Zwischen Baue(r)n und Berlin: Zoom Party

Ich muss euch was beichten. Bis vor ein paar Wochen habe ich 2020 an keiner einzigen Zoom Party teilgenommen. Also wenn Party bedeutet, dass mehr als zwei Parteien vor der Kamera miteinander feiern. Sicher, man hat mal hier und da eine ordentliche Facetime-Session geplant, aber das hab ich vorher auch schon mal ab und an durchgezogen. Seitdem wir im westfälischen Exil leben, nutzt man alle Möglichkeiten, um ein bisschen Berlin-Flair ins Haus zu kriegen.

Doch nun sollte es soweit sein! Ich kannte niemanden außer dem Geburtstagskind und war richtig aufgeregt. „Dann lernst du alle meine Freundinnen kennen!“ Oh Gott, Panik. Mein introvertiertes Herz klopfte und war sofort fest davon überzeugt, dass die mich alle hassen werden. Wir redet man denn mit wildfremden Frauen, die meine relativ neue Freundin seit über dreißig Jahren kannten? Hätte sie zu Hause gefeiert, hätte ich mich in eine Ecke gesetzt, bisschen zugehört, ganz vorsichtig irgendwann einen Witz gerissen und nach dem dritten Bier irgendwelche Anekdoten gerissen, die immer ziehen. 

Ok, melde also die Party im Wochenplan an. Und im iCal, und in der Monatsübersicht, außerdem schreibe ich mir eine Erinnerung auf ein Post-it, das Bier in den Kühlschrank zu stellen, auch wenn der Schuppen, sein wir ehrlich, zur Zeit der bessere Aufbewahrungsort ist. Das Abendessen lief dann ungefähr so:

„Ziehst du dich noch um?“

-Äh nein, wieso? Bin ich es als Frau nur wert geschminkt und herausgeputzt vor einer Kamera zu sitzen?

„Du hast die Kinder gestern im Pailettenmantel abgeholt. Mit einer Leo Leggings drunter und einer Perlenkette.“

Fair point. Es wäre vielleicht wirklich mal wieder ein Anlass, sich anzumalen. Ich kann ja sogar Lippenstift tragen! Ist ja ohne Maske! Ok gut, fine then, also volle Montur. Haare waschen macht aber das Trockenshampoo.

Und das Geilste? Ich kann im Schlafanzug rumfläzen, muss nicht raus in die Kälte, keine Diskussion darum, wer fährt und wenn ich keine Lust habe, krieg ich halt ne schlechte Internetverbindung! Erklärt mir bitte noch mal jemand, warum wir vorher immer in echt und in einem Raum gefeiert haben?

Kinder und Mann gehen also schlafen, ich setze mich an den noch nicht abgeräumten Abendbrottisch und trete dem Zoom Room bei. Das kenne ich ja alles aus dem Arbeitsalltag, nun ist aber Samstagabend und eigentlich würde ich jetzt eine Serie gucken oder was lesen. Dann wollen wir mal.

Strahlende Gesichter, eine raucht am Küchentisch, ok sie ist direkt sympathisch, und meine Freundin trinkt fröhlich Wein. Wein! Ich hole mir ein Bier. Meine Freundin stellt mich in der Zwischenzeit vor und fängt an, die anderen vorzustellen. Richtig gut: Bei Zoom stehen die Namen unter den Menschen, und da ich richtig schlecht mit Namen bin, ist das schon wieder ein Vorteil für die digitale Party. Ich kann nichts dafür, dass es zwischen 1975 und 1993 anscheinend nur Thomas, Michael, Christian, Alexander, Stefan oder Jennifer, Sabine, Michaela, Christiane, Anne, Julia als Auswahl gab.

Ich bleibe bei meinem Schlachtplan und höre schön zu. Sie reden über Adventskalender, die Kinder und früher. Ich stehe auf und beginne, die Küche auszuräumen. Plötzliches Geschrei. „Hörst du sofort auf damit! Das ist eine Party, hier wird nicht aufgeräumt! Fehlt nur noch, dass du die Wäsche als nächstes aufhängst.“ Alle lachen. Ich blinzle rüber zur Waschmaschine, noch 30 Minuten. Ich versuche mich rauszureden. Dass mein Mann in den letzten Monaten eigentlich 99% des Haushalts und der Kinderbetreuung übernommen hat, dass ich sehr, sehr viel arbeite zur Zeit und dass ich ihm keine dreckige Küche überlassen will. Stille. 

Ich räume und putze also munter nebenher und lache immer mal wieder. Ok, die Freundinnen meiner Freundin sind mega witzig, warum hatte ich da so einen Schiss? Sieh mal einer an, Wäsche fertig. Korb links, Laptop recht untern Arm, und mein Bier? In den Mund. Ein Schelm ist, der zweimal läuft! Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein.

Irgendwer macht Musik an und wir machen Tanzpause. Ok, das tut tatsächlich gut grad. Wäsche aufhängen und Zeug wegtanzen. Tut gut, richtig gut. Wir reden über Jobs, Chefinnen und Chefs, Festanstellungen, Corona Maßnahmen, Lockdown, und geben Ratschläge, hören zu. Ich kenne diese Frauen erst seit einer Stunde, aber es ist wie auf dem Klo im Klub, wir sind alle ein Team gegen das Patriarchat. 

Auf einmal sehe ich eine Schlafanzughose auf dem Tisch in einem Zoom Fenster. Und zwei Beine, die drin stecken. Gut, dann tanzen wir jetzt also auf dem Tisch. Ach nee, die Kinder dieser Frau schlafen, jetzt kommen die Feierabend-Zigaretten raus und es wird heimlich aus dem Fenster geraucht. Ha, nice. Ich denk mir so, huh, da wäre jetzt ein Balkon praktisch

Meine Kinder schlafen anscheinend nicht. Zumindest behauptet das der Mann, gibt mir das Kleinkind, und geht mit dem großen Kind ‚lesen‘. Keine zehn Minuten später schnarchen beide. Nun gut, Zoom Party mit dem Kleinkind, das wirklich noch sehr wach zu sein scheint. Die anderen finden es toll und fangen an mit ihm zu reden. Ich hole derweil die Chips. Die werden mir postwendend vom Kind geklaut, und heimlich hinterm Sofa vertilgt. Die Frauen lachen sich schrott. 

Wir reden über den Zweitkindfaktor, und dass man nur dewegen noch mehr Kind haben wollen würde, denn je mehr Kinder, desto scheiß-egaler wird einem alles. Ich glaube die Elina mit nur einem Kind vor so und so vielen Jahren wäre nicht mit dem Bier auf dem Sofa sitzen geblieben hätte ihr Kind das Wohnzimmer mit Chips vollkrümeln lassen. Die Elina mit zwei Kindern hat aber auch einen Robosauger, und scheißt drauf. 

Nach einer guten halben Stunde lustigem Trara wecke ich sanft und behutsam den ruhenden Mann und bitte ihn, das Kleinkind schlafen zu legen, es wäre jetzt soweit. Ich bin ja auf einem Geburtstag mit meinen neuen Freundinnen. 

Fotos: Kai Senf

Der Pulli auf den Bildern ist ein PR Sample. Danke, Kisura!

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