Zwischen Bauern und Berlin: Junge Frauen

Wir scheißen auf junge Frauen. Wir scheißen generell auf alle Frauen und schon auch auf alte Frauen, aber auf junge Frauen wird geschissen wie auf sonst keinen. Wieso, junge Frauen sind doch noch fickbar? Sie haben doch noch einen Sonderstatus weil sie gebären könnten. Werden sie nicht gerade deswegen vergöttert?

Nein. Es wird drauf geschissen. Ihre Jugend und ihre Schönheit, ihre vermeintliche Fitness, ihr glattes Gesicht und ihre Fickbarkeit sollen im Rahmen jungfräulicher Perfektion unerreicht erhalten blieben. Effortless. Sie sind die Personifizierung vom Nude Make-Up Look. Vollgekleistert, dass man keine Pore erkennen könnte, aber von weitem sehen sie aus wie ungeschminkt. Schön glänzend (Schweiß, kein Bronzer oder Highlighter) und ohne Makel (Ausgeschlafenheit, kein Concealer) im Gesicht. Junge Frauen sind ein wandelnder Filter und wenn der runterkommt, wenn sie upfuckt, dann GNADE ihr Gott. 

Marylin. Anna Nicole. Monica. Paris. Lindsay. Diana. Kasia. Meghan. Vielleicht auch Marie Antoinette. Aber allen voran Britney.

Ich habe die Doku nicht gesehen, denn, um hier mal den 2000s Hipster raushängen zu lassen: ich hätte euch schon vor 15 Jahren bestätigen können was für ein gottverdammter Wichser Justin Timberlake ist und war. Das muss ich mir auch nicht ausdenken, das hat er selbst oft genug gesagt und bewiesen. Die Artikel gab es schon immer, die Anti-Justin Bewegung ist nicht neu, die Fackeln sind nur krasser getränkt worden. 

Aber zur Abwechslung mal scheiß auf Justin. Scheiß auf all die Männer, auf die wir uns beziehen, wenn wir über kaputtgemachte junge Frauen sprechen. Wir alle haben diesen einen Ex wie JT, den wir irgendwie nicht losgeworden sind. Der einfach nicht aufhören konnte, uns zum Thema zu machen. Nicht alle verdienen am Niedergang ihrer Ex-Freundinnen so sehr wie Justin, aber hey. Justin ist so ein hartes Opfer, der schon vor Langem zerbrochen ist an seiner eigenen Durchschnittlichkeit. Wen interessiert Justin. Justin is gonna be fine. 

Britney. For always and forever.

Ich liebe Britney. Ich liebe sie so sehr, weil ich 1 Million Tausend Prozent ihre Zielgruppe war. Ich bin so ein Klischee Millennial, dass nachdem Backstreet Boys auf dem Zenit ihrer Karriere schon minimal schwächelten, Britney in mein Hirn tanzte und nicht mehr rausging. Britney war immer da. Ich habe sie und alle anderen durch die Bravo, Popcorn oder Mädchen konsumiert, denn das waren sie doch: Konsumprodukte, richtig? Westlife, Christina, Jessica, Blue, Caught in the Act, No Angels, Bro’Sis.

Gut, dass Beyoncé irgendwann auch auftauchte. (Man kann übrigens parallel The Distillers, Destiny’s Child, Eminem, Jay Z und Britney hören.)

Meine Zeitmessung ab 1996 erfolgt in selbstgekauften Alben. Ab 1998 in Britney Videos. 

Britney hat mir nie etwas getan und es gab für mich keinen Grund jemals über sie herzuziehen. Umso mehr waren meine Girls und ich schockiert, als 2007 passierte. Ich war grade 20 geworden und kümmerte mich um kleine Kinder in den USA. Britney war nur sechs Jahre älter als ich und hatte schon zwei kleine Kinder. Ich sah sie als Freundin oder jemand, der mich seit fast zehn Jahren begleitete. Als ich dann später in ihrem Alter war, kriegte ich mein erstes Kind. Jeder kleine Kommentar brachte mich auf die Palme, zum Heulen oder ließ mich an mir selber zweifeln. Ich hätte nicht mal ansatzweise ertragen, was ihr angetan wurde. 

Und wer genau hätte das ertragen?

Es gibt ein Beispiel, das ich als Fußball-Fan und Boygroup-Groupie gleichermaßen an dieser Stelle immer erwähne. Viele junge Männer haben die Tendenz, einen Herzensverein zu lieben. Ich weiß das nicht nur, weil ich mal für 11 Freunde gearbeitet habe und einen geheiratet habe, der da mal gearbeitet hat, ich weiß das, weil ich oft genug im Stadion war. Männer in Stadien gröllen, rufen, schimpfen, schreien, jubeln und heulen. Sie leben ihre Emotionen aus, sie brechen auch mal zusammen und das alles ist ihr gutes Recht. Junge Frauen tun spätestens seit Buddy Holly oder den Beatles genau das gleiche, nur halt in einem Konzertsaal. Sie fallen vielleicht öfter in Ohnmacht, aber das kann auch an kaputten Schönheitsidealen und zu niedrigem Blutzucker liegen und nicht an dem Hüftschwung eines Nick, Harry oder Zayn. 

