„Wir müssen lernen, klar zu machen, dass es uns nicht umsonst gibt!“ // Super-Bloggerin Svenja von Meine Svenja im Interview

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Svenja Walter ist 44 Jahre alt, Mutter von Ludwig (9) und Lis (11)und mit ihrem Blog Meine Svenja Pionierin der Blogger-Szene in Deutschland. Ihre Pläne gehen allerdings weit über diese hinaus: Bald wird die Wirtschaft auf Augenhöhe mit Bloggern kommunizieren, sagt sie. Wie sie ihre zahlreichen Pläne mit ihrem Familienleben vereinbart und warum es nervt, dass Angela Merkel keine Kinder hat, erzählte sie uns neulich in München.

Hauptstadtmutti: Svenja, du bloggst seit sieben Jahren, fiel dir das Schreiben sofort leicht?

Svenja: Ich habe Germanistik studiert, aber deshalb kann man ja noch lange nicht schreiben. Sicher habe ich ein Talent dafür, aber schreiben habe ich erst gelernt, als ich angefangen habe zu bloggen. Dabei bin ich nicht der Typ, der nicht ohne Schreiben leben kann und aus dem es herausfließt. Gar nicht. Ich musste da erst einmal hineinwachsen, aber das kann man nur, wenn man es jeden Tag macht. Dadurch habe ich gelernt, meine Hemmungen zu verlieren und wirklich zu schreiben, was ich denke. Am Anfang hatte ich noch eine totale Sperre, echte Emotionen preiszugeben. Aber nur das kommt gut an.

Hauptstadtmutti: Das haben wir selbst auch gemerkt: Erst, wenn man ehrlich und direkt ist, kommt es bei den Lesern an.

Svenja: Obwohl es für mich schwer war, mich von den Rückmeldungen zu distanzieren. Manchmal schreiben mir Leserinnen ihre kompletten Lebensgeschichten, und das hat mich oft sehr belastet. Ich habe den Blog ja „Meine Svenja“ genannt, um das Gefühl zu vermitteln, ich sei die allerbeste Freundin. Das hat super geklappt, aber auch komplett zurückgeschossen. Meine Hauptaufgabe war also anfangs, Abstand zu gewinnen.

Hauptstadtmutti: Schon vor dem Start deines Blogs hast du zusammen mit deinem Mann als Beraterin für verschiedene Fernsehsender gearbeitet. Wie hast du deine zwei kleinen Kinder mit unter den Hut gebracht?

Svenja: Ich hatte stundenweise ein Kindermädchen, das zu uns nach Hause kam, und zusätzlich noch die Oma im Haus – volle Unterstützung also. Dadurch war ich jederzeit ansprechbar, konnte auch mal in Ruhe telefonieren und hatte Zeit für den Blog. Die Kinder waren in einem Alter, in dem man anfängt, mal ein Kissen oder eine Gardine zu nähen. Also habe ich einen Shop auf Etsy eröffnet und auch gleich bis nach Amerika verkauft, das war ziemlich cool. Ich habe dann aber festgestellt, dass es mir zwar Spaß macht, Sachen zu entwerfen, ich aber keine Lust hatte, 20 bis 30 Kissen zu nähen. Also habe ich wieder aufgehört.

Hauptstadtmutti: Auch mit dem Bloggen hast du eine kurze Pause gemacht, warum?

Svenja: Das war, als Facebook aufkam und ich wie viele gedacht habe, dass das die Blogs ersetzen würde. Aber das hat sich schnell als falsch herausgestellt. Als ich dann als Protagonistin bei RTL Punkt 12 angefangen habe, wollte ich aber wieder einen ordentlichen Blog haben, falls mich die Leute, die mich im Fernsehen sehen, im Internet finden wollen, und so habe ich 2010 Meine Svenja gegründet.

Hauptstadtmutti: Hast du von Anfang an regelmäßig gebloggt?

