Hauptstadtmutti

Ey meine Freundin letztens so: „Ich hasse Pippi Langstrumpf“

Es muss irgendwann vor, nach oder während Weihnachten gewesen sein. Ein großer Moment für mich, denn ich hatte beschlossen, mit dem Kind zum ersten Mal Pippi Langstrumpf zu gucken. (Vielleicht kann es dann dieses Jahr auch zum ersten Mal mit ins Stadion, doch dazu an anderer Stelle mehr.)

Also, Kekse liegen bereit (für mich, das Kind mag ja nichts Süßes) und Zack boom, es geht los: „Ba ba ba ba – Dadell, dadell dat. Dat dat dat da. Ba ba ba ba – Dadell, dadell dat da da.“ Das denke ich mir nicht aus, das habe ich gegoogelt, also ist es richtig. Das Kind bittet mich, mit dem Singen aufzuhören. FINE. Wir gucken gute fünf Minuten und kaum eine Reaktion. Bis ich plötzlich angestupst werde und von unten aus dem Sofakissen mir eine zaudernde, klägliche Stimme mitteilt, dass das Mädchen das nicht darf. Hö, was, wie bitte?

„Mama, was macht die da? Die macht noch alles kaputt, man darf nicht auf Küchenschränke klettern!“

Uhm, ja stimmt eigentlich. Fuck man. Jetzt auf einmal kommt hier so etwas wie Regelkonformität an den Start, oder wie oder was? Aber wenn ich sage ‚es wird nicht auf Stühle geklettert’ dann wird gelacht und sich ein Lippenbändchen gerissen?

„Und wo sind die Eltern? Mama, hat die Pippi keine Mama?“

Nun gut, diese Frage stresst mich nicht. Wir lesen andauernd Bücher über Kinder ohne Eltern oder nur mit Mama/Papa, das kann ich erklären. Das Kind sagt mir zum ersten Mal in seinem Leben, dass es eine Sendung bitte nicht mehr gucken möchte.

Ich schreibe an die Freundin: „Das Kind findet Pippi Langstrumpf scheiße.“

Die Freundin prompt zurück: „VERSTÄNDLICH! ICH HASSE PIPPI LANGSTRUMPF.“

Ah ja, Nerv getroffen, interessant. Und wo kommt jetzt dieser Hass her?

„Weil sie eine egoistische Psychopathin ist, die weder Vorbildfunktion noch Inspiration verkörpert.“

Ich erinnere mich an dämliche Postkarten, die mir regelmäßig geschenkt wurden: In einer Welt voller Annikas, sei du die Pippi. Wieso eigentlich? What’s wrong with Annika? Annika macht ihre Steuer bestimmt auch im Januar so wie ich, und hatte keinen Stress mit dem Elterngeldantrag. Immer diese Glorifizierung von kreativem Chaos und dass man etwas nicht schafft, nur weil da Kinder rumlaufen. Annika weiß bestimmt auch immer ganz genau, wie viel Mehl, Eier und Milch im Haus ist, damit man jederzeit (Pfann)Kuchen machen kann. Pippi macht auch Pfannkuchen, aber dann ist das Haus ein einziger Saustall und woran erinnert mich das jetzt …

Hier ist ne Theorie: Pippi Langstrumpf ist eigentlich ein Klischee Papa. Hear me out.

Thomas und Annika machen andauernd Ausflüge mit Pippi (aka Papa), es gibt ungesunden Kram zu essen, keine Bettzeit, keine Regeln, etc. Auf der anderen Seite verkörpert Annika die böse Mama, zu der viele von uns andauernd gemacht werden. (Bevor hier wieder die erste Trulla anfängt zu schreiben: ‚Bei uns zu Hause ist ja der Papa der Ordentliche, hihi und ich bin die Lustige von uns beiden…’, ist mir egal, darum geht es nicht, es geht hier um mich und meine Freundinnen, nicht um dich!).

Annika erinnert Pippi/Papa und Thomas regelmäßig daran, was eigentlich geht und was nicht geht, wann sie zu Hause sein sollten und sie hat mit ihren jungen Jahren schon einen ordentlich ermahnenden Blick drauf. Ja, und es ist fucking anstrengend, die Mama-Annika zu sein, oder? Letztens bei Papa & Kind überhört: „Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, wird Mama sauer.“ Bitte was? Was ist das denn für eine abgefuckte Erziehungsmethode? Es nervt, immer der Bad Cop zu sein, bzw. zu ihm gemacht zu werden.

Aber da schrieb die Freundin:

„Und überhaupt, sie kann sich den ganzen Kack ja nur leisten, weil sie das ganze Gold im Haus rumliegen hat. Reiches Kapitalistenschwein und psycho!“

Stimmt eigentlich, die ganze Geschichte wäre von jetzt auf gleich vorbei, oder unsinnig, hätte Pippi das ganze Geld nicht. Immer, wenn sie ein Problem hat, oder Hunger, oder beides, schmeißt sie ’ne Goldmünze drauf.

