Hauptstadtmutti

Zwischen Baue(r)n und Berlin: Adventskalender

Ich zappe mich lustlos durch die Instagram Stories anderer Mütter, hauptsächlich Bloggerinnen oder Insta Moms. Ich konsumiere gelangweilt bis semi-interessiert, freue mich, wenn ein Meme auftaucht, dass dann doch wieder lustig genug ist, dass ich auf die Schnellreaktion lachender Smiley drücken kann, bleibe ansonsten lethargisch. Immer wieder der Verweis auf diese WDR Doku, die erklären will, warum Familien (Mütter) heutzutage permanent erschöpft sind. Oder überbelastet? Die Worte Burnout, Fettleibigkeit bei Männern, und Pillenabhängigkeit bei Frauen kommen vor. Moderne Elternschaft zwischen Adventskalender basteln und nicht mehr können.

Dann wieder Alltagsstories aus fremden Küchen und Schlafzimmern. Hier isst ein Baby Brei (*Werbung), da wird ein Neugeborenenoutfit vorgestellt (unbezahlte Werbung) und da testet ein großes Kind ein Laufrad (Werbung aus Liebe). Dann immer wieder Zahlen von 1-24. Auf braunem Packpapier, oder eingestickt in rote Sackerl. Eine Umfrage: Was macht ihr in eure Adventskalender rein? Kennt ihr gute Adventskalendergeschenke ohne Zucker und Plastik? Habt ihr eure Adventskalender schon fertig, oder sucht ihr noch?

Ihr? Ihr Mütter?

Ich denk mir so, huh, 13.11. alles klar, der frühe Vogel. Dann wieder eine Statistikstory. So und so viele Schüler*innen grad in Quarantäne. So und so viele Familien. Stefanie Luxat sagt in ihrer Story, sie ist realistisch, aber optimistisch. Ich auch und nicke bejahend in mein Triplekinn. Dann wieder Bastelstories mit einem Stock und Bindfäden, es ist ganz einfach, aber schöner sieht es aus, wenn man das ganz, ganz schlichte Packpapier nimmt. Ok. Dann wieder die Doku, dass das mit dem Medienkonsum bei Jugendlichen ja gut dargestellt ist, gerade, wenn man The Social Dilemma gesehen hat. MUST WATCH. Wenn ihr es noch nicht gesehen habt, müsst ihr das gucken, das öffnet euch die Augen. Dann obligatorisches sich lustig machen über andere: Haha, der Wendler, haha, dieses Telegram, alles Spinner, die sich so von einer Plattform und fremden Menschen so beeinflussen lassen. Was für Idioten, diese Querdenker, wir wissen alles besser.

Dann wieder Adventskalendercontent. Abziehbildchen, Tattoos und Badetabletten, ok, ja, machen wir auch, aber guter Tipp. „Ich mache das auch für mich, ohne die Adventskalendervorbereitung würde ich gar nicht in Weihnachtsstimmung kommen, und dieses Jahr braucht ihr das doch bestimmt auch, oder? Außerdem habe ich einen Rabattcode für euch, aber dieser besondere Adventskalender ist nur für euch, den dürft ihr nur mit dem Papa teilen, hihi.“*

*Marlene Hellene möchte euch an dieser Stelle mitteilen, dass sie die Sex Adventskalender nicht mehr sehen kann. 

Ich mache Instagram aus.

Ich fasse zusammen: deutsche Familien sind permanent erschöpft, soziale Netzwerke sind der Teufel, und Mitte November wird man mehrfach gefragt ob man ‚schon‘ fertig ist mit dem Adventskalender für die ‚Mäuse‘. Ich möchte so viele zynische Dinge sagen, so unfassbar viele. Ich lass es, das bringt es grad nicht. Ich google lieber, wo der Adventskalender herkommt. Wie so vieles, ist das gar nicht so lange her, und wie so vieles ist auch der Adventskalender etwas Es war wohl ein Kerl, Gerhard Lang, der 1903 das Ding als einer der Ersten kommerziell vertickt hat. Aus der christlichen Tradition heraus, den Kindern die Weihnachtszeit zu verkürzen, und das Warten zu veranschaulichen haben sie zunächst mit Bildchen, Kreidestrichen oder kleinen Geschichten gearbeitet.

In Frankreich, hab ich mal gelesen, gibt es in Kinderbetreuungseinrichtungen keine Bastelnachmittage mit den Eltern. Aus Gründen. Hauptsächlich, weil die meisten Menschen da arbeiten und schlichtweg keine Zeit haben, für so etwas Zeit einzurichten. ‚Oh wie traurig!‘ Mmh, nee sowieso, sagt ja keiner, dass die Frankreich-Arbeitstiere nicht das ganze Wochenende mit ihren souris durchbasteln. Letztens seufzt eine Mutter am Kindergartentor, und sagt halb im Scherz, och, irgendwie hat das ja auch was Gutes, dass grade der ganze Schnickschnack ausfällt, nech? ‚Oh die armen Kinder.‘ Mmh, nee, die armen Kinder haben den Schnickschnack ja trotzdem gemacht, nur ohne ihre frierenden Eltern. 

