Hauptstadtmutti

Quotenberlinerin: Liebe kennt keine Grenzen – auch meine nicht.

2020 ist das Jahr der Übersprunghandlung. Wir (er)leben die Krise und verfallen vor Panik unserem Optimierungswahn. Wir putzen, wir backen, wir sähen, wir stricken. Scheint unlogisch, ist aber evolutionsbedingt eine altbeschriebene Latsche. Konfliktsituationen lösen bei Mensch und Tier wenig nützliche und unverwandt unangemessene Reaktionen aus, denen wir unkontrolliert Folge leisten. Wir verplempern Zeit, aber unsere Handlungen bringen uns in keinster Verdrehung der Fantasie im Konfliktlösungsansatz der Bredouille weiter. 

Nie bin ich, mitsamt meinem Zuhause, so in Schuss, wie beim Näherrücken einer Deadline. Stell dir jetzt mal einen anklopfenden Virus vor. Das ist eine echte Krise und ein bedrohliche ernstzunehmender Konfliktanwärter. Folglich blitzt und funkelte bei uns alles. Selbstgemischter Zitronenschalenschredder und Natronpaste sei Dank. 

Es lebe der eigene Körper

Während andere digital aufräumen, körperlich detoxen und unterm Bett entrümpeln, lerne ich 2020 eine mir unwillkommene, unangenehme und durchaus pikierende Übersprunghandlung meines Körpers kennen, die ich in Sekunde eins zur BSR auf die Müllhalde rümpeln möchte. 

Festtage 2020. Vielfach trostlos umschrieben und toddiskutiert. Die zeckende Klatsche am Ende eines nicht zu beklatschenden Jahres. Weihnachten ohne Glühweingedrängel, Christkindlgedönst und selbst das Singen, ist zur großen Verzweiflung meiner fünf- und zweijährigen Mädels in der KiTa „wegen Corona verboten, weil wir uns dabei immer anspucken, weil die kleinen können noch nicht so gut ohne Spucken singen“. Knutschen fällt übrigens bei den Ein- bis Sechsjährigen auch flach, aber das ist ein Thema für einen anderen Trauerroman. 

Also begehen wir im engsten Kreise, der hoffentlich Liebsten, das Fest der Liebe. Meine Lieben, sind dank Corona zum ersten Mal seit hundert Jahren in unserer Mutterstadt und nicht über den Globus und am anderen Ende irgendwelcher Ozeanpfützen verteilt. Dieses Jahr ist besonders. Unsere Familie rückt zusammen. Die Beschreibung der Ausreizung des mir bevorstehenden Näherkommenmomentes, möchte ich eigentlich als ein Kapitel für meinen post mortem Best Seller in den Tresor legen. Sei es drum. Ich habe mich den Tabuthemen der Menschheit verschrieben, also schreibe ich weiter. 

Wir feiern Weihnachten

Der erste Weihnachtsfeiertag. Mama, Papa, die Schwestern, ziemlich viele Neffen/Nichten/Enkel*innen, die, Jesus Baby sei Dank, nicht zählen, weil sie noch nicht alt genug sind, um Traktor oder Mofa zu fahren, und den ein oder anderen Ehemann. Genau richtig an der Zahl, versteht sich von selbst. Randnotiz: Ich leide an chronischer Verhaftungsangst und bin tiefenpsychologisch verankert davon überzeugt, dass ich irgendwann vom Finanz-, Ordnungs-, oder Spielplatzamt für eine Bagatelle hopsgenommen werde. Ich halte mich kopfgesenkt, uncool und äußerst unrevolutionär an so ziemlich alle Regeln, die irgendein Kasper aufstellt, sei denn es zählt wirklich und dann bin ich die mit dem Megafon. 

Mir ist schon am Morgen mehr als flau im Magen. Nachdem wir unsere zwei Schnuten am vorweihnachtlichen Montag und Dienstag, wie erlaubt, in die KiTa schicken, damit wir in Ruhe aus leeren Klorollen Weihnachtsknaller basteln und einen Jahresstrich unter den Steuerschnickschnack und sonstigen Krimskrams setzen können, denken wir bis Samstag wir sind fein raus. 

