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„Zu groß für die Babyklappe“ Marlene Hellenes neuer Roman

Marlene Hellene bringt uns zum Lachen, zum Nachdenken und zum Schmunzeln. Auf Twitter bringt sie auch mal Nazis und AfD Wähler*innen zur Weißglut, und immer mal wieder stößt sie das Patriarchat vor den Kopf, wenn sie im Fernsehen darüber spricht, dass nicht nur alles supi-toll war monatelang mit den Kindern zu Hause während Corona. Angemacht wird sie dabei vor allen Dingen gerne von anderen Müttern. Wir kennen es, ihr kennt es. ‚Warum hat die überhaupt Kinder gekriegt? Das sind halt die Aufgaben einer Mutter! Der arme Mann!‘ Nebenher schreibt sie Bücher und die sind äußerst unterhaltsam! Und klug!

Zum letzten Buch ‚Man bekommt ja soviel zurück‘ habe ich sie interviewt. Zum neuen Buch ‚Zu groß für die Babyklappe‘ dürfen wir einen Textauszug veröffentlichen. Zum Thema Mental Load, kennt ihr? Nein? Dann mal schnell reingelesen! Und auf Instagram verlosen wir drei Exemplare!

 

HEUTE WEGEN ÜBERLASTUNG LEIDER GESCHLOSSEN

Mental Load. Was ist das denn jetzt schon wieder, fragen Sie. Ein neuer Modetrend? Spreche ich von einer neuen Diät? Einer Yoga-Übung oder einem Erziehungskonzept? Nein, nichts dergleichen! Vielleicht haben Sie noch nie von Mental Load gehört, aber bestimmt leiden Sie darunter. Glauben Sie mir. Ich bin Frau Prof. Dr. Dr. Mental Load. Ihre Expertin. Immer zu Diensten.

Mental Load bedeutet übersetzt so viel wie geistige Belastung. Es geht also um den ganzen Mist, der einem Tag für Tag im Kopf herumschwirrt. Besonders häufig betroffen: Mütter. In Mütterköpfen brummt und summt es derart nervig und unaufhörlich, als würde ein Schwarm Stubenfliegen im sommerwarmen Kinderzimmer über einem vergessenen Wurstbrot schwirren. Und in Väterköpfen? Tja, sorry, da summt und brummt es erwiesenermaßen eher weniger. Das Summen und Brummen ist also völlig ungerecht verteilt. Dabei wäre es so einfach: Mutterkopf und Vaterkopf ergeben zusammen zwei Köpfe und damit pro Kopf nur noch fünfzig Prozent der Summerei. Das ist mathematisch simpel. Und in der Realität doch so kompliziert.

Beschäftigen wir uns aber erst mal damit, was da eigentlich im Kopf los ist. Was genau summt denn da? Sie sehen mich meine imaginäre Knochensäge zücken. Bitte schön. Ich öffne mal ganz freimütig meinen Kopf für Sie: Der Sohn braucht neue Socken, seine Hosen haben schon wieder Hochwasser. Ach, und der blaue DIN-A4-Umschlag für Deutsch fehlt auch noch. Das Mathematikbuch muss wieder in den Schulranzen, gestern war ja kein Mathe. Hat die Tochter eigentlich alle Hausaufgaben erledigt? Gleich mal kontrollieren. Zahnpasta ist auch leer. Heute Mittag Turnen. Wann war das noch mal? 14:30 Uhr, oder? Diesmal darf ich nicht vergessen, die Trinkflasche mit Wasser zu füllen. Einkaufen muss ich noch. Was soll ich kochen? Wieder Nudeln? Sollte ich die Kinder gesünder ernähren? Bestimmt. Ab morgen dann. Vielleicht höre ich dann auch auf, Fleisch zu essen. Der Umwelt wegen. Tierschutz. Da fällt mir ein, ich muss noch ein Geburtstagsgeschenk für den Freund des Sohnes kaufen. Was gefällt ihm wohl? Notiz: Mutter des Freundes des Sohnes anschreiben. Unbedingt muss ich auch mal die Impfpässe der Kinder checken. Wann war die letzte Auffrischung? Das Auto muss zum TÜV. Nicht vergessen: morgen gemeinsames Frühstück im Kindergarten. Paprika kaufen. Paprika sind gesund. Isst aber wieder keiner. Egal jetzt. Haben wir eigentlich eine Haftpflichtversicherung? Sollte ich überprüfen. Was war noch mal mit dem Wa- gen? Apropos sollen. Ich sollte meine Tante mal wieder anrufen. Und meinen Bruder. Die ganze Familie. Ein Fotobuch könnte ich machen. Zu Weihnachten. Wo feiern wir eigentlich dieses Jahr? Wie wäre es mal mit einem vegetarischen Braten. O nein, heute ist ja der El- ternabend im Kindergarten … Entschuldigen Sie das Durcheinander, aber Zeit für eine klare Abgrenzung zwischen zwei Gedanken habe ich leider nicht. Oder für vollständige Sätze. Sie meinen, diese Gedanken sind die Ausbeute eines Tages? Weit gefehlt. Das war ein Ein- blick in ganze sechzig Sekunden. Höchstens. Nebenher räume ich die Spülmaschine aus und schreibe fünf Textnachrichten. Das ist bei Ihnen auch so? Ja, das habe ich Ihnen doch gleich gesagt: Sie haben Mental Load!

