Hauptstadtmutti

Migrantenmutti: „Assi“-Haare

Ich vermeide es, aus guten Gründen, meine Kinder als Content zu nutzen. Ich betone nach Möglichkeit immer, dass ich über Elternschaft schreiben kann, ohne explizit meine Kinder, ihre Namen, ihr Geschlecht oder ihr Alter erwähnen zu müssen. Das ist in diesem Fall nicht möglich, denn für diesen Text ist es wichtig, zu erwähnen, dass mein Schulkind ein Junge ist. Erwähnen möchte ich außerdem, dass meine Freundin, die diesen Text inspiriert hat, ihn auch mag und mich noch viel mehr.

Vor ein paar Wochen wurde ich von einer angehenden Lehrerin interviewt, die den ‚Migrantenmutti: Einschulung‘-Text an ihrer Universität vorstellen wird. Erstmal, huch! Doch während des Interviews fragte sie mich außerdem, wann denn mal die Fortsetzung kommen würde. Och, sagte ich, ich könnte dir alles mögliche erzählen, aber mein Kind ist halt wirklich an dieser Schule, mit echten Mitschüler*innen und deren Eltern und natürlich seinen Lehrkräften. Da wäre es vielleicht nicht so toll, das zu thematisieren.

Im Zuge dieses erwähnten Einschulungstextes habe ich viele Gespräche mit migrantischen und/oder POC-Müttern geführt. Beispielsweise hat mir die Mutter eines Schwarzen Schulanfängers erzählt, dass sie gar keine andere Wahl hatte, als dem Kind den teuren Ranzen zu kaufen, um den bestmöglichen Eindruck zu erwähnen. Dass sie nicht nur ein besonderes Einschulungsoutfit besorgt hatte, sondern auch vernünftige Outfits für das gesamte Schuljahr, damit ihr Kind um Himmels Willen nicht ‚assi‘ oder ‚ghetto‘ erscheinen würde. Während weiße, nicht-migrantische Mitschüler*innen in Flicken-Hosen von Fair Fashion Labels rumlaufen, die wesentlich ramponierter aussehen. 

Da fiel mir dann auch ein, dass ich meinem Schulanfänger natürlich ein krasses Ralph Lauren Streifenshirt mit einem überdimensional großen Pferd gekauft habe. Wie scheiße von mir, eigentlich. Wenigstens über Kleinanzeigen. Ich wollte auch nicht, dass die Lehrkraft denken könnte, mein Kind wäre ’nicht aus einem vernünftigen Haus.‘ Wie scheiße eigentlich, echt mal.

Frausein ist teuer genug, Muttersein macht es nicht besser

Ich gehe mit dem Kind zu einem Friseur, bei dem er meistens das einzige weiße Kind ist. Wenn er da ankommt, kann man seine Ohren meistens kaum noch sehen, und der Friseur hat richtig was zu tun. Er ist trotzdem immer nach 10 Minuten fertig und er mag meinen Sohn. Für diese zehn Minuten Arbeitszeit berechnet er mir 10€. Als ich bei meinem Friseur mal gefragt habe, was denn so ein Kinderhaarschnitt kosten würde, hat meine russlanddeutsche Friseurin ‚Ttsss‘ gemacht und geflüstert: ‚So viel wie ein Erwachsener.‘ Whaaaaaaaaaaaat. Waruuuuum? Sie berechnen den Frauen ja auch 40% mehr, wieso können die Kinder dann nicht billiger sein? 

Also bringe ich das Kind in die Stadt und verbinde es mit einem Restaurantbesuch. Das ist dann immer unser Date-Tag und er feiert es hart. Was er nicht feiert ist, wenn ich ihm auf dem Rückweg immer die gleiche Migrant Mama Rede halte, wie dankbar er sein sollte, für alles was er hat, weil nichts davon selbstverständlich ist. Sorry, im nächsten Leben wirst du vielleicht eine echte Kartoffel, so Gott will. 

