns herzlich und zuvorkommend, der Kleine war immer und überall gerne gesehen.

Unsere Kinder sind glücklich, wenn wir es sind! Ich habe einiges gelernt bei diesem Ausbruch aus festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen. Kinder sind extrem anpassungsfähig, sie gewöhnen sich wahnsinnig schnell an neue Rahmenbedingungen und es ist weder wichtig, wie viele teuere Spielsachen oder Kleider sie besitzen, noch wie viele Stunden man ihnen zuliebe auf überfüllten Spielplätzen verbringt. Wenn man ihnen ein Lachen schenken kann, das von Herzen kommt, genügt das völlig.

Dafür darf man als Mutter sich selbst nicht aus den Augen verlieren. Es ist alles machbar und möglich, auch mit Kind! Also lasst euch nicht unterkriegen. Hört auf innere Bedürfnisse und gebt nicht allzu viel auf Meinungen und Ratschläge derer, die meinen, euch und euer Kind besser zu kennen als ihr selbst. Genießt das Leben, denn daran können diese kleinen Wunder am meisten wachsen.

Unsere Gastautorin Liv (21) lebt mit Sohn Cem (1,5) in Freiburg und studiert Modedesign. Von Cems Vater lebt sie getrennt, sie unterstützen sich jedoch gegenseitig bei der Verwirklichung ihrer jeweiligen Ziele und Wünsche. Irgendwann möchte Liv im Bereich Kostümbild am Theater arbeiten, aber erstmal plant sie weitere Reisen.

Fotos & Text: Liv Krusche

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