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Wie kehrt man zurück zur „Leichtigkeit“ nach einer terroristischen Attacke? – Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

An einem Montag im Dezember bin ich krank geworden. Das stimmt so nicht. Ich war schon in der Woche davor krank und hab mich trotzdem zu zwei Weihnachtsfeiern geschleppt. Ich hab mich um ein krankes Kind gekümmert und mich in einen Zug in die Heimat gepackt um am letzten Adventswochenende die ersten zwei von insgesamt sechs Weihnachtsfesten zu begehen. Um die eigentlichen Weihnachtstage entspannter zu machen, hab ich mir präventiv die Freizeitstresskugel gegeben.

Mein Mann ist auch krank geworden. Er hat sich die Woche zuvor mit mir gemeinsam durch den vorweihnachtlichen Wahn gekämpft. Als ich also auf dem Rückweg von meiner Ärztin am Montag war und unsere Medikamente von der Apotheke abholen wollte, dachte ich mir, ich hol mal noch fix diese Pakete ab, die am Wochenende kamen, als wir Weihnachten vorgefeiert haben. An der Bushaltestelle mache ich eins nach dem andere auf. Beim letzten dachte ich mir, „Die Leichtigkeit“? Graphic Novel? Ah ja! Das war doch, hier, die Überlebende von dem Charlie Hebdo Attentat, Catherine Meurisse!

Puh, das heb ich mir mal für ganz wann anders auf. Ich schleppte mich nach Hause. Wir stritten darum, wer gesund genug ist, das Kind abzuholen und kamen irgendwie durch den Tag. Alltag.

Abends gingen wir früh schlafen. Sehr früh. Als das Telefon klingelte, wusste ich, irgendwas ist passiert. Sehr wenige Menschen haben unsere Festnetznummer und noch sehr viel weniger Menschen würden sich trauen, mitten in der Nacht anzurufen. Aber es war ja noch nicht einmal 21 Uhr. Mein Vater. Handynummer. „SEID IHR ZUHAUSE?“ – „Papa, du rufst bei uns zu Hause an. Wir sind zu Hause.“

Ich werde diese Panik in der Stimme meines Vaters nie vergessen.

Wir wohnen zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof, sag ich immer. Unsere Wohngegend fühlt sich etwas komisch an, nach Paris. Brüssel. Und überhaupt. Ich muss oft in den Hauptbahnhof. Der Drogeriemarkt und Supermarkt dort haben jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet. Die Apotheke 24h. Unschlagbar. Manchmal hab ich mulmige Knie. Aber nur manchmal, ganz, ganz selten. Wir wohnen keine 3km vom Breitscheidplatz entfernt. Für meine Eltern ist das so gut wie nebenan.

Mein Vater beruhigt sich. Aber ich bin wach. Wir haben keinen Fernseher, also checke ich Twitter, Facebook, Tagesschau, Polizei Berlin und die New York Times. Dann mache ich alles schnell wieder aus. Ich laufe schnell zum Kind und gucke. Alles ist gut. Natürlich ist alles gut. Auf dem Weg zurück zum Schlafzimmer sehe ich die abgeholte Post. „Die Leichtigkeit“ liegt ganz oben.

Ich nehme es in die Hand und setze mich auf den Fußboden. Zwischen den Weihnachtsstern, die dreckigen Schuhe und der Wäsche, die zur Reinigung muss. Ich setze mich mitten in unser Leben rein und hab kurz mulmige Knie. Dann bricht auf einmal alles aus mir raus. Mein Fieber, mein schmerzender Hals, mein dicker Kopf, die Termine, der Stress, die Arbeit, das Kind, meine Ehe, und ich denke mir: Du privilegiertes Miststück, du bist am Leben! Du lebst in einer Stadt, in der das alles so zum ersten Mal passiert gerade! Was ertragen andere Mütter in anderen Ländern! Syrische Mütter mit denen du schon gesprochen hast! Alleinerziehende Mütter in den USA! Was hat deine eigene Urgroßmutter durchgemacht als ethnische Deutsche in der Sowjetunion?

Mir geht es gut. Ich atme tief ein und aus und nehme das Buch.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Bücher sind mein ein und alles. Sie sind für mich mehr als Unterhaltung, mehr als Schrift auf Papier und Geschichten. Und Catherine Meurisses Buch hab ich in dem Moment verschlungen. Was macht man, wenn man morgens zu spät zur Arbeit kommt und dann da steht und sie sagen einem, da findet eine Geiselnahme statt, versteck dich, und hagelt Kugeldonner und man verliert den Überblick und die Ruhe und alles. Dann hat man Leibwächter und alle Freund*innen sind tot. Man begibt sich auf einen Weg und man versucht Träume und Erinnerung und Gegenwart und das Leben sowie das Erlebte zu verarbeiten. Aber wie? Wie?

Es gibt da eine Doppelseite, die hat mich runtergezogen und rausgerissen. Sie zeichnet da ein Bild von sich selbst wie sie ertrinkt, in ihrer Überforderung. Ich habe selten ein so bewegendes Buch gelesen. Ein so wichtiges. Mit dieser unglaublichen Kraft, und Hilflosigkeit. Die Bilder sind Perfektion, manchmal sind es nur Umrisse, doch dann bewirken die Worte, dass man auch lachen muss. Dieser sarkastische Humor, dieses Hebdo. Ihre Wahrnehmung der Welt, die plötzlich alle ‚Je Suis Charlie‘ schreien, ist unbeschreiblich.

Den meisten von uns ist nichts passiert. Die meisten von uns leben in Berlin und wir lieben in Berlin und wir lieben Berlin. Niemand hält uns davon ab, unser Leben zu leben. Und warum auch? Angst bringt keinem Menschen was. Hass auch nicht.  Haben wir alle dieses Video von Rayk Anders gesehen? Wenn nicht, tut es. Er bringt es auf den Punkt. Meine mulmigen Knie sind nicht weg, aber das ist okay, sie helfen mir bei der Leichtigkeit beim Rausgehen.

 

Das Buch ist inzwischen fast überall vergriffen, wird aber zum Jahrestag des Attentats am 7.1. in der zweiten Auflage erhältlich sein. Catherine Meurisse kommt im März nach Deutschland.

Dienstag, 7. März 2017: Hamburg, Uebel + Gefährlich
Mittwoch, 8. März 2017: Berlin, Kino Babylon
Donnerstag, 9. März 2017: Frankfurt, Literaturhaus

 

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Carlsen

D: 19,99 €

Größe  20,00 x 26,50 cm

Seiten 144

Alter    ab 14 Jahren

ISBN    978-3-551-73424-2

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