Wer bestimmt, was beim Friseur passiert?

Ich fragte ihn gestern beim Reinkommen, ob er die Haare nur geschnitten bekommen möchte, oder auch wieder rasiert. Doch aufgrund einer runtergefallenen Kinnlade konnte er nicht sofort antworten. In einem der Stühle saß ein Mann, dem mit einem echten oldschool Rasiermesser nicht nur der beeindruckendste Fade, sondern auch ein Sternenmuster in den Hinterkopf rasiert wurde. 

„Das. Das will ich, Mama.“

Mein Sohn

Ich hatte keine Reaktion, außer, dass da 20 andere Jungs saßen und wir zwar einen Termin hatten, aber trotzdem nicht so viel Zeit. „Also er macht dir bestimmt gerne ein Muster rein, aber was der Mann da hat, ist Kunst und das schaffen wir heute nicht, guck mal, wie viele da noch warten.“ Das verstand er und während des Schneidens und Rasierens konnte er es nicht erwarten, das alles ganz genau anzugucken. 

‚Jetzt habe ich Haare wie Oleg!‘

Mein Sohn

Supi, Schatz, komm wir müssen los. Schnell ein Foto gemacht und an meine Freundinnen geschickt. Das strahlende, frisch frisierte Kind. Wenn man seine Kinder im Internet nicht zeigt, muss man den Freundeskreis halt per Whatsapp nerven. Während der Autofahrt dann aus dem Kofferraum: DING DING DING DING DING. 

(An dieser Stelle: bitte packt eure Handys in den Kofferraum, wenn ihr Auto fahrt.)

Eine Nachricht stach heraus, denn sie war von meiner wundervoll besten Freunden aus dem Süden, die augenblicklich sagte: „Meiner will auch so eine Frisur. Ich erlaube es nicht.“ Huh? Wie, erlauben? Was, erlauben? Ich war EHRLICH verwirrt und fragte nach, was denn der Junge nicht darf. „Na, solche Haare.“ Ja, was denn für Haare, sag mal? „Mmmh, na, so, uhm, Fußballer-Haare.“ Nee, du meinst was anderes, sag mal, was für Haare? „Ja, gut, Ausländer Haare. Also so Haare wie unsere Nachbarn in der Straße. Das sind die einzigen, die wir kennen, bei denen die Söhne solche Haare haben.“

BINGO, die Diskriminierung des Tages erraten!

Haare sind politisch. Und bevor ich allzu weit aushole und über ein Thema referiere, von dem andere viel mehr Ahnung haben, möchte ich nur betonen, dass vor allen Dingen bei BiPOC Kindern, Haare niemals ‚nur Haare‘ sind.

Wenn ihr euch hier selbst weiterbilden möchtet, empfehle ich das Buch ‚Mit Kindern über Rassismus sprechen‘, das Rosa Mag, die Netflix Serie Colin in Black & White von Colin Kaepernick oder das Kinderbuch Hair Love aus dem Mentor Verlag. 

In meinem Fall geht es aber um eine Form von Diskriminierung, die mir so noch nicht wirklich bewusst war, weil da, wo ich lebe, einfach fast alle Jungs ähnliche Haare haben. Vielleicht nicht ganz kurz rasiert, aber auf jeden Fall sehen sie alle gleich aus mit ihrem Pseudo-CR7 Kopf. Die Nationalmannschaft alle zwei Jahre anzufeuern, aber hoffen, dass der eigene Sohn, nicht ’so‘ rumläuft, sollte zu denken geben. Erinnert mich an ‚den möchte man nicht zum Nachbarn haben.‘

‚Solche Haare‘ als ‚assi‘ zu bezeichnen, ist eine Form von Antislawismus, eine Erklärung folgt am Textende.

