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‘Wir sind einen Scheiß frei’ – Interview mit Katja Lewina

Katja Lewina hat ein Buch namens ‚Sie hat Bock‘ geschrieben und ich verzichte an dieser Stelle einfach Mal auf jeden Flachwitz.

 

Hauptstadtmutti: Liebe Katja, was für ein heftiges, hartes, und auch meiner Meinung nach anstrengendes Buch! Respekt zunächst einmal!

 

Katja: Ähm. Was antwortet man da? Danke? 

 

Hauptstadtmutti: Nichtsdestotrotz endlich mal ein Sachbuch über Sex, in dem geflucht wird! Ist das unsere russlanddeutsche Identität, die das Fluchen im alltäglichen Sprachgebrauch vermisst?

 

Katja: In meiner Familie wurde nie geflucht, das galt als Zeichen mangelnder Bildung. Für Jeans mit Löchern an den Knien galt das im Übrigen auch. Vielleicht habe ich deswegen immer noch so ein Faible für sie, aus Kompensation. Aber mal im Ernst: Wenn öffentlich über Sex gesprochen wird, dann muss das entweder in einer komplett klinischen Sprache geschehen, oder man überromantisiert das mit Blümchen-und-Bienchen-Bildern. Aber im Privaten würde sich doch nie jemand so ausdrücken! Ich bin eine große Freundin von realer, gesprochener Sprache, und von der lebt auch mein Buch.

 

Hauptstadtmutti: Ich bin normalerweise diejenige, die Bücher gerne auch mal an einem Abend durchliest, das geht hier nicht, nach jedem Kapitel muss ich erstmal denken. Über das, was ich gelesen, aber auch gelernt habe. Überrascht es dich, dass selbst für einen aufgeschlossenen, vermeintlich sehr aufgeklärten Menschen wie mich, das Buch immer noch teilweise schockt?

 

Katja: Überhaupt nicht. Als ich anfing, zu diesen Themen zu recherchieren, dachte ich auch alle Naselang, ich spinne. Und das, obwohl ich mich für aufgeklärt und gleichberechtigt bis zum Anschlag hielt. Das Ding ist, dass viele unserer Denk- und Verhaltensweisen derart internalisiert sind, dass wir sie gar nicht so einfach hinterfragen können. Nimm nur mal die Idee, dass der Mann beim Sex die Zügel in der Hand halten sollte. Das läuft doch in jedem Spielfilm so: Er macht den ersten Schritt, er bestimmt das Tempo, er drückt sie an die Wand, und wenn’s härter zugeht, ist er auf jeden Fall der dominante Part. Andersrum ist es immer gleich ein bisschen lächerlich. Wir können noch so fortschrittlich sein, was das Bett angeht, habe ich oft das Gefühl, dass wir hundert Jahre hinterherhängen. 

 

Hauptstadtmutti: Ich habe bei dir gelesen, dass es für dich ok ist, wenn dir alle ‘zwischen die Beine gucken’, also wenn man sehr, sehr viel von dir weiß. Meine persönliche Horrorvorstellung, obwohl ich schreibe! Wann hat das angefangen, dass du so gerne dein Leben offenbarst?

 

Katja: Ich fand Tabus und Geheimnisse schon immer scheiße. Sie sind echte Beziehungstöter, und damit meine ich nicht nur die Liebe. Als vor fünf Jahren die Affäre meines Mannes aufflog, beschlossen wir, nichts mehr auszusparen. Diese radikale Ehrlichkeit erfasste schnell auch die Beziehungen zu meinen Freunden, Kindern, Verwandten. Der Schritt, öffentlich über Beziehungsthemen zu schreiben, war dann gar nicht mehr so krass. Obwohl ich mir, bevor mein allererster Text online ging, in einem kleinen Panikanfall dann doch noch einen Künstlernamen zurechtlegen musste. Damals hatte ich auch noch Angst, nach so einer öffentlichen Selbstentblößung keinen ordentlichen Job mehr zu bekommen. Heute weiß ich, dass es beruflich das Beste war, das mir passieren konnte. 

 

Hauptstadtmutti: ‘Wir sind einen Scheiß frei.’ Alle Frauen, oder vor allen Dingen Mütter?

 

Katja: Die Beschränkungen, gegen die ich anschreibe, gelten für jede Frau. Wir alle sollen bitte jung, hübsch und verfügbar sein, dabei aber sexuell schön passiv bleiben; unsere Vulven sollen aussehen wie die von kleinen Mädchen, aber blasen sollen wir wie Sexgöttinnen. Mütter trifft das natürlich ungefähr tausend Mal so hart, weil für die noch mal ganz andere Maßstäbe gelten. Sofern sie nicht wie durch ein Wunder zur MILF mutieren, der man keinerlei Spuren ihrer Mutterschaft ansieht, haben ihre Sexualität nach der Geburt eines Kindes allerhöchstens nach dem tatort auszuleben. Alles andere ist pervers.

