Hauptstadtmutti

Ey meine Freundin letztens so: Bin ich bei meiner Schwiegermutter zu empfindlich?

Der Mann muss lange arbeiten, das Kind schläft und ich hab nichts zu tun! Whoopwhoop! Wie oft passiert das denn bitte? Genau, nie. Also mache ich Netflix an und ein Bier auf, denn immer wenn man mal Zeit hat, läuft natürlich kein Fußball. Ich gucke eine Doku über die günstigsten Hochzeiten in Australien, beziehungsweise, um hier mal ganz ehrlich zu sein, ist das eine Reality Show. ‚Doku’. Haha, ist klar und gleich mach ich ARTE an und gucke einen existentialistischen Film auf Französisch mit Untertiteln.

Danach geh ich ins Theater und esse vorher glutenfreie Pasta mit Bio-Shrimps für 26 Euro. Sonst keine Sorgen, echt. Jedenfalls erinnert mich die Do … äh Reality Show daran, dass ich ja auch mal geheiratet hab und dieses Jahr wieder ein paar Freundinnen heiraten und ich schicke mal wieder eine Copyandpaste-SMS in die Runde. Ganz Standard:

„Hallo Mausebär, na wie laufen die Hochzeitsvorbereitungen? Denk an dich, Knutsch, HDGDL, 90s foreva biatch“

Freundin 1 schreibt.

Freundin 2 schreibt.

Freundin 3 schickt ein Bild aus dem Kino und sagt, sie meldet sich später. Wer geht denn bitte an einem Montag ins Kino? Ach ja, kinderlose Menschen, ich vergaß.

Freundin 1 hat jetzt alle Einladungen fertig ge-handlettered und ihr Mann klebt grad die Briefmarken mit ihrem dummen Pärchenbild auf die Umschläge und sie gucken nebenher einen ganz alten Tatort aus der Mediathek. Sie musste nur „so lange“ warten mit den Einladungen, weil der Handlettering Workshop ja erst „so spät“ war. Die Hochzeit ist einem Jahr. Manchmal frage ich mich, warum Freundin 1 und ich befreundet sind. Aber wenn man ihr Alkohol gibt, wird sie sogar richtig lustig. Jetzt kann sie aber grad nicht mehr schreiben, weil sie noch das Gästebuch fertig machen müssen: Es besteht aus Korken, die alle von Flaschen, die ihr Zukünftiger und sie gemeinsam getrunken haben, stammen. Auf die Korken kann dann jeder Gast einen Daumenabdruck hinterlassen. Ich schreibe mir auf die Liste, einen Hacker zu beauftragen, ihren Pinterest Account zu löschen und Pinterest komplett auf ihrem Handy und Laptop zu blockieren. Es geht einfach zu weit inzwischen.

Freundin 2 hat tatsächlich echte Sorgen und sagt, dass sie traurig ist, weil sie nicht weiß, ob sie Stress mit ihrer Schwiegermutter hat oder nicht. Wie kann man das denn nicht wissen? Aha, es geht um Kommentare. So kleine Sticheleien, kennt man. Letztens sagte die Schwiegermutter wohl zu ihrem Sohn (also dem Freund meiner Freundin):

„Du bist meine Familie, und wenn ihr heiratet, dann ist die S. (also meine Freundin) meine erweiterte Familie.“

Ich meine, das ist zunächst einmal nicht böse, per se, aber ich verstehe, was sie meint. Wozu „erweiterte“ zu betonen? Ist meine Freundin dann nicht Teil der Familie an sich? Und was hat der Mann gesagt?

