Hauptstadtmutti

Zwischen Baue(r)n und Berlin: Balkon

Im Sommer 2019 führte ich eine hitzige Diskussion mit einem Fensterbauer und meinem Mann. Es ging um die Sinnhaftigkeit, ja, wenn nicht Daseinsberechtigung unser Balkone.

Wir redeten eigentlich über die Vorteile von Kunststoff gegenüber Aluminium und Vice Versa, bis ich dummes Ding in einem Nebensatz von mir gab, dass die Balkone ja auf lange Sicht eh wegkommen. Whoopsy Daisy, der Herr Fensterbauer sowie der Herr Ehegatte fielen aus allen Wolken. Zumindest hatten sie mir zugehört, man muss ja als Frau heutzutage schon für das Minimum an höflicher Konversationskultur dankbar sein. 

Balkone weg? Wieso das denn?

Äh, weil die keiner nutzt. Ganz einfach. Weil wir jetzt auf dem Land leben und einen riesigen fick Garten haben, den auch keiner nutzt, weil wir ein riesiges Haus haben, mit riesigen Zimmern, und anscheinend der Weg in den Garten so weit ist, dass ihn niemand auf sich nehmen möchte. Außerdem sind die aus Holz, müssen gepflegt werden, sehen scheiße aus, und da ich mich weigere da irgendwelche kack Geranien einzupflanzen, warte ich sowieso noch auf ein Rundschreiben der Nachbarschaftsvereinigung, dass das kein Zustand ist, und die werten Dackel beim täglichen Gassigehen regelmäßig die Nase rümpfen, weil in unseren überdimensional großen Balkonkästen nur Gestrüpp wächst. Das stimmt so nicht, das große Kind hat da regelmäßig wahllose Dinge vergraben, es kann also auch eine seltene Pflanze aus einer Playmobil Fabrik sein. Die einzige Funktion dieser zwei Balkone ist es, die Balkonkästen mit Blumen zu befüllen. Das nennt sich dann gärtnern, und das kriegen wir gerade so mit den restlichen 800qm hin, ohne dass uns alles über den Kopf wächst. 

Die werten Herren waren nach wie vor fassungslos. Irgendeinen ganz, ganz seltsamen Männlichkeitsnerv musste ich getroffen haben. Ihre Körpersprache zeigte mir, dass sie versuchten, sich zu beherrschen, nicht völlig auszuflippen und die armen, nutzlosen Balkone zu verteidigen. Ich hätte an dieser Stelle gerne weiter über die Rahmen und eventuelle Dreifachverglasung gesprochen, aber nö, wir blieben beim Thema Balkone. Gut. 

Fotos: Kai Senf

„Der Balkon ist doch der Teppich der Fassade!“

Der was bitte? Mein eigener Mann Big Lebowski-d mich? It really ties the room together? Ohne Balkon wäre die Fassade so was? Leer? Probier mal schlicht und sauber? Ein Ding weniger, das gewartet werden muss. Bis es Ping machte in meinem Frauenkopp. Die beiden hatten einen Burg-Komplex. Das muss es sein. Allein die Tatsache, dass ich weiß, was ein Bergfried ist, ist schon zu viel. Lösch diese Information, Gehirn, und merk dir endlich, ob es ETF oder EFT heißt. Die denken echt, sie stehen in einem Wehrgraben und Kundschaften die feindlichen Feinde aus. Am besten in einem Morgenmantel, mit Kaffee in der Hand und einer zusammengerollten Zeitung unterm Arm. Boje moy, steh uns bei. 

Wenn wir jetzt schon wissen, dass die Balkone wegkommen, dann muss der Fensterbauer jetzt Sicherheitskacke mitbestellen, sagt er. Er hat nicht Kacke gesagt, ich habe Kacke gesagt. Das kostet extra, und nicht wenig. Und dann er so, etwas leiser: ‚Die sind auch sehr hässlich.‘ Und ich so, auch leise: ‚Hässlicher als diese riesigen schwarzen Balkone mit Grünspan?‘

Mein Mann guckt verzweifelt zu seinem neuen besten Freund rüber und wahrscheinlich ende ich als True Crime Opfer und die beiden können ihren Lebensabend jeder einzeln auf einem der Balkone verbringen. Ich war zu müde und zu schwanger in dem Moment, als dass ich die gesamte Balkondiskussion länger durchgehalten hätte und wie so oft als Eigenheimbesitzerin lautete meine Entscheidung: Macht was ihr wollt, macht die Balkontüren abschließbar, ich geh schlafen. 

Fotos: Kai Senf

In Berlin standen wir mal vor der Wahl: größere Wohnung ohne Balkon, kleinere Wohnung mit großem Balkon. Die Diskussion war da eine andere, weil der Balkon unser Tor zur Freiheit gewesen wäre. Naja, und zum Wäsche aufhängen. Aber 2020 hat dem Balkon nochmal eine besondere Bedeutung gegeben, ohne ihn wären viele Familien sicherlich verzweifelt. Vielleicht sollte ich unsere Balkone bei eBay Kleinanzeigen für Selbstabbauer und -holer reinsetzen, ’nur einmal benutzt‘ und zwar im Juli 2018 beim Blutmond. Schön war’s. Die nächste ist am 30. November 2020.

Baut ihr gerade ein Haus? Lasst die Balkone weg. Braucht kein Mensch.

Fotos: Kai Senf
Buch: Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos von Barbara Vinken
Outfit: Pulli aus der High School, also mindestens 20 Jahre alt, Jogginghose Aldo oder Lidl