 

Hauptstadtmutti: Hat Religion eine Rolle gespielt, als du aufgewachsen bist?

 

Katja: Meine Eltern waren nie religiös, aber als Immigranten waren ihnen bürgerliche Codes total wichtig. In der westdeutschen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gingen die Kinder sonntags in den Kindergottesdienst. Also ging ich mit. Später musste es unbedingt das erzbischöfliche Gymnasium sein und nicht das städtische. Dort schwang man mächtige Moralkeulen. Ich werde die Rede des Rektors bei der Verleihung unserer Abi-Zeugnisse nie vergessen: Für die Zukunft alles Gute. Und wagt es ja nicht, abzutreiben!

 

Hauptstadtmutti: Erklär mal bitte der Leserschaft, warum es so wichtig ist, dass Kinder korrekte Bezeichnungen für ihre Geschlechtsteile kennen sollten und NEIN sagen lernen sollten. 

 

Katja: Nicht nur das NEIN ist wichtig, das JA ist es genau so. Kinder sollten lernen, dass ihr Körper ihnen gehört, und dass nur sie bestimmen, was mit ihm passiert. Das fängt bei so harmlosen Dingen an, dass man kein Kind gegen seinen Willen kämmt. Und hört da auf, dass man es sich selbst anfassen lässt, ohne ihm ein schlechtes Gewissen deswegen zu machen. Wir Eltern müssen das vorleben, da hilft kein Gerede. Wo es hingegen zumindest etwas hilft, ist das Thema “Namen”. Die meisten von uns lernten die korrekten Bezeichnungen für ihre Geschlechtsteile erst spät, das sollten wir unseren Kindern ersparen. Nur, wenn man weiß, wie etwas heißt, kann man auch darüber reden. Und um Himmels willen, keine Phantasie-Kosenamen, die außer den Eltern und dem betreffenden Kind keine*r versteht!

 

Hauptstadtmutti: Ich fand es ja schon fortschrittlich, als in Kindergärten ‘Scheide’ als Begriff genutzt wurde. Sollen wir jetzt trotzdem beim nächsten Elternabend weiter nerven und erklären, dass das aber Vulva heißt?

 

Katja: Die armen Eltern! Die würden sich doch nicht mehr erholen von diesem Schreck. Und persönliche Belehrungen halte ich eh für kontraproduktiv – es sei denn, es läuft wirklich ganz grob was schief. Was sich viel mehr bewährt, ist, es einfach selbst richtig zu machen. Wenn ein Kind mit der “Vulva” aufwächst, dann trägt es sie auch in die Welt. Und eines Tages, wenn die Kinder älter werden, dann ergibt sich das oft von ganz allein, dass man über abwertende Begriffe wie “Schamlippen” redet. Unsere Kinder sind so viel sensibler für Ungerechtigkeiten als wir.

 

Hauptstadtmutti: Wie verbessern wir den Sexualkundeunterricht unserer Kinder? 

 

Katja: Wenn ich an meinen eigenen Sexualkundeunterricht denke, dann war der komplett auf Fortpflanzung ausgerichtet. Es ging kein bisschen darum, wie wir es uns schön machen können zu zweit oder auch allein, wie wir Grenzen und Wünsche artikulieren, wie wichtig die Klitoris für den Orgasmus der Frau ist – dass weibliche Lust überhaupt ein Thema ist! Ich sehe aber auch an der Schule meiner Kinder, dass sich das ändert. Das erleichtert mich sehr. Aber am Ende sind wir als Eltern immer noch diejenigen, die alle Weichen stellen. Wenn wir uns nie nackt vor unseren Kindern zeigen oder ein Riesengeheimnis um Sex machen, dann nützt auch der weltbeste Aufklärungsunterricht nicht viel.

 

Hauptstadtmutti: Alle wollen mit dir über deine offene Beziehung sprechen…ich nicht. Ich will von dir Tipps für alle Eltern da draußen, die überhaupt mal gerne wieder Sex hätten. 

 

Katja: Hahahahah, wenn ich nur den Schlüssel zu ewiger Leidenschaft hätte! Aber ich finde, da muss man sich nicht unter Druck setzen. Viele von uns denken, in ihrer Beziehung läuft was schief, wenn sie eine Weile keinen Sex haben – sogar, wenn sie total zufrieden ohne sind. Es lohnt sich total, zu gucken, welche Erwartungen an unsere Liebesbeziehungen wir von außen übernommen haben und welche wirklich unsere sind. Am besten macht man das übrigens zusammen. Und wenn nur eine*r von beiden vögeln will, muss man halt kreativ werden. Ich will’s ja nicht gesagt haben, aber: Eine offene Beziehung wär ‘ne Möglichkeit. 

