Hauptstadtmutti

Olga Grjasnowa interviewt Elina Penner: Ohne Birken keine Nachtbeeren

Dieses Jahr wird es zehn Jahre her sein, dass mein Mann mir den Debütroman ‚Der Russe ist einer, der Birken liebt‘ von Olga Grjasnowa geschenkt hat. Dass ich zehn Jahre später mit der Autorin in ihrem Neukölln Wohnzimmer sitzen würden, damit sie mich interviewt, zu einem Anlass, den ich zu träumen nicht wagte. Es ist jetzt noch unvorstellbar, wenn ich diese Bilder sehe. Inzwischen sind wir beide Kolleginnen bei Aufbau, Olga hat viele weitere fantastische Bücher und Artikel geschrieben, und ich, Elina Penner, bin nun wirklich seit ein paar Tagen Autorin, denn meine ‚Nachtbeeren‘ sind am 14. März im Aufbau Verlag erschienen.

Ich wollte unbedingt, dass sie mich interviewt. Auch zur großen Buchbox-Premiere am 30. März 2022 in der Berliner Backfabrik. Kommt alle! Wir versprechen, uns zu benehmen und ich sage jetzt schon, es war wundervoll, von einer Autorin interviewt zu werden und endlich richtig, richtig gute Fragen gestellt zu bekommen.

Weshalb hast du Britney Spears als ein Motto vorangestellt?

Ich liebe Britney. Ich liebe das Lied. Zu meinem 21. Geburtstag habe ich einen Britney-Geburtstag gefeiert und alle meine Freundinnen und ich haben sich als je ein Musikvideo von ihr verkleidet, als Hommage. Ich war Everytime. Und die Party war nach ihrem Zusammenbruch! Gimme More und Piece of Me war gerade rausgekommen und wir haben es uns in jeder Bar gewünscht. Britney ist für meine Generation nicht nur irgendeine Sängerin, sie ist leider inzwischen auch das Symbol für alles, wir Frauen antun. Wie wir Frauen behandeln und wie die Gesellschaft wegguckt, genau wie Nellis Familie weggeguckt hat. 

Was genau ist Plautdietsch und welches Verhältnis hast du heute zu deiner Muttersprache?

Plautdietsch ist eine Form des Niederdeutschen und mit meinem minimalen linguistischen Halbwissen kann ich sagen, dass z.B. keine zweite Lautverschiebung hab. Ich fühle mich der englischen Sprache oft wesentlich näher als der deutschen, viele Wörter, aber auch die Syntax sind da ähnlicher. Ich versuche meine Muttersprache zumindest mit meiner Familie zu sprechen, auch mit meinen Kindern. Es ist ein imminentes Gefühl von Wärme, Nähe, Vertrautheit wenn ich meine Muttersprache höre. 

Woran glaubt Nelli und was ist das Mennonitentum?

Nelli glaubt an Jesus, Gott, Weihnachten, alles, was sie zur Christin macht. Nelli verinnerlicht die ‚zusätzlichen‘ mennonitischen Regeln wie die Kleiderordnung aber im Besonderen, weil sie ihr einen Halt geben in einer Welt, in der sie keinen Halt findet und in der sie keine Zugehörigkeit verspürt. 

Mennonitentum an sich kann man, wenn man sich sonst nichts merken möchte, zusammenfassend charakterisieren mit ‚Pazifismus und Erwachsenentaufe‘. Dazu gehört auch die Ablehnung des Militärdienstes und des Eids vor Gericht.

Im Detail gibt es dann die Ablehnung sogenannter ‚weltlicher Dinge‘ oder vermeintlichen ‚Sünden‘ wie Popmusik, Fernsehen, Alkohol, Sex vor der Ehe, Homosexualität. Das kann je nach Gemeinde und Land ganz, ganz unterschiedlich ausfallen. Ganz überspitzt: Während junge Frauen in Ostwestfalen sich die Haare schneiden lassen und Mascara tragen, werden in Kanada oder Belize die Rocklängen gemessen.

Wie würdest du Jakob charakterisieren?

Nellis Sohn Jakob ist erlebt mit 5 und mit 15 Jahren zwei Wendepunkte in seinem Leben, so wie seine Mutter und seine Urgroßmutter. Diese können, gerade im Kontext des Buches als Traumata beschrieben werden. Zusätzlich dazu ist er als Einzelkind quasi allein für seine psychisch kranke Mutter verantwortlich. Bei Jakob trifft der Begriff Parentifizierung, wie so oft bei Kindern von Migrant*innen, zu 100% zu. 

Jakob repräsentiert die in Deutschland geborene Generation, während seine Mutter die mitgenommene ist. Sein Leben besteht aus dem Glauben. Er ist Mitglied der Gemeinde, er ist gläubig, hat vor, sich taufen zu lassen, ist in einer christlichen Privatschule. Interessanterweise ist sein Leben wesentlich verbundener mit der mennonitischen Gemeinde als es für Nelli in den 90ern in Deutschland war oder für Nellis Großmutter in den 50ern in der Sowjetunion war. Insofern führt Jakob eigentlich den Weg seiner Vor-Vor-Vorfahren weiter. 

