Hauptstadtmutti

Ey meine Freundin letztens so: Kinderlose Menschen sind toll.

Die ursprüngliche Überschrift habe ich nach irgendeiner Party in den letzten Wochen getippt: Liebe kinderlose Menschen, ich feiere euch! Im Glauben, dass ich am nächsten Morgen noch ganz genau wissen würde, was ich da meinte. Tat ich natürlich nicht, also bis heute nicht und nun Rätsel ich die ganze Zeit drauf rum, was ich an kinderlosen Menschen so feiere.

Ich glaube, dass ich verglichen mit den meisten Eltern, die ich so kenne, ziemlich viele kinderlose Freundinnen und Freunde habe. Wie kann das sein? Nun, zunächst einmal habe ich für Berliner Verhältnisse recht früh Kinder gekriegt. Sprich manche meiner Freundinnen sind einfach noch nicht so weit, wollen aber, wiederum andere wollen wirklich nicht und zwar definitiv nicht. Wer nun aber aufgrund meines Buches, und Hauptstadtmutti, und den letzten Jahren dazu gekommen sind, sind einfach junge Menschen.

Macht es einen Unterschied, ob man Kinder hat?

Eigentlich ist es auch völlig Latte, ob Freundinnen von mir nun Kinder haben oder nicht, oder ob sie nun unter oder über 30, vielleicht sogar 40 sind. Würde man meinen. Pah. Es macht einen gewaltigen Unterschied. Es war ein Gespräch vor ein paar Wochen mit einer Freundin, in dem wir feststellten, dass uns die meisten, und das könnte jetzt weh tun, scheiße, ich trau es mich kaum, es zu sagen, aber dass die meisten über 40-jährigen, die wir kennen, uns langweilen. Nicht, dass sie langweilig sind, aber dass sie uns langweilen.

Wir dachten Erstgebärende wären anstrengend, puh, try the experienced Mutti, die schon alles gesehen hat und nirgends mehr hin will. Autsch, ja großes Autsch. Warum so gemein, Elina? Wir wollen doch alle Mütter immer unterstützen, oder nicht? Ich sag ja nicht, dass sie scheiße sind, oder als Mütter schlecht, interpretiert hier nichts rein, was da nicht steht, das könnt ihr auf Instagram oder Twitter machen, nicht in meinem Hinterhof.

Also, Fakt war, uns fiel beiden auf, dass wir so junge, kinderlose Menschen neu für uns entdeckten. Meine Freundin und ich. Dass die Events auf die wir gingen, die Reisen die wir unternahmen und die Jobs die wir kriegten, uns vor allen Dingen in den letzten Monaten echt mal neue Leute kennenlernen ließ. Und dass wir keinen Bock mehr auf die eigene Bubble hatten, falls es die überhaupt gibt.

Nach den letzten zwei Jahren fühlten wir uns hungrig nach so viel Leben wie möglich.

Das gleiche Gefühl teilten andere mit uns und es war erfrischend. Ich kenne diesen Drive auch von Müttern, auch über 40, aber es wird selten(er) und ich möchte behaupten, ich habe ein verdammt großes Netzwerk. Es reicht mir ja schon, Hauptstadtmutti im Exil zu sein. Als Kleinstadtmutti ist die Wahl der Lackfarbe für den Holzzaun, der einen vom Nachbargrundstück trennt schon so fast das Highlight des Jahres für viele. Oder welches Halsband man dem Hund kauft. Oder wohin es zum Skifahren geht. Oder wann Schützenfest ist.

Sprich, wenn ich unterwegs bin, wenn ich in Berlin bin, will ich ein Update. Vom Leben, vom Essen, vom Theater, von Drinks, Farben, Musik, alles. Doch, was kriege ich? Fatigue. Es geht nicht darum, dass Menschen etwas Besonderes leisten müssen, um Himmels willen, nein, aber es ist anstrengend, mit Menschen abzuhängen, die sich für nichts begeistern können.

Man könnte jetzt meinen, Elina, du empathieloses Stück Scheiße, vielleicht sind die Menschen depressiv oder müde vom Leben. Das sollte doch völlig freigestellt sein, müde zu sein. Oh, come on. Es geht hier um Neugierde und um das Verlangen, noch irgendetwas zu erleben, sich auf Menschen einzulassen und mal wieder etwas neues zu lernen. Wenn ich also auf junge, meist kinderlose, doch nicht zwingend, Menschen treffe, dann finden wir uns fast immer erst einmal unfassbar spannend. Was machst du, was macht die andere, wo willst du damit hin, was willst du noch erreichen?

Seid ihr noch geil aufs Leben?

