Eine Elternzeit-Reiseagentur: ‚Die Welt wartet‘ von Viola Ehrig

Ich steige aus dem Flieger aus und suche ein Schild mit meinem Nachnamen – was in Deutschland immer lustig ist, da ich ja Penner heiße. In Portugal juckt es niemanden. Neben dem jungen Fahrer steht eine große blonde Frau und lächelt mich an. Die Frau heißt Viola und wir werden die nächsten fünf Tage zusammen die Luxusfamilienhotels der Martinhal Hotelkette testen. Viola ist schwanger, das heißt ich kann regelmäßig ihre Wein- und Schnapsration übernehmen, you’re welcome, Viola. Man tut was man kann. Ich bin als Familienbloggerin in Portugal, doch Viola ist so richtig-richtig beruflich da, denn sie hat eine Reiseagentur gegründet, die sich auf Eltern in der Elternzeit spezialisiert hat. Selbstverständlich könnt ihr auch Reisen bei ‚Die Welt wartet‘ buchen, wenn ihr aus der Elternzeit raus seid. Ich ließ mir die Gelegenheit nicht nehmen und habe Viola während der Reise interviewt.

Hauptstadtmutti: Hallo Viola, stell dich und ‚Die Welt wartet‘ doch einmal vor.

Viola: Ich bin Viola und ich überzeuge Familien, dass es großartig ist, mit Babys und Kindern zu verreisen. Dass es nicht verantwortungslos ist, ein Baby in die große weite Welt hinaus zu schleifen, sondern dass eine Elternzeit gerade dafür wunderbar geeignet ist.

Angefangen hat das alles mit unserer eigenen Elternzeit. Ich habe u.A. in Australien Tourismus Management studiert, Reisen verkauft, Reisebüro-Mitarbeiter geschult, Destinationen und Produkte vertreten und war ständig unterwegs. Dann kam der Babybauch (der ebenfalls weit reiste), dann unser Sohn. Und damit die Aussicht auf ein paar Monate gemeinsame Elternzeit. Unser Gedanke: Zeit für eine schön lange Reise! Die Gedanken einiger anderer: Sind die wahnsinnig?

Wir haben uns davon nicht beeindrucken lassen und waren 2 Monate im wenig bereisten Teil der USA und Kanada unterwegs. Und es war herrlich!

Wieder zurück habe ich recherchiert, ob es tatsächlich niemanden gibt, der Familien bei der Planung und Buchung einer Elternzeitreise unterstützt, der all die Fragen zu Kindersitz, Druckausgleich und Windelkauf im Ausland beantwortet, Mut macht, inspiriert und motiviert. Nee. „Die Welt wartet“ war gegründet.

Hauptstadtmutti: Also nehme ich an, dass ihr in einer aufregenden Großstadt zwischen reiselustigen Eltern lebt?

Viola: Haha, nicht ganz. Um ehrlich zu sein, nicht einmal annähernd. Vom Landkreis Augsburg ging es für mich nach Freiburg, Melbourne, dann gemeinsam nach Berlin, Stuttgart, München und nun in die bayerische Provinz zwischen Regensburg und Ingolstadt. Besser noch: in den Kurort Bad Gögging. Wo andere ihr Rheuma kurieren, verkaufe ich Reisen in die weite Welt. Die meisten meiner Reisefamilien sind nicht von hier. Überrascht?

„So etwas gibt’s hier?“ war die baff erstaunte Äußerung einer Einheimischen, als ich kürzlich erzählte, was ich mache. Ich bekomme von den hiesigen Müttern durchaus positive Äußerungen, meist jedoch mit dem Zusatz, dass sie sich das nicht trauen würden, so weit weg mit Baby. Zum Glück gibt’s aber auch in der bayerischen Provinz einen Telefonanschluss und Internet – mehr brauch ich nicht.

Hauptstadtmutti: Der größte Fehler, den Menschen beim Reisen mit Kind machen? 

Viola: Viele Mamas und durchaus auch Papas tendieren dazu, sich über Kleinigkeiten viel zu viel Kopf zu machen. Ich bekomme regelmäßig die Frage, ob es vor Ort Windeln und Babynahrung gibt – und zwar nicht von Familien, die die mongolische Steppe oder Grönlandsee bereisen, sondern westliche, voll erschlossene Reiseziele. Da hilft es dann beruhigend darauf hinzuweisen, dass auch australische oder portugiesische Kinder essen und verdauen. Natürlich nehme ich die Sorgen, Bedenken und Ängste aber immer ernst und helfe, die Reise so zu planen, dass alle entspannt in ihr (erstes) Familienabenteuer starten können. Entspannte Eltern = entspanntes Kind.

