Hauptstadtmutti

Zwischen Baue(r)n und Berlin: Weihnachtsdeko

Ich glaube wir waren uns doch alle Mitte November einig, das war’s jetzt. Wir ziehen das noch irgendwie durch, aber SPÄTESTENS zum ersten Advent ist Schicht im Schacht. Wahl gewonnen, The Crown an zwei Abenden durchgeguckt, was blieb da noch anderes zu tun, als die Weihnachtsdeko aus dem Keller zu holen und Kekse zu backen?

Um 17:30 Uhr schon mal ganz unauffällig zum Bett rüber schielen, ach, ist denn nicht schon Schlafenszeit? Wo kommt denn diese Müdigkeit her? Schnell, Lichterketten, Kerzen, und glücklich grinsende Weihnachtsmänner verteilen. Hach, herrlich. Bis das Kind mega judgy den Kopf schüttelt und behauptet, das wäre nicht genug. Bitte was? Mehr, Mama!

„Please, Sir, I want some more!“

Äh ja gut, ist das dieses Bedürfnis nach Stimmung, von dem immer alle sprechen? BIN-DUNG, nicht Stimmung, BIN-DUNG! Ach so, ja, dann, was will denn das Kind dann mit der Forderung nach mehr Weihnachtsstimmung? Also als ich in dem Alter war, wollte ich Fernsehen und Süßigkeiten. Ich bin sicherlich nicht zwei Wochen vorm ersten Advent aufgestanden und habe DEKORIEREN durchs Haus geschrien. 

Früher war aber nicht nur mehr Lametta, sondern auch weniger Pandemie.

Mir geht’s ja auch grad nicht anders. Gib mir Glitzer, Pailletten und Seide. Gib mir Bilder von Tüll und Champagner, gib mir pinke Schokolade mit goldenem Glitzer. Ich will ein bisschen Märchenfantasie im Alltag, weil da draußen, alles, was in der echten Welt passiert, kann nur ein Albtraum sein.

Realitätsflucht

Wir können nicht in den Urlaub, wir können nicht essen gehen (haha hier auf dem Land kannst du eh nicht wirklich essen gehen), die jungen Wilden können nicht feiern, wohin also mit unserem Bedürfnis nach Ablenkung und Abschaltung? Volle Kanne rein in den neo-Biedermeier. Bleibt einem ja fast nichts anderes übrig. Ob durch Quarantäne, Schließungen, oder auch durch Angst, wir sind zu Hause. Diesmal aber ohne Regenbogen am Fenster, dafür mit dem Weihnachtsbogen. Es soll Gemütlichkeit herrschen, damit nichts von dem Ungemütlichen da draußen reinkommen kann. Und überhaupt, es ist ja nicht so, als ob wir normalerweise im November die Parks und Clubs unsicher gemacht hätten, ist ja auch schon ein bisschen frisch, nech? Aber so ein Weihnachtsmarktbesuch, das wäre schon nett.

Glühwein kann man auch zu Hause machen. Handwerk und Kleinkunstgewerbe kann man auch von zu Hause aus unterstützen, in dem man online auf den Weihnachtsmarkt geht. November fühlt sich grad wie letzte Runde in der Bar an. Noch einmal Nachrichten lesen, noch einmal durchatmen, und hinnehmen, dass es jetzt einfach grad so ist. Und dann vier Wochen Astrid Lindgren Filme, Disney+ rauf und runter, und kitschige Rom-Coms auf Netflix. Kekse backen, und zwar keine zuckerfreien, Kuvertüre abschlecken, im Jogger rumlaufen. Ferien ab Mitte Dezember? Alles klar. Weihnachten nur mit so und so vielen Haushalten, alles klar.

Was war denn das alles eigentlich, dieses Jahr? Mehr noch als sonst? Alles, alles, alles, zusammen, und wie viele von euch haben eh schon ein Leben, dass sich permanent an einem seidenen Faden entlang organisiert? Unsere Wochenpläne werden auf 3000 Jahre altem Patriarchatspergament geschrieben, und beim ersten Fettfingerabdruck zerbricht das Konstrukt.

Weihnachtsdeko macht glücklich

Ich versteh das Kind also, und das Bedürfnis nach Muckeligkeit, dass alles hübsch ist und man zusammen ist. Als ich frage, warum das denn jetzt so wichtig ist, mit dem Dekorieren, vor allen Dingen mit dem Baum (wir haben ein Fake Exemplar), war die Antwort: „Damit die Leute von draußen Weihnachten sehen können. Und damit der Weihnachtsbaum uns wirklich finden wird.“

Wir sind dann wirklich ins nächste Gebrauchtwarenkaufhaus gefahren. Die Regale quollen über vor verwaistem Weihnachtskram. Ach herrje, alle kleinen dicken Engelkes, Männenkens und Sternchen hätte ich mitnehmen können. Manches war absurd, anderes so schön, oder abgesplittert, und ich dachte mir, puh, nicht nur, dass gebrauchte Weihnachtsdeko wesentlich günstiger ist, nee, es tut auch nicht so weh, wenn vielleicht wirklich mal was kaputt geht.

Viele Menschen in meinem Leben würden sich als Design-Aficionado bezeichnen und am liebsten einen abstrakten Stern in grau als Adventskranz nutzen, und als Lichterkette nur angedeutete LED Tropfen mit mindestens 30cm Abstand zwischen den einzelnen Lichterchen. Ich sag mal so, nicht so hier. Ich will dicke fette Weihnachtsmänner, in ROT, und Schneemänner, verkleidet als Weihnachtsmänner, dazwischen die Krippengang als Neon Matrjoschkas, der Weihnachtsmann als Matrjoschka, Ski fahrende Elche im Weihnachtspulli und Gold, Glitzer, Lametta, Pailletten. Kiloweise. Ich will sie alle retten, alle hübschen und hässlichen kleinen Kitschklinkerlitzchen. Und an Weihnachten denkt ein kleiner Teil der Welt wie ich, und es macht uns glücklich.

Also in diesem Sinne, zündet Kerzen an, genießt Kekse und Glühwein, versucht, wenn ihr könnt, kurz Pause zu machen, und berieselt euch mit Ablenkung. Fuck it. Wenigstens am ersten Advent.