Samstag beim Mittagschlaf klingelt das Telefon und als Elternsprecherin darf ich die freudige Kundschaft verbreiten, dass ein/e Erzieher*in Covid-19 positiv getestet wurde und all unsere Kinder ab sofort und am liebsten seit gestern bis einschließlich dem 28.12. in den amtlich angeordneten Heimknast müssen. Sternenstaubkonfetti. Hooray. 

Ein bisschen PCR Test hier und ein kleiner Schnelltest am Morgen des Heiligen Abend in der Testambulanz einer Mutterstadt Galerie da, sind wir pünktlich zum Frohen Fest freigetestet. Zimtstern sei Dank, hatte sich kein Kind infiziert und wir hofften auf einen sanften Krankheitsverlauf der Erzieher*in. 

Aufregend war’s dennoch. Die Art von Aufregung, die mehr aufregt, als das sie aufregend ist. Ich dachte ich steck das weg: Scheiß drauf, alles gut gegangen und schon wären wir beim Thema. 

Stressbdingte Austrittsschwierigkeiten

Mein Körper neigt nach neusten Beobachtungen zu stressbedingten Austrittsschwierigkeiten. In solchen Momenten rate ich zum Umgeben mit fünfjährigen Töchtern, die beim Anblick meines Bauches Luftsprünge machen, weil sie meinen, dass Mama ihnen zu Weihnachten ihr langersehntes Brüderchen backt. Ich ziehe meinen Miederslip unter meine Brüste und streife mein Puffärmelblüschen über meine frisch frisierten Engelslocken. Umso schöner die Verpackung, umso mehr lenke ich, vornehmlich mich, vom inneren Kuddelmuddel ab.

Erster Gang Gans. Ich krümme mich bereits vor Schmerzen und entschuldige mich für undefinierte Zeit aufs Örtchen, auf dem keiner Weihnachten verbringen möchte. Ich schwitze, sehe Sterne und glaube mein Bewusstsein zu verlieren. 

Zweiter Gang. Keine Ahnung und kein Interesse. Ich liege zusammengerollt im dunklen Eckzimmer und wimmer schlimmer als vor der Geburt meiner Menschenbabys, in der Hoffnung, dass irgendjemand mir die Geburt meines Essensbabys erleichtert. Lachgas wäre jetzt fantastisch. Bitte eine Version, die den Blick auf Geschehnisse vernebelt und Erinnerungen verschwimmen lässt. Meine Schwester, Hebamme, opfert sich mir bei der Irrigation zu assistieren. Bei meinen Geburten war sie mein Licht. Sie schickt meinen Mann in die Heimapotheke „such das Ding, was aussieht wie ein mit einem halben Liter Wasser gefülltes Kondom“. Mein armer Mann denkt bis heute ich Pupse Rosenblätter und obwohl er mich in jeder erdenklich fragwürdigen Situation begleitet hat, darf er mir in diesem Moment nicht das Händchen halten. Er sprintet los. 

Im Puffärmelblüschen mit Engelshaar, liege ich untenrum frei, aber unbefreit auf der Badezimmermatte und weine. Jetzt gilt es die Pobacken zusammenzukneifen, aber es flutscht nichts. 

Schweiss, Sterne, Ohnmacht. 

Mein Papa, Arzt, betritt die Szene. „Wir können jetzt ins Krankenhaus fahren oder wir machen das hier. Hebamme, hast du Handschuhe?“ Er war gerade dabei, die Dreimillionen Fitzlifutlziblümchen und Mikropartikel der Enkel*innen mit Sekundenkleber an ihren Playmobilfestungen, Inseln und Bauernhöfen zukleben. Jetzt betritt er mit einer Playmobilplastiktüte überstülpten Hand und einem kleinen Schüsselchen Olivenöl das Badezimmer. Ich möchte ohnmächtig bleiben. 

