Renate Podhorny: „Man braucht keine ordentliche Wohnung, um glücklich zu sein.“

Ich befand mich in einem absoluten Digitalen-Detox-Urlaub in Norwegen. Für zwei Wochen Instagram, Facebook und Twitter deaktiviert. Ein ruhiges Hafenstädtchen, traumhaftes Wetter, wenig Leute und viel Ruhe. Bis ich eines morgens die regionale Tageszeitung aus dem Briefkasten holte und in das Gesicht von Renate Podhorny (26) blickte. Im Hintergrund hunderte Bücher, eine sympathische Frau, viele Tattoos. Doch was steht da: Topblogger? Ich googelte und erfuhr, dass Renate in Norwegen ein kleiner Mini-Celebrity ist aufgrund eines Blogposts vor ein paar Jahren. Ihre Botschaft: Man braucht keine ordentliche Wohnung, um glücklich zu sein. Quasi das genaue Gegenteil von mir, denn ich bin leider ein sehr ordnungsliebender Mensch. Als ich erfuhr, dass sie ganz in der Nähe lebte, wollte ich sie sofort interviewen!

Ich versuchte sie über ihren Blog DET EKKE SÅ FARLIG zu erreichen, doch musste dann wohl oder übel bei Facebook nach ihr suchen. Sie schrieb prompt zurück. Dass sie in zwei Tagen in den Sommerurlaub mit Mann Bjørn (26) und ihren zwei Kindern Bernard (4) und Ingeborg (2) fahren wird, aber sich gerne mit mir unterhalten wird. Also liehen wir uns die Kamera unserer Gastgeber und fuhren zu Renate.

Zu Hause bei Renate Podhorny

Renate Podhorny
Renate Podhorny

An der Tür begrüßt uns ganz aufgeregt Bob, ihr fünf Jahre alter Boston Terrier. Noch von der Haustür aus kann man sehen, dass die Terrasse Blick auf die Küste von Moss hat. Wohin man sieht nur Wald und Wasser. Ein Traum. Im Wohnzimmer begrüßt uns ein voll behangener Wäscheständer, und ich muss daran denken, dass ich den immer ins Schlafzimmer stelle, wenn wir Besuch erwarten. Es ist nicht dreckig, gar nicht. Einfach unaufgeräumt, aber auch nicht katastrophal. Es sieht einfach so aus, wie es bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern nun mal mittags aussieht, einen Tag bevor man in den Urlaub fährt.

Renate Podhorny
Renate Podhorny
Renate Podhorny

Renate und ich gehen in die Küche und machen Kaffee. Es ist 12 Uhr, aber die Überbleibsel vom Frühstück sind überall zu finden. Renate hat nicht aufgeräumt für uns. Auch nicht für die Fotos. Sie wirkt unglaublich entspannt, lacht viel.

Hauptstadtmutti: Ich bin ja hier, weil ich dich auf dem Titelblatt der Moss Avis gesehen habe. Erzähl doch mal was zum Blog DET EKKE SÅ FARLIG, der dich in Norwegen kurzzeitig berühmt gemacht hat? Was bedeutet z.B. der Titel? Und ist es ein Elternblog?

Renate: Der Titel bedeutet ‚Es ist nicht so wichtig’ oder ‚Es ist keine große Sache’ oder ‚No big Deal’ vielleicht. Für mich ist es ein ‚Feel-Good-Everyday-Blog’. Manchmal schreib ich über meine Familie, manchmal über meine Reisen. Ich möchte zum Beispiel auch kein Geld mit meinem Blog verdienen, keinen Einfluss von außen quasi. Ich lehne jedes Angebot für Kooperationen ab. Ich hab auch keine Ahnung, wie viele Leser ich zur Zeit habe. 2010 hab ich angefangen zu bloggen als ich diesen leichten Küchenzusammenbruch hatte. Da begann ich darüber nachzudenken, warum ich diese ganze Unordnung eigentlich immer und immer wieder aufräumen muss?

