Hauptstadtmutti

Frauen Lesen: Tolle Bücher von tollen Autorinnen

Ich stelle mir jetzt einfach mal vor, ihr seid meine Freundin und ihr fragt mich, was ihr als nächstes lesen solltet oder ob ich was empfehlen kann, das klingt weniger herrisch. Das kommt tatsächlich richtig oft vor. Ich empfehle eigentlich immer nur Frauen, da in den Zeitungen, Talkshows und Magazin fast nur Männer empfohlen werden, und irgendwer muss ja die Fahne hochhalten. Warum also nicht ich.

Wenn ihr mich nun also als gute Freundin fragt, was man zur Zeit so lesen sollte, werde ich sofort anfangen laut und hysterisch zu schreien, dass ihr UNBEDINGT das Buch lesen solltet, was mich als letztes richtig glücklich gemacht hat.

Es hat ein paar Jahre gedauert, aber ich habe gelernt, Bücher wegzulegen. Wenn es mich bei Seite 50 nicht gepackt hat, kommt das Buch weg. Und das ist das Maximum. Es ist auch schon passiert, dass ich nach der ersten Seite wusste, dass das mit uns nichts mehr wird. Wie ein richtig schlechtes Date.

Hier also mein Rückblick auf die Bücher, die ich in letzter Zeit mit viel Freude und Genuss durchgelesen habe.

Mareice Kaiser ‚Alles inklusive‘

Das Buch ist fantastisch und fesselt ab der ersten Seite. Bestimmt wurde schon viel über dieses Buch geschrieben, und bestimmt wurden dabei die Worte stark, kämpfen, beeindruckend und bewundernswert benutzt. Das stimmt auch alles. Mareice Kaiser ist die Frau und Mutter hinter dem Blog Kaiserinnenreich, in dem ihr Leben mit ihrer schwer behinderten Tochter thematisiert wird. Das Buch lehrt auch. Wenn man im Alltag absolut nichts mit pflegebedürftigen Menschen zu tun hat, dann weiß man einfach so wenig darüber. Wie abgefucked das System ist, wie Krankenkassen funktionieren, dass man Widerspruch einreichen kann, wie man eigentlich einen Kita Platz bekommt, wenn das Kind behindert ist. Und wie man einfach Hilfe bekommt. In Form von Pflegekräften oder finanzieller Unterstützung. Ich würde die Worte warm, liebevoll und lustig zu der Liste hinzufügen wollen. Denn es ist auch ein Buch, dass das Leben feiert.

Mareices wichtiger Blog heißt Kaiserinnenreich. Das Buch kannst du HIER kaufen.

 

Joan Didion ‚A Book of Common Prayer‘

(Wie die Vögel unter dem Himmel, dt. von Matthias Büttner)

Joan Didion ist eine Göttin. Easy Peasy. Auf Netflix kann man ja auch immer noch die Doku „Joan Didion: Die Mitte wird nicht halten“ gucken, die ich noch nicht oft genug gesehen habe. Ich dachte, ich hatte alles von ihr gelesen, und dann finde ich in meinem Kinderbuchregal eine zerfledderte Version vom Common Prayer. Ich dachte mir so, kann ich das noch? Didion lesen, trotz Kind und Arbeit und immer was zu tun? Ich brauch doch was, was schnell geht, was sofort greift und von alleine läuft. Didion ist doch auch Denken, dacht ich mir. Nichts da. Frauen. Ganz böse, schlimme, komplizierte, unsympathische, schwierige Frauen. Die Scheiße bauen und keinen Sinn machen, in ihrem erfundenen lateinamerikanischen Land, kurz vor der Revolution und nach dem persönlich Super Gau.

Das Buch in deutscher Fassung erhältst du HIER.

