Hauptstadtmutti

Inklusion – Sind wir nicht alle ein bisschen anders?

Inklusion. Kaum ein Begriff hat in den letzten Jahren so polarisiert und für viele hitzige Diskussionen unter Fachpersonal, Betroffenen und der Gesellschaft gesorgt. Niemand weiß so recht, was Inklusion eigentlich bedeutet, was dahinter steckt und warum man sich damit überhaupt beschäftigen sollte.

Aber kurz zurück zum Anfang, ich sollte mich vielleicht erst einmal vorstellen. Mein Name ist Märry, ich bin gerade 30 geworden und hatte bisher nur theoretischen Kontakt mit dem Thema Inklusion. Als studierte Pädagogin und angehende Lehrerin hatte ich in meinem Studium sehr viele Berührungspunkte mit diesem breitgefächerten Thema. Zum Anfang meines Studiums, 2011, war das Thema gerade wieder frisch und neu in den Unis, denn die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 spülte das Thema in die Lehrpläne und plötzlich sollten alle „Inklusion“ lernen und lehren. Heute, fast 10 Jahre später, schaue ich mit gesengtem Blick zurück, denn gefühlt hat sich bis heute sehr wenig getan. Der Weg der Umsetzung steckt noch immer in den Kinderschuhen. Was sich aber in den 10 Jahren deutlich verändert hat, ist mein Kontakt zum Thema Inklusion. Denn vor einigen Monaten wurde aus meinem theoretischen Kontakt plötzlich ein persönlicher.

Was ist das eigentlich „Inklusion“?

Im Unterricht male ich dazu zuerst einige Zeichnungen an die Tafel, die deutlich die Unterschiede zwischen Inklusion, Integration und Exklusion zeigen. Exklusion bedeutet, dass Menschen, die auf welche Weise auch immer anders sind, ausgegrenzt werden. Bestes Beispiel dazu ist der Nationalsozialismus, der ganz eindeutig eine Reihe von Menschen ausgegrenzt hat, die nicht in das perfekte Bild eines Menschen gepasst haben. Integration, einer der bekanntesten Begriffe in diesem Zusammenhang, will die Menschen, die besonders oder anders sind, integrieren. Und zwar in die Gesamtgesellschaft. Inklusion bedeutet nichts anderes, als der Einschluss aller in einer Gesellschaft.

Fällt euch etwas auf? Bisher habe ich das Wort „Behinderung“ oder „Menschen mit Behinderung“ noch nicht benutzt und das hat einen guten Grund.

Ab wann ist es Inklusion?

Theoretisch gesehen, sind alle Menschen, die dem Ideal-Bild nicht entsprechen nicht normal. Da ich eine Brille trage, entspreche ich nicht dem Ideal-Bild. Bin ich deswegen anders oder nicht normal? Der Begriff der „Behinderung“ ist in unserer Gesellschaft noch heute sehr negativ behaftet und stigmatisiert. Durch das Übereinkommen der UN-Behindertenrechtskonvention soll allen Menschen der barrierefreie Zugang zur Gesellschaft, zur Bildung und zur Erziehung möglich gemacht werden. Wenn möglich sollen also alle Barrieren auf Minimum reduziert werden.

Die große Frage bleibt also weiterhin: Ab wann ist es Inklusion? Ab wann ist ein Mensch nicht normal, anders und braucht Unterstützung, um ohne Barrieren eingeschlossen zu werden? Eine richtige Antwort gibt es darauf nicht.

Inklusion im Bildungsbereich

Da der Bereich Bildung mein Fachgebiet ist, fangen wir am besten genau hier an. In den letzten Jahren haben die Fallzahlen von Kindern mit Auffälligkeiten drastisch zugenommen. Woran das liegt? An einem gemeinen und falschen Kreislauf, der hoffentlich irgendwann wieder durchbrochen wird.

Die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern war in den letzten Jahren häufig sehr theoretisch, oberflächlich und wenig pädagogisch. Im Alltag stoßen viele Lehrer mit Kindern, die nicht nach Schema F funktionieren schnell an ihren Grenzen und suchen sich Hilfe. Dieser Hilferuf ist genau richtig. Was danach aber passiert, bereitet vielen Pädagogen große Sorgen. Denn immer häufiger werden sehr schnell Diagnosen gestellt, die in vielen Fällen vielleicht keine sind. Und zack klebt auf einem Kind ein Stempel und es braucht besondere Förderung.

Am anderen Ende werden Gelder gespart, indem Förderschulen geschlossen werden und Schüler, im Grundgedanken der Inklusion, an Regelschulen ganz normal beschult werden sollen. Dass das im Alltag nicht möglich ist, sollte einleuchtend sein. Viele Schulen teilen sich Förderschullehrer, die immer wieder stundenweise in einzelnen Klassen unterstützend tätig sind.

Ein weiteres großes Problem sind die schnellen Diagnosen bei Kindern, die aufgrund ihrer Sprachprobleme Auffälligkeiten zeigen. Wer schon einmal versucht hat, einen Termin bei einem Kinderpsychologen zu bekommen, weiß, wie lang die Wartezeiten sind. Unser System ist total überlastet, die Kinder werden husch husch begutachtet und eine schnelle Diagnose spült wieder Geld für Förderungen, Therapien und schulische Unterstützung in die Kassen.

Die Verlierer im System

Die großen Verlierer im System sind Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und deren Kinder. Eltern, die dringend an die Hand genommen werden müssen. LehrerInnen, die Dinge im Unterricht leisten müssen, die sie nie erlernt haben und für die die Zeit im Alltag häufig gar nicht reicht. Oftmals sind Diagnosen, Therapien und Bedürfnisse falsch und unpassend gestellt und umgesetzt.

Zum Thema Hilfe gibt es einen weiteren Artikel, denn so individuell wie die  unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern sind, sind auch die Möglichkeiten der Hilfe. Und vielleicht erzähle ich euch dann von meinem persönlichen Kontakt mit dem Thema Inklusion und meinen Tipps. 

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