Hauptstadtmutti: Da warst du erst 20, oder?

Renate: Ja. Ich realisierte in dem Moment, dass Unordnung eigentlich nur bedeutet, dass sich ein Teil an einem falschen Ort befindet. Und da liegt es dann, bis man es wieder benutzt. Warum also so viel Zeit damit verschwenden es an seinen richtigen Ort zu legen, wenn man es sowieso wieder benutzen wird? So viele Menschen denken, dass sie eine ordentliche Wohnung brauchen, aber ich habe für mich gelernt, dass das nicht nötig ist und dass man sich für Unordnung nicht schämen muss. Für viele Leute ist es eine Art und Weise, die Kontrolle zu bewahren. Man fühlt sich schlecht, und man fängt an aufzuräumen, und man fühlt sich besser. Man kann andere Dinge machen, um sich besser zu fühlen.

Hauptstadtmutti: Ich versuche mich selbst davor zu schützen, indem ich zum Beispiel meinem Kind tatsächlich ausschließlich secondhand Kleidung kaufe. Ich möchte keine Mutter sein, die ihr Kleinkind wütend ermahnt, ordentlicher zu essen oder nicht auf dem Rasen zu liegen, nur weil es teure oder neue Kleidung trägt.

Renate: GENAU! Wir machen genau das Gleiche. Wir kaufen keine teuren Möbel, weil wir genau wissen, dass die Kinder etwas darauf verschütten werden, oder kleckern, oder vielleicht sogar kaputt machen werden. Wir wollen nicht die meckernden Eltern sein. „Klecker nicht mit der Tomatensauce auf deinem T-Shirt!“ Natürlich werden sie kleckern, es sind Kinder!

Hauptstadtmutti: Das ist natürlich ein großartiger Ansatz für Kleinkinder. Dadurch wären viele Eltern definitiv entspannter. Doch sollten ältere Kinder nicht irgendwann lernen auf dem ‚guten’ Sofa nicht zu kleckern? Wird sich diese Denkweise irgendwann für dich ändern?

Renate: Nein. Niemals. Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Leute irgendwann wieder schönere Möbel haben möchten, aber ich habe schlichtweg kein Interesse an Inneneinrichtung und Design. Ich mag es gemütlich. Vielleicht werden wir irgendwann tatsächlich einen richtig neuen Tisch kaufen, wenn wir einen neuen Tisch brauchen. Also keinen gebrauchten. Aber auf der anderen Seite hatte ich noch nie Kinder in dem Alter, also kann ich das eigentlich auch nicht beantworten, vorstellen kann ich mir aber nicht, dass sich das für mich ändern wird.

Hauptstadtmutti: Wie macht ihr das wenn ihr essen geht?

Renate: Wir haben unsere Kinder noch nie in ein Restaurant mitgenommen. Einfach weil ich nicht will. Ich möchten nicht die ganze Zeit Ssshhh! Machen und in dieser Situation sein, wo ich meine Kinder permanent ermahnen muss, sich zu benehmen. Zu Hause haben wir einen Hund und unsere Kinder sind es gewohnt, während des Essens mit Bob zu ‚teilen’. Und manchmal, wenn wir bei Freunden sind, sehe ich, wie unsere Tochter Essen auf den Boden wirft, aus Gewohnheit. Ich habe keine Ahnung wie Leute ohne einen Hund leben (lacht herzlich.) Die müssen doch andauernd staubsaugen?

Hauptstadtmutti: Hast du viele Freunde mit Kindern?

Renate: Nein, nicht wirklich.

Hauptstadtmutti: Auf Grund deines Alters?

Renate: Definitiv. Jetzt fangen die ersten an, sich zu verloben, ihr Studium zu beenden, und nun wird es bei vielen bald so weit sein, auch Kinder zu bekommen. Und wir werden uns zurücklehnen und uns das Ganze angucken.

