Nach der Trennung: Von mütterlicher Fürsorge und überforderten Familiengerichten

Trennung

Ich habe mich getrennt. Zwei Mal. Aus beiden Beziehungen sind zwei wunderbare kleine Jungs entsprungen. Mein Herz und meine Seele. Sind wir aus der ersten Trennung trotz großem Schmerz einigermaßen glimpflich herausgekommen, endete die zweite mit Jugendamt. Anwälten. Gericht. Sachverständigen.

Ja, sogar ein psychologisches Gutachten hat es gegeben. Man sagt, dass solche psychologischen Gutachten bei Obsorgeprozessen eine bedeutende Rolle spielen. Sie sollen definieren, wer von beiden Elternteilen die größere „Bindungstoleranz“ hat, wem das Kind am nächsten steht, sprich, wer erziehungsfähiger ist. Aus solch einer Prämisse kann sich am Ende nur ein Verlierer herauskristallisieren, und das oft in Fällen, in denen eigentlich nur eine Regelung angestrebt wird, die für alle Beteiligten einigermaßen lebenswert ist und vor allem für das Kind die geringste Belastung mit sich bringt. Weil Eltern oft zugemüllt von gegenseitigen Vorwürfen und monatelangem Kämpfen nicht mehr in der Lage sind, sich sachlich an einen Tisch zu setzen und solch ein schwieriges Gespräch ohne Hilfe von außen hinzukriegen. Man hat es mit Mediation probiert, man war bei Paartherapeuten, hat geredet, geheult und geschrien, um am Ende doch wieder in getrennten Betten zu schlafen.

Und so sitzt man sich irgendwann mit schlotternden Knien gegenüber vor Gericht, sieht sich nicht an und lässt die Anwälte das sagen, was man selbst nicht mehr artikulieren kann. Man lässt es zu, dass ein Gutachter in das zerrüttete Familienleben eindringt, um hinterher eine Bewertung zu schreiben. Man erzählt offen über seine Kindheit, seine Eltern, von früheren Beziehungen bis hin zu heute. Man gibt sich offen und ehrlich dem Prozess hin und wird währenddessen immer wieder mit den Aussagen des anderen konfrontiert. Bei der Polizei nennt man das ein Kreuzverhör. Man möchte seine Wunden lecken und verarbeiten, doch dafür ist jetzt keine Zeit.

Die Gutachterin sitzt auf dem Sofa und isst die hausgemachte Linzertorte. Sie notiert sich immer wieder Dinge und blickt kritisch zur Badezimmertür, als Sohn Nr. 2 heulend davor steht. Sein Bruder hat sich gerade eingesperrt, um in Ruhe Pipi zu machen. „Macht er das oft? Weinen, wenn die Tür zu geht?“, erkundigt sie sich mit angesetzten Stift. Ist das eine Fangfrage?

Zwei Monate vergehen und eines Tages liegt das psychologische Gutachten im Postfach. 50 Seiten. Man bringt die Kinder ins Bett und fängt an zu lesen. Muss immer wieder inne halten, weil der Inhalt unerträglich ist. Da ist es wieder, das Beingeschlottere. Gewagte Interpretationen und Spekulationen ziehen sich wie eine rote Kordel durch das Werk. Falsche Widergaben meiner Aussagen, gefolgt von diffamierenden Geschichten der Gegenseite. Man wird analysiert und auseinandergenommen, aus den knappen Erzählungen zur Kindheit und dem jetzigen Lebensstatus werden einem Verhaltensstörungen angedichtet, zu dessen Ergebnis sie weder gebeten wurde, noch die ausreichenden Qualifikationen hat. Der Vater hingegen brilliert. Seine feindlichen Aussagen werden verständnisvoll übernommen und an keiner Stelle hinterfragt.

Für Frau W., die an jenem Freitag den nun schon 2. Termin frühzeitig gekürzt hatte, weil die Kirchenglocken 12 Uhr schlugen und ihr Magen knurrte, wäre das Hinterfragen, sprich ihre Arbeit ordnungsgemäß zu erledigen, vermutlich zu viel Aufwand gewesen. Der Hausbesuch bei uns wird knapp wiedergegeben, denn schließlich ist es ja selbstverständlich, dass eine Mutter sich ordentlich zu kümmern hat und den Kindern das größte Zimmer in der Wohnung schön einrichtet. Auf der anderen Seite hingegen fehlt gerade noch das Vaseninventar des Vaters und die Rekonstruktion ihrer Visite im Minutentakt wäre komplett. „Er gab ihm eine Banane, er setzte sich mit dem Kind auf den Boden und stand wieder auf. Dann nahm er ihn auf den Arm und holte ein Bilderbuch…“ und dann bekam er dafür eine „Vater des Jahres “Medaille“ und alle jubelten ihm zu „Bravo! Das hast du aber toll gemacht, wie du diese Banane geschält hast, Wahnsinn!“

Ihre Voreingenommenheit hat Frau W. an keiner Stelle versucht zu verbergen, nicht mal anstandshalber.

