Hauptstadtmutti

#3für1: Was wir tun können, damit mehr Frauen und Eltern gründen

Unter dem Hashtag #3für1 teile ich drei Tipps oder Ideen, um eine gründungsrelevante oder gesellschaftliche Herausforderung zu überwinden. 

Vier Prozent aller Start-ups in Deutschland werden von Frauen(teams) gegründet. Bei den gemischten Gründer:innenteams sind es 16 Prozent. Diese Zahlen lassen mich immer wieder aufs Neue zusammenzucken. Denn denkt man sich die Start-up- und Gründer:innenszene als Ort, an dem Zukunft gestaltet wird, an dem Innovationen entstehen, an dem alles für alle möglich sein sollte, dann passt das einfach nicht mit der Tatsache zusammen, dass dieser Ort zu 80 Prozent von Männern gestaltet wird. Gerade hier haben wir doch den Möglichkeitsraum, in dem wir es endlich mal anders machen könnten als in den tradierten Wirtschaftsunternehmen. Stattdessen greifen die gleichen Mechanismen und wirken die gleichen Vorurteile gegenüber Frauen und Eltern. Michael fördert Michael und behauptet, er würde ja gern Michaela fördern, es fände sich nur keine. 

Dass das Quatsch ist, hat der Vorfall #pinkygate erst kürzlich wieder gezeigt. Wie, ihr kennt #pinkygate noch nicht? Long story short: Zwei Typen erfinden einen überteuerten Plastikhandschuh, mit dem Frauen ihre Tampons wechseln und verpacken können, bevor sie sie entsorgen. Ein Produkt also, das Menstruierende stigmatisiert, jede Menge Müll verursacht und vor allem dazu dient, den Ekel der Männer zu lindern. Und das gleichzeitig von erstaunlicher Unkenntnis der Lebenswelt derjenigen zeugt, die das Produkt benutzen sollen. So etwas finanziert doch keiner! sollte man meinen. Doch tatsächlich fand sich in der Sendung „Die Höhle der Löwen“ ein Investor, der sowohl einen Markt für den Handschuh als auch Potenzial in dem Produkt sah. Komisch, denn an gleicher Stelle wurde zwei Gründerinnen in der Vergangenheit das Investment für ihre Periodenunterwäsche verwehrt, weil die Investoren diesen Markt seltsamerweise nicht gesehen haben, obwohl sich die Zahl menstruierender Menschen in den vergangenen Monaten nicht wesentlich verkleinert haben dürfte. Die beiden Gründerinnen von ooia haben es trotzdem durchgezogen und setzen mittlerweile Millionen mit ihrem Social Start-up um, das nicht nur nachhaltige Produkte als Ersatz für Tampons und Binden verkauft, sondern sich aktiv gegen die Stigmatisierung von Menstruierenden stark macht und die Sprache derer spricht, die es betrifft. 

Hieran zeigt sich einmal mehr, dass sich grundsätzlich etwas ändern muss, wenn wir wollen, dass alle Menschen von Innovationen profitieren. Denn das setzt voraus, dass alle grundsätzlich die Chance bekommen, diese Innovationen mitzuentwickeln. Gründen muss unabhängig von Herkunft und Geschlecht und in jeder Lebensphase möglich sein! Gerade in der Elternzeit tragen sich viele Menschen mit Gründungsideen aus dem Wunsch heraus, die Zukunft ihrer Kinder nicht dem Zufall und den herrschenden Strukturen zu überlassen. Alle diese Ideen verdienen eine Chance. Mindestens. 

Wie können wir diese Chancengleichheit erreichen? 

1. Selbstverpflichtungen, Transparenz und Frauenquote bei Investitionen

Wir brauchen mehr Frauen auf Investor:innenseite. Und mehr Männer, die sich selbst verpflichten, einen Teil ihres Investitionskapitals gezielt in Gründungen von Frauen zu investieren. Bei staatlichen Förderinstrumenten sollten 50 Prozent der Gelder in von Frauen gegründete Start-ups fließen. Und: Nicht jede Gründung muss das nächste Einhorn werden, um förderwürdig zu sein. Es sind auch die vielen kleinen inhaber:innengeführten Businesses, die unsere Wirtschaft prägen und verändern, die Arbeitsplätze schaffen und ihren Beitrag für mehr Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und ein lebenswertes Miteinander leisten. Auch sie müssen Zugang zu Investitionen bekommen. 

