Hauptstadtmutti

Endlich wieder f*cken! Zwei Bücher zu Sex

Zwei Buchempfehlungen für euch, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die eine Gemeinsamkeit? Es wird gefickt, gevögelt, betrogen und gekommen. Reichlich. Aber es geht ja im viel mehr. So viel mehr! Es geht vor allen Dingen um Bedürfnisse und darum, wie wir uns als Frauen sehen und wen wir glücklich machen wollen, wenn wir mit anderen ins Bett steigen.

Als Einstiegslektüre empfehle ich an dieser Stelle gerne diesen alten VICE-Artikel von mir. Ich glaube nicht an Wertzuschreibungen im literarischen Bereich. Manche Buchhandelungen haben ja sogar noch ‚Frauenbücher‘ im Angebot und meinen damit Liebesromane. Viele schauen verächtlich auf pastellfarbene Buchcover mit Feen, nackten Oberkörpern und Schlössern, aber sobald Der Herr der Ringe als ‚Männer-Pendant‘ zu Romantasy Literatur Milliarden an der Kinokasse einspielt, ist es für alle legitim. Nee, nee, nee, nicht mit mir. Bücher sind Bücher, Lesen ist Lesen, es gibt geile Bücher für jeden Menschen da draußen. Whatever Rocks your boat, crumbles your cookie oder makes you glücklich, bitte lies es und schäm dich nicht dafür. Hier gibt es keine Guilty Pleasures, nur Pleasures.

Sex für Wiedereinsteiger von Mila Paulsen

Ich hätte dieses Buch nie gekauft und ich hätte es nie weitergelesen, wenn ich mich nicht gezwungen hätte. Das ist nicht die beste Werbung, aber ich möchte es dennoch weiterempfehlen, weil die letzten zwei Drittel so viel besser sind als das erste. Es geht um sehr viele Frauen, die alle an einem VHS-Kurs teilnehmen, der so heißt wie das Buch. Tilda ist Kursleiterin und im Besonderen geht es um Andrea, Maren, Iris und Anja, alle Ü40. Die Geschichte spielt in Hamburg und die Stadt ist auch co-Protagonistin. Ich würd mich so gern grad in einen Zug setzen und auch ein bisschen Luxus-Italiener schlemmen gehen, am Hafen joggen oder Sternschanze was trinken gehen. Wer unter Hamburg Vermissung leidet, dem wird hier geholfen.

Die Frauen in dem Buch sind alle prinzipiell unterschiedlich drauf: manche haben ein sehr entspanntes Verhältnis zum Thema Sex, andere sehr unglücklich mit ihrem Langzeitpartner oder sind seit sehr vielen Jahren Single und haben in der Zeit auch keinen Sex mehr gehabt. Von der Geschichte will ich nicht zu viel vorwegnehmen, außer, dass alle Frauen eine krasse Entwicklung durchleben. Der Kurs macht nämlich sehr viel mit ihnen. Für eigentlich alle stellt sich zum ersten Mal die Frage: was würde mich sexuell befriedigen bzw. was macht mich glücklich? Ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse werden zum ersten Mal in den Vordergrund gerückt, komplett ohne Verurteilung. Die Frauen lernen ihren eigenen Körper kennen und sie lernen, etwas zu sagen. Gegenüber der Außenwelt, und weil wir uns hier größtenteils in heteronormativen Langzeitbeziehungen befinden, auch gegenüber ihren Kerlen.

Auch als jemand, die sowohl ‚Untenrum frei!‘, ‚Sexuell verfügbar‘ und ‚Sie hat Bock‘ gelesen hat, konnte ich etwas mitnehmen. Vielleicht war der Anfang deshalb für mich etwas holprig. Als urban geprägter Millennial Mitte 30 langweilt mich die Vulva-Scheide-Schamlippen-Thematik schon fast, weil ich sie mir seit Jahren im Netz anhöre. In real Life muss ich mich dann mit Erzieherinnen rumschlagen, für die Scheide zu sagen schon einen Fortschritt darstellt. Des weiteren verwundert es mich nach wie vor, dass Menschen da draußen sich für ihre einstellige Sexualpartner*innenanzahl schämen könnten, bis mir dann meine Gen Z Single Freundinnen erzählen, dass Kerle das wohl heutzutage auch immer noch einfordern und dann dafür shamen. Im Tinder-Zeitalter!