Entschuldigung, aber klar, ich könnte mir auch alles auf der Welt erlauben und Paris Hilton-mäßig steil gehen, wenn ich das entsprechende Bankkonto hätte. Nie wieder arbeiten, Kundengespräche, Deadlines, Ämter, sondern einfach mal die Zunge austrecken und sagen ‚Ätschbätsch, ich mach gar nichts mehr, außer Süßigkeiten essen!‘.

Denn, entgegen der gängigen Meinung der Blogosphere und Instagram Welt braucht man nämlich sehr wohl Geld zum Klarkommen. Egal wie wenig, man braucht es und die meisten von uns müssen dafür arbeiten.

„Was mich aber am allermeisten nervt, ist dass ich immer so tun muss, als ob ich huste, wenn sie schon wieder das N-Wort gesagt haben. Muss das heutzutage noch sein? Die sollen das wegschneiden.“

Wäre ich auch dafür. Wer aus historischen Gründen unbedingt ‚Die kleine Hexe’ oder halt Pippi im Original lesen möchte, kann das ja tun. Ich denke, dass es kein einziges Argument gibt, warum Kinder solche Wörter hören müssen. Vom kolonialistischen ‚Südseekönig’, der Pippis Vater ist, mal ganz abgesehen. Ureinwohner, die Kannibalen sind, ein weißer Mann, der kommt, und wohlwollend über alle herrscht. Argh, nee danke, Bauchschmerzen weil Rassismus.

Aber auch noch einmal zurück zu der Pippi und Annika Problematik. Erinnert mich etwas an die Carrie und Charlotte Scheiße. (Die Alliteration ist übrigens schöner, wenn ihr nicht Tscharlott sagt. Es heißt auch Schikago und nicht Tschikago.). Wenn man als jetzt tatsächlich über 30jährige, berufstätige (Ex-)Großstadttrulla ‚Sex and the City‘ guckt, muss man sich eigentlich nur permanent aufregen. Carrie benimmt sich unmöglich, ist nie zufrieden zu stellen und wie zur Hölle kann sie sich das alles leisten? Gebt mal bei Instagram #wokecharlotte ein, das beruhigt etwas. Irgendwer hat ja bei so gemeinsamen Rudelgucken immer gesagt, dass die Charaktere ja die unterschiedlichen Seiten einer Frau zeigen sollen, und dass keine der Frauen so für sich stehen kann. Don’t get me wrong, bei der nächsten Magen Darm Grippe oder dem nächsten Kater ziehe ich mir die Serie gerne weiterhin staffelweise rein, aber Carrie ist nicht mehr das Idol, Carrie ist die, die einem leid tut. Emanzipiert ist anders.

Genauso können wir natürlich Seiten von Annika und von Pippi in uns haben, und am Ende ist das alles ja nur ein Kinderfilm von früher. Sehr früher sogar, 1945 wurde Pippi Langstrumpf veröffentlicht. Vielleicht eine Zeit, in der man den Glauben an Pippis noch brauchte, und in der uns eine Pippi Langstrumpf zum Lachen bringen konnte mit ihrem Unsinn. Heute ist das anders. Wir, die verhipsterten, gebildeten und gut ausgebildeten Berliner Mütter mit anstrengenden Jobs, die uns Freude bringen, machen uns die Welt, tatsächlich, wie sie uns gefällt. Kein Mann muss unterschreiben, wenn wir arbeiten gehen wollen, unsere Kinder werden gewaltfrei erzogen und wir essen auch mal Pfannkuchen mit Nutella zum Abendbrot. Wir finden Sexismus und Rassismus unlustig, und sind witzig, ohne andere diskriminieren zu müssen. Wir gehen auf die Straße, um für unsere und die Rechte anderer einzustehen.

Und manchmal platzen unsere Kinderblasen, wenn unsere ehemaligen Helden uns auf einmal bescheuert vorkommen. Wir haben dann übrigens Michel geguckt, und das wurde mit Begeisterung angenommen. Kannste nicht gewinnen. Vielleicht weil Michel für seinen Blödsinn bestraft wurde? Abends in der Badewanne wurde dann Holzschnitzen gespielt, scheint also tatsächlich irgendeinen Eindruck hinterlassen zu haben.

PS: Wisst ihr, was auch keinen Spaß macht, mit Kindern zu gucken? Arielle. Das war mal mein Lieblingsfilm auf der ganzen Welt. Nicht nur, dass der langweilig ist, er hat auch eine bescheuerte Storyline und eigentlich passiert irgendwie nichts, außer dass sie diesen Kerl will, ihn dazu bringen will, sie zu kriegen, und sie sich dann gegenseitig kriegen. Guckt lieber Vaiana.

 

 

Photo by Matheus Ferrero on Unsplash

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