Auf der anderen Seite bremse ich aber auch übereifrige Eltern aus, die tausendkilometrige Fahrtstrecken und wirklich ALLES in ihre Reisen packen möchten. Ich kann das verstehen, ohne Kind waren wir ähnlich unterwegs, wollten möglichst viel sehen von einem Land. Mit Kind reist man aber langsamer, gemächlicher, dafür aber dann auch intensiver. So entdeckt man durch die Kleinen vieles, was einem selbst entgehen würde. Kinder sind auf einer anderen Reisehöhe unterwegs und nehmen vieles wahr, was wir selbst übersehen, das ist unglaublich spannend.

Hauptstadtmutti: Der Klassiker…worauf muss man achten, wenn man zum ersten Mal mit dem Baby fliegt? 

Viola:Unbedingt auf den Druckausgleich achten, grade bei den ganz Kleinen. Am besten stillen, etwas zu trinken oder nuckeln geben. Die Kieferbewegung hilft, den Druck bei Start und Landung auszugleichen, was bei Babys noch nicht automatisch funktioniert. Und: nicht von Kommentaren oder bösen Blicken verrückt machen lassen. Es ist ja allseits bekannt, dass man mit Baby nicht zu den beliebtesten Fluggästen an Bord zählt. Wer gleich das Eis brechen möchte: Schoki an die Sitznachbarn verteilen. Haben wir auf unserem ersten Langstreckenflug gemacht, ist wunderbar entwaffnend.

Hauptstadtmutti: Wann ist der beste Zeitpunkt, in der Elternzeit zu verreisen?

Je kleiner die Kinder, umso weniger Bewegungsradius haben sie. Da reicht eine Decke für unterwegs zum Krabbeln, im Flieger können die Babybassinets genutzt werden. Das hat einen großen Vorteil. Allerdings sollte man beim ersten Kind auch etwas Zeit zum „Eingewöhnen“ lassen. Ist ja schon ein Weltaufdenkopfstellen, was da in den ersten Monaten passiert. Daher würde ich sagen, ab einem Alter von sechs Monaten.

Hauptstadtmutti: Was buchen denn die Eltern so? Ferienhaus in Dänemark oder drei Monate Australien?

Viola: Den größten Teil meiner Buchungen machen ausgedehnte Reisen während der Elternzeit aus. Die Eltern-Neulinge sind in der Regel mindestens 6-8 Wochen unterwegs, einige auch länger. Sehr gefragt ist momentan Australien und Neuseeland, aber auch Südafrika, Kanada und mittlerweile wieder die USA. Die Staaten waren als Reiseziel im vergangenen Jahr tatsächlich aufgrund ihres alles andere als image-fördernden Oberhaupts gänzlich abgeschrieben. So langsam erholt sich das aber wieder.

Unterwegs sind meine Reisefamilien übrigens sehr oft mit dem Wohnmobil – eine komfortable und sehr flexible Art mit Baby und Kind zu reisen, die mittlerweile auch nichts mehr mit Häkelklorollen-Spießigkeit zu tun hat. Aber ich habe natürlich auch Familien, die nur 1-3 Wochen unterwegs sind um in einem Ferienhaus zu entspannen, Sonne abzukriegen oder eine Städtereise zu unternehmen. So bleibts auch für mich immer spannend.

Hauptstadtmutti: Wo sind die Eltern am zufriedensten? 

Viola:Das kann man pauschal gar nicht so sagen. Zufrieden zurück kommen sie in der Regel, wenn das Reiseziel bei der Planung sorgfältig ausgewählt wurde, nach den individuellen Interessen und passend zur Reisezeit. Und wenn es nicht eine Woche am Stück geregnet hat.