 

Elena Lappin ‚In welcher Sprache träume ich?‘

Das ist ein richtig, richtig feines Buch. Nicht unbedingt eins, das ich an einem Abend durchlese, aber für den Urlaub empfehle ich das. Klug ist es und schön erzählt. Für alle meine Homies da draußen, die gefragt werden, wo sie denn wirklich herkommen, warum ihr Deutsch so gut ist, wo ihre echte Heimat ist, oder die einfach bi- oder trilingual aufgewachsen sind, ihr findet euch in diesem Buch. Das Leben von Elena Lappin ist spannend, und so oft wie diese Frau ihren Wohnort wechselt, und in Kulturen und Sprachen eintaucht, ist beeindruckend.

Ich musste irgendwann mal feststellen, dass Bücher von Frauen in meinem Alter, die über ein ähnliches Leben wie das meine schreiben, mir nicht wirklich helfen. Lappin ist 1954 geboren. Damit ist sie sogar noch ordentlich älter als meine Eltern. Was sie auch ist: Mutter, aber mit großen Kindern. Kennt ihr das, wenn ihr manchmal aus eurer Bubble rauskommt und mit Müttern sprecht, die nicht gerade Baby oder Kleinkind Issues haben? Perspective, ladies. Wenn man seine Perspektive ab und an etwas dreht, dann hilft das. Ich will also sagen: Das Buch hat mir mit meiner Perspektive geholfen.

 

Wenn ich meine Eltern besuchte, oder sie mich, sprachen sie mit dem Baby tschechisch (mit russischem Akzent), mit mir jedoch russisch, so dass es für die Sprache, mit der ich meinen ersten Sohn auf natürliche Weise bekannt machte, kein physisches Heim gab.

Aber es war natürlich. Instinktiv war die Sprache meiner Kindheit die erste und einzige, in der ich mit meinem Baby reden konnte: eine tschechische Oase mit dem neuesten Wesen, das meinem Herzen am nächsten war. […] Manchmal hatte ich das Gefühl, als erteile die Mutterschaft mir die Erlaubnis, zurück in die Vergangenheit zu reisen.

Memoiren, die perfekt nach der Reihe alles auflisten und erzählen, langweilen mich. Egal, wie es klingt: Man ist so im Jetzt gefangen, mit diesem ewigen Hustle alles zu schaffen, gesund zu essen, frisch zu kochen, sich swagger mäßig zu stylen, keinen Platten im Rad zu haben, das Auto zu tanken, die Rechnungen zu zahlen und zum Zahnarzt zu gehen, das man vergisst, dass das alles auch bald wieder vorbei ist. Dann sind alle Kinder in der Schule, oder aus dem Haus und dann sitzt man da und kann mal wieder in Ruhe denken.

Für Emigranten besteht der Unterschied darin, dass die verlorene Kindheit noch ein Stück verlorener ist, dass sie nicht nur eine Erinnerung, sondern eine Wunde ist, denn wie glücklich sie auch gewesen sein mag, sie repräsentiert – wie ich es in meiner Erzählung formulierte – eine Art Sterben.

Ihr könnt Elena Lappin unter @sharpcorners auf Instagram folgen. Ich mag ja Accounts, wo Menschen tatsächlich Einblicke in ihren unperfekten Alltag gewähren, und nicht nur Deko und Kaschmir in grau-beige-rosé anrichten. Das Buch bekommt ihr HIER.

Emilia Smechowski ‚Wir Strebermigranten‘

Ich wurde etwas wütend, als ich anfing, Strebermigranten zu lesen. Ich bin Aussiedlerin. Mennonitin dazu. Ich gehöre zu der kleinen Minderheit an, die das Vertriebenengesetz tatsächlich brauchte. Ich habe Urgroßväter nicht kennenlernt, weil sie wegen ihres christlichen Glaubens und deutschen Nachnamens erschossen wurden. Ich habe Verwandte, die nicht studieren konnten, aus ähnlichem Gründen. Soviel dazu. Jedenfalls habe ich weitergelesen und auch verstanden, und gelernt. Darum geht es ja bekanntlich auch beim Lesen: Was lernen, oder?

Was in dem Buch fantastisch beschrieben wird, ist der Druck den wir Strebermigranten uns selbst machen. Isso. Der Druck ist echt. Jede Geschichte, die Leuten wie uns aufgeschrieben wird, ist wichtig. Selbst wenn sie nur von Leuten wie uns gelesen wird. Mir helfen sie alle. Also danke dafür.

