Hauptstadtmutti

Zwischen Bauern und Berlin: Fernsehkind

Warnung: diese Kolumne enthält Schimpfwörter, Sarkasmus und den Imperativ. Und zwar nicht zu knapp. Was hier in Form einer überspitzten Kolumne ausgedrückt wird, ist eine persönliche und migrantische Perspektive.

Du weißt, Shit geht viral wenn deine ehemalige Chefin eines eher links angesiedelten Unternehmens, dein Lieblingsfan, den du nur über Instagram kennst und eine deiner Lieblingsautorinnen den exacto mundo gleichen Screenshot einer großen Influencerin teilen. 

Und da ich besagte Influencerin in dieser Kolumne abfeiern möchte, weil sie es verdient, lüfte ich den Vorhang und heraus gedanced kommt: Madeleine aka DariaDaria! Guckt sie euch an, the sneaky Little thing! Tongue in cheek Charme, und haut einfach mal das für mich den Top 3 Instagram Moment meines Lebens raus!

Man mag es kaum glauben, aber es ging um einen Fernseher. Nichts neues oder besonderes mögt ihr denken? Haha! Falsch gedacht! Madeleine ist eine Sinnfluencerin. Sie war auf dem Cover der ersten Brigitte Be Green. Sie ist vegan, nachhaltig, öko, bio, macht Yoga, kurzum: rettet die Welt durch Instagram-Aktivismus, bewusste Ernährung und kluge Kaufentscheidungen. Sie ist unser aller Vorbild, könnte niiiiiiiemals und würde never ever etwas was falsch machen, und war sicherlich auch noch nie in der Nähe eines Ikea. Bei ihrem ganzen Perfekten, was ihr von außen auferlegt wurde, sieht sie erstens immer unfassbar gut aus, und zweitens ist sie dann auch noch aus Österreich, und wenn sie redet, Himmel, schmelzen wir.

Alles aber leider Dinge wofür man eh schon angefeindet wird im Netz. Und was macht sie dann? Lässt sich einen dicken fetten Riesenfernseher ins Wohnzimmer ihrer frisch gekauften Wohnung stellen. Was passiert trotz emotional feiner Caption? Hassattacken für die Glorifizierung eines Unterhaltungsobjekts in 3,2,1…

Merke: du bist nichts wert, wenn du nicht perfekt bist

Bei diesem insgesamt sehr sympathischen Auftreten bleibt es ihr verwehrt, auch nur einen Moment lang die in den Augen dieser anscheinend immer perfekt handelnden Menschen nicht richtige Entscheidung zu treffen. Die vegane Öko-Blase hat die Welt nicht mehr verstanden. Schuhe aus Leder kauft sie nicht, aber ein neuer Fernseher ist ok? Und dann fühlt sie sich auch noch dabei? Ist witzig? Kokettiert? HUCH! Was, was, will sie uns damit sagen? Naja, gesagt hat sie Folgendes: 

„I was partly raised by a single mom who worked full time. The TV was something like a parent to me – that’s how much time I spent in front of it. Watching TV is home for me, because it’s what gave me comfort and company when me and my brother where alone at home every afternoon. To some it might seem ridiculous how something like a TV can have emotional value, but for me it actually does 😅 This place now even more feels like home and I can’t wait for many movie nights to come“ 

Zack, Boom, ganze LKW-Ladungen voll von Kindheitserinnerungen entladen sich. Ich screenshotte die Screenshots ihrer Stories, schicke sie an Menschen in meinem Umfeld, die Anastasia, Nada oder Valentina heißen. Ich sage weißt du noch? Ich kriege zurück Jaaaaaaaaaa RTLII BESTE! Lade die Screenshots hoch mit dem Kommentar ‚Fernsehkind 4EVA‘ und es reagieren sie alle, meine migrantische laute kleine Blase, die ihr Maul permanent genauso weit aufreisst.

Es geht weiter