Hauptstadtmutti

Geräuschequatsch und Spaß am Klang mit Loretta Stern

Den vielleicht schönsten Gastbeitrag auf Hauptstadtmutti hat ein waschechtes Hauptstadtkind verfasst: Karline und ihr Plädoyer für gute Kindermusik. Jetzt ist ihre Mutter dran. Loretta Stern gibt Tipps für musikalische Früherziehung zu Hause, das Heranführen an Musik von Anfang an und wo man in Berlin mit Kindern Musik erleben kann.

Musik aus allen Richtungen – Hallo Loretta!

Ich kann meiner Tochter nur in allen Belangen zustimmen!

Es rührt mich sehr, dass sie unsere Vorgehensweise, von Anfang an möglichst viel Musik aus allen Richtungen an sie heranzutragen, im Nachhinein so gut und sinnvoll findet. Außerdem macht es mich sehr stolz, dass sie anderen davon erzählt und eine Lanze dafür bricht, Kinder sozusagen musikalisch direkt ernst zu nehmen! Und obendrein stimmt es mich glücklich, dass sie Musik so sehr zu schätzen weiß. Sowohl das Handwerk dahinter als auch die Bandbreite an Gefühlen, die sie bedienen und abdecken kann.

Tatsächlich hat Karline das Grundinteresse für Musik schon mitgebracht und bereits mit 14 Monaten die ersten konkreten Musikwünsche ausgesprochen. Ihre ersten Superhits waren abwechselnd „Attention“ (Rouge Rouge), von einer Putomayo-Worldgroove-Compilation, und Carole Kings „I Feel The Earth Move“. Das klang immer besonders herzerweichend, wenn so ein kniehohes Wesen energisch „Wollma Eifi Körmuh hörn, ja?“ rief.

Mittlerweile ist sie sehr breit aufgestellt und vor allem, das freut mich besonders, sehr aufgeschlossen, was ihr unbekannte Werke und auch Genres angeht. Wir hören uns quer durch die Musikgeschichte, mal fragt sie mich etwas oder will Zusammenhänge hören und verstehen, wer alles mit wem gleichzeitig lebte, zusammenarbeitete oder sich gegenseitig inspirierte, mal fallen mir Künstler*innen oder Komponist*innen ein, die ich ihr vorstellen möchte.

Verschiedene Musikstile ausprobieren

Selbst bei zeitgenössischen Kompositionen, die ja oft sehr fordernd und alles andere als eingängig sind, versucht sie herauszuhören, was für eine Stimmung oder ein Gefühl beim Hören hervorgerufen werden soll. Und entscheidet sich dann durchaus für „mag ich gar nicht“ oder „spricht mich überhaupt nicht an“, aber hat sich zumindest damit auseinandergesetzt. Das gefällt mir sehr.

Ich mag, dass sie versteht, dass die Herstellung von qualitativ hochwertiger Musik nicht nur mit Talent und Wissen, sondern auch mit sehr viel Fleiß und Handwerk verbunden ist.

Obendrein, dass jegliches Musikempfinden subjektiv daherkommt und dass man den Musikgeschmack eines anderen Menschen zwar maximal blöd oder nicht nachvollziehbar nennen kann, aber nicht konsequent verurteilen sollte. Aber staunen darf man 😉

Wobei, wenn ich es recht bedenke: bei rassistischen, gewaltverherrlichenden, diskriminierenden oder verfassungsfeindlichen Texten ist meine Toleranzgrenze doch sehr schnell erreicht…

Aber ich will nicht abschweifen.

Musikflut von Anfang an

Wir haben Karlines Leben eigentlich von Anbeginn mit Musik geflutet. Ihr zuerst viel vorgesungen, und dann, als sie in der Lage war, mitzumachen, mit ihr gemeinsam musiziert.

Und da rede ich keineswegs von klassischen Trio-Werken, sondern vielmehr von verschiedenen Küchenutensilien und anderem fröhlichen Geräuschequatsch!

Foto: Karline Klemm

Es sollte ja gar nicht darum gehen, wie auch immer geartetes Können zu trainieren, sondern um Spaß am Klang. Manchmal haben wir auch einfach nur lauter unterschiedlich große Steine gesammelt und sie dann in die Spree geworfen. Um zu hören, wie tief oder hoch das jeweilige „Plopp“ klingt, wenn sie untergehen!

Auch habe ich immer aktiv nach Tagen der Offenen Tür zum Beispiel im Musikintrumenten-Museum oder in der Philharmonie Ausschau gehalten- und bin bei wahrscheinlich 97% aller niveauvollen Straßenmusiker*innen mit Karline stehengeblieben.

Eine tolle Gelegenheit, um zu verstehen, wie Musik entsteht und hergestellt wird!

Konzerte mit Kind

Die Konzerte hat sie ja auch schon erwähnt. In der Tat haben mein Mann und ich in vorkarlinischen Zeiten bei Weitem nicht so viele Bands live erlebt wie jetzt.

Meist stehen wir irgendwo am Rand oder finden weit hinten im Laden eine Bar, auf deren Tresen sich das Kind setzen darf. So haben wir ein bisschen Platz und Luft für uns und sie gerät in kein Gedrängel. Und bei der Auswahl zwischen Steh- oder Sitzplatz in größeren Hallen entscheiden wir uns immer für die gesetzte Variante. Das erspart uns dann (bei fortschreitendem Alter nicht unbedeutend) den optionalen Schultersitz im Innenraum.