Scheiße, ey, die sind noch GEIL AUFS LEBEN. Während meine Generation sich an die Holztür klammert, die im Packeis schwimmt, die sich schon verabschiedet haben vom Leben, von Rose, die auf der Holztür hockt, und eigentlich noch Platz für sie hätte. Immer wieder kommen die Berichte und Zitate, von Schauspielerinnen, von Autorinnen, krassen Menschen, die mit sonstwas für einer Karriere angefangen haben, als sie 40, 50, 60, waren. Kann sein, voll gut, ist das dann die Entschuldigung dafür, darauf zu warten, bis auch wir mit 48 irgendeinen krassen Schritt wagen? Oder überhaupt zu träumen wagen?

Es geht hier auch gar nicht ums Alter, oder ob man Kinder hat. Das sind einfach die Faktoren, die wir gefunden haben, den berühmten gemeinsamen Nenner. Meine Freundin und ich sind ultra spießig, wir leben in heteronormativen Beziehungen, wir reden viel über Geld, Altersvorsorge und Immobilienpreise. Aber halt nicht nur. Ich glaube nicht daran, dass man in einem bestimmten Alter etwas erreicht haben sollte, sei es eine Schwangerschaft, einen Doktortitel oder eine Ehe, das ist fucking bullshit und ich war blöd genug zu glauben, dass wir als Gesellschaft da weiter waren.

Ich dachte, dass all diese klugen, lauten Frauen um mich herum, die ich mal bewundert habe, die wären weiter, dachte ich. Die seit gefühlt Jahrzehnten Selbstbestimmung und Gleichberechtigung propagieren, die darüber schreiben, dass und was Mutterschaft alles sein kann – die leben seit jeher das statistische Klischee. Jammern aber weiter. Wäre mir ja fast schon Latte, wenn dann dabei auch endlich mal was produktives bei rumkommen würde.

You can have your cake and eat it, too

Diese neue Generation Mütter, oder aspiring, die ich da treffe, vergleicht nicht. Es fällt mir kaum auf. Sie loben viel mehr, sie freuen sich viel mehr für andere, ich werde viel mehr gefragt, ‚was brauchst du‘, ‚wie kann ich dich unterstützen‘? Was eigentlich gar nicht kommt, ist Neid, Missgunst, der übliche Schnack, den ich sonst so erlebe, mit Gleichaltrigen. Es ist ein Unterschied zwischen ‚Wie machst du das?‘ versus ‚Voll geil, dass du das machst!‘

Mir fällt auf, dass die Stimmen mehr werden, die die Zeit vor den Kindern vermissen. Die Freiheit, die Selbstbestimmung. Es wird lamentiert, doch es wird nichts geändert. Same procedure as every year und das jahrelang. Ich finde Ehe nicht langweilig, ich finde Alltag nicht langweilig, ich kann mich genauso darüber beömmeln, was meine Kinder sagen oder wie jemand an der Supermarktkasse sich beschwert, dass ein bestimmter Käse ausverkauft ist. Es wäre ein bisschen zu einfach zu sagen, dass junge oder kinderlose Menschen halt genau dieses Kinderhaben noch nicht erlebt haben.

Generation Egg Freezing

Kann sein, doch kann es nicht auch sein, dass da eine Generation auf uns zukommt, die nicht nur darüber redet, selbstbestimmter zu leben, sondern es auch durchzieht? Ist das die Generation Egg Freezing? Fluide Sexualität? Vielleicht Kinder, vielleicht nicht, aber es bestimmt ihren Lebensweg nicht? Waren wir noch zu sehr von der Frage getrieben, ob und wann wir Kinder haben wollten? Wenn ich auf Veranstaltungen bin, versuche ich manchmal so lange wie möglich nicht zu sagen, dass ich Kinder habe, nur um zu gucken, in welche Richtung es gehen wird. Als Spiel, um zu testen.

Der Höhepunkt war dann auf dem Klo von Mirna Funks Buchpremiere. Ich stand mit zwei Mädels vorm Spiegel und habe sie gefragt, ob sie Kinder haben, und die so, nö, du? ich bejahte die Frage und wir kamen voll ins Gespräch, ich war sofort ein bisschen love struck und dachte mir, scheiße, das hab ich vermisst. Das gegenseitige Hypen auf dem Frauenklo, wisst ihr noch? Das bejammern wir doch immer, seid so zueinander wie betrunkene Mädels auf der Clubtoilette. Hyped einander, feiert einander und freut euch doch mal. Was für geile Menschen da draußen rumlaufen, ob mit oder ohne Kindern, und dass wir mal wieder mehr mit Leuten reden sollten, die nicht zu 100% unseren Alltag nachvollziehen können.

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