Schwanger im Studium

Schwanger im Studium: Glücklicher Zufall oder unglücklicher Unfall?

Mein Mitbewohner im Bachelor-Studium war Anfang 30, Inhaber einer erfolgreichen Computerspielfirma und längst fertig mit seinem Studium. Nach und nach heirateten seine Freunde, bekamen Kinder und fingen an, sich wieder zu trennen. Er blieb der kinderlose Single. Doch wie viele kinderlose Menschen ohne Beziehung, glaubte er, die besten Ratschläge zum Thema Familienplanung erteilen zu können.

Einen dieser Ratschläge teilte er regelmäßig mit mir und meinen Freundinnen:

„Werdet im Studium schwanger! Ihr werdet nie wieder so viel Zeit haben!“

Nun bin ich mir nicht sicher, ob er damit erreichen wollte, dass eine meiner Freundinnen ihm irgendwann um den Hals fallen und sagen würde, JA BITTE. Jedenfalls blieb er bis zu meinem Umzug nach Berlin Single.

Damals war ich Anfang 20 und hatte andere Sorgen, als ein Kind zu bekommen. Besser gesagt, ich hatte gar keine Sorgen! Ich war nämlich wie gesagt Anfang 20, studierte, arbeitete viel, um reisen zu können, ging feiern und genoss mein Leben in vollen Zügen. Geil, oder? Puh, das waren noch Zeiten.

Fast forward nach Berlin und mich einmal nach Mitte/Ende 20 und zum Ende meines Masterstudiums katapultiert: Ich wurde etwas unerwartet schwanger. Aber wirklich nur etwas, denn du mein Schatz, wenn du das hier in der Zukunft liest, warst das absolut traumhafteste Wunschkind!

Ich dachte wieder einmal an meinen Mitbewohner. Sollte er Recht behalten? War es am Ende die glückliche Fügung des Schicksals während des Studiums ein Kind zu bekommen? Aber es war ja noch etwas Zeit und prinzipiell stand nur noch die Masterarbeit und Beendigung eines letzten Kurses aus! Haha, ’nur noch‘.

Falls ihr das hier gerade lest, und vielleicht noch keine 30 seid, und eigentlich das Studium eure Hauptbeschäftigung ist, oder ihr jemanden kennt, die gerade in dieser Situation ist, vielleicht kann ich euch helfen. Denn ja, das kriegt man alles irgendwie hin.

Organisier dein Studium. Und zwar schwanger.

Sobald man die Diagnose „schwanger“ erhalten hat, und bevor man in Panik verfällt, sollte man zunächst einmal in Ruhe durchatmen, und sich freuen. (Dieser Text ist aus meiner, also der heteronormativen Perspektive eines Paares beschrieben, das prinzipiell Kinder wollte, und für die Abtreibung eigentlich nicht in Frage kam. Dass viele junge Frauen mitten im Studium auch ohne Partner so richtig unabsichtlich schwanger werden können, und dann ganz andere Probleme haben, ist mir klar. Aber auch da gibt es Beratungsoptionen, Finanzierungsoptionen und die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs.)

Oder auch ein bisschen gesunde Panik aufkommen lassen? Wie soll man das alles schaffen? Sollte man das Studium abbrechen? Unterbrechen? Musste das jetzt sein?

Genauso wie ein Studium ist auch jede Schwangerschaft anders, jede Geburt, jedes Kind. Die Hinweise, Tipps und Vorschläge, auf die ich hier hinweise, sind natürlich nichtig in dem Moment, indem Komplikationen auftreten. Es kann sein, dass man plötzlich zur Bettruhe gezwungen wird und tagtäglich zu müde ist, um wissenschaftliche Texte zu lesen. Es kann sein, dass die Geburt in einem Notkaiserschnitt endet, und man auch acht Wochen danach noch nicht körperlich genesen ist. Und es kann sein, dass sich ein leichter Wochenbettblues in eine postpartale Depression entwickelt.