Hauptstadtmutti: Hast du Freunde verloren, als du so früh Kinder bekommen hast?

Renate: Manche meiner Freunde zeigten Interesse. Vor allen Dingen als ich schwanger war, oder auch nach der Geburt. Doch als die erste Aufregung wegging, begannen wir, die Distanz zu spüren, zwischen uns und unseren kinderlosen Freunden. Mein Großer ist jetzt 4 und erst jetzt habe ich begonnen, wieder regelmäßig mit Freunden auszugehen, mich mit ihnen zu betrinken, ab und zu für eine Nacht so zu leben, wie ich es vor den Kindern tat. Und wie meine Freunde es immer noch tun. Und die letzten vier Jahre gemacht haben.

Hauptstadtmutti: Darf ich dich fragen, wie du und dein Ehemann euch kennengelernt haben?

Renate: Klar! Von 16 bis 19 waren wir zusammen in einer Klasse. Wir haben uns gut kennengelernt und wir haben uns immer irgendwie gemocht, aber nie mehr als das. Nach unserem Abschluss bin ich auf eine andere Hochschule gegangen und während der ersten Weihnachtsferien zu Hause haben wir uns getroffen und hatten was zusammen. Da waren wir 19. Und es hat sofort geklickt und gepasst! Wir kannten uns ja schon, konnten uns also das ganze Daten sparen. Also ging alles sehr schnell und jetzt sind wir seit über sechs Jahren zusammen. Meine Schwangerschaft 2011 war nicht geplant. Der beste Unfall überhaupt! Als er drei Monate alt war, haben wir geheiratet.

Hauptstadtmutti: Hast du zu dem Zeitpunkt noch studiert?

Renate: Ich bin sehr krank geworden während des Studiums und musste mein Psychologie-Studium abbrechen. Und dann wurde ich schwanger, und dann war da ein Baby. Und dann hab ich wieder angefangen, und wurde wieder krank und dann wurde ich wieder schwanger und dann waren da ein Kleinkind und ein Baby. Ich hab es immer wieder probiert, aber das harte Studium, der Druck, die kleinen Kinder, bisher hab ich das nicht vereinbaren können.

Hauptstadtmutti: Ohne die lange Elternzeit meines Mannes hätte ich mein Studium nie beenden können. Wie ist das in Norwegen geregelt mit der Unterstützung für junge Familien?

Renate: Also drei Wochen vor dem Entbindungstermin beginnt der Mutterschutz. Und dann neun Monate Elternzeit, der Vater kann dann noch drei Monate Elternzeit zusätzlich machen. Inzwischen kann man sich aussuchen, ob der Vater oder die Mutter zu Hause bleiben möchte. Und man bekommt das gleiche Gehalt wie vor der Geburt.

Hauptstadtmutti: Das Gleiche? Nicht einen gewissen Prozentsatz?

Renate: 100%.

Hauptstadtmutti: Wer ist bei euch zu Hause geblieben?

Renate: Ich war bei beiden Kindern zu Hause, oder bin es noch, bessergesagt. Aber glaub nicht, dass ich das aus Überzeugung gemacht habe. Ich habe es nicht gemocht, es ist einfach nicht mein Ding, auch wenn ich meine Kinder abgöttisch liebe.

Hauptstadtmutti: Wann gehen die Kinder in Norwegen in den Kindergarten?

Renate: Mmmh. Also Ingeborg ist jetzt fast zwei Jahre alt und sie wird nun in den Kindergarten gehen, aber für Norwegen ist das spät. Aber sie ist jetzt bereit, sie kann etwas sprechen, kann sich ausdrücken, sie läuft und sie wird es lieben. Die meisten Kinder beginnen zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr, aber viele Kinder gehen auch schon mit circa neun Monaten, wenn die Eltern keine Wahl haben und zurück zur Arbeit gehen.

Es ist kein politisches Statement in Norwegen, seine Kinder so früh in den Kindergarten zu schicken. Viele machen das so. Es ist gesund, es tut allen gut, wir diskutieren da nicht so viel, denn es wird einfach respektiert.

