Hauptstadtmutti

Eigentlich ist die Ehe wie ein Adventskalender

Zur Zeit diskutiert sie ja mal wieder, die Blogosphere. Und zwar, tadaaa: Über Adventskalender. Da geht es hoch her! DIY, gekauft, Fremdschämen, Fremdtollfinden, mir alles scheißegal, mein Kind ist zu klein, der hat keinen Plan was ein Adventskalender ist. Er hat trotzdem einen, von Oma. Ich auch. Und heute dachte ich mir, nachdem wir das Türchen aufgemacht haben, und „nur“ Gummibärchen drin waren (gestern war es tatsächlich ein Buch), dass die Ehe wie ein Adventskalender ist.

Lasst mich das mal erklären

Es soll Menschen geben, die richtig viel Geld für eine Hochzeit ausgeben. Die holen sich einen Wedding Planner, die perfekte Location und das teuerste Kleid und geilste Buffet. Sie kaufen sich eine richtig hübsche Hochzeit, sieht top aus auf Bildern und ist einfach schick. Man kann sich auch einen richtig teuren Adventskalender kaufen. Schicke Teile, die nichts mit dem Supermarkt-Schoki-Kalender zu tun haben.

Dann gibt es Menschen, die unbedingt alles selber machen müssen. Und nicht nur, dass sie ihren Adventskalender selbst befüllen, nee du, sie drucken besondere Schriften aus, zwirbeln die Kordeln selber und machen wahrscheinlich sogar die Pralinen selber. Puh. Genau wie die Menschen, die ihre Hochzeitseinladungen selber mit einzelnen Buchstabenstempeln bedrucken müssen (Die Schreiberin dieser Gedanken guckt an dieser Stelle beschämt nach unten…) und sich im Nachhinein darüber aufregt, wie man überhaupt auf so eine Schwachsinnsidee kommen konnte. Bei mehr als zehn Gästen empfehle ich ganz entschieden, auf DIY zu verzichten. Aber jede wie sie will.

Man hat also mehr oder weniger gemeinsam eine Hochzeit hinter sich gebracht. Vielleicht hat man viel Geld ausgegeben, vielleicht hat man unglaublich viel Zeit und Energie in das Planen, Organisieren, Beschaffen und Fertigstellen investiert, sodass man nun danach dasitzt und diese versprochene Ewigkeit an Zeit miteinander hat, und sich fragt: Und nu?

Genauso hat man nun also diesen Adventskalender fertiggestellt und bekommen, und von außen ist das also entweder sehr persönlich und Instagram-y oder vielleicht etwas glatter und schicker, sprich gekauft. So oder so, man weiß nicht was drin ist. Außer bei einem Tee-Adventskalender, da ist Tee drin. #spoiler

Was ist wohl im ersten Türchen drin? Und wird im sechsten etwas Besonderes drin sein? Wie ist das mit dem 24.? Manche handhaben es ja so, etwas ganz Kleines reinzutun, weil ja dann eh Weihnachten ist, oder mit einem pompösen Paukenschlag rauszugehen (Perlenkette? Macht Tiffany’s Adventskalender? Augenblick. Scheint nicht so. Marktlücke?)

24 Türchen für das ewig Dein, ewig Mein

Die Türchen im Kalender macht man jeden Tag auf. Die Türchen in der Ehe sollte man eher als Jahre interpretieren. Das hilft bei der Relation. Ich mag mich nun etwas aus dem Fenster lehnen, aber im Alltag mag es mitunter schwerfallen, über 24 Jahre nachzudenken, wenn einen die letzten 24 Stunden wahnsinnig gemacht haben. Niemand streitet gerne über Spülmaschinen, Kindererziehung oder Mahnungen. Jeder möchte eine Ehe haben, von der man glaubt, dass alle anderen sie führen. Diese glücklichen Familien, die samstags auf einen Wochenmarkt gehen, entspannt, mit drei Kindern, irgendwie nie ihren Ansatz färben müssen und morgens um 5:30 Uhr aufstehen und mit dem Sonnenaufgang Yoga machen. Die irgendwie nie streiten, deren Kinder nie rumheulen, und die sich ohne Ironie mit ‚Schatz‘ anreden. Es gibt euch, ich weiß es, und ich freu mich für euch.

Doch was ist, wenn man dann plötzlich tagelang wegen irgendeinem Kack rumstreitet, sich anzickt, wenn aus Tagen Wochen werden und man einfach so viel auf der Arbeit zu tun hat, dass man am Wochenende auch einfach mal atmen möchte, Mama sein will, nicht auch noch Ehefrau? Es gibt diese Phasen. Doch wieso betrachten wir sie nicht als genau das: Phasen? Unseren Kindern verzeihen wir jede noch so unerträgliche Phase: Durchschlafen, Zähne, Trotz, Pubertät. Wir gucken sie an, in ihren hässlichsten und für uns anstrengendsten Momenten, und spüren Liebe. So viel Liebe, dass einem das Herz brechen will.