Das ist meine persönliche Arroganz und meine Instagram-Bubble-Verblendung. Vielleicht, und denkt drüber nach, brauchen wir für genau diese Zielgruppe (Ü40 und nicht Internet affin) eher den Mila Paulsen Roman, der erklärt, warum wir Vulva sagen sollten und was das Patriarchat mit unseren vorgetäuschten Orgasmen zu tun hat. Der Satz funktioniert ohne ein ‚als‘ und ohne einen Vergleich, den ich muss das eine Buch nicht gegen das andere ausspielen. Ihr wisst, was ich meine.

A propos Tinder. In dem Buch wird auch darauf eingegangen, wie sich Dating an sich verändert hat und das für mich als jemand, die sie seit Anfang der 2010er Jahre nicht mehr Single war, sehr interessant. LOL, mein Mann und ich haben noch geskyped und uns über Facebook Messenger geschrieben, ahahahahah.

Die brennende Frage zum Schluss: Ja, es wird auch ordentlich gebumst. Aber so, dass die Frauen kommen und danach zufrieden sind. Das ist nicht immer der eigene Mann, aber auch das wird nicht verurteilt. Ich empfehle dieses Buch für den Urlaub…ach so, ach ja. Also ich empfehle dieses Buch für egal wann und es wird ein bisschen süchtig machen. Ich würde mir außerdem sehr wünschen, dass es verfilmt wird.

Die Männer in meinem Leben von Sofia Rönnow Pessah

Ich glaub, das einzige Buch, das ich härter zu lesen fand, war ‚Sag meinen Namen‘ von Chanel Miller – welches übrigens in meiner ewigen Top 3 der ultimativen Lebensleseliste ist. In diesem Buch von Sofia Rönnow Pessah wusste ich manchmal nicht, ob ich jetzt weiterlesen will, oder erst einmal eine zweitägige Pause machen möchte, um das zu verdauen. Die Klischee Worte, die mir augenblicklich einfallen sind hart, schonunglos, erbarmungslos. Dabei sind es keine Marquis de Sade ähnlichen detaillierten Sex-Beschreibungen, die mich so fertig gemacht haben zwischendurch, sondern dieser Blick auf ihr Verhalten und ihre Beweggründe, der im folgenden Zitat beschrieben wird.

„Sofia Rönnow Pessah erzählt präzise vom patriarchalen Blick auf sich selbst und zwanghaftem Geliebtwerdenwollen, bis einem das Lachen vergeht – nur um es kurz darauf wiederzufinden.“

Paula Irmschler

Die Protagonistin Sonia sucht und sucht und sucht und suchtet. Suchtet Alkohol, Kippen und Liebe. Zieht umher, kommt nicht klar und immer wieder will der innere Ordnungsmonk die junge Frau nehmen und sagen: KRIEG DEIN LEBEN IN DEN GRIFF. Aber darum geht es ja nicht. Ich fühlte mich zurückversetzt in diese anstrengenden Zwanziger, in denen die nächste Party, der Moment sein könnte, in dem der nächste Kerl die nächste große Liebe sein könnte. Ermüdend.

Und doch liest es sich so toll und ich konnte nicht aufhören. Die einzelnen Erinnerungen und Geschichten sind teilweise sehr kurz. Präzise Gedankensprünge ohne Kontext, außer um welchen nächsten Kerl es gerade geht. Es ist ein Kunstwerk, ein literarisches Meisterwerk mit einer Stimme, die 100% meine Generation und die da drunter sein könnte. Sofia ist zwei Jahre jünger als ich, also nochmal ein Mittendrin-Millennial. Schauplätze sind ihr Studium in Schweden, aber auch in Auslandssemester in Deutschland oder ihr Praktikum in Madrid. Die Autorin schafft genau das, was mir bei den deutschen Millennial-Coming of Age-Büchern immer fehlt: Es knallt.

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