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Food Friday: Eat-Art-Literatur von Stevan Paul // Der große Glander

Wenn ich könnte, ich würde den ganzen Tag nur lesen und essen. Da wir aber in einer superoptimierten Zeit leben, lese ich einfach übers Essen! Am besten von jemandem, der sein Handwerk versteht. Stevan Paul ist so einer. Ausgebildeter Koch, Redakteur bei essen+trinken, Foodstylist, Blogger, Autor von zwei Bänden mit kulinarisch-literarischen Kurzgeschichten und nun also auch noch ein Roman: „Der große Glander.“

Der große Glander

Zunächst einmal: Knallerfarbe. Da gucken die Leute in der Bahn, wenn man den Glander auspackt. Ich hab mich gefreut, mal wieder einen schönen Roman zu lesen. Nichts Anstrengendes, etwas für die Seele, und mit einem vernünftigen Ende, wird mir versprochen.

„Ich habe immer alle Kinder ermutigt, auch im Versagen, das ist ja auch wertvoll, Fehler zu machen, sich zu irren, zu scheitern, ich sag immer: Leute! Leute, sage ich, graden Lebensweg kann jeder gehen, wer aber einen kurvigen Lebensweg geht, der hat doch am Ende viel mehr gesehen!“

Hach ja. Genau um diesen kurvigen Lebensweg vom großen Gustav Glander geht es. Aus der Provinz in die Mega-Großstadt New York, wo er als „Eat-Art“ Künstler weltberühmt wird. Ja, Eat-Art gibt es, ich hatte mal wieder keine Ahnung von nichts ich Dorfkind. Bei uns wurde Essen noch gegessen.

Der große Glander

 

„Essen ist persönlicher als Sex.“

Und die Geschichte? Von heute auf morgen verschwindet er, der Glander, und hinterlässt eine traurige Kunstszene, ratlose Journalisten und eine toughe Mutter. So. Und mehr kann ich nicht verraten, sonst #spoiler ich.

Der Autor Stevan Paul fotografiert seit Jahren jede Mahlzeit, die er zu sich nimmt, auch wenn sie nicht besonders ‚Glam’ ist. In dem Buch wird Essen natürlich sehr wichtig genommen. Auch unsere Essenskultur, und unser rastloses Verhalten wird kritisiert. Heutzutage essen wir ja fast nur noch aus Optimierungsgründen.

„Wer sich für Kunst begeistert und für Kultur ganz allgemein, der liebt meistens auch die Kulinarik, denn auch das Kochen ist eine Kunst. Es geht in unserer Gesellschaft ja längst nicht mehr ums Überleben, wir brauchen ja keine Überlebensküche mehr, wie das noch bei unseren Großeltern der Fall war. Wer kocht, erschafft etwas, etwas Neues, wer kocht, schafft ein Statement, eine Aussage, etwas, das unterschiedlichste Deutungen zulässt, und ich rede hier nicht über schmeckt und schmeckt nicht. Und nicht zuletzt sind es die kulinarischen Kunststücke eines Kochs oder einer Köchin, die wir nicht nur an uns heranlassen, wie ein Bild oder ein Stück Musik beispielsweise, nein, wir lassen sie in uns hinein, sie werden ein Teil von uns! Das finde ich spannend. Essen ist persönlicher als Sex. Es verändert unseren Körper, es beeinflusst unseren Körper und Denken.“

Der große Glander

Für mich ist das Buch aber vor allen Dingen auch ein Buch über Arbeit. Über die Liebe zur Arbeit und zum Handwerklichen. Es geht darum, dass man sein eigenes Leben selbst gestalten kann und sich darüber im Klaren sein muss, dass man die Freiheit hat, seine Tage mit der Art von Arbeit zu füllen, die einen glücklich macht. Und dass nicht alles, was wir Arbeit nennen, auch erfüllt. Manchmal macht es mehr Spaß, zu schwitzen und zu werkeln, bis man buchstäblich etwas Handfestes vor sich hat. Und nein. Eine Excel Tabelle zählt nicht.

„Die kleinen Schnittwunden unter den Pflastern an seinen Fingern brannten. Er roch nicht gut. Er war todmüde und lag doch wach im Bett, hörte sein eigenes Blut rauschen. Er war sehr glücklich.“

Lässt sich wirklich schön lesen, die Dialekte haben mir sehr gefallen, auch die Zeitreisen in die 1990er und natüüüüürlich das Essen. Foodpornliteratur vom Feinsten. Nicht vergessen ein Glas Wein beim Lesen zu trinken.

Hier noch ein schöner Video-Beitrag mit Stevan Paul: Was macht Kochen zur Kunst?

Noch ist Stevan Paul auf Lesereise. Vorbeischauen lohnt sich, denn es wird nicht nur gelesen!

Stevan Paul – „Der große Glander“ ist im Mairisch Verlag erschienen // ISBN 978-3-938539-40-8 // 20,00 Euro.

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