Wo sind wir inzwischen gesellschaftlich angekommen, wenn dem Vater von vornherein ein Bonus eingeräumt wird – schlichtweg, weil es Jahrzehnte andersrum war?
„Das Kind hat eine enge Bindung zur Mutter“. Ja und? Seit wann ist das etwas Bedenkliches? Wäre es nicht bitter, wenn es nicht so wäre? An wen, verdammt noch mal, soll das kleine Wesen denn gebunden sein, wenn nicht an seine Mutter? An den Vater. Natürlich auch, aber der Punkt ist doch ein ganz anderer. Niemand wollte hier den anderen ausschließen. Geht denn aus der engen Bindung zur Mutter hervor, dass der Vater benachteiligt wird? Was hätte denn der Vater davon, wenn sein Kind eine gestörte Beziehung zur Mutter hätte?

Das andere große Wort, dass ich erst seit einem Jahr kenne, heißt „Bindungstoleranz“. Das bedeutet, dass ein Elternteil die Bindung des Kindes zum anderen Elternteil (und zu anderen Bezugspersonen) respektiert und fördert. Wie vielen anderen Müttern auch wurde mir der Befund „mangelnde Bindungstoleranz“ zum Verhängnis. Weil ich es gewagt habe zu behaupten, dass ein einjähriges Kind, dass gefühlt gestern noch gestillt wurde und jede Nacht an mir klammernd schläft eher die Mutter braucht und ein Wechselmodell in dem Alter sich definitiv als schädigend herausstellen würde. Wie bitte??? Aber ein Kind braucht doch seinen Vater genauso, und wenn dann bitte schön 50/50 – denn nur so ist es gerecht–, da Väter seit 2013 dieselben Rechte haben. Sagt das Jugendamt und die Verfahrensbeiständin, die eingeschaltet wurde, um das Wohl des Kindes zu vertreten. Des Kindes, versteht sich. Nicht des Vaters! Also wird mir die mangelnde Bindungstoleranz diagnostiziert, auch wenn der Vater derjenige ist, der ganz offensichtlich die enge Bindung des Kindes an den anderen Elternteil, also mich, nicht erträgt. Auch wenn ich in fünf Seiten begründen kann, weshalb es aus biologischer und psychischer Sicht für das Kind besser wäre, wenn es in den ersten Lebensjahren einen festen Wohnsitz hat und sich die Unruhe eines permanenten Hin und Hers schon jetzt auf negative Art bemerkbar macht. Auch wenn ich immer wieder LAUTHALS anmerke, dass es nie meine Absicht war, dem Kind seinen Vater zu verwehren, sondern ich lediglich eine altersgerechte Lösung finden möchte, die man später ausbauen kann. Auch wenn der Vater meine Argumente ignoriert, weil bei „ihm geht es dem Kind ja gut“, auch wenn Kinderpsychologen sich einig sind, dass Stabilität das A und O einer gesunden Entwicklung ist und der sich immer wiederholende Bruch zur Mutter in späteren Jahren negativ auf die Psyche auswirken könnte, sehen alle Beteiligten nur eines: die böse Mutter, die dem engagierten Vater das Kind wegnehmen will.

Ich will hier kein Plädoyer schreiben und alle Kinder unabdingbar zur Mutter gehörig machen, aber es soll ein Denkansatz sein, eine Warnung davor, nicht ins umgekehrte Extrem zu verfallen. Wenn Mutterliebe zunehmend als Hinweis auf suspekte Charakterzüge gilt und die symbiotische Liebe der Kinder zur Mutter als Beweis für eine krankhafte Bindung steht, wenn Richter Gutachter einschalten, deren Ziel es ist einen Elternteil anhand von oberflächlichen Diagnosen und unbefugten Analysen zu präferieren und somit die Eltern nach der Trennung noch mehr auseinandertreibt, dann hat das System versagt, und zwar komplett.

Foto: Theresia Koch

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