Svenja: Nein, das ging erst richtig los kurz bevor mein erstes Buch erschien. Ich hatte einen Thermomix von Vorwerk, mit dem ich für meine Kinder gekocht habe. Dann habe ich ein paar Fotos davon an Vorwerk geschickt und geschrieben, wie toll das funktioniert. Im Januar 2011 haben sie mich gefragt, ob ich gemeinsam mit ihnen ein Buch für den Thermomix machen möchte, da hatte ich total Glück. Damit bei der Veröffentlichung schon etwas auf dem Blog zu lesen ist, habe ich kurz vorher regelmäßig geschrieben, so ist das entstanden. Und dann habe ich Kontakt zu Gräfe & Unzer aufgenommen und ein weiteres Buch ist entstanden, und so ging es immer weiter.

Hauptstadtmutti: Bist du in allen sozialen Netzwerken unterwegs?

Svenja: Nein, ich bin nur bei Facebook, Pinterest und Instagram und lehne es auch ab, überall zu sein. Ich glaube auch nicht, dass meine Zielgruppe überall ist. Sie ist definitiv nicht auf Twitter. Pinterest halte ich für extrem wichtig, da habe ich gerade auch ein Coaching gemacht. Ich bekomme sehr viel Traffic von Pinterest, aber man muss sich damit beschäftigen und begreifen, wie das alles funktioniert und sich daran anpassen. Das ist schon sehr aufwändig.

Hauptstadtmutti: Du bist ja die Superbloggerin im Mama-Bereich in Deutschland, bist aber trotz allem Erfolg vor ein paar Monaten komplett ausgestiegen. Warum?

Svenja: Weil mir alles zu viel war und ich den Spaß verloren hatte. Permanent haben Leute von mir erwartet, dass ich auf private Mails antworte, und zwar schnell. Wenn ich mal zwei Tage nichts gepostet hatte, kamen sofort Mails mit Fragen, ob es mir gut geht. Das war echt ein Problem, ich habe mich getrieben gefühlt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass es Zeit für etwas Neues ist. Ich wollte Wege finden, mit meinem Blog endlich mehr Geld zu verdienen. Ich war zwar eigentlich zufrieden mit meinem Blogger-Verdienst, habe aber verstanden, dass ich mit den Jahren ein Know-how aufgebaut habe, mit dem ich mehr erreichen kann. Tipps für die perfekte Salatschüssel oder das eine wahre Blechkuchenrezept finde ich nach wie vor wichtig, aber es gibt noch mehr im Leben von Frauen.

Hauptstadtmutti: Hast du das Arbeiten nicht sofort vermisst?

Svenja: Nein, ehrlich gesagt war mein Sabbatical gar kein Sabbatical. Ich habe die Website für meinen Mann neu aufgemacht und Unternehmensvideos gedreht.

Als ich nach 5 Monaten Pause wieder begonnen habe zu bloggen, habe ich am Anfang besser auf mich geachtet. Weniger gebloggt, bin langsam wieder eingestiegen. Auch die vollen 6 Wochen Sommerferien habe ich mir gegönnt. Trotzdem muss ich sagen, dass das Tempo, was ein erfolgreicher Blogger draufhaben muss, manchmal halsbrecherisch ist. Es wundert mich nicht, dass es nicht viele gibt, die bereit sind, diese Leistung über Jahre zu bringen. Das geht nur wenn man lichterloh brennt. Die ganzen Fäden und Bälle in der Luft, die Familie – das ist auch für mich immer wieder eine Herausforderung und oft eine Überforderung.

Hauptstadtmutti: Findest du, dass Mütter politisch gut genug unterstützt werden?

Svenja: Nein, und mich nervt es, dass Angela Merkel keine Kinder hat. Sie macht dadurch einfach ein paar Sachen nicht richtig, weil sie es einfach nicht besser weiß, und schade, dass sie da keine guten Berater hat. Frauen sind absolut wichtigster Bestandteil der Gesellschaft, aber Merkel versteht ihre Lage nicht. Über Chancengleichheit brauchen wir gar nicht erst zu reden, und die sogenannten „neuen Väter“ gibt es vielleicht in Berlin, aber hier in Bayern ist noch immer das traditionelle Modell angesagt.

Hauptstadtmutti: In Berlin gibt es die 50-50-Teilung schon recht häufig.

