„Fuck Patchwork! Alles, was nach uns kommt, ist B-Ware!“

Vor ein paar Wochen kam das Buch „Plötzlich Rabenmutter? Wie ich meine Familie verließ und mich fragte, ob ich das darf“ von Lisa Frieda Cossham. Abends sah mein Mann das Buch auf dem Wohnzimmertisch, hielt es hoch und machte ein fragendes Gesicht. „Arbeit oder privat?“ Ich denke nach. „Es ist ein Rezensionsexemplar, also Arbeit.“

Keine Woche später hatte ich das Buch durch, es ging wirklich schnell. Der Grund für ist recht einfach: Frau Cossham packt aus und schon auf den ersten Seiten fühle ich mich, als ob ich heimlich das Tagebuch einer fremden Person lese. Es ist ein sehr persönliches Buch, zumindest wirkt es echt und ehrlich. Erster Gedanke: Ist das nicht schwer für die Kinder, zu wissen, dass Mama da gerade die Trennungsgeschichte und unser Wechselmodell in ein Buch packt? Auf der anderen Seite, vor allen Dingen nachdem ich es durchgelesen habe, bin ich mir sicher, dass die Autorin sicherlich sowohl mit dem Vater der Kinder als auch mit den Kindern selber über alles gesprochen hat.

Nach 30 Jahren psychologischer Scheidungsfolgenforschung und zahlreichen Wechselmodellstudien vor allem aus den USA, Kanada und Skandinavien, nimmt die Wissenschaftlerin Hildegund Sünderhauf an, dass das paritätische Wechselmodell (die Aufteilung der Kinderbetreuung zu 50 Prozent) dem Kindeswohl am ehesten entspricht – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Die Geschichte von Lisa Frieda Cossham und ihrer Familie ist zunächst einmal eine große Liebesgeschichte. Von ihr, ihrer Jugendliebe und einem unkonventionellen Leben zwischen Hörsaal, Wickeltisch und Kneipe. Studieren mit Kind? Kenn ich. Ich musste das allerdings nur über einen kurzen Zeitraum hinkriegen, die Autorin und ihr Partner haben das über Jahre gemeistert.

In den ersten zwei Kapiteln hab ich nichts markiert. Ungewöhnlich. Dann muss ich wirklich schnell gelesen habe. Zusammengefasst könnte man sagen: Romantik, Babys, Studium, Arbeit, Alltag, Routine, Hochzeit, mehr Arbeit und plötzlich ein interessanter Kerl. Ist das so einfach? Ich möchte das hier nicht falsch wiedergeben. Ich erinnere mich an den beschriebenen Schmerz des Mannes, den ich an seiner Statt mitfühle, den Schmerz, den man normalerweise aus Filmen und Romanen von Frauen mitkriegt. Jemand, der verlassen wird. Ein Elternteil mit den Kinder, ein Zuhause wird von jemand verlassen, der wen Neues hat. So geht das doch normalerweise, oder? Der Jemand ist fast immer der Papa in diesen Filmen und Romanen.

In „Plötzlich Rabenmutter?“ ist es die Mama die sich verguckt, verliebt und beginnt, ihr Leben zu überdenken und beschließt, auszuziehen. Und ich weiß, was ihr denkt. Und ich habe es gedacht und jede/r, dem/der ich vom Buch erzählt habe, hat gesagt:

Wie kann eine Mutter ihre Kinder verlassen?

Ist das nicht krass? Dass wir das alle sofort denken? Dass es so tief in uns drin ist, zu denken, ‚das Kind gehört zur Mutter‘. Die alleinerziehenden Väter, die ich kenne, sagen mir, dass die Menschen sie immer bedauern, weil sie davon ausgehen, dass die Mütter der Kinder tot sind. Alleinerziehende Väter müssen Witwer sein. Denn keine Mutter würde freiwillig gehen, da muss schon Gevatter Tod kommen.

Muss eine gute Mutter täglich präsent sein, so kann ich keine sein. Schon der Name Teilzeit-Mutter erklärt mich zur Mangelerscheinung. Hatte ich bereits als arbeitende Mutter den Drang vermisst, mich zeitintensiver um meine Töchter kümmern zu wollen, frage ich mich nach meinem Auszug, ob meine Stärken nicht ganz woanders liegen. Eine halbe Mutter kann ihren Kindern nicht gerecht werden, denke ich. Meine Abwesenheit scheint mir als unüberwindbares Hindernis allen Bemühungen, meine Beziehung zu den Kindern zu stabilisieren, im Wege zu stehen. Nur mehr sporadisch zu erfahren, was sie in den vergangenen Tagen gemacht, welche Orte und Menschen sie kennengelernt haben, empfinde ich als ungeheuerlich.

Während der Trennungszeit hat die Autorin die Kolumne ‚Teilzeit-Mutter‘‚Teilzeit-Mutter‘ im SZ Magazin geführt. Und während sie versuchte Eltern das Wechselmodell vorzustellen und näher zu bringen, wird sie beschimpft. Spaßbefreite Heulboje, abschreckendes Negativbeispiel und #Jammermama sind da noch die netteren Begriffe. Im folgenden Video liest Lisa Frieda Cossham die Kommentare unter ihrer Kolumne vor.

