Hauptstadtmutti

Was ist eigentlich Concern Trolling, Melodie Michelberger?

Verliebt habe ich mich in Melodie Michelberger, als ich immer und immer wieder ihre farbenfrohen Outfits auf Instagram bewundert habe. Für mich war sie vor allen Dingen immer eins: unfassbar cool. Ihr Buch ‚Body Politics‘ ist am 26. Januar diesen Jahres bei Rowohlt erschienen und wir dürfen euch ein Kapitel lesen lassen! Haltet außerdem wie immer Augen und Ohren auf, wir verlosen nämlich 5 Exemplare auf unserem Hauptstadtmutti-Instagram-Account!

Melodie Michelberger hat jahrelang als Redakteurin für Gala und Brigitte und als PR-Expertin für verschiedene Modelabels gearbeitet. Sie engagiert sich auf vielfältige Weise gegen Ungerechtigkeit und für Vielfalt und lebt mit ihrem Sohn in Hamburg.

Ich habe euch in den Februar-Lieblingen bereits davon erzählt, dass ‚Body Politics‘ von Melodie Michelberger ein Buch ist, das ich nicht weglegen kann. Ich lerne beim Lesen dazu, ertappe mich aber auch bei meinen eigenen Vorurteilen und vor allen Dingen: ich erweitere mein Vokabular um Begriffe wie Fettphobie, dick_fett gelesen, und auch Concern Trolling. Manches davon erklärt die Autorin in dem Kapitel, das wir an dieser Stelle veröffentlichen dürfen. Viel Vergnügen beim Lesen des folgenden Auszugs aus ‚Body Politics‘:

Was heißt eigentlich Gesundheit?

Wenn Interviews oder Videobeiträge mit mir online gehen, dauert es in der Regel keine zehn Minuten, bis die ersten Kommentare kommen, die betonen, was für eine krasse Gefahr «Übergewicht» sein soll: «Dicke Leute diskriminieren geht mal gar nicht. Die Gefahren von Übergewicht verharmlosen geht genauso nicht.» So oder so ähnlich sagen sie mir: Akzeptanz schön und gut, aber was ist mit der Gesundheit!!!!

Ich saß in der Küche einer guten Freundin, sie räumte irgendetwas auf, und ich erzählte, wie sehr es mich nervte, andauernd irgendwelchen mir unbekannten Menschen Rede und Antwort zu meiner Gesundheit stehen zu müssen. Allein dass ich meinen Körper zeige und darüber spreche, dass ich mich wohlfühle, reicht aus, um mich als Verfechterin von «schlechtem Lebenswandel» zu verunglimpfen. Jedes Mal. Sie blickte mich herausfordernd an und sagte: «Also, jeder Mensch soll natürlich so leben, wie er will. Ich will dir wirklich nicht reinreden, das weißt du. Ich finde total toll, was du machst. Wichtig, auch. Aber eins musst du zugeben: Bauchspeck ist einfach ungesund!» Ich war baff. Und sie redete sich in Rage: «Der Mediziner auf dieser einen Veranstaltung sagte das auch, so und so viel Zentimeter Bauchspeck erhöhen die Gefahr von Herz-Kreislauf-Dingens.» Sie regte sich mittlerweile richtig auf, wollte mir unbedingt erklären, dass ich irgendwie okay bin, aber eigentlich echt ungesund. Dabei hatte ich gar nichts über meinen gesundheitlichen Zustand gesagt, lediglich mich darüber aufgeregt, dass mir alle unterstellen, Fürsprecherin für «schädliches Übergewicht» zu sein. Dass sie so reagierte – das saß. Diese pseudobesorgten Worte kamen nicht von irgendeiner Person mit dem Profilnamen «Half potatoe half unicorn», sondern von einer Frau, die mir nahestand. Die meine Geschichte fast vollständig kannte. So vermittelte sie mir, dass mein Bauchspeck ein Übel ist, ein Laster, mit dem ich mich aktiv in Gefahr brachte. Und wenn sie mir klarmachen könnte, was für ein unnötiger Ballast er ist, dann würde ich mich sicher genügend anstrengen, ihn loszuwerden?

Wenn man als dick_fett gelesen wird, bekommt man am laufenden Band und ungefragt Gesundheitstipps, neudeutsch nennt sich das Concern Trolling. Als sei es schließlich wichtig, dick_ fette Menschen wissen zu lassen, in welcher Gefahr sie sich angeblich akut befinden. Obwohl uns ständig Schlagzeilen wie «So gefährlich ist Bauchfett» oder «Übergewicht: So gefährlich leben Dicke» oder «Übergewicht schadet dem Gehirn» umgeben, scheinen die meisten davon auszugehen, dass ich von diesem vermeintlichen Risiko noch nie gehört habe. Deswegen ist es ihnen wahrscheinlich so wichtig, mich umgehend aufzuklären. Vielleicht gehen sie wegen meines Äußeren davon aus, dass es mich nicht interessiert. Fett = faul, und so weiter. Oder aus ihnen spricht die große Angst, selber dick_fett zu werden, was in ihren Augen eben krank ist.