Auf der Liste der bedeutendsten Erfindungen der Menschheit stünde bei meiner Tochter wohl die App Shazam mindestens in den Top 50 verzeichnet. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht mindestens einmal in einem Laden, in einem Restaurant oder im Auto „Mama, shazam’ das mal bitte, schnell!“ ruft (das Verb schien ihr dabei ab dem ersten Tag des Gebrauchs vollkommen gängig und geläufig).

Der kleine Ton und wie er entstand

Als ich zusammen mit meinem lieben Freund Bela, Musiker und Produzent, die Idee zum kleinen Ton hatte, war natürlich die etwas jüngere Karline aus meiner Erinnerung die gefühlte Zielgruppe, für die ich schrieb.

Aber eben auch all diejenigen Kinder, deren Eltern sie vielleicht bisher noch nicht so sehr an Musik und ihre erstaunliche Vielfalt herangeführt haben.

Unser Ziel war es, Türen zu öffnen, Interesse zu wecken und Wege zu ebnen für eigene weitere Musikerfahrungen.

Die Sinne zu schärfen, und auch einfach den Spaß an unterschiedlichen Klängen zu vermitteln.

Drei Dinge hatten wir uns im Entstehungsprozess konkret vorgenommen. Wir wollten:

  • eine Brücke bauen zwischen dem, was im hochkulturigen Volksmund als sogenannte U- und E- Musik bezeichnet wird: „Unterhaltende“ und „ernsthafte“ Werke. Nach unserer Auffassung kann ein guter Popsong ebenso ernsthaft geschrieben und meisterhaft arrangiert sein wie ein klassisches Orchesterstück, und letzteres auch einfach „nur“ unterhalten. Wozu also diese Einteilung?
  • zu jedem Kapitel, zu jeder erlebten Musik in der Geschichte ein kleines Werk schaffen, das das Gefühl des jeweiligen Genres vermittelt. Das die Zuhörenden förmlich an die Hand nimmt und die Mechanismen des Stils erklärt.
  • ganz dringend ein Album produzieren, dass alle Familienmitglieder gerne hören! Damit niemand auf langen Autofahrten unbedingt mit Kopfhörern dasitzen muss, weil nicht alle das Gewünschte gerne ertragen möchten.

Das Unverständnis für „Kinder müssen Kindermusik hören, das ist halt so und die ist halt schwer zu ertragen“ hat meine Tochter wohl von mir geerbt und ja auch schon eindringlich vermittelt.

Wie sie schon weiter oben schrieb, und wie hoffentlich auch ich es vermitteln konnte: Jede, wie sie mag!

Ich habe vollstes Verständnis für Menschen, die sich darauf freuen, endlich die Platten ihrer Kindheit wieder auszupacken und gemeinsam mit dem Nachwuchs laut zu Rolf Zuckowski und Anne Kaffeekanne zu grölen.

Aber dann wiederum muss es ja dabei nicht bleiben, und vielleicht nutzt man dann die gute Stimmung und stellt im Anschluss noch seine aktuelle Lieblingsband vor?

Um mal zum Abschluss meine geschätzte Tochter zu zitieren: man kann nie früh genug damit anfangen, Musik zu hören!

Ich setze sogar noch eins drauf und sage: man kann nie früh genug damit anfangen, gute Musik zu hören. Und das meine ich vollkommen subjektiv!

Vielen Dank, liebe Loretta!

Foto: Karline Klemm

Empfehlungen für „musikalische Frühbegegnung“

  • fast alle Theater/Konzerthäuser mit Familienprogramm veranstalten einmal im Jahr einen Tag der offenen Tür mit kostenlosem buntem Programm.
  • häufig gibt es über die Stadt/die Gemeinde koordinierte Angebote. In Berlin ist zum Beispiel auf der Seite der Zentral- und Landesbibliothek Berlin sehr viel von dem verzeichnet, was in der Stadt passiert. Einfach so etwas googeln wie „musikalisches Angebot für Kinder“ und dann die eigene Stadt dazu.
  • manche Musikschulen bieten auch offene Klassen, um deren Angebot kennenzulernen (oder Instrumente auszuprobieren)
  • Straßenmusik „ernst nehmen“! Oft sind das die ersten Momente, in denen Kinder erleben, wie live Musik hergestellt wird. Hier kann man Instrumentenhandhabung aus nächster Nähe ansehen, verstehen, wie Mikrophone und Boxen funktionieren und dazu noch ordentlich hopsen, ohne jemand anderen bei seinem Konzertgenuss zu stören!
  • falls Musiker*innen zum Freundeskreis zählen: vorsichtig fragen, ob man mal bei einer Probe oder einem Soundcheck zuhören darf
  • ganz viel gemeinsam Singen und Musizieren! Es ist vollkommen egal, wie es klingt! Es hört ja keiner außerhalb der eigenen vier Wände! Aber es macht solch einen Spaß!

Falls Ihr auf der Suche nach einer guten Musik-App für Kinder seid:

Loopimal (leider bisher nur für Apple) ist soooo toll

Die App ermöglicht es, mithilfe einfachster (und dabei außergewöhnlich hübscher!) Bedienelemente, als DJ zu agieren! Verschiedenen Tieren sind verschiedene Loops und Sequenzen zugeordnet (wirklich angenehm electro-loungig produziert), die allesamt zusammen passen, weil in C-Dur. Sie lassen sich beliebig kombinieren und damit eigene Tracks bauen, und obendrein tanzen die Tiere dann sehr putzig.

Die recht teure Anschaffung (4,99€ für iOS) relativiert sich aber durch den langfristigen Spaßfaktor: seit guten fünf Jahren ist Karline immer wieder bei Überlandfahrten als DJ für uns zuständig.

Fotos: Loretta Stern privat

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