(Nicht unbedingt um 4 Uhr morgens, oder bei einem Schreianfall an der Supermarktkasse, oder wenn sie in der Schule den Lehrer beißen. Oder wenn sie unser Haus in eine Teenagerparty-gone-wild verwandelt haben. Aber prinzipiell, prinzipiell lieben wir sie.)

Doch in unseren Ehen sollen wir uns Mühe geben, dass jeder Tag besonders ist. Nicht, dass uns das irgendjemand vorschreibt, aber wir hätten es ja auch gerne so. Oder? Wer möchte nicht jeden Tag zu frischgebackenen Waffeln aufwachen, eine saubere Küche verlassen, wenn man in Frieden rausgeht, der Müll von Zauberhand nicht vergessen wird und irgendwie tagsüber eine gute Fee reinigt, einkauft und die Betten neu bezieht, Pakete abholt, und Geschenke verpackt. Diese gute Fee gab es einmal, manchmal gibt es sie auch noch. Manchmal lebt die Oma noch in der Nähe, oder einer von beiden Elternteilen ist zu Hause. Doch wenn beide arbeiten? Beide Vollzeit? Beide gerne arbeiten? Man sich keine Haushaltskraft leisten kann?

Was für Türchen öffnen sich denn für Eltern, die beide gerne arbeiten, beide wenig Zeit für nichts haben und ihre Kinder über alles lieben?

Verschiedene. Es gibt Höhepunkte, es gibt Banales, es gibt Türchen, an die man sich nicht erinnern kann, und dann wieder welche, die man nie vergessen möchte. Manchmal sind es einfach nur Gummibärchen. Dann vielleicht doch ein fabulöser Lippenstift, für rote Lippen, die man küssen sollte. Es kann auch sein, dass ein Türchen leer ist. Man hat es vergessen, in der Eile, oder weil einem nichts mehr eingefallen ist. Ups. Und dann? Den Adventskalender wegschmeißen? Nur weil ein Türchen nicht so gut war?

Wir idolisieren diese knuffigen älteren Paare, vielleicht sogar unsere Großeltern, wir finden sie bewundernswert, wollen das auch alle mal haben. Doch, und ja, nun werd ich mal richtig konservativ, warum dann nicht durchhalten? Zähne zusammenbeißen? „Ehe sollte nicht zum Durchhalten sein,“ sondern zum Genießen, zum Lieben und für das totale Glück. Klar, das sind auch Menschen, die sagen, dass Geld nicht wichtig ist. Geld ist mega wichtig. Dass Geld nicht wichtig ist, sagen Leute mit Geld. (Und wenn man mal an der Armutsgrenze gelebt hat, oder in Armut, alleinerziehend ist und keinen verantwortungsvollen Ex hat, wenn man nicht weiß, wie man die nächste Miete bezahlen soll, dann checkt man, das Geld wichtig ist.) Es ist mega wichtig, über Geld zu sprechen. Bevor man zusammenzieht, heiratet oder auch unter Arbeitskolleginnen.

Das Leben ist zu kurz für eine unglückliche Ehe. Ab wann definieren wir eine Ehe als unglücklich? Wenn wir seit Wochen oder Monaten keinen Sex mehr hatten? Wenn es uns nicht mehr interessiert, ob die Ehefrau immer mehr von einem neuen Kollegen spricht? Oder wenn wir aggressiv werden, jedes Mal wenn der Partner durch die Tür kommt, oder welche Geräusche er beim Essen macht oder dass sie schon wieder mit dieser völlig übertriebenen Mülltrennung ankommt? Ist das wirklich so? Das kann es doch nicht sein, oder?

Lassen Menschen sich scheiden, weil sie genervt voneinander sind?

Ihr wisst schon, wo ich damit hinwill. Ihr seid ja auch nicht blöd. Ich spreche hier nicht von Ehen, die kaputt sind, beyond repair. Menschen, die sich gegenseitig anlügen, betrügen, verletzen oder zerstören. Die meine ich nicht. Ich meine die Ehen, die vielleicht eingeschlafen sind, oder die den Anschein machen, dass sie nicht mehr glücklich machen. Die viel zu schade zum Wegschmeißen sind. Diese Ehen sollten sich auf das nächste Türchen freuen. Es sagt auch niemand, dass nach 24 Schluss sein muss. Da geht noch was, sollte man sich immer wieder sagen.

Falls sich Leser*innen an dieser Stelle fragen, oder kurz davor sind, zu kommentieren, dass die Autorin ja mächtig frustriert sein muss (wäre nicht das erste Mal) oder ihre Tage hat oder das Lesen dieses Artikels ihnen Lebenszeit gestohlen hat: Elina ist ziemlich glücklich verheiratet, wenn auch erst wenige Jahre, aber zieht ihren Hut vor allen Paaren, die es schon länger miteinander aushalten oder friedlich eine Trennung hinter sich gebracht haben. 

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