Ich erinnere mich an den Januarmorgen bei meinen Eltern dieses Jahr als ich mit meiner Mutter Frühstücksfernsehen guckte und die Autorin des Buches der Moderatorin in 5:50 Minuten in 5:50 Minuten versucht, ihre Geschichte zu erzählen. Da sitzt eine selbstbewusste, ruhige und kluge Frau und wählt ihre Worte vorsichtig aus. Trotzdem sympathisch. Ich überlege, aber den grauen Pulli hab ich, glaub ich, auch. Sitze ich da in zehn Jahren? Frau Cossham hätte das auch nicht gedacht. Als ihre Kinder klein waren, war der Gedanke, dass es diese Familie mal nicht mehr geben würde, völlig absurd. Genauso wie für mich jetzt gerade.

Wenn man das erste Kind bekommt, lernt man nicht nur andere Elternpaare kennen, man lernt richtig schnell auch richtig viele alleinerziehende Mütter kennen. Gerade in Berlin. Nach einem Trennungsfall bleiben Kinder in Deutschland bei einem Elternteil, so will es das Residenzmodell. So will es auch das Unterhaltsmodell. In neun von zehn Fällen ist dieser eine Elternteil die Mutter. Über die Hälfte aller Hartz IV beziehenden Personen sind Alleinerziehende Mütter. Huh.

In einer Studie zu „Familienleitbildern in Deutschland“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) haben 80 Prozent der Befragten an, dass Mütter nachmittags zu Hause sein sollten, um den Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können. Und gleichzeitig waren 80 Prozent der 5000 Männer und Frauen zwischen 20 und 39 Jahren der Meinung, Mütter sollten arbeiten.

Patchwork. Wollte ich nie. Das sind die, die es nicht geschafft haben, so dachte ich früher.

Lisa Frieda Cossham hat ein kluges, persönliches aber auch sorgsam recherchiertes Buch zum Thema Wechselmodell und ‚Teilzeit-Mutter‘ geschrieben. Wir erfahren viel über Eifersucht, auch wenn man diejenige war, die die Familie verlassen hat und wie man sich selbst als Frau und Mutter noch einmal neu (er)finden kann, wenn man zum ersten Mal im Leben die Zeit hat, über sich selbst nachzudenken. Die Autorin wurde früh Mutter und kannte in ihren Zwanzigern eigentlich nur das Familienleben und das Studium. Das Bummeln hat sie neu gelernt. Hut ab vor so vielen persönlichen Einblicken.

Für mich ist dieses Buch nicht nur unterstützender Ratgeber für Paare und Familien, die über eine Trennung nachdenken, oder sich schon getrennt haben, sondern auch für vermeintlich glückliche nicht-Patchwork Familien um mehr über unsere Gesellschaft, unsere Rechtslage und die Situation vieler Eltern in unserem Land zu erfahren. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Und niemand trennt sich einfach so.

Theresia ruft mich an, um über Fotos für einen anderen Artikel zu sprechen. Ich erzähle ihr vom Buch und sie sagt mir, dass das natürlich bei älteren Kindern eine Wunschvorstellung wäre, aber dass das für ihre Tochter im Moment einfach keine Option wäre. Im Buch wird auch gesagt, dass ein Wechselmodell eher für ältere Kinder, ab dem Grundschulalter geeignet ist. Dass es arbeitenden Frauen hilft, dass beide Großelternpaare wesentlich involvierter bleiben, dass sich die Beziehung zum Vater oftmals sogar verbessert.

Das Buch zeichnet sich vor allen Dingen dadurch aus, dass die Kommunikation zwischen den Eltern und das Wohl der Kinder immer an erster Stelle steht. Dass das Eine vom Anderen zu hundert Prozent abhängig ist. Wie viel Kraft es kostet, als Eltern vernünftig miteinander umzugehen, wenn man es als Partner nicht geschafft hat.

Die Stille und ich, wir lernen uns jetzt erst kennen. Als Mutter von zwei kleinen Kindern habe ich bisher kaum etwas mit ihr zu tun gehabt. ich kenne sie aus Bibliotheken, aber dort sind wir nicht privat. (…) Ich lerne, mich auszuhalten. In meiner alten Familienstruktur hatte ich Zeit für mich, wenn ich ins Büro fuhr. Arbeitend wäre ich bei mir, dachte ich. Das stimmt nur bedingt, stelle ich fest.

Hätte sich die Situation bei der Autorin anders entwickelt, hätte sie mehr Zeit für sich gehabt? Hätte man es bei einer Affäre belassen sollen? Family first? Wieso hatte sie überhaupt die Zeit für einen anderen Kerl? Dinge, die Menschen sich fragen, wenn sie von dem Buch hören oder die Kolumne lesen. Wir bei Hauptstadtmutti predigen die mütterlichen Auszeiten hoch und runter, sind pro Working Mom, fordern bessere Verhältnisse für alleinerziehende Eltern, vor allen Dingen Mütter und suchen Urlaubshotels mit Kinderbetreuung. Warum das alles? Burnout Raten bei Müttern steigen jeden Jahr. Frauen sind fertig und sagen klar, laut und deutlich, dass sie bessere Gesetze brauchen, bessere Ganztagsbetreuung und mehr Gehalt. Was wir kriegen? Einen kostenlosen Muffin am Muttertag und ne Antifaltencreme zu Weihnachten.

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