Ingeborg hätte schon früher gehen können, aber bei meinem Sohn zum Beispiel, er war mit einem Jahr noch nicht so weit. Er war sehr schüchtern und unsicher. Ingeborg ist viel offener und will immer sofort alles entdecken!

Hauptstadtmutti: In Deutschland unterscheiden viele Menschen sogar zwischen Fremdbetreuung und Betreuung. Und wir haben den Begriff der ‚Rabenmutter’. Würdest du sagen, dass es in Norwegen absolut kein Stigma gibt, wann man sein Kind in die Betreuung abgibt?

Renate: Absolut nicht. Es ist am Anfang immer hart sich von seinem Kind zu trennen, oder zu lösen, und man fängt an den Alltag mit Kind zu Hause zu romantisieren. All die schönen und süßen Momente mit den lustigen Kindern! Man vergisst, dass man eher bekloppt wird und wie ein Zombie rumläuft.

Ich glaube, dass neun Monate für viele Mütter zu früh ist, aber sie ziehen es dennoch durch. Und nach wenigen Wochen, fühlen sie sich nicht mehr unwohl mit der Entscheidung, vor allen Dingen weil es gesellschaftlich akzeptiert ist. Es gibt bestimmt viele Leute, die sagen, dass es ein bisschen früh ist, mit neun Monaten, aber wir respektieren immer die Entscheidung der Mutter, wieder arbeiten zu gehen. Wir feiern das.

Hauptstadtmutti: Ich krieg Gänsehaut, wenn ich das höre. Gibt es konservative Stimmen oder Parteien, die das anders sehen?

Renate: Nicht wirklich. Was aber auch daran liegt, dass sie einfach keine Plattform bekommen. Wenn es eine öffentliche Diskussion zu dem Thema gibt, stehen viele Frauen den Frauen bei, die sich dafür entschieden haben, so früh wieder arbeiten zu gehen. Es ist einfach legitim zu sagen ‚Ich möchte wieder arbeiten gehen’. Es wird immer Diskussionen zu dem Thema geben, aber es gibt keinen Platz für die, die Frauen niedermachen.

Hauptstadtmutti: Und wie ist die Kinderbetreuung geregelt? Müsst ihr dafür zahlen?

Renate: Oh ja! Kinderbetreuung ist sehr teuer! Es gibt eine neue Regelung, die besagt, dass man nicht mehr als 6% des Einkommens bezahlen muss, und das hat uns sehr geholfen. Es gibt natürlich Kindergeld. Und zusätzlich dazu, wenn du beschließt dein Kind von 1-2 Jahren zu Hause zu behalten, bekommst du ein Gehalt von 600€ vom Staat. Das soll ermutigend wirken, und auch die Arbeit wertschätzen. Es ist schon so, dass uns in Norwegen bewusst ist, dass es für die Kinder unter Umständen besser ist, etwas länger zu Hause zu bleiben, aber wie gesagt, wir respektieren die Mütter, egal wie sie sich entscheiden. Doch dieses Thema ist zum Beispiel politisch sehr aufgeladen. Viele behaupten, dass Ausländer oder Migranten dieses ‚zu-Hause-bleiben-Gehalt’ eher nutzen als norwegische Familien. Oder ausnutzen.

Hauptstadtmutti: War denn das zweite Kind dann bewusster geplant bei euch?

Renate: Nö. Das war genauso eine Überraschung. Aber zwei Jahre Unterschied ist perfekt. Und ich bin jetzt fertig. DONE! Keine Kinder mehr für mich. Ich mach das nicht noch einmal durch. Schwangerschaft, Geburt, die ersten Monate, dieses totale Aufopfern für ein kleines Wesen, das nichts kann. Für mich war das hart. Ich werde müde, wenn ich nur an die schlaflosen Nächte denke. Ich liebe dieses Alter zur Zeit, vier und fast zwei, traumhaft.