Ich mag Basteln. Ich mag auch Vorlesen, ich mag sogar mit Kindern kochen, und noch mehr mag ich backen mit Kindern über vier. Ich mag das alles, aber am allermeisten mag ich, dass wir ein Haus gekauft haben, damit ich nie wieder auf einen Spielplatz muss. Mmh nee musst du löschen, sonst sagt einer du bist eine arrogante Fotze, und nicht jeder kann sich ein Haus leisten.

Wisst ihr, was ich nicht mag? Diese Videos, in denen verglichen wird, wie Mama vom Sofa aufsteht, und wie Papa vom Sofa aufsteht. Sie hebt diverse Dinge auf, faltet die Decke, so wie es sein sollte, macht den Fernseher aus. Er steht auf und geht. Das ist der Witz. Oder die Fotos von einer komplett zugemehlten Küche mit der Caption: Ihr wisst wie es ist, man will Plätzchen backen, und nach 15 Minuten sitzt man alleine in der Küche, dekoriert 200 Stück komplett alleine und macht alles alleine sauber? In mir macht sich ein ganz, ganz unangenehmes Gefühl breit. Fremdschämen vielleicht? Oder auch Angst. 

Was für ein Ausnahmejahr, was für ein Ausnahmealles. Völlig ruinierte Existenzen, kaputte Ehen, traumatisierte Kinder, gesamte Branchen, von der Gastronomie bis zur Veranstaltungstechnik einfach mal gefickt, und bessere Bezahlung für Pflegekräfte ist vergessen. Die einzig logische Reaktion auf den ganzen gottverdammten Kack sind 2l Glühwein, eine Staffel Lily & Dash und einen Adventskalender anzufertigen, einfach, um meine Kinder glücklich zu machen. 

An all diese Menschen: macht euer Ding. Bastelt euch dumm und dämlich, wenn es euch ehrliche Freude bereit. An alle, die sich unsicher sind, weil sie wie ich, seit gut einer Woche mit selbstgemachten Adventskalender-Content beschallt werden: fragt eure Kinder. Wollen sie den selbstgemachten, einzeln verpackten 24 mini Geschenke Wahn oder wollen sie den (am Ende günstigeren) Lego Kalender? Geht ganz ganz tief in euer Innerstes und überlegt: checkt eure Dreijährige wirklich, was ein Adventskalender ist, oder würde sie es gar nicht merken, wenn ihr gar keinen hättet? Und meine Lieblingsfrage: 

Für wen ist der Adventskalender, den ihr da gerade nachts mit Heißklebepistole zusammenfügt?

Für das Kind? Für euch? Oder für das Bild auf Instagram, Facebook, Pinterest, in der WhatsApp Story, für die Freundinnen und die Kita WhatsApp Gruppe? Ihr müsst mit eurer Antwort leben, nicht ich. Mir ist das tatsächlich egal. Was mir nicht egal ist, bis zu einem gewissen Grad, sind die medial reproduzierten Inhalte, für die ich persönlich verantwortlich bin. Ich kann nicht an einem Tag eine Doku über Familien und Burnout gucken und am nächsten Tag lustige Scherze darüber machen, dass haha, wenn der Mann aufsteht, haha, dann nimmt er nichts mit und haha, guckt, wie ich alleine in einer zugesauten Küche sitze, oder haha, wie ich alleine einen Kalender, eine Schultüte , ein Karnevalskostüm bastle, herstelle, nähe. 

Hach ja, aber so ist das, als Mutter. Haha. 

Ich kann da nicht lachen. Ich lache über Ren & Stimpy, Spongebob und auch die Witze unseres Nachbarn. Kein Ding. Wirklich, ich habe Humor! Aber dieser ganz, ganz seltsame neue Humor auf Instagram, wo Mütter als die ewig leidgeplagten armen Cinderellas dargestellt werden? Von sich selber? Seltsame Angelegenheit. Das dann gepaart mit dem perfektesten Resultat einer Pinterest Massenorgie, und einer seltsamen Bescheidenheit à la ‚Ich hab’s probiert, Hauptsache der Maus gefällt’s.‘ Oh mein Gott, wir kennen dich, du warst in unserer Jahrgangsstufe, du warst dir immer sicher, dieses Mal, ja dieses Mal hast du es vebockt, das war eine 5, und dann oh, quelle surprise, doch ne 2+. Own it, own your greatness!