Es macht einen Unterschied, ob man das Kind mit einem Partner zusammen erwartet, ob man schon während der Geburt weiß, dass man alleinerziehend sein wird, ob der Partner auch studiert, promoviert oder schon im Berufsleben ist, ob man als werdende Mutter oder Vater zu Beginn des Studiums oder am Ende steht, ob die Geburt mitten in die Prüfungsphase oder in die vorlesungsfreie Zeit fallen wird, ob man die Erste im Freundes- oder Familienkreis mit Kind sein wird, oder ob schon zahlreiche Bekannte ihr Leben mit Kindern bestreiten. All diese zum Teil recht widersprüchlichen Faktoren machen einen erheblichen Unterschied.

Doch was ich euch direkt mit auf den Weg geben möchte: Seid nicht blauäugig. Ein Kind und ein Studium zu vereinbaren sind eine ganz andere Herausforderung, als einen Job und ein Kind zu vereinbaren (mal ganz davon abgesehen, dass man auch im dualen Studium schwanger werden kann, oder schon längst arbeitet und nebenher einen Master mach …). Ihr seid vielleicht flexibler mit eurer Zeiteinteilung, doch ihr habt in beiden Lebensbereichen keinen Feierabend. Ich hatte das Gefühl, immer an irgendetwas arbeiten zu müssen. Geht davon aus, dass euer Studium länger dauern wird und habt kein Problem damit.

Versucht nicht das Maximum zu schaffen, sondern das Minimum

In diesem Sinne habe ich mich einmal hingesetzt und versucht, mich zu erinnern, welche neudeutschen ‚Learnings‘ ich aus meiner Uni-Schwangerschaft mitgenommen habe. Bevor ihr eure Schwangerschaft in der fünften Woche an die große Glocke hängt: Abwarten. Das ist jetzt vielleicht knallhart, aber:

„Die meisten Fehlgeburten geschehen, ohne dass die Frau es merkt: bevor sich die Eizelle einnistet. Man geht davon aus, dass bei Unter-30-Jährigen rund die Hälfte der befruchteten Eizellen abgehen, bei älteren Frauen sogar noch mehr. Ab dem Zeitpunkt, ab dem die Schwangerschaft ein leichter Wochenbettblues in eine postpartale Depression ist, also etwa ab der 5. Woche, beträgt die Rate der Fehlgeburten rund zehn bis 15 Prozent. Viele werdende Mütter warten bis zur 12. Schwangerschaftswoche, bevor sie ihrem Umfeld von der Schwangerschaft erzählen, weil etwa 80 Prozent der Aborte vor diesem Zeitpunkt stattfinden.“

Nächster Schritt. Jede Uni und jedes Studentenwerk hat Sprechstunden für studierende Eltern, für Studium mit Kind, für Finanzierungsmöglichkeiten für schwangere Studentinnen. Ich würde mich so schnell wie möglich mit dem Studentenwerk vor Ort, der Sozialberatung der Universität und den universitären Kinderbetreuungseinrichtungen in Verbindung setzen. Einfach einen Termin vereinbaren, und die BeraterInnen vor Ort mit Fragen förmlich bombardieren. Warum?

Nun, die Beratungsstellen wissen am besten Bescheid. Sie können euch von Anfang an zur Seite stehen, sie sind meiner Erfahrung nach sehr nett und ihnen ist keine Frage zu blöd. Spart euch also stundenlange Suchmaschinensitzungen und bereitet lieber einen detaillierten Fragenkatalog für euren ersten Beratungstermin mit der zuständigen Stelle vor. Jede Uni ist anders und so ist auch jedes Studium. Eine Bachelorstudentin der Medizin hat andere Herausforderungen als eine Doktorandin für französische Kunstgeschichte.

Einige Hochschulen bieten ganztägige Kinderbetreuung an. Es gibt neben Ämtern und sonstigen offiziellen Ansprechpartnern, die Informationen und konkrete Hilfe bieten, auch studentische Vereine, kirchliche / politische Vereinigungen, Elterninitiativen an Hochschulen, Kita vom Asta, etc. Göttingen bietet sogar Studentwohnungen und Zimmer für Studierende mit Kind an!