„Das ist nicht politisch korrekt von mir, aber ich will, dass mein Kind Bullerbü-Haare hat. Da bin ich halt auch Arschloch.“

Meine Freundin

So ergänzt meine Freundin ihr Erklärung, warum sie nicht will, dass ihr Kind solche Haare wie mein Kind hat. Ich verstehe sie, denn als mein Kind klein war, fand ich nichts süßer auf der Welt, als diese langen blonden Haare. Doch mein Kind ist bald 7 und ihr Kind nochmal zwei Jahre älter. 

Wieso also dieser Zwang, bestimmen zu wollen, wie die Haare des Sohnes aussehen?

„Ich würde behaupten, dass es meine persönliche Vorliebe ist und dass ich das wirklich einfach schöner finde, aber das weißt du ja nie wirklich aufgrund unserer Prägung. Vielleicht pass ich mich meiner gesellschaftlichen Prägung an?“ Gute Frage. Wahrscheinlich. Und diese Prägung bedeutet dann, dass lange Haare bei Jungs süß sind und kurze Haare mit Blitz asozial? „Ja. Sorry.“

Meine Freundin

Das erste Mal, als ich das Kind entscheiden ließ, war auf dem Marheineke-Spielplatz, als er bewusst einen Irokesen-Haarschnitt bei einem Radfahrer gesehen hat. In rot. Er war besessen. Er musste eh zum Friseur. Er kriegte einen Irokesen und war nie glücklicher. Mit vier Jahren. Body Autonomy, you know.

Was für uns keine große Sache war, wurde nach wenigen Minuten ein Spießrutenlauf durch die Bergmannstraße bis zum Viktoriapark. Denn let me tell you, nicht nur die Ommas und Oppas schüttelten den Kopf, auch vermeintlich coole junge Eltern blickten entsetzt auf den Schopf des Jungen. Dazu trug er noch ein Lacoste Polohemd, es machte keinen Sinn. Mein Kind merkte nichts davon. Doch mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass die Haare meines Sohnes, also auch mein Sohn, von der Umwelt wahrgenommen wird, wenn er nicht nur wie Michel aus Lönneberga aussieht. Ein Irokese ist schon extrem, das ist mir klar, dennoch sind es auch in dem Fall ‚einfach nur Haare‘ – dachte ich. Doch so ein Fade scheint für manche Menschen ein Trigger zu sein, sie assoziieren es mit Ausländern, Russen, ‚Assis‘, ‚Gettho‘.

Weil sie dem Kind anscheinend nicht zutrauen, das selbst zu wollen und zu entscheiden, also muss ich es so gewollt haben. So ist zumindest mein Mangel an Autorität, ihm keinen ‚guten‘ oder ‚anständigen‘ Haarschnitt aufzuzwingen, mein Versagen als gute Millennial-Bullerbü-Öko-Mutti. Es ist das oberflächliche Klatschen und Nachfragen, wenn herausgefunden wird, dass ich aus einem anderen Land komme, welches aber nicht Schweden oder Frankreich ist, aber das Rumdrucksen, wenn ich von Alkoholismus, AfD Zugehörigkeit und Auffanglagern der russlanddeutschen Community spreche. Das gleiche Drucksen, wenn ich nach den Nazi-Großeltern frage. Mein Migrationshintergrund ist so lange interessant, so lange es Pelmeni für 14€ im Pasternak gibt, aber nicht, wenn der frisch rasierte Kopf meines Sohnes über die Knaakstraße läuft. Dostojevski haben sie alle vergöttert, Capital Bra finden sie problematisch.

Interessant, wie schnell die gesellschaftliche Wahrnehmung eines ‚anständigen‘ Haarschnitts sich ändern kann und ein Kurzhaarschnitt bzw. Fade urplötzlich die Zugehörigkeit einer ’sozial schwachen‘ oder ‚einkommensschwachen‘ Klasse diagnostiziert, gepaart mit einem Migrationshintergrund. Was vor 50 Jahren noch ordentlich war, ist jetzt ‚ghetto‘. Ist es die eigene Prägung, in den 70ern oder 80ern aufgewachsen zu sein und ’solche‘ Haare mit der Vergangenheit der eigenen Familie zu verbinden? Oder ist es wirklich einfach hübsch verpackter Ausländer-Hass?