In der Diätkultur gilt der fettphobische Mythos, dass in jedem Menschen ein dünner Mensch steckt. Dass die Ursprungsform, die natürliche Figur jeder Person, immer die schlanke ist, weswegen die dicke zwangsläufig eine Absonderlichkeit sein muss. Ein Zeichen dafür, dass etwas falschgelaufen ist. Das ist natürlich nicht fundiert, Körper gibt es in zig verschiedenen Varianten, manche sind länger und andere kürzer, manche sind schmaler und andere breiter, manche sind leichter und andere schwerer. Wenn man bedenkt, wie sehr sich unsere Körper im Laufe unseres Lebens ändern, ist es schwierig zu behaupten, es gäbe die eine, natürliche, schlanke Form für jeden. Alles, was erreicht wird, ist, dass wir uns schlechter fühlen.

Bei dick_fett gelesenen Menschen gehen viele davon aus, dass man den gesundheitlichen Zustand am Äußeren erkennen kann. BodyMary sagt es gut in ihrem Interview weiter hinten im Buch: «Adipositas ist eine Blickdiagnose.»

Vor wenigen Jahren saß ich bei meiner Hausärztin, einer dünnen Frau mit strengem Pferdeschwanz und pastellfarbenem Polo-T-Shirt. Wir kannten uns noch nicht gut, sie hatte erst vor kurzem die Praxis übernommen. Beim Check meiner Blutwerte erwartete ich keine Überraschung, außer vielleicht einen zu niedrigen Eisenwert, schließlich ernährte ich mich schon sehr lange vegetarisch. Sie erklärte mir, dass alles grundsätzlich in Ordnung sei, lediglich mein Cholesterinwert wäre leicht erhöht. Dann tippte sie irgendwas auf ihrer Tastatur, und ehe ich sagen konnte, dass das für mich nichts Ungewöhnliches sei, verkündete sie mit gekräuselter Stirn «Na ja, kein Wunder, Ihr BMI liegt bei 32 – Sie haben also starkes Übergewicht. Ein paar Kilo weniger würden Ihnen nicht schaden.» Ich hatte von solchen stigmatisierenden Situationen bisher nur von anderen Fettaktivist:innen gehört. Nun erwischte es mich. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder sie anschreien sollte. Hätte sie in meine Krankenakte geschaut, wüsste sie, dass ich bereits seit Anfang 20 einen hohen Cholesterinwert habe, weil das bei mir genetisch bedingt ist. Sie hätte gewusst, dass ich früher an Essstörungen litt und gerade erst einen Burnout überstanden hatte. Das interessierte sie jedoch nicht so sehr wie die Zahlen in der BMI-Tabelle. In dem Moment spürte ich das ganze Gewicht dieser vermeintlichen Diagnose. Sie war meiner Ärztin wichtiger, als die Tatsache, dass meine Blutwerte gut waren und mein mentaler Zustand wieder stabiler war.

Die Beharrlichkeit, mit der der Body-Mass-Index (BMI) von Mediziner:innen fast exklusiv bei der Beurteilung der Gesundheit zu Rate gezogen wird, ist erstaunlich. Da er sich ausschließlich auf das Verhältnis von Körpergewicht und Körpergröße bezieht, vernachlässigt er weitere Faktoren wie Geschlecht, genetische Disposition, Alter, Muskel- oder Fettanteil, die eigentlich unerlässlich sind. Als dem belgischen Mathematiker Adolphe Quetelet 1832 die Formel einfiel, die heute die Grundlage des BMI bildet, ging es ihm gar nicht um die Bewertung von Gewicht. Er, wie so viele seiner Zeitgenoss:innen, wurde von der Idee getrieben, eine mathematische Formel für das, was er für die Norm hielt, zu finden. Es ging um die Standardproportionen, den «Durchschnittsmenschen». Erst in den 1970er Jahren wurde der BMI in den USA zum Werkzeug, um vermeintliches Über- und Untergewicht festzustellen. Es ist ein technischer, kostengünstiger Faktor, der uns den Eindruck gibt, es gäbe eine Ordnung, nach der Körper zu funktionieren hätten. Deutlich wird das 1998, als die Weltgesundheitsorganisation die Grenze für einen «normalen» BMI auf 25 heruntergesetzt hat, weil man annahm, eine runde Zahl sei einfacher zu merken. Diese Änderung führte dazu, dass von einem Tag auf den anderen doppelt so viel US-Amerikaner als «adipös» galten und zu «Problemfällen» wurden.