Was man in der Sprechstunde fragen könnte:

  • Gibt es eine Krippe oder Kita an der Universität und habe ich einen Anspruch auf einen Platz? Wann, wie, bei wem sollte ich mich bewerben oder vorstellen?
  • Was für finanzielle Hilfeleistungen kommen für mich in Frage? (Je niedriger euer Einkommen ist, desto mehr Anspruch habt ihr.)
  • Welche bürokratischen Hürden kann ich während der Schwangerschaft in Anspruch nehmen? Sprich, was kann ich ohne Geburtsurkunde des Kindes ausfüllen, beantragen, abschließen?
  • Gibt es ein Mutter-Kind-Wohnheim?
  • Gibt es einen Mutter-Kind-Raum in der Bibliothek?
  • Was muss ich nun bei meinem Bafög beachten?
  • Was passiert, wenn ich nicht zu den Prüfungen erscheinen kann? Brauche ich ein Attest für meine Schwangerschaft?
  • Was passiert, wenn ich mir ein Urlaubssemester nehme?
  • Wäre ein Uniwechsel ratsam? Zum Beispiel in die Nähe meiner Eltern?

Jede noch so kleine Frage kann in diesen Beratungsterminen gestellt werden, also sammelt! Das sind genau die Leute, die euch helfen können. Fragen, die ihr euch selbst stellen solltet:

  • Wie lange möchtet ihr „ausfallen“?
  • Wollt ihr sechs Wochen nach der Geburt wieder durchstarten?
  • Nehmt ihr zwei Urlaubssemester?
  • Geht ihr in Elternzeit?
  • Brauche ich eine eigene Wohnung? Sollte ich aus der WG raus? Muss ich jetzt mit meinem Freund zusammenziehen? Brauchen wir eine größere Wohnung?
  • Muss ich heiraten?

Meine Antwort auf all diese Fragen: Keine Ahnung. So wie ich es gemacht habe, war es am Ende auch ok., aber ich hätte mich auch weniger stressen können. Zumal ich natürlich eh schon mit Studium, Job, Umzug, Schwangerschaft und Hochzeit genug zu tun hatte.

Ihr könnt nicht voraussagen, wie eure Schwangerschaft wird. Meine war anstrengend, und zwar so richtig. Ich hätte mich schon ab dem fünften Monat nur noch hinlegen können, ab dem achten Monat musste ich das dann sogar. Ich war zudem so dulle im Kopf, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, und sicherlich keinen wissenschaftlich fundierten. Wirklich alle haben mir geraten, die Masterarbeit vor der Geburt des Kindes zu schreiben. Hab ich nicht geschafft. Ich wollte sie dann in der Elternzeit schreiben, ging aber auch nur, weil mein Mann und ich uns die 50/50 aufgeteilt haben. Ich war froh, dass wir vorher in eine größere Wohnung umgezogen sind, aber ich kenne auch junge Eltern, die bis heute in einer 1-2-Zimmerwohnung sind.

Ich fand es sehr, sehr schwer, eine Masterarbeit zu schreiben, während ich eigentlich ein Jahr lang nicht geschlafen habe. Nicht, dass mein Studium nicht anspruchsvoll war, aber ich weiß nicht, ob ich einen Jura-Abschluss gepackt hätte. Manchmal ist es vielleicht wirklich ratsam, einfach eine Pause einzulegen und in Ruhe weiter zu studieren, wenn das Kind alt genug für Kita oder ähnliches ist. Dann gibt es aber auch wieder Mütter, die richtig Energie aus ihrer Schwangerschaft ziehen und durchpowern, bevor sie in den Kreißsaal müssen. Das muss dann aber jede für sich selber entscheiden.

Foto: unsplash.com/Daiga Ellaby

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