 

Hauptstadtmutti: ‘Wir werden durch harten Sex kaputtgefickt.’ Im Buch redest du viel über Pornos, wie Teenager & Tweens Sex wahrnehmen, und was Intimität eigentlich bedeutet. Wie können wir Sex entschleunigen?

 

Katja: Das Zustimmungskonzept ist eine großartige Erfindung! Die Idee dahinter ist, dass nur ein Ja auch wirklich Ja bedeutet. Das heißt, man vergewissert sich bei jedem weiteren Schritt, ob das, was man da vorhat auch wirklich okay ist. “Darf ich dich küssen?”, wäre zum Beispiel so eine Frage. Ich finde auch, Männer sollten Frauen nicht einfach so ihren Penis reinstecken. Das ist eine Körpergrenze, über die die Person Kontrolle haben sollte, der sie gehört. Dann geht auch nichts zu schnell, und man kann sich nochmal vergewissern, dass man das jetzt auch wirklich will. Ich weiß, viele werden jetzt “unsexy!” schreien. Dabei sind wir es einfach nicht gewohnt, dass unsere Grenzen gewahrt bleiben und unser Tempo respektiert wird. 

 

Hauptstadtmutti: Liebe, liebe, liebe das Kapitel über Sex Toys und den Zusammenhang zum Kapitalismus, Fühlen, Hände, Körperschaft. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, dass Sexspielzeuge auch ein Symbol unserer Leistungsgesellschaft sind. 

 

Katja: Dass man heute in jeder Drogerie Vibratoren kaufen kann, ist auf jeden Fall ein großer Schritt in Richtung Enttabusierung von weiblicher Lust. Aber ich bin da auch vorsichtig: Warum schaltet man Maschinen zwischen Frauen und ihre Körper? Viele von uns haben schon als Mädchen gelernt, dass man sich “da unten” nicht anfasst. Sextoys knüpfen daran an. Die Frau ist außerdem eine dankbare Konsumentin. Ständig schwatzt man ihr Dinge auf, die sie angeblich zu einem glücklicheren Leben braucht. Jetzt ist es halt der Orgasmus in 30 Sekunden. Dabei können wir uns genau so gut selbst anfassen – das braucht vielleicht ein paar Minuten mehr, macht aber einen intensiveren Höhepunkt.

 

Hauptstadtmutti: Warum operieren Frauen ihre Vulvas? Warum kaufen Frauen Deos für ihre Vulvas? 

 

Katja: Die Vulva hat – Vergleich zum Penis – einen miesen Ruf: hässlich, faltig, stinkt nach Fisch … Die Intimhygieneindustrie und plastische Chirurg*innen verdienen sich an diesen Verleumdungen ein goldenes Näschen. In Pornos sehen wir oft operierte, gebleichte, enthaarte Vulven, die aussehen wie die von kleinen Mädchen. Das setzt dann nochmal doppelt unter Druck. Die Vulva soll möglichst wenig Raum einnehmen, und das gilt auch für die weibliche Sexualität.

 

Hauptstadtmutti: Warum masturbieren Frauen kaum, wenn sie in einer Beziehung sind? 

 

Katja: Selbstbefriedigung gilt für viele Frauen als eine Art minderwertiger Sex – man nimmt ihn höchstens, wenn man nichts anderes bekommt. Männer dagegen wedeln sich auch in Beziehungen noch fröhlich einen von der Palme. Diese Unterschiede gibt’s schon früh: Junge Männer machen die ersten sexuellen Erfahrungen meist mit sich selbst, während junge Frauen auf den Prinz warten, der ihre Sexualität wachküsst. Da ist Scham, sich selbst anzufassen und sicher auch Angst, sexuell zu aktiv zu sein. Dabei ist es total gesund und wichtig, sich hin und wieder seinem eigenen Körper zu widmen. Und der Sex zu zweit profitiert auch davon. 

 

Hauptstadtmutti: Schenken wir das Buch jetzt unseren Töchtern, unseren Söhnen, oder unseren Müttern? Oder unseren Partner*innen?

 

Katja: Bei den Müttern wäre ich vorsichtig, die könnten sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Und bei den Kindern würde ich auf FSK 16 plädieren. Ich hab beim Schreiben tatsächlich viel an junge Frauen gedacht, weil ich selbst immer wieder dachte: Wenn ich das nur schon damals gewusst hätte! Aber inzwischen wünsche ich mir fast noch mehr, dass Männer dieses Buch lesen. Weil sich die wenigsten von ihnen je damit auseinander gesetzt haben, was es bedeutet, als Frau in unserer sexistischen Gesellschaft Sex zu haben.

 

Fotos: Lucas Hasselmann

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