Hauptstadtmutti: Bekommst du viel Hilfe von Seiten deiner Familie?

Renate: Ja. Bjørn hat viel Familie hier in Moss. Und deshalb sind wir auch hierher gezogen, als ich schwanger wurde. Ich bin damals depressiv geworden, auch wenn ich es zu dem Zeitpunkt nicht wusste. Ich wollte das Haus monatelang nicht verlassen, mein Baby war meine Welt und ich wollte nicht eine Sekunde getrennt von ihm sein. Das hört sich jetzt idyllisch an und ich dachte es war romantisch, aber ich wurde gleichzeitig immer unglücklicher. Beim zweiten Kind wusste ich dann, dass ich postpartale Depressionen hatte. Es fiel mir leichter, auch mal für eine Stunde das Haus zu verlassen und sie bei ihrem Papa zu lassen, denn natürlich wird sie von ihm genauso liebevoll behandelt. Das wäre undenkbar gewesen beim ersten Kind.

Hauptstadtmutti: Ich habe erst vor Kurzem einen großen Artikel zu dem Thema geschrieben. Die Resonanz war unglaublich, vor allen Dingen positiv. Sind postpartale Depressionen in Norwegen ein Thema?

Renate: Absolut. Es wird so früh wie möglich bei Arztterminen darüber geredet, wenn man schwanger ist.

Hauptstadtmutti: Wird man in Norwegen auch gerne auf der Straße angesprochen, wenn das Baby schreit?

Renate: Also ich wurde noch nie angesprochen, aber mein Mann sagt, dass ihm schon ein paar Mal Leute erklären wollten, dass das Kind Hunger hat, wenn es schreit. Wir haben viele Elternblogs. Gerade in den sozialen Medien kommen die Leute und kommentieren und ‚helfen’. Sehr harsch. Das sind die mit Bio-Essen, Öko Klamotten, nur Tragen, keine Kinderwagen, nur Stoffwindeln, gegen den Kindergarten. Ich muss sagen, die sind meistens am militantesten.

Ich versuche keine Prinzipien zu haben, in dem Sinne. Sondern einfach von allem etwas zu machen. Das zu finden, was für uns passt.

Hauptstadtmutti: Wie kam es zu dem Artikel über dich in der Tageszeitung letzte Woche?

Renate: 2012 hab ich diesen Artikel geschrieben mit Bildern von meinem unordentlichen Zuhause und versah diese mit satirischen Untertiteln. Dieser Blogpost wurde viral in Norwegen. Auf einmal hatte ich 300.000 LeserInnen. Eine ganze Menge bei nur 7 Millionen Einwohnern! Fernsehsender und Zeitungen wollten mich interviewen.

Dabei war ich einfach nur eine Vollzeitmutter mit einem kleinen Kind und ich hatte keine Zeit mich um den Haushalt zu kümmern. Die Leute denken immer, wenn man mit einem kleinen Kind zu Hause ist, kann man viel putzen. So einfach wie es klingen mag, Menschen mochten die Idee, dass es da ein Haus gibt, in dem es unordentlich ist. Seitdem habe ich auf diesem Weg weitergemacht.

Außerdem habe ich diese Krankheit, ich bin bipolar. LeserInnen sind immer sehr beeindruckt, dass ich so ehrlich bin. Ich erreiche mit meinem Blog viele Menschen, die genauso normal und durchschnittlich sind wie ich.

Hauptstadtmutti: Wie beeinflusst die Krankheit dich als Mutter?

Renate: Kinder zu haben ist für jeden stressig, davon mal ganz abgesehen. In meinem Fall verwandeln sich stressvolle Momente in eine Manie. Jetzt habe ich zwei Kinder. Bipolare Störung ist eine Erbkrankheit. Ich weiß, dass ich mich manchmal nicht einmal um sich selbst kümmern kann. Das ist auch ein Grund, warum ich nicht noch mehr Kinder haben möchte. Also beeinflusst mich die Krankheit sehr, vor allen Dingen als Mutter. Wenn ich ins Krankenhaus muss, dann müssen wir einen Weg finden, das den Kindern zu kommunizieren.