2. Ein neues Bild von Unternehmer:innentum

Gründungsgeschichten sind so vielfältig wie das Leben selbst. Ein Unternehmen zu gründen sollte daher nicht an das Bild eines bestimmten Lebensentwurfs gekoppelt sein, der in erster Linie vorsieht, seine gesamte Zeit und Kraft ausschließlich ins Business zu investieren. Wir müssen wegkommen vom Stereotyp des Unternehmers oder der Unternehmerin als „Arbeitstier“, von der kompletten Selbstaufgabe als nötiger Grundhaltung und Garant für den unternehmerischen Erfolg. Wenn wir die großen Herausforderungen unserer Zeit lösen wollen, brauchen wir Menschen in allen Lebensphasen und mit unterschiedlichsten Hintergründen, die Lust haben unternehmerisch zu handeln. Unternehmer:innentum darf auch bedeuten, Unternehmer:in des eigenen Lebens zu sein und es nach den eigenen Vorstellungen und mit eigenen Zielen zu gestalten. Gerade für Eltern kann das Gründen ganz neue Freiheitsräume eröffnen, die ihnen im klassischen Arbeitsverhältnis verwehrt bleiben. Und nicht zuletzt wissen gerade Eltern auch kleine Zeitfenster höchst effektiv zu nutzen. Am Ende sind es nicht die gearbeiteten Stunden, die zählen, sondern das, was man vorangebracht hat, ob in zwei oder in 20 Stunden. Mit weniger Arbeit mehr erreichen, darum sollte es gehen und darin sollten wir Gründer:innen unterstützen und ermutigen.  

3. Absicherung für Eltern-Gründer:innen und Neugestaltung der Kinderbetreuung

Ganz oder gar nicht – dieses Prinzip gilt auch nach wie vor in puncto Kinderbetreuung. Die Strukturen sind wenig transparent, Eltern müssen oft nehmen, was an Betreuungsplätzen übrig bleibt, ohne einen Einblick zu haben, wie die unterschiedlichen Einrichtungen aufgestellt sind. Die Wahlmöglichkeiten sind auf Vollzeit und Teilzeitplatz beschränkt. Modelle, die sich mit den unterschiedlichen Lebensphasen und den daraus resultierenden Bedürfnissen von Familien mitentwickeln und die z.B. bedeuten, dass Kinder und Eltern mal mehr Nähe brauchen und mal mehr Emanzipation voneinander, spielen bisher keine Rolle. Während arbeitsseitig maximal flexibles Arbeiten ein akzeptiertes und praktiziertes Modell ist, verharrt die Kinderbetreuungsseite in vergleichsweise starren Strukturen. Gerade Gründer:innen in Elternzeit brauchen aber flexible und gekoppelte Arbeits- und Betreuungsmöglichkeiten, die sie nicht noch zusätzlich finanziell belasten, weil es keine Förderung abseits von Kita und Tagespflege gibt. Und auch nach dem ersten Jahr mit Kind profitieren Mütter und Väter von Modellen, mit denen sie Arbeit, Betreuung, Förderung ihrer Kinder und Familienzeit flexibler gestalten können als es jetzt der Fall ist. Ein bewegliches System hätte zudem das Potential, pädagogisches Fachpersonal zu entlasten, die Attraktivität des Erzieher:innenberufs zu steigern und die Kapazitäten in den Einrichtungen zu erhöhen, sodass mehr Kinder unter Gleichaltrigen gefördert werden können.

Ein Business und eine Familie zu gründen dürfen sich zudem finanziell nicht ausschließen. Wir brauchen gründer:innenfreundliche Elterngeldregeln, sodass auch Menschen in der frühen Phase einer Gründung, in der sie noch keine großen Einnahmen haben, Anspruch auf Elterngeld haben, von dem sie in der Zeit nach der Geburt gut leben können. Solange Elterngeld und Einkünfte aus Unternehmer:innentum sich gegenseitig aufheben, werden Eltern systematisch ausgebremst. Auch hier sind flexiblere Modelle nötig, die die Lebensrealitäten von Gründer:innen mit Familie abbilden. 

Let’s do this!

Vier Prozent sind nicht akzeptabel. Sechzehn Prozent auch nicht. Was können wir hier und jetzt tun, um diese Zahlen nach oben zu treiben? 

  1. Unterschreibt das Positionspapier der Initiative #startupdiversity
  2. Vernetzt euch mit anderen Gründner:innen, teilt Erfahrungen und Wissen. Für Eltern-Gründer:innen haben wir das ParentPreneurs Netzwerk gegründet. 
  3. Geht am 26. September zur Bundestagswahl. Andere Länder wie Neuseeland und Finnland haben tolle, fortschrittliche Frauen als Regierungschefinnen. In Deutschland haben wir jetzt die Chance nachzuziehen. 


Über die Autorin:

Katja Thiede ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von juggleHUB Coworking, Mitgründerin und aktive Mitgestalterin des ParentPreneurs-Netzwerks für Elterngründer*innen und freie Autorin für die Themen „Neues Arbeiten“ und „Entrepreneurship“. Sie ist leidenschaftliche Netzwerkerin und Mentorin für Gründerinnen mit Kindern. Als Impulsgeberin, Speakerin und kreativer Kopf unterstützt sie Organisationen, die eine menschenfreundliche Arbeitswelt anstreben und den Austausch mit der Gründer*innenszene suchen. Daneben engagiert sie sich zunehmend ehrenamtlich für die digitale Bildung von Kindern. Nichts davon macht sie perfekt, weil das gar nicht möglich ist. Aber sie macht es – mit Herzblut und dem nötigen Maß an Improvisation. 

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