Ich steige in die Badewanne. „Das habe ich hunderttausendmal gemacht.“ Drei Kreuze, dass ich mich nicht fürs Medizin Studium entschieden habe. „Digitale Ausräumung ist reine Routine“. Meine übrigens nicht. „Streck mal den Po ein bisschen mehr in die Luft“. Ich beuge mich vor und weine schmerz- und schamschreiend in meine verschränkten Puffärmelarme und möchte Sterben. 

Ausräumung ist reine Routine

Meine Engelslocken sind schweiß ertränkt ausgehangen. Ich bin durch und durch durch und erleichtert. Mein Papa einmal mehr mein Held, denn dem Fest der Liebe haben wir es so richtig gezeigt. Liebe kennt keine Grenzen und ihr sind auch meine persönlichen offenbar ganz kackegal. 

Wieso stell ich mich bloß und erzähle euch mein Weihnachtsmärchen? Weil mindestens eine von fünf Leser*innen mir eine ganz ähnliche Geschichte anvertrauen könnte.

2020 ist das Jahr des Bauchwehs und das ganze basiert auf biologischen Prozessen.

Bei anhaltender seelischer Belastung schüttet unser Körper vermehrt Adrenalin aus. Das ist nicht peinlich, sondern eine Tatsache die uns beim Fliehen oder Kämpfen hilft. Leider bringt Stress, und eine Pandemie ist massiver Stress, unsere Verdauung aus dem Takt. Während Fäkalsprache bei Olchis und KiTa Kindern zum Alltagsgetöse gehört, kommen wir Eltern nicht aus den Puschen uns über Ursachen und Leiden auszutauschen. Dabei hätten wir’s leichter, wenn wir unsere Erfahrungen und unsere geschroteten Flohsamen teilen würden.  

Berliner Kind: Geschichten denke ich mir nicht aus, denn das Leben schreibt meine absurd skurrilen Kapitel selbst. Auf das eine oder andere hätte ich gern verzichtet (dieses insbesondere). So ist die Sache mit dem Leben und ich beschreibe was meins schreibt. Schön wenn ihr mitlest und meine Texte euch (be)rühren. 

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Foto im Titel: Anna Härlin

2 Kommentare zu “Quotenberlinerin: Liebe kennt keine Grenzen – auch meine nicht.

  1. Oh! Ich habe gerade gelacht. Belustigt, aber keineswegs peinlich berührt. Muss man bei dem Thema ja erstmal schaffen. Reife Leistung, sowohl dein Weihnachtsfest als auch dein Artikel. Ich mag sehr wie du schreibst.

    Ist sowas Schadenfreude?! Eher so schrecklich schön nachvollziehbar mit Wiedererkennungsfaktor >90. Und beruhigend, weil man nicht allein ist mit seinen empfindlichen Magen-Darm-Wirrwarr.

    Mich hat‘s nach den Feiertagen nachhaltig erwischt; die Akne, die der beleidigte Darm immer als Special Feature bereithält, verheilt inzwischen (yeah – jetzt wieder nur noch Falten!).
    Es war wohl zu viel von allem.
    Zu viel von dem Jahr, vom Daheimsein, von der Brut, dem Homeoffice-Mann und von den Erwartungen an ein dann wenigstens perfektes Weihnachten im unperferkten 2020. Und – oh Wunder – zu viel an geilem Essen und Trinken als Belohnung für das unperfekte Jahr.

    Cool, dass du auf eine Famile mit medizinischem Background zurückgreifen konntest (durftest/musstest).

    Danke für deinen Artikel – ich war gefühlt live dabei. Doppelte Umarmung an das viel zu weit entfernte Berlin.

    1. Liebe Maria, dein Kommentar rührt mich zu Tränen. Nichts wünsche ich mir mehr, als euch mit meinen Geschichten und Worten auf dieser verrückten Lebensreise zu bewegen. Ich danke dir dafür.
      Herzlichst von Herzen.
      Deine Linnie

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