„Nichts, der fand das sogar nett. Aber der würde auch noch an den Weihnachtsmann glauben, wenn er könnte. Bin ich zu empfindlich?“

Schwierig. Man kennt ja die Schwiegermutter-Problematik, wenn man einen Mann heiratet. Mamajunge und so. Mamas Liebling. Mamas Großer. Mamas Kleiner. Mamas Goldjunge. Warum auch immer, aber es ist das eine Klischee, bei dem ich im Freundeskreis so gut wie nie etwas Gegenteiliges höre. Außer bei den Freundinnen, die Schwiegermütter mit Migrationshintergrund haben, das ist alles Friede, Freude Eierkuchen mit Humus. Ist die komplizierte Schwiegermutterbeziehung ein deutscher Stereotyp? Nee, kenn ich aus Amerika auch. Aber wo kommt das denn her? Zu viele böse Stiefmütter in den Märchen? Oder sind es die Männer, die nicht erwachsen werden wollen und sich ewig und drei Tage auf Mama verlassen?

„Immer wenn wir zu Besuch sind, fragt sie ihn, ob er abgenommen hat, er wirke so dünn. Und dann natürlich: Was ich denn so kochen würde.“

Autsch. Klar, die Frau ist für das leibliche Wohl des Mannes zuständig. Und wenn Mama sich Sorgen macht, dass der Junge nichts isst, dann muss es ja daran liegen, dass die neue Freundin nicht kocht. Oder nicht gut? Das ist ja noch so richtig oldschool. Ich schicke ihr den Smiley, der mich immer an meine geliebte Chrissy Teigen erinnert.

„Und das Beste, er ist seit Jahren Vegetarier, und traut es sich nicht, seiner eigenen Mutter zu sagen, dass er kein Fleisch mag! Und ich bin die Dumme!“

„Oh, das ist aber ärgerlich!“, würde jetzt mein Kind sagen. Sehr sogar. Das ist wie, wenn erwachsene Menschen ihren Eltern verheimlichen, dass sie rauchen. Oder halt kein Fleisch essen. Und was macht die Freundin jetzt?

„Was weiß ich. In den sauren Apfel beißen. Oder ihn zwingen, es seiner Mutter endlich zu gestehen. Auf der anderen Seite fragt mein Vater ihn jedes Mal, was er gerade liest. Und mein Freund liest doch gar nicht. Und zu jedem Geburtstag schenkt er ihm irgendeinen 500 Seiten Bestseller, die wir dann immer auf dem Flohmarkt verkaufen. Und mein Vater weiß, dass er keine Bücher liest. Trotzdem macht er das.“

Warum machen Schwiegereltern das? War das schon immer so, oder ist das ein Generationending? Welche Generation sind denn die jetzt 30-/40-jährigen? Sind das alte Millennials? Junge Generation X-VertreterInnen? Und die Eltern? Sind das Baby Boomer? Ah ich sehe gerade Millennials sind wohl 1980-1994 und Baby Boomer 1946-1964, alles klar. Sind also unter Umständen die Eltern voneinander, was auch so einiges erklärt.

Ich sage meiner Freundin, dass sich die Schwiegermutter einfach um ihren Jungen Gedanken macht, auf eine komische Art und Weise. Das nervt, das verstehe ich. Da ist man empfindlich. Ist das nicht normal? Vielleicht kann man ja ein neues Hobby finden, irgendwas zu dritt? Mehr Zeit miteinander verbringen? Minigolf? Ausmalbücher für Erwachsene? Töpferkurs? Ihr ein Smartphone schenken und zeigen wie Whatsapp geht und dann mehr Bilder schicken? Oder noch besser Instagram? Was weiß ich, ich bin auch schlecht darin, immer nur das Positive in etwas zu sehen. Ich sage meiner Freundin, sie kann ja auch einfach ihre Schwiegermutter nicht mögen, erspart ihr vielleicht einiges an Stress.

„Oder mein Freund sagt ihr einfach, dass er überlegt, Veganer zu werden, und dann kann ich mich mit ihr zusammen darüber aufregen, dass er so anstrengend ist.“

Das ist doch mal eine Lösung! Verschwestern mit der Schwiegermutter! Gegen den gemeinsamen Feind den man liebt! Und dann immer schön Braten wünschen, wenn man zu Besuch ist, hihi.

Foto: Unsplash von Cortney White

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