Der Große versteht schon richtig viel, dass ich eine Krankheit in meinem Kopf habe und dass sie nicht ansteckend ist, das weiß er alles. Wenn ich im Krankenhaus sein muss, wird es ihm immer erlaubt sein, mich zu besuchen, damit er sich nichts ausdenken muss, sondern einfach weiß, wo ich bin, wie es da ist.

Hauptstadtmutti: Nimmst du Medikamente?

Renate: Jeden Tag. Nach meinem ersten Kind wurde ich sehr manisch. Ich hatte einen Verdacht, aber keine Gewissheit.

Hauptstadtmutti: In Deutschland wartet man 3-6 Monate um einen Termin mit einem Psychologen zu erhalten. Wie sieht das in Norwegen aus?

Renate: Jetzt bin ich bestens versorgt und umsorgt. Gerade weil ich zwei kleine Kinder habe, habe ich viel schneller Hilfe bekommen. Man kümmert sich natürlich zunächst um das Wohlergehen der Kinder, dann kommt die Mutter. Ich hab jetzt jemanden, mit dem ich einmal die Woche reden kann, um vor allen Dingen die Frühzeichen zu erkennen, bevor die Krankheit wieder Überhand nehmen kann.

Dass mir die Unordnung in meinem Haus egal ist, ist Teil meiner Therapie, könnte man so sagen. Auch wenn meine Einstellung schon vor der Diagnose so war. Und ich meine, ich sage ja nicht, ‚macht nicht sauber’. Wir machen sauber, und unser Haus ist nicht dreckig, es ist einfach unordentlich.

Hauptstadtmutti: Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Renate: Ach, einfach Gesundheit. Die richtige Medikamentenkombination für mich zu finden. Ich würde gerne wieder arbeiten gehen, Teilzeit, auf keinen Fall Vollzeit. Und ich weiß noch nicht was ich machen möchte, aber ich bin noch so jung. Ich weiß, dass ich wieder studieren möchte, das wäre mein Traum.

In Norwegen sind die Menschen sehr privat, vielleicht sogar verschlossen. Wir würden unsere Kinder nie in der Öffentlichkeit anschreien. Wir machen das zu Hause. Lacht. Ich mein, jeder wird ab und zu von seinen Kindern verrückt gemacht. Dass ich so offen über meine Krankheit blogge, ist nicht unbedingt typisch norwegisch. Es gibt immer wieder Leute, die offen darüber sprechen, und jede Stimme ist sehr willkommen und akzeptiert.

Viele Norweger haben Blogs. Normalerweise geht es darum, was sie anziehen. Es geht um Follower, Likes, cool auszusehen und von anderen Leuten akzeptiert zu werden. Bei mir geht es darum, schreiben zu können, weil ich das Bedürfnis habe, zu schreiben. Ich schreibe immer noch so, dass mir bewusst ist, dass andere Leute es lesen werden. Es ist ein Blog, kein Tagebuch.

Hauptstadtmutti: Wenn du schreibst, machst du dir jemals Sorgen darüber, ob deine Kinder das eines Tages lesen werden?

Renate: Manchmal erwähne ich ihre Namen, manchmal zeige ich auch Bilder von ihnen. Der Blog ist aber für mich und von mir und ich bin verantwortlich für das, was ich schreibe. Sie sind aber auch Teil meines Lebens und deshalb werden sie manchmal erwähnt. Aber es geht in dem Blog nicht um sie. Manchmal müssen wir uns daran erinnern, dass Kinder Personen sind. Wir müssen sie und ihre Privatsphäre respektieren.

Hauptstadtmutti: Wow. Danke for das Interview, Renate!

Fotos: Kai Senf

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