Wen verspotten wir?

Junge Frauen, die ein bis zweimal im Jahr die Nerven verlieren aufgrund von Idolen auf Bühnen. Junge Männer machen das jedes Wochenende, und gerne auch mal mittwochabends für die Schempjenslieg. Oder Donnerstag für Euro. Oder Dienstag wenn Pokal. Nicht zu vergessen Quali für Turnier und dann EM WM und Supercup und Nations League und Sonntags auf den Platz zu die Kreisliga.

Da das Patriarchat uns toxische Maskulinität reinzwingt wie Gänsen kurz vorm 1. Advent, findet so ne Klopperei bei Gelegenheit auch statt, aber an sich wird genauso geheult wie im Mosh Pit von One Direction. So oder so, junge Männer verlieren nach einem bitter verlorenen Fußballspiel genauso die Nerven. Die älteren Männer in steifer Kutte zucken mit den Schultern, verlieren mal ein Tränchen und fahren dann aber relativ friedfertig nach Hause. Die wissen, da kommt wieder eine Saison, Lebbe geht weider, aber die Jungen, die rasten halt mal aus. Da macht sich keiner drüber lustig. 

Fußball wird so ernst genommen (auch von mir), dass es erst einen Plan für die BuLi gibt, bevor KiTas dran sind. Ich muss gestehen, mein härtester Lockdown Moment war die Absage von Dortmund gegen Hertha April 2020. Es wäre mein erstes Fußballspiel seit Jahren gewesen und ich wäre mit einem meiner besten Schulfreunde hingefahren. Pustekuchen. 

CR7 hat keine Chance. Zu viel Gel.

Wir hassen junge Frauen so sehr, dass der einzige Mann, der mir einfällt, über den auch nur annähernd so hergezogen wird und wurde wie Britney Spears, Cristiano Ronaldo ist. Und dazu gibt es auch einen Top 11 Freunde Kommentar und eine Erkenntnis. Ronaldo ist aber immer noch ein Gott und jeder Kerl mit Bayern Schal, der seine sechste Halbe an einem Samstagabend trinkt und über ‚das viele Gel‘ lästert, der hat einen Monat später die gleiche Frisur. Und welche Worte fallen beim Herziehen über CR7? Affig, tuntig, albern, egoistisch, etc. Klingt homophob? Ist homophob.

Wir hassen junge Männer erst dann so sehr wie junge Frauen, wenn wir sie bezichtigen, eventuell homosexuell sein zu können.

In der Entertainmentwelt müssen wir alle Klischees einmal umdrehen, damit sie Sinn machen. Denn Bühne ist nicht Bolzplatz. Das geht so weit, dass selbst in Lack und Leder Outfits mit pinken Dreads und vollem Glitzer Make-Up niemand auf die Idee gekommen ist, dass manche Boygroup Mitglieder in fact schwul sind. Wobei das auch ein 80s, late 90s oder 00s Phänomen ist. 

Wir navigieren uns durch irgendeine seltsame Welt von Vorstellungen, die einen so unfassbaren Hass und eine Energie auf junge Frauen ausladen, dass ich mich immer noch permanent frage, wo das alles herkommt. Ich lese alle diese klugen Bücher über Reproduktion, Mütter, das Patriarchat, die Working Class, toxische Maskulinität. Ich bewege mich zwischen mindestens drei verschiedenen Lebensrealitäten wovon mindestens zwei das Wort toxische Maskulinität noch nie gehört haben und denken, dass ‚Malen‘ nichts für Jungs ist. Malen. 

Und trotzdem. Ich check’s nicht. Es gibt kein System und keinen Grund außer, dass wir auf junge Frauen scheißen. Wir strafen sie für Naivität und nennen sie dumm, wir erklären ihnen, wie sie sich anzuziehen haben, um nicht vergewaltigt zu werden oder wie sie sich zu verhalten haben, um auf dem Nachhauseweg nicht zu sterben. Spoiler: wir sollten erst gar nicht nachts auf irgendeinem Nachhauseweg sein. Diese Kolumne ist seit Wochen angelegt und alle paar Tage muss ich was Neues ergänzen, weil wieder etwas passiert ist.

Junge Frauen können eigentlich nichts richtig machen.

Greta Thunberg wird in Reddit Foren mit Vergewaltigungsphantasien bestraft, Fitness Models auf Instagram wird nachgesagt, dass sie alle gleich aussehen und alle Silikon im Arsch haben. Wir belächeln ihre beruflichen Werdegänge oder behaupten, das Problem des Gender Pay Gap wären die unklugen Berufsentscheidungen der jungen Frauen. Ganz davon abgesehen, dass in der Sekunde, in der Frauen ein neues Berufsbild kreieren, prägen und monetisieren, sie dafür gehasst werden, oberflächlich und aufmerksamkeitsgeil zu sein. Kylie Jenner lacht derweil vom Geldspeicher aus. Influenzier-Hass ist Frauen-Hass. Sagt es langsam, denkt drüber nach. Oder lest hier, hier oder hier nach.