Svenja: Also wenn mein Mann und ich gleichzeitig zu Hause sind, dann ist es oft so, als wäre er nicht da. Bei uns ist es ganz klar 100-0, vielleicht 95-5, denn klar räumt er auch mal die Geschirrspülmaschine aus und holt Getränke. Aber: Das haben wir so gewählt, da er oft unterwegs ist und ich der kontinuierliche Ansprechpartner für die Kinder und das Haus und den Haushalt bin. Irgendwie muss man eine Linie drin haben. Trotzdem: Die meisten Mütter ackern heute wie im Wahn. Wir sollten  uns viel mehr Pausen gönnen.

Hauptstadtmutti: Wie sieht denn dein Tagesrhythmus aus?

Svenja: Seit ich vegan lebe, hat sich mein Rhythmus vollkommen verändert. Ich stehe zwischen 4.30 Uhr und 5.30 Uhr auf, ohne Wecker und schreibe dann bis 6.30 Uhr, trinke zwei Kaffee, dusche und bringe die Kinder weg und dann setze ich mich einfach wieder an den Schreibtisch und schreibe weiter. Am liebsten gehe ich abends um 9 Uhr ins Bett, sonst werde ich zickig – ich brauche meinen Schlaf! Das ist im Übrigen auch zu einem Problem in unserem Sexleben geworden (lacht): Früher hatten wir meistens abends Sex, da mussten wir uns umorganisieren. Jetzt geht das besser morgens oder spontan zwischendurch, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Hauptstadtmutti: Und hat dir deine Blog-Pause am Ende gegeben, was du brauchtest?

Svenja: Absolut. Ich habe immer gedacht, dass durch meine Kinder die Welt so viel schneller geworden ist, aber das lag daran, dass meine Kinder quasi zeitgleich mit dem Internet auf die Welt kamen. Dadurch hat sich das Leben generell verändert und ich habe das Gefühl, an allen Fronten ein Wettrennen zu haben. Nach meiner Pause schreibe ich nicht mehr, weil ich muss, sondern weil ich will und auch nur das, was ich will. Das kann natürlich bedeuten, dass ich andere Wege finden muss, um zu wachsen.

Hauptstadtmutti: Ja, hattest du nicht Angst, deine Leser zu verlieren und weniger gefragt zu sein?

Svenja: Das ist ja eigentlich Quatsch. Ich meine, auf meinem Blog waren 67.000 Leser, als ich fünf Monate nicht da war. Viel mehr brauche ich doch gar nicht. Mittlerweile sind es schon wieder über 100.000. Ich habe jetzt stärker das Gefühl, richtig was bewegen zu wollen, und mein Blog ist nur der Start. Die Blogger werden professioneller und die Firmen stellen sich um. Es wird bald den Moment geben, wo sich alle wirklich auf Augenhöhe begegnen und dann wird es richtig lustig, für beide Seiten. Und da will ich hin.

Hauptstadtmutti: Konkrete Pläne?

Svenja: Ich will Mütter und Frauen fit machen, denn wir alle müssen aufpassen, nicht abgehängt zu werden. Aber ich will auch Unternehmen durch Workshops stärken. Ohnehin wird sich aber beides vermischen: Vor kurzem habe ich mich mit einem Unternehmen unterhalten und die Ansprechpartnerin wollte dann in meinen Workshop „Erfolgreich bloggen“ kommen, denn ich ursprünglich nur für meine Leserinnen angeboten hatte.

Hauptstadtmutti: Die Zusammenarbeit mit Unternehmen ist oft frustrierend, weil man so viel Input gibt und oft nicht viel zurückbekommt.

Svenja: Das stimmt, Firmen ziehen oft schon in Vorgesprächen Wissen aus Bloggern heraus, für dass sie eigentlich bezahlen müssten. Aber wir müssen lernen, sofort klar zu machen, dass es uns nicht umsonst gibt. Wir müssen sofort aufstehen und sagen, dass wir Geld für unsere Dienste wollen. Warum denn auch nicht, wir haben schließlich den direkten Draht zur Zielgruppe.

Dankeschön für das sympathische Interview, liebe Svenja!

Interview: Isa Grütering & Claudia Kahnt  // Fotos: Svenja Walter  // Text: Yvonne Vávra

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