Rasierte Sterne? Hallo Assi-Ausländer!

Und bis zur Nachricht meiner Freundin hatte ich die ganze Episode auch vergessen. Doch mir war mal wieder bewusst, dass wir sehr viel über die Erziehung unserer Mädchen reden, aber selten über die Jungs. Wenn ein Mädchen keine Kleider mag, dann ist das so, aber wenn ein Junge Kleider mag, wird es schwierig. Wenn ein Junge unsauber schreibt, dann wird das hingenommen, denn Jungen sind so und wenn ein Junge sich in der Schule kloppt, auch, denn so sind Jungs. Es wird ihnen erlaubt, dreckige, vergessliche, unselbstständige Kinder zu sein und Männer zu werden.

Nur bei den Haaren sind wir…mmmhh, wer sind wir denn? Bildungsbürgermuttis? Wannabe-Öko-Muttis? Die trotzdem bei H&M und Zara einkaufen, aber nur die Sachen in altrosa und beige? Und die Pullis der Jungs dürfen keine Bagger oder Paw Patrol Hunde drauf haben, aber Paddington oder Puh der Bär wäre ok? Autsch. Heuchelei? Selbstdarstellung? Kanonisierung von Frisuren und Kleidung? 

Die Body Autonomy der Kinder führt dazu, dass Kinder in Windeln rumlaufen, bis sie ‚bereit‘ sind, sich nicht mehr einzuscheißen aber hört dann bitte bei den Haaren auf, denn die haben rebellisch hübsch locker flockig zu wippen beim Gehen über den Mauerflohmarkt (Oder RAW-Gelände). Damit die Mütter der Freundin beim Match Latte , schallend lachend, Kopf schüttelnd entgegnen können, dass sie es ja schon problematisch finden, dass Wildfremde denken, ihr Sohn sei ein Mädchen. ‚Nur weil er lange Haare hat.‘ Hahahahaha, voll crazy, Charlotte, diese furchtbaren, vorurteilsbehafteten Fremden!

Das harte Männlichsein, das in vielen migrantischen Communities vorherrscht, wird verbunden mit einer Antipathie gegenüber ‚Mädchenhaaren‘ bei Jungs. Genauso, wie ein entfernter Cousin mal behauptet hat, Malen wäre voll gay. Uhm. Da sitzt du dann, bei einer Hochzeit und denkst dir, wo fang ich denn da an. Völlig überspritzt: Mein Sohn ist also ein schlechter Russe, wenn er lange Haare hat und eine schlechte Kartoffel, wenn er einen Fade hat. 

„Damit die Lehrerin nicht denkt, mein Kind wäre Assi“

Migrant Mamas everywhere

Kevinismus geht im Kleiderschrank und beim Friseurbesuch weiter, auch wenn wir unseren Kindern keine englischen Vornamen mehr geben. Der Mann meiner Freundin arbeitet bei der Polizei. Ich kann nur hoffen, dass er nicht denkt, Jungs, männliche Teenager und junge Männer mit Sternen im Hinterkopf wären ‚assi‘.

Was ist Antislawismus?

Antislawismus oder Slaw:innenfeindlichkeit ist eine Form des Rassismus. Er richtet sich gegen Menschen slawischer Herkunft, also aus osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern wie zum Beispiel Russland, Ukraine, Belarus oder Polen.

Mehr zum Antislawismus hier: 

Wer es jetzt nicht erwarten kann, dem eigenen Kind einen Fade zu verpassen, der stabilste Laden Berlins ist natürlich der Fade Club.