Einen Adventskalender basteln und befüllen machen die meisten Mütter alleine. Sie denken alleine dran, sie arbeiten alleine dran, sie besorgen alles allein, sie packen 24 Pakete alleine ein und sie verstecken alles alleine. Isso, das wisst ihr. Kein 0815 Vatti wacht am 1.11. auf und denkt sich, oh mein Gott, auf nichts in der Weihnachtszeit freue ich mich so sehr, wie auf den perfekt gebastelten Adventskalender? 

Müssen wir jetzt so werden wie die Durchschnittsväter?

Niemand muss irgendwas, hört mir doch mal zu. Alle können machen, was sie wollen, ich möchte nur nicht Klischees und Erwartungshaltungen medial reproduzieren. Ich bin eine blonde, weiße, able-bodied, cis Frau verheiratet mit dem Vater meiner zwei Kinder in einem Eigenheim lebend – meine Existenz ist ein Klischee. Soviel dazu.

Jedes verdammte Jahr wieder denk ich mir das. Will man nicht so viel Geld ausgeben, muss man billigen Kack kaufen, dann hat man wieder die Müllproblematik. Kauft man achtsame Bildchen und Geschichtchen, ist das Kind vielleicht enttäuscht. Packt man Schokolade rein, zuckert man das Kind auf. Vielleicht wären diese kleinen Schnapsglasflaschen am besten? ELINA! Was? Ach ja, ja, stimmt, nicht weit gedacht. Adventskalender selber befüllen kann krass teuer werden, wobei wir wieder bei Privilegien wären. Plus Nikolaustag, Weihnachten, und wenn man dann noch im Dezember Geburtstag hat? Ach so, wenn eure Familie dann noch Migrationshintergrund hat, oder jüdisch ist, Chrismukkah feiert (Big fan!) und eventuell Silvester auch noch Geschenke verschenkt (#jolkafest)? Eine Kleinigkeit für die Post zustellende Person, die Kinderärztin, die Erzieher*innen, die Familien, die Nachbar*innen, und was macht IHR eigentlich Silvester? 

Den Zirkus, den ich mit der Weihnachtsvorbereitung im Sinne von einem selbstgemachten Adventskalender beschreibe, der findet im November statt, da sind wir ja noch gar nicht im eigentlichen Advent. Egal, was ihr von dem denkt, was ich hier geschrieben habe, aber können wir uns alle darin einig werden, dass alles ein ganz klein bisschen krass geworden ist? Einschulung, Adventskalender, Nikolaus, Weihnachten, Ostern? Ganz, ganz bisschen krass?

Und jetzt, werte Leserschaft, kommen wir zum Punkt, Ei oder Henne. Werden wunderschöne Adventskalender mit großartigem Handlettering angefertigt, damit sie perfekt ausgeleuchtet als Content auf sozialen Netzwerken dienen oder werden Bastelanleitungen auf Blogs veröffentlicht, weil die Menschen nach Bastelanleitungen für schöne Adventskalender suchen? Von dem Gedanken, dass die Dinger für die Kinder sind, haben wir uns an diesem Punkt übrigens verabschiedet. Das ist für diesen Teil irrelevant. 

Ich hab vorhin noch einmal geguckt, Lindt, Kinder Schokolade, Utz, Haribo, zwischen 99 Cent und zehn Euro (Edeltropfen, für die Kinder, die schlecht schlafen. Ja, ja, ich hör auf, Alkohol und Kinder sind nicht lustig.) Im Großen und Ganzen also günstiger als 24 individuelle Dinger. OMG, bitte rechnet mir nicht vor, wie günstig ihr eure selbstgefüllten Kalender befüllt, voll gut, ich glaub euch. 

Aber die Süßkramkalender kann man nicht fotografieren. Was soll ich machen, mich in den Einkaufswagen stellen, um dann das Fließband von oben zu fotografieren? Vielleicht mit ner Packung Quetschies und Dino Nuggets dekorieren, die es ‚ganz, ganz selten‘ bei uns gibt und wenn dann ‚nur bio‘?

Kannste machen was du willst, aber der Kinder-Schokolade Kalender generiert im Ernstfall nicht so viele Likes. Vielleicht der von After Eight? Mit etwas Tannengrün und rotem Samt? Kinder, für Kinder, nicht Kunstlehrerinnen. Ach ja.

Sollte euch alles, was zur Zeit passiert, stressen, verständlicherweise, und zu Recht, überlegt mal, ob es vielleicht auch jemand anderes den Adventskalender übernehmen kann? Patenonkel? Regulärer Onkel? Der andere Elternteil? Die kinderlose beste Freundin? Die Großeltern? Und wenn es euch nicht stresst, und ihr gerne bastelt, dann ist doch alles gut. Schöne Novembervorweihnachtszeit euch allen. 

Alle Fotos: Kai Senf