Hauptstadtmutti

Warum wir endlich dafür sorgen müssen, dass mehr Eltern gründen!

Elternzeit ist Gründer*innenzeit. Bäm! Warum Eltern gründen sollten und warum das nicht nur schön, sondern gesellschaftlich relevant ist, darum soll es in diesem Text gehen. Doch erstmal möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin Katja, 38, Mutter und Mehrfachgründerin. Das mit dem Gründen fing an, als das mit dem Kind anfing, also vor etwas mehr als sechs Jahren. Das Muttersein hat mich in seiner Intensität ziemlich kalt erwischt. Ich war noch nie in meinem Leben so müde und so wach, so glücklich und so frustriert, so sanft und so wütend, so erschöpft und so voller Tatendrang. Rückblickend betrachtet war es genau diese Ambivalenz, die eine beachtliche kreative Energie in mir freigesetzt hat. Und Mut, den ich vorher nicht hatte, obwohl ich schon sehr früh gemerkt habe, dass das klassische Angestelltenverhältnis nichts für mich ist.

Kinder sind geborene Macher*innen 

Insgeheim wollte ich schon immer etwas machen, meine Ideen umsetzen, selbstbestimmt arbeiten. Als ich etwa zehn Jahre alt war, also Anfang der 90er, schenkten mir meine Eltern ein Buch über Umweltschutz. Ich las das erste Mal über Sauren Regen, über FCKW in Kühlschränken (damals gab es das noch) und über das Ozonloch. Auf der letzten Seite standen Adressen diverser Umweltschutzorganisationen. Greenpeace, die hatte ich schon mal im Fernsehen gesehen. Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief an die Greenpeace-Zentrale in Hamburg mit der Frage, wann sie das nächste Mal rausfahren würden, um Wale zu retten und ob ich mitkommen könnte.

Einige Wochen später kam ein Antwortbrief. Für die Aktion gegen Walfang sollte ich noch ein paar Jahre warten, schrieben sie, aber ich könnte anfangen, mich vor Ort für die Umwelt zu engagieren und ein “Green Team” gründen. Und genau das tat ich. Ich trommelte meine Schulfreunde zusammen, wir bastelten Plakate für mehr Umweltschutz und sammelten Müll in der Stadt (wofür wir sogar schulfrei bekamen). Inspiriert von meinem Buch, auf dem ein Frosch abgebildet war, nannten wir uns “Die Umweltfrösche”. Das war meine erste Gründungserfahrung. 

Eltern sind Vorbilder für Kinder – und umgekehrt. Foto: Katja Thiede

‘Wer bist du?’ statt ‘Was willst du werden?’

Irgendwo unterwegs durch ein von Frontalunterricht und bröckelnden Tapeten geprägtes Schulsystem und ein wenig inspirierendes Studium nach ähnlichem Muster (wir waren der erste Bachelorstudiengang mit mehr Verschulung an den Unis) kam dieser Gründerinnengeist in mir abhanden. Auf einmal ging es vor allem darum, “etwas zu werden” (statt jemand zu sein) und Geld zu verdienen. Das war auch erstmal ok so. Ich lernte tolle Menschen kennen bei Praktika und in meinen ersten Jobs, vor allem tolle Frauen. An allen relevanten Stationen meiner beruflichen Entwicklung hatte ich weibliche Vorgesetzte, von denen ich viel lernte.

Und doch blieb das Gefühl, dass das, was ich vermeintlich werden wollte nicht mit dem zusammenpasste, wer ich bereits war. Wer ich war, seit ich mit neun Jahren den Brief an Greenpeace geschrieben hatte, nur jetzt mit etwas mehr Lebenserfahrung. Erst mit der Geburt meiner Tochter brach sich dieses Gefühl endgültig Bahn und die Frage, wer ich bin und was ich eigentlich mit meinem Leben machen möchte, stand plötzlich unausweichlich im Raum. Ich wollte immer noch Wale retten, und jetzt, mit dem Baby im Arm, erst recht. 

Eltern gründen – Elternschaft verändert den Blick auf die Welt

Ein guter Moment, in der Eltern gründen können, ist die Elternzeit, denn viele Mütter und Väter, vermutlich aber bis dato vor allem Mütter, machen ähnliche Erfahrungen wie ich.

