Fahrtauglichkeit: „Ich habe Sie einfach nicht gesehen“

Ich stehe vor seinem Auto und bitte den Fahrer, die Fensterscheibe runterzurollen. Ich will ihn anschreien, aus voller Kehle, ich will dass er sieht, wie meine Hände zittern, dass mein Puls rast, doch stattdessen sehe ich ihn. Er steht unter Schock, er ist, wie man so schön sagt, ganz klein mit Hut. Es tut ihm leid. „Ich hätte Sie töten können, Sie hätten mich töten können, in meinem Auto sind Kinder, wie können Sie mich nicht sehen können?“ „Ich habe Sie einfach nicht gesehen, ich weiß es nicht,“ antwortet er. Er ist älter. Ich bin so schlecht im Schätzen, aber definitiv über 70. Er hat mir die Vorfahrt genommen, ich war auf der Hauptstraße, es war sonnig, tagsüber. Es war für mich das fünfte Mal in einer Woche.

Potsdamer Platz, schwerer Unfall, Mutter und Kind sind tot. Bei der Mahnwache kritisiert Fuss e.V. Sprecher Roland Stimpel Verkehrssenatorin Manja Schreiner (CDU). „Sie haben angekündigt, dass Sie hier auf diesem Stück Straße sowie an 29 anderen Hauptstraßen das aktuelle Tempolimit wieder von 30 auf 50 hochsetzen wollen. Spätestens seit gestern sollten Ihnen die Augen geöffnet sein.“ Es geht um Raserei, Tempo 30 und sichere Radwege. Alles wichtige Themen, niemand spricht das Alter des Unfallfahrers an, es wird betont, dass er nüchtern war. Er war aber auch 83.

Seit 2018 leben wir auf dem Land. Das ist im Großen und Ganzen ganz schön. Dass in den 30er Zonen grundsätzlich mit mindestens 50 durchgebrettert wird, geschenkt, man gewöhnt sich an einiges, aber in den letzten Jahren ist eins aufgefallen: die Autos werden immer größer und die Fahrer*innen dahinter immer kleiner. Nein, wirklich, ich meine das genauso. Manchmal kommt mir ein SUV entgegen und ich kann keinen Fahrer erkennen, erst beim Vorbeifahren erscheint ein silbergrauer Schopf. Je größer die Karre, desto älter der Fahrer oder die Fahrerin. Erinnert ihr euch noch an den Oma-Polo, den man dann zum 18. Geburtstag übernehmen durfte? Vorbei, Omma fährt jetzt Geländewagen. Es gibt sogar Zahlen.

Eine Auswertung von Kfz-Versicherungsabschlüssen, die über das Vergleichsportal Verivox getätigt wurden, ergab, dass der SUV-Anteil bei Senioren im Alter von 70 bis 79 Jahre 60 Prozent über dem Durchschnitt liegt. Bereits bei den über 50-Jährigen übertrifft die Beliebtheit der SUV den Schnitt um 14 Prozent, bei der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen sind es 44 Prozent.

Welt.de

Es ist also nicht nur meine höchst subjektive Wahrnehmung. Doch ist meiner Wahrnehmung nach genau diese Altersgruppe gerne mal flott unterwegs. Nicht auf der Landstraße oder auf der Autobahn, nein, da wird gechillt durchgehend 70 gefahren, aber in verkehrsberuhigten Zonen, da juckt’s dann plötzlich. Ich fahre inzwischen so langsam durch unseren Ort, weil ich vor allen Dingen bei der Apotheke, der Bank, dem Bäcker und den Arztpraxen mir echt nicht mehr sicher sein kann, wie fix die plötzlich vom Parkplatz müssen. Es grenzt an Fahrlässigkeit. Was sagen die Zahlen?

Die Gesamtzahl der im Straßenverkehr verunglückten Seniorinnen und Senioren hat seit 1980 um 21,6 % zugenommen. Der Anteil der Seniorinnen und Senioren an allen Verkehrstoten ist daher gestiegen. War 1980 noch rund jede(r) fünfte Verkehrstote 65 oder älter gewesen, war es 2021 rund jede(r) dritte.

Statistisches Bundesamt

Ich hab noch mehr:

Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil verunglücken Menschen ab 65 Jahren seltener bei Verkehrsunfällen als jüngere. Sie sind jedoch überproportional häufig in schwere Verkehrsunfälle verwickelt. So lag ihr Anteil an allen Verunglückten im Jahr 2022 bei 14,5 Prozent. Bei den Verkehrstoten waren es jedoch 36,7 Prozent. Damit gehörte jeder dritte Verkehrstote zu dieser Altersgruppe.

Verkehrswacht

Ich habe meinen Führerschein in den USA gemacht. Alle 5 Jahre muss man da zum DMV und lässt sich grob checken, dann erst wird der Führerschein erneuert. In Europa ist Italien am strengsten:

Menschen unter 50 müssen alle zehn Jahre ihren Führerschein erneuern. Fahrer zwischen 50 und 70 Jahren alle fünf, zwischen 70 und 80 Jahren alle drei Jahre. Und jeder, der über 80 ist, muss alle zwei Jahre kommen und eben zusätzlich ein ärztliches Attest vorlegen. 

Deutschlandfunkkultur

Und in Deutschland? BAHAHAHAHHAHAHAHAHAHAHAHAA. Nichts. Einfach nichts. Gottvertrauen und eine solide Autolobby. Was sagt der Herr Verkehrsminister dazu? „Ich traue den Senioren schon zu, dass sie sich ohne staatliche Vorgaben und bürokratische Kontrolle mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen.“ Zudem sei es „eine Verantwortung des Umfelds, von Kindern, Verwandten und Nachbarn, mit alten Menschen über das Autofahren zu sprechen“. (Quelle) Na klasse. Nochmal:

Bei den mindestens 75-Jährigen wurde sogar gut drei von vier unfallbeteiligten Autofahrerinnen und -fahrern die Hauptschuld am Unfall zugewiesen (76,6 %). Das ist mit Abstand der höchste Wert aller Altersgruppen. 

Statistisches Bundesamt

Mich macht das tagtäglich zu einer noch vorsichtigeren Fahrerin, zu einer sehr geübten Vollbremserin. Meine Kinder kennen das inzwischen gut. Ich kann euch nur bitten, mit euren älteren Verwandten zu sprechen, die Fahrtauglichkeit überprüfen zu lassen. Irgendwas muss sich ändern.

PS: „89 Prozent der befragten Fahrzeughalter befürworten eine Einführung von Fahrtauglichkeitsüberprüfungen im Alter. Sogar in der Gruppe 50 bis 65 Jahre gibt es 78 Prozent Zustimmung.“ (Quelle)

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