 

Was nun? Arzt? Klinik? Müttergenesungswerk? Bleiben Sie ruhig! Ich bin ja da. Wir haben eine Diagnose. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung. Das Summen hat einen Namen. Schritt zwei: wütend werden. Aber so richtig. Geben Sie die Kinder vertrauensvoll für ein paar Stunden in die Hände anderer Erwachsener und eskalieren Sie so richtig. Schmei- ßen Sie Kissen durch die Wohnung, schreien Sie rum (ja, nehmen Sie auch die ganz wüsten Wörter in den Mund), lassen Sie die Löwin aus dem Käfig. Oder die Tigerin. Gerne auch die Eisbärin. Sie verstehen schon. Ich verspreche Ihnen: Es wird Ihnen besser gehen – jedenfalls für den Moment. Es mag sein, dass Sie nun das Verlangen verspüren, Ihren Partner anzugreifen – davon rate ich ab. Ich behaupte mal ganz dreist: Die meisten Männer denken nicht über Geburtstagsgeschenke und anstehende Arztbesuche nach. Nicht aus Boshaftigkeit. Sie haben es einfach nicht anders gelernt. Seit Tausenden von Jahren geht das schon so. Leider. Das ist ein soziologisches Problem. Männer haben angeblich keine trainierte Hirnregion für solcherlei Gedanken. Die muss erst aktiviert werden, und zwar von uns Frauen. Ja, scheiße. Wir müssen uns zusammensetzen und reden. Reden, Sie wissen schon, auch so eine Sache, die Beziehungen bereichert. Mein Rat: Schreiben Sie Listen und verteilen Sie die Last auf mehrere Schultern. Und nicht nur die tatsächliche Last. Nein, es geht um die unsichtbare, mentale Last und auch um die Last der Verantwortung. Das ist Arbeit. Harte Arbeit. Und es wird nicht von Anfang an klappen. Sorry, ich möchte Ihnen da echt keine falschen Hoffnungen machen. Aber bleiben Sie dran. Es lohnt sich. Lassen Sie sich nicht mit «Du kannst mir ja sagen, wenn ich etwas machen soll» oder «Du hättest doch fragen können» oder «Du bist doch sowieso nicht bereit abzugeben» abspeisen. Fordern Sie Gehirnschmalz. Der Mann soll mitdenken. Er soll nicht helfen, er soll nicht abnehmen. Er soll mental am Ball bleiben. Genau wie Sie. Das Schwierigste wird sein: nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen.

Auch ich kann mich nicht völlig davon frei machen, Dinge selbst erledigen zu wollen, weil ich dem Fehlschluss aufsitze, es ginge dann schneller, es würde besser klappen, nur ich könnte das Problem lösen. Mama-Superstar. Aus diesen urzeitlichen Denkmustern muss ich mich befreien. Denn es ist doch so: Nicht nur Frauen können, was Männer können, nein, auch Männer können, was Frauen können. Abgesehen von einigen biologischen Ausnahmen vielleicht. Einige der besten Menschen in meinem Leben sind Männer. Mein Ehemann ist zum Beispiel ein Mann. Oder mein Bruder. Mein Vater. Alles tolle Typen. Die können echt einiges. Und einen Mann haben ich und mein Mann sogar selbst gemacht. Einen kleinen. Einen besonders tollen. Und wir arbeiten täglich daran, dass sich seine Fürsorge-, seine Kümmerer-Gehirnregion prächtig entwickelt. Damit sich die Situation in Frauenköpfen von Generation zu Generation mehr entspannt und Männerköpfe in Zukunft besser mit dem Summen zurechtkommen. Damit sich das Summen irgendwann gerecht auf mehrere Köpfe verteilt und es immer leiser wird.

Bis der Overload vielleicht irgendwann ganz vergessen und nur noch in ein paar staubigen Büchern in einem hinterletzten Regal einer unbedeutenden Privat-Bibliothek zu finden sein wird. Ich denke, zusammen bekommen wir das hin. Aber eben wirklich nur zusammen. Immer nur zusammen!

PS: Ich habe Ihnen zwar gesagt, ich sei Expertin für Mental Load, ich sei Prof. Dr. Dr. Mental Load, aber in Wahrheit habe ich damit vielleicht ein wenig übertrieben. Ich habe höchstens das Seepferdchen in dieser Disziplin. Wenn Sie auf der Suche nach echten Expertinnen sind, dann schauen Sie bei Laura Fröhlich, Patricia Cammarata oder Gemma Hartley vorbei. Dort finden Sie praktische und wissenschaftliche Wege aus der Summerei.

Fotos: Marlene Hellene privat

Textauszug entstammt:

Marlene Hellene, Zu groß für die Babyklappe
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