Eltern, die gründen, stellen sich die Frage, wofür sie ihre wertvollen (und begrenzten) Ressourcen eigentlich nutzen möchten, was sie ihren Kindern mitgeben und vorleben wollen und welche Welt sie ihnen hinterlassen.

Was würden sie später auf die Frage antworten: Mama, Papa, was machst du eigentlich den ganzen Tag? Und was hast du getan, als klar war, dass der Wald krank ist und das Bildungssystem und das Klima? Viele Missstände, über die sie vorher hinweggesehen haben, rücken auf einmal ins Bewusstsein und mit ihnen der Wunsch, sie zu beheben und etwas zu verändern. 

Dabei geht es nicht nur um ökologische Fragen. Kinder zu bekommen ist gerade für Frauen mit der bitteren Erkenntnis verbunden, dass die Gesellschaft im Allgemeinen und viele Arbeitgeber im Speziellen nicht gerade auf sie und ihren Nachwuchs gewartet haben. Rollenbilder, Chancengleichheit, Bedürfnisorientierung, Bildung, ein gutes Leben – all diese Themen nehmen plötzlich viel mehr Raum ein. Es rattert im Kopf – ob beim Stillen, in den wachen Nächten, beim endlos langweiligen Kinderwagen schieben oder beim begrenzt unterhaltsamen Spielen mit einem drei Monate alten Baby. Es sind genau diese Zeiten des gefühlten Stillstands, in denen die besten Gründungsideen entstehen, getrieben von der Reflexion der eigenen Lebens- und Arbeitsumstände, aber auch vom neuen Blickwinkel auf die Welt. 

Elternschaft und Gründer*innentum hängen eng zusammen. Foto: juggleHUB Coworking

Eltern gründen – Neue Strukturen für mehr Vielfalt

Wie viele der Ideen, die Eltern in der Elternzeit entwickeln, am Ende tatsächlich umgesetzt werden, ist nicht bekannt. Die Zahl dürfte überschaubar sein. Zumindest gibt es nur wenige Startups, deren sichtbare Gründungsgeschichte eng mit der Tatsache verwoben ist, dass die Gründer*innen Nachwuchs bekommen haben. Und wenn der Zusammenhang ersichtlich ist, dann meist bei Geschäftsideen, deren Zielgruppe explizit Eltern oder Kinder sind. Thematisieren Gründer*innen den Einfluss ihrer Elternschaft auf ihr Business schlicht nicht, oder bleiben viele Ideen, die in der Elternzeit angedacht, die vielleicht sogar bis zum MVP entwickelt wurden, dann doch bewusst in der Schublade?

Ersteres bleibt zu untersuchen, zweiteres ist naheliegend. Nicht, weil die Ideen nicht das Potential hätten, sondern weil es schlichtweg an Strukturen fehlt, die Elternschaft und Gründer*innentum bewusst zusammendenken. Es gibt wenige Orte und Angebote im Startup-Ökosystem, die die Bedürfnisse von Eltern einbeziehen. Ein physisches Meetup zum Thema “Funding” abends um acht? Für viele schwierig. Für Alleinerziehende nahezu nicht machbar. Ein Coworking Space mit einem Publikum, das zu 90 Prozent aus Männern Mitte 20 besteht und zwar viele Fahrradständer für all die schicken Fixies hat, aber keinen Platz für Kinderwagen, geschweige denn einen Wickeltisch oder Stillraum, erzeugt bei einer Mutter oder einem Vater Mitte 30 vor allem das Gefühl, nicht dazuzugehören. Austausch und Vernetzung auch abseits eigens für Väter oder Mütter initiierter Treffen sind jedoch essentiell, um erfolgreich zu gründen!

Wenn wir eine vielfältige, bunte, innovative (Arbeits-)Welt wollen, ob hinsichtlich der Zusammensetzung von Unternehmen und Teams oder auf Produktebene, brauchen wir ein Startup-Ökosystem, das die vielfältigen Lebensphasen und Erfahrungswelten von Menschen abbildet – räumlich und durch entsprechende Formate. Die Ressourcen von Eltern sind kraftvoll, aber bewegen sich gerade in den ersten Lebensjahren des Nachwuchses in einem eng gesteckten Rahmen.