Was war Kornelius für ein Mensch?

Ich mag Kornelius ja sehr. Eugen, sein Schwager, sagt ja, dass ‚die schlimmsten Kartoffeln die sind, die keine sind und so gerne eine wären‘. Das trifft auf Kornelius zu. Er wollte ein normales, ruhiges, sicheres, finanziell abgesichertes Leben, das war sein ganzer Fokuspunkt. Kornelius hat Anerkennung gesucht, wollte genauso geliebt werden, wie Nelli geliebt werden will. Er hat Liebe aber mit Anerkennung verwechselt und stattdessen Status und Egopflege betrieben. Eitel, sicherlich, auch stolz war er, aber am Ende auch nur als Produkt der toxischen Maskulinität, die ihm vorgelebt wird. Er hat auf die ‚Bauern‘, von denen er abstammt, hinabgesehen und nicht erkennen können, dass die Community, die er ausgenutzt hat, ihn auch ohne sein falsches Spiel unterstützt hätte. 

Wieso spielt es ausgerechnet in der Gegend um Minden herum?

In Ostwestfalen leben mit Abstand die meisten Mennoniten oder Plautdietschen in Deutschland, correct me if I’m wrong, und hey, ich kannte die Gegend. 

Wer sind die Kolnisten?

Nachfahren der Wolgarepublik-Bewohner, die 1941 deportiert wurde, hauptsächlich nach Sibirien und Kasachstan. Dort fand dann mehr Assimilation statt, es wurde eher noch Russen geheiratet. 

Was ist ein Klinker und weshalb sind die Brüder so besessen von diesem?

Es ist eine bestimmte Sorte Stein, mit der man Häuserfassaden verkleidet, da wo ich lebe ist es eigentlich Standard. Klinker ist eine Bauweise und Bauen, Erde, Eigentum, Besitz und Hausbau im Besonderen spielen eine so große Rolle für diese Community, weil sie von Wanderungen und Suche geprägt sind. Das in Kombination mit Vertreibung und Enteignung macht sie förmlich besessen davon, wie sie bauen, wie ein Haus aussehen sollte. Die Tatsache, dass sie In Deutschland wegen jeder Mini-Änderung zum Amt müssen, wurmt sie, weil es ja ‚ihr Land‘ ist, auf dem sie bauen. Mit ein Grund, warum vermehrt Leute Deutschland verlassen und nach Kanada oder Belize auswandern.

Gibt es Klinker doch gar nicht in Weiß? 

Und doch klar, gibt es auch in Weiß. Tatsächlich ist es ähnlich wie weiße Autos (BMWs) oder weiße Stiefel, ein ziemlich sicheres Indiz dafür, Russlanddeutschen zu gehören. Neuer, weißer Klinker, ist fast ausschließlich von RD

Wie kam es dazu, dass du beschlossen hast, multiperspektivisch  zu schreiben?

Es macht mehr Spaß.

Wahrscheinlich hätte ich es gehasst, hätte ich es nur aus Nellis Perspektive geschrieben, dass ich dann ewig mit ihr verglichen worden wäre. Nur die männliche Perspektive zu zeigen, hätte mein Herz nicht verkraftet. Ich spreche ja nicht mal ‚für die Russlanddeutschen‘ und schon gar nicht für ‚die Plautdietschen‘, sondern für diese eine fiktive Familie und selbst da sehen diese wenigen Personen alles etwas anders. Vielleicht hätte ich Angst gehabt, dass das vergessen wird, wenn es nur Nelli gegeben hätte. Außerdem bringt mich Eugen so hart zum Lachen. 

Was ist der Uroma bei der Trudarmee zugestoßen?

Puh, was nicht. Sie haben sie so gut wie totgearbeitet, ihren Körper als seelenlose Maschine benutzt, sie ausgehungert. 

Wieso um Gottes Willen gibt es Knoblauchzehen im Plov?

Das frage ich mich auch! Aber dafür lassen wir die Rote Beete im Borscht weg. Ja ni snaju…

Seit wann wird bei den Mennoniten das Wort Kartoffel verwendet? Wie ist eigentlich das Verhältnis zu den Deutschen und zu Deutschland?

Seit immer? Ich kenne ‚die Deutschen‘ nur als Hiesige oder als Kartoffeln, wenn sie sich wie solche aufführen. Ich denke, und kann auch hier höchstens für meine Familie sprechen, dass das Verhältnis zu Deutschland ein gutes ist und schon auch von Dankbarkeit für diesen Wohlstand und dieses bequeme Leben. Nichtsdestotrotz beschließen immer mehr Leute, Deutschland zu verlassen. 

Ist Nelli am Ende glücklich?

Ja.

Nachtbeeren von Elina Penner

Das Hörbuch, von mir eingesprochen, bekommt ihr bei Audible.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter Abo

„Wir sind sooooooooooo up-to-date, Schätzchen.”

Schließen