Viele Familien erzählen hinterher, wie sehr sie es genossen haben, fernab von Stress und Alltag in ihre neue Elternrolle zu finden, wie wunderbar es war, Zeit gemeinsam zu verbringen und die kleinen Entwicklungsschritte unterwegs intensiv mitzubekommen (gerade die Väter!). Das kann ich gut nachvollziehen, denn bei uns war es ebenso. Unser Sohn wird sich noch bis ins hohe Alter die Geschichte anhören müssen, wie er damals auf der Brücke über den Mississippi seine ersten Schritte gemacht hat. Er wird jedes Mal die Augen rollen. Aber da muss er durch, es war einfach zu schön.

Hauptstadtmutti: Glückwunsch noch einmal zur Schwangerschaft! Und wenn das Baby da ist?Selbstständigkeit und Elternzeit sind ja nicht unbedingt vereinbar, wie Isa uns auch schon ein paar Mal erklärt hat.

Viola: Bei uns wird dieses Jahr spannend: im Frühjahr wird unser „Kleiner“ zum großen Bruder. Als wir ihm das erste Mal vom Baby erzählt haben, hat er nur kurz genickt und meinte „Ok, können wir jetzt toben, Papa?“ Mittlerweile, da der Babybauch auch sichtbar ist, sieht das schon anders aus. Jetzt stellt er Fragen, möchte wissen, wie groß das Baby ist und überlegt fieberhaft, ob denn jetzt eine Schwester oder doch eher ein Bruder besser wäre.

Für mich heißt das natürlich erst einmal Umstellung. Wie lässt sich die Selbstständigkeit mit Baby umsetzen? Leider ist die Lage da ja etwas anders als im Angestellten-Job. Schließlich ist kein Chef da, bei dem man Mutterschutz beantragen könnte. Klar kann man in Elternzeit gehen, aber die Arbeit bleibt ja trotzdem da. Und das, was ich mir in den letzten knapp 3 Jahren aufgebaut habe einfach „versanden“ zu lassen kommt gar nicht in Frage. Dazu liebe ich das, was ich tue viel zu sehr. Wer kann schon behaupten, sich Sonntagabend schon auf den Arbeits-Montag zu freuen? Für dieses Gefühlt nimmt man so einige Hürden der Selbstständigkeit in Kauf.

Eine große Hilfe wird in jedem Falle mein Mann sein, der einige Monate Elternzeit nehmen wird. Ein Glück, dass er gerne (und noch dazu gut) kocht und große Geduld bei der Kinderbespaßung hat.

Im Arbeitsalltag bekomme ich zudem Unterstützung von meiner Schwester, die neben einer klassischen Reisebüroausbildung auch so einiges an Reiseerfahrung hat. So kann sie mir grade in den ersten Wochen einiges abnehmen. Das ist beides viel Wert. Und schließlich bin ich ja nicht die erste mit zwei Kindern – wir werden schon einen neuen Arbeitsrhythmus finden. Das Gute ist ja, dass ich mit meinem Laptop ausgestattet von überall arbeiten kann.

Hauptstadtmutti: Was ist das nächste Reiseziel? Oder habt ihr mit dem Kleinen schon alles gesehen? 

Viola: Am Tag nachdem ich von meiner ersten Schwangerschaft erfahren habe ging es nach Australien und Fiji – kein Wunder also, dass unser Sohn schon immer ein Reisekind war! Seine erste große Reise als Baby war dann in die USA und Kanada. Aber auch in Europa kennt er sich mittlerweile gut aus. Für die nächste Elternzeit haben wir schon so einiges an Ideen – von Australien bis Südamerika ist alles dabei. Wenn man täglich mit aufregenden Reisen zu tun hat ist die Entscheidung aber auch echt schwer. Ich fürchte, wir müssen eine Weltreise machen!

Hauptstadtmutti: Könntest du dir auch vorstellen, mit Kind auszuwandern?

Viola: Auswandern…davon träumt man zu Studiumszeiten ja schon. Hinausziehen in die große weite Welt und irgendwo hängenbleiben. Und dann ist man längere Zeit im Ausland und stellt fest: die große weite Welt ist schön, wunderschön. Aber auch zu Hause ists schön. Die knusprigen Backwaren, die Biergärten, viele Kleinigkeiten, die einem vorher gar nicht so aufgefallen sind, weil sie so alltäglich und selbstverständlich geworden sind. Daher denke ich: lieber reisen, als auswandern. So oft, weit und intensiv wie möglich. Und zwischendurch immer wieder für eine Weile heimkehren.

Hauptstadtmutti: Vielen lieben Dank, Viola und alles Gute!

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