Der vermaledeite BMI ist außerdem einer der Gründe, warum sich jeder für befugt hält, den gesundheitlichen Zustand von dick_fett gelesenen Menschen zu beurteilen. Dabei setzen diese Amateur-Mediziner:innen grundsätzlich und ohne Nachfrage Schlanksein mit Gesundsein gleich. Ein dick_fetter Mensch muss erst einmal nachweisen, ob und inwiefern er ihren Kriterien für Gesundheit entspricht.

Wieso ist das überhaupt so wichtig? Als ich magersüchtig war, interessierte nie jemanden meine Lebenserwartung. Ich musste nie nachweisen, wie viel Sport ich machen kann. Die Gesundheit meines abgemagerten Körpers wurde nie in Frage gestellt. Bei Rauchenden oder Alkoholtrinkenden fragt niemand, welche Belastung unseres Gesundheitssystems das darstellt. Wir kommen auch nicht auf die Idee, Autobahnraser:innen zu erinnern, welche Kosten potenzielle Unfälle nach sich ziehen.

Für dick_fette Menschen ist gesund zu sein dagegen eine moralische Pflicht, die wir der Gesellschaft schuldig sind. Ständig werden wir darauf aufmerksam gemacht, wie sehr unsere Körper die Gesundheitskassen des Landes belasten (werden). In dieser Denke stellen wir keinen Mehrwert dar. Wir sind eine finanzielle, soziale und ästhetische Last. Werden diese Menschen deswegen so wütend über meine Dreistigkeit, nicht dünn zu sein? Haben sie Angst, für mich aufkommen zu müssen, für meine «Ausschweifungen» zahlen zu müssen? Sie agieren, als würde mein Bauchspeck ihnen persönlich etwas wegnehmen. So werden dick_fette Menschen zur Gefahr für alle stilisiert, gegen die sie sich wehren müssen.

Kein Wunder, dass die Bilder zu Berichten, die vor den steigenden «Adipositas-Zahlen warnen», häufig dick_fette Menschen ohne Kopf zeigen. «Headless Fatty» nennt Dr. Charlotte Cooper dieses Phänomen, bei dem nur der üppige Bauch oder speckige Rücken in möglichst vielen Falten und Wülsten gezeigt wird. Einen Kopf, eine Persönlichkeit, eine Individualität haben diese dick_fetten Menschen nicht, sie sind Objekte, vor denen sich die anderen in Acht nehmen sollen.

Sie schreien mich an: «Ungezügelte, fette Drecksau, für die wir bezahlen müssen! Du bist doch einfach nur zu faul abzunehmen! So ein Körper ist doch nur ein Anhaltspunkt für fehlende Disziplin und Faulheit.» Sie geben vor, sich um meine Gesundheit zu sorgen, dabei geht es ihnen darum, ihre Fettphobie rauszulassen. Diese falsche Besorgnis ist für dick_fette Menschen Alltag, egal ob auf Social Media, aus dem eigenen Umfeld oder von Ärzt:innen.

Ich halte diesen starken Fokus auf die Gesundheit eines Menschen für gefährlich, weil darin unweigerlich mitschwingt, dass nur ein gesunder Körper ein wertvoller Körper ist. Wer bestimmt in dieser Denke, was gesund heißt? Wo ziehen wir die Grenzen? Und was machen wir mit jenen, die aus diesem limitierten Rahmen herausfallen? Wollen wir wirklich so über Menschen urteilen?

Diverse Studien weisen nach, dass die anhaltende Erfahrung von Diskriminierung Stress auslöst, der zu einer Vielzahl gesundheitlicher, physischer wie psychischer, Probleme führt, etwa hohem Blutdruck oder einem hohen Cortisolspiegel. Diese werden dann dem Gewicht zugeschrieben, auch wenn sie von der gesellschaftlichen Stigmatisierung ausgelöst werden. Ebenso seit Jahren bekannt sind die negativen Langzeiteffekte von ständigen Diäten, denn andauernde Gewichtsschwankungen haben ernsthafte Folgen für die körperliche und mentale Gesundheit.

Was und wer gesund ist und wie ein gesunder Körper aussieht, ist individuell und vor allem Privatsache. Nicht jeder mehrgewichtige Mensch macht Sport, und nicht jeder schlanke Mensch ernährt sich ausgewogen.

Du kannst einer Person nicht ansehen, ob sie gesund ist.
Du kannst einer Person nicht ansehen, ob sie gesund ist.
Du kannst einer Person nicht ansehen, ob sie gesund ist.
Du kannst einer Person nicht ansehen, ob sie gesund ist.

Melodie Michelberger,
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