Umso wichtiger sind Strukturen, in denen sie ihre Gründungsideen fokussiert und eingebunden in ein starkes Netzwerk umsetzen können. Ein Netzwerk, das ihnen auch den Zugang zu finanziellen Mitteln ermöglicht, zu Inkubatoren und Investor*innen, die Elternschaft und Vielfalt wertschätzen und auf Unternehmen bauen, die organisch wachsen und auf Impact und Langfristigkeit ausgelegt sind, statt auf den schnellen Exit. ParentPreneurship ist oft SocialEntrepreneurship, beides muss viel stärker gefördert werden!

ParentPreneurship unterstützen – wir legen los!

Irgendwann (wenn ich groß bin) fahre ich mit dem Schiff raus, um Wale zu retten. Bis dahin unterstütze ich andere Eltern dabei, ihre Ideen für eine bessere Welt umzusetzen, ob im Großen oder Kleinen. Immer wieder sind auch tolle Gründungsvorhaben zu ökologischen Themen darunter, und es werden spürbar mehr. Mit dem juggleHUB haben meine Mitgründerin Silvia und ich einen Space gegründet, in dem Menschen ganz lebensphasenunabhängig arbeiten können. Come as you are, kommt müde oder wach, kommt sanft oder wütend, kommt erschöpft oder voller Tatendrang oder beides, aber kommt und macht euer Ding!

Wir wollen insbesondere Mütter ermutigen, selbstbestimmt zu arbeiten und ihre Gründungsideen auch unter nicht-optimalen Umständen weiterzuverfolgen. Dafür haben wir die passende Infrastruktur geschaffen – kreative Arbeitsräume mit Kinderbetreuung vor Ort und vor allem eine starke Community aus Menschen, die ganz ähnliche oder auch mal ganz andere Erfahrungen machen und sich gegenseitig unterstützen. Mit dem ParentPreneurs-Netzwerk, das wir zusammen mit anderen Eltern-Gründer*innen und Mentor*innen gegründet haben, wollen wir ParentPreneurship endlich die verdiente Bühne bereiten. 

Die Gründer*innen des ParentPreneurs Netzwerks, Foto: ParentPreneurs

Dieser Text ist ein Baustein auf diesem Weg. Er ist der Auftakt zu einer monatlichen Reihe, in der ich mich dem Thema ParentPreneurship widme, von meinen Erfahrungen als Elterngründerin erzähle und von den Menschen aus unserer Community und ihren Erfahrungen. Und in der ich den Blick auf Strukturen richte, die sich ändern müssen, damit Menschen in allen Lebensphasen chancengleich gründen können. Ich freue mich sehr auf den Austausch mit euch, auf eure Perspektiven und Geschichten. Schreibt mir gern: katja@parentpreneurs.net  

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Über die Autorin:

Katja Thiede ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von juggleHUB Coworking, Mitgründerin und aktive Mitgestalterin des ParentPreneurs-Netzwerks für Elterngründer*innen und freie Autorin für die Themen „Neues Arbeiten“ und „Entrepreneurship“. Sie ist leidenschaftliche Netzwerkerin und Mentorin für Gründerinnen mit Kindern. Als Impulsgeberin, Speakerin und kreativer Kopf unterstützt sie Organisationen, die eine menschenfreundliche Arbeitswelt anstreben und den Austausch mit der Gründer*innenszene suchen. Daneben engagiert sie sich zunehmend ehrenamtlich für die digitale Bildung von Kindern. Nichts davon macht sie perfekt, weil das gar nicht möglich ist. Aber sie macht es – mit Herzblut und dem nötigen Maß an Improvisation. 

Vernetzt euch mit ihr – am besten auf LinkedIn

Ein Kommentar zu “Warum wir endlich dafür sorgen müssen, dass mehr Eltern gründen!

  1. Wichtiges Thema und ich bin gerne dabei. Vorbilder braucht es und eine Vernetzung verstärkt den Output enorm. Und beschert dann auch mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung.

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