Mocking young women for doing anything from taking selfies to running for public office remains an ingrained cultural pastime.

Natasha Gillezeau ‚Don’t dismiss the influencer industry‘

Außerdem, ratet mal, genau, sind sie alle dumm. So dumm! Wenn sie nun aber Anfang 20 heiraten und Kinder kriegen, sind sie auch dumm. Dann haben sie nicht gelebt. Wenn sie eine Affäre mit einem verheirateten Mann haben, sind sie scheiße, wenn sie nach zehn Jahren Ehe ihren Mann nicht oft genug ficken, sind sie selber schuld, wenn er fremdgeht. 

Wie gesagt, Frauen sind immer schuld an allem, aber sobald sie nicht mehr fickbar sind, werden sie zumindest bis zu einem gewissen Grad in Ruhe gelassen. Und ja, natürlich beziehe ich mich auf den grandiosen Skit ‚Last Fuckable Day‘ von Amy Schumer. Die Ausnahme sind dann Frauen wie JLo und Jennifer Aniston, die so hart fickbar bleiben, dass sie auch weiterhin so scheiße behandelt werden. Wenn man unerfolgreich aber vehement fickbar bleiben will, so wie Madonna, wird man bemitleidet, belächelt und verhöhnt. 

Fällt euch was auf? Genau. Die Leute scheißen auf uns. Egal, was wir machen. Also scheißt auf die Leute. Danke Britney, dass ich das 2007 lernen durfte, durch dich. Danke auch an Paris, deren Doku ‚This is Paris‘ ich tatsächlich geguckt habe. Und für gut befand. Und danke an die Leute hinter ‚Surviving R.Kelly‘, in der ebenfalls gezeigt wird, wie sehr wir auf junge Frauen scheißen. 

Das mit Britney haben wir alle mitgekriegt, als es passiert ist. Wir haben teilweise auch mitgemacht. So wie bei all den anderen Frauen. Vielleicht auch bei Meghan. So wie unsere Mütter bei Diana? Es ist so krass einfach zu sagen ‚Ich hasse die‘. Oder ‚guck mal, wie billig‘, ‚die Schlampe’ und mein personal Favorite ‚das hat sie jetzt davon‘. Was hassen denn die Leute so sehr an jungen Frauen? Ich habe junge Frauen als Kellnerinnen eingearbeitet, sie unterrichtet und sie später als Praktikantinnen begleiten dürfen. Ich mache Instagram auf und sehe keine junge Frau, bei der ich Hass empfinden würde. Und dennoch wird das jeden beschissenen Tag weiter propagiert. Ich red nicht von Trolls sondern von einer Kultur von ANTI. Sei es Madeleine von DariaDaria oder Prinzessin Madeleine in der Gala, immer und immer wieder kommt sofort: Ich mag die nicht. Ich hasse die. Ich kann die nicht ab. 

Was bitte? Was genau hasst du? Ihre Erfolge? Wie sie aussehen? Wie sie reden? Weil sie sich geil finden? Dürfen wir uns nicht geil finden? Was passt denn nicht und was sollen alle diese jungen Frauen ändern, damit sie mal irgendwer mag? Bis sie alle tot sind? Dann gibt’s Mitleid eimerweise. Dann wird mal das Maul gehalten. 

Können wir aufhören, uns permanent an jungen Frauen so aufzureiben? Sie so fertig zu machen? Oder funktioniert das Geschäftsmodell ‚junge Frauen hassen, fertig machen und degradieren‘ zu gut?

Ihr müsst die Doku nicht gucken und ihr müsst auch nicht #freebritney irgendwo posten. Tut mir einen Gefallen und denkt mal einen Moment drüber nach, ob es junge Frauen gibt, die ihr hasst. Und warum. 

Dieser wunderschöne blaue Kordrock ist ein Berlin-Babe von Kala Fashion, in dem ich mich wie Wonder Woman fühle. Mit dem Gürtel kann ich so tun, als hätte ich das Lasso der Wahrheit in der Hand.
Oder wie eine 70s Journalistin im Kampf gegen einen großen, bösen Konzern und gleich kommt Jane Fonda vorbei und ist die Anwältin und am Ende trinken wir Martinis. Der Rock ist gar nicht mal so schwer, also werd ich ihn sicherlich auch an kühlen Sommertagen tragen. Aber solange es so kalt ist kombiniere ich ihn mit den Schnürstiefel, die sich seit 15 Jahren in meinem Besitz befinden.
Der Rock ist ein PR-Sample. Wenn ihr könnt, unterstützt gerade in diesen Zeiten die kleinen und unabhängigen Labels in eurer Stadt!

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