Das Buch könnt ihr HIER kaufen.

 

 

Doree Shafrir ‚Startup‘

Ich gebe zu, es wurde an zwei Tagen durchgelesen. (Ich gebe ferner zu, dass einige Zugfahrten involviert waren.) Ich könnte, wenn ich dürfte, den Rest meines Lebens nur noch amerikanische Romane mit mindestens vier Handlungssträngen zehn Hauptcharakteren lesen. So ist das bei Startup. Ich frage mich, wie man das liest, wenn man noch in keinem Startup gearbeitet hat. Mir waren viele der Begriffe und ich sag mal, kulturellen Gewohnheiten, bekannt, aber das macht es auch nur noch witziger. Ein paar klassische Seitenhiebe auf die always happy Smoothie Generation, aber auch sehr starke Portraits. Das Ende kackte ein wenig gegen die Geschichte ab, aber das hat es nicht weniger unterhaltsam gemacht.

But also, in what world was it possible for a person to have a company that totally failed and then, literally weeks later, get someone to contemplate giving him money for a new thing? People thought this was normal. It was’t normal.

She couldn’t remember, in her previous jobs, there being such an obsession with happiness. But now, in front of her twenty-eight-year-old boss, she realized that he had only known a world in which his own happiness was of prime importance. ‚I love it here.‘

Wem das nicht reicht: Ein paar ordentliche Sex Szenen sind auch drin.

Der Autorin auf Instagram folgen: @doree oder das Buch kaufen: HIER.

Astrid Sozio ‚Das einzige Paradies‘

Zwei Tage sind übrigens ein Witz gegen dreieinhalb Stunden. Solange dauert ein Flug nach Portugal und solange braucht man, um dieses Buch zu lesen. Ich war völlig erschöpft, todmüde und wollte nur pennen, aber dieses verflixte Buch hat mich nicht gelassen. Noch ein Kapitel, noch eins, willkommen in Lissabon. Und guuuuuuut, dass ich die Diskussion um das Buch erst im Nachhinein verfolgen konnte. Oder musste. Würd ich euch auch raten. Ich olle Westfälin habe ja ein Herz für kaputte Pott Geschichten, auch wenn ich selbst nicht aus dem Ruhrgebiet stamme. Jedenfalls war ich vollkommen fasziniert von der Geschichte der alten Hotelbesitzerin, dem Verfall ihres Körpers, dem Haus, dem Dreck, der Kälte und ihrem hilflosen Hass gegenüber allen, die anders sind.

Früher wars die Hütte. Das Hochofenfeuer hat die ganze Nacht lang die Stadt beleuchtet. Als es dann aus war, wurd es trotzdem nicht dunkel, weil sie das nutzlose Ding mit bunten Lichtern anstrahlten, als wärs der Eiffelturm. Erholungspark nennen sie das. Für mich wärs erholsamer gewesen, wenn die Nacht mal wieder schwarz geworden wär und ich mehr als ein Schnapsglas Schlaf bekommen hätte. Ich hatte jeden Tag vierzehn Zimmer zu machen, es konnte schließlich jederzeit jemand kommen, und das merkt man einem Zimmer an, wenns nicht jeden Tag gemacht wird.

Ich hab nie viel von irgendwas gebraucht. Mit einer Tasse Kaffee kam ich bis zum Abend aus, bisschen Zucker drin oder ein Schluck Eierlikör, das reichte. Meine Mutter und ich haben ganze Winter mit einem einzigen Sack Kartoffeln überlebt. Eine Kartoffel am Tag und wenns wärmer wurde ein Klacks Löwenzahngemüse dazu.

Das Buch erhältst du HIER.

Jennifer Weiner ‚Hungry Heart‘

In einer ganz, ganz, ganz harten Phase diesen Sommer habe ich Jennifer Weiners Essay Sammlung über ihr Leben gelesen und ihre Höhen und Tiefen und Erlebnisse und wie sie sich ihren Weg zum Schreiben erkämpft hat. Das Kapitel über ihre Fehlgeburt, oder die Scheidung. Puh. Sehr bewegend. Weiner ist witzig, klug, unterhaltsam und man denkt nach jeder Seite, dass das Leben eigentlich ganz geil ist, ohne dass ihr Buch Self-Help schreit. Lesen muss auch Spaß machen. Die Autorin hat damals ihren Durchbruch geschafft, als sie ihren Debutroman ‚Good in Bed’ veröffentlichte. Da geht es um eine übergewichtige junge Frau und ihr Leben und ihre Liebschaften, aber nicht darum, dass sie abnehmen will, oder sollte, um Liebe zu finden.

Jennifer Weiner ist auch auf Instagram: @jenniferweinerwrites Das Buch gibt es HIER.

Mareike Opitz ‚Ene, mene, Miste, Mutti schreibt ’ne Liste‘

An dieser Stelle sage ich mit geballtem Selbstbewusstsein: Bestellt einfach zehn Stück und verschenkt sie bei jeder Gelegenheit. Auch zur Geburt. Kann immer wieder reinlesen. (Und ohne die Autorin beleidigen zu wollen: saugeiles Klobuch. Ihr wisst schon, das eine Mal im Jahr wo Mutti mal alleine aufs Klo kann.). Und, kleine Überraschung: Es ist auch eine Hauptstadtmutti-Liste dabei.

Das Buch gibt’s HIER.

Was ich jetzt lese:

Julia Korbik ‚Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten‘

Ich habe gerade erst angefangen, aber ich möchte weiterlesen!

Und wie ich der Einleitung entnehmen konnte, bin ich zu 100% die Zielgruppe: Junge feministische Frauen, die Simone de Beauvoir irgendwie cool finden oder bewundern, aber, uhm, noch nie etwas von ihr gelesen haben. Blöd.

Gut, dass es Julia Korbik gibt, und gut, dass sie dieses Buch geschrieben hat. Außerdem, wer 1988 im Ruhrgebiet geboren ist, muss ja eine coole Socke sein. Die Autorin, nicht die Simone. Soviel hab ich schon gelernt.

Das Buch kann man auf kaufen, nämlich HIER.

Was Isa sagt, was ich noch lesen soll:

Olga Grjasnowa ‚Gott ist nicht schüchtern‘

 

Jedesmal, wenn wir uns über Literatur unterhalten, erwähnt Isa dieses Buch. Und jedes Mal sag ich ihr, jaja, ich les es noch. versprochen. Olga habe ich vor ein paar Jahren kennengelernt. Ihr Buch ‚Der Russe ist einer der die Birken liebt‘ hat mich nachhaltig geprägt. Das Stück habe ich einige Male im Gorki angeguckt, auch mit ihr. Ich bin mir sicher, dass auch dieses Buch so fantastisch ist, wie die zwei Vorgänger. Und ich werde es lesen. Versprochen, Isa und Olga.

Hammoudi ist gerne in Syrien, doch stets unter Vorbehalt: Sein ganzes Leben lang wurde ihm eingetrichtert, dass es hier keine Zukunft gebe und er spätestens nach dem Studium nach Kanada, Australien oder Europa auswandern sollte. Das Leben, das er in Syrien gelebt hatte, hat diese Vorbehalte bestätigt.

Und HIER ist das Buch erhältlich.

 

An anderer Stelle verbloggt aber auch coole Frauen mit coolen Büchern:

Anna Basener ‚Als Omma den Huren noch Taubensuppe kochte‘

Diana Kinnert ‚Für die Zukunft seh‘ ich schwarz‘

 

Titelfoto: Giulia Bertelli auf Unsplash. Alle anderen Fotos: PR. Bei all diesen Links handelt es sich um Affiliate Links. Sofern ihr über diese Links etwas bestellt, erhalten wir eine Provision. Ihr könnt euch die Produkte natürlich auch gerne woanders kaufen. Die Links sind lediglich Vorschläge. 

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  • Katrin Westphal

    Echt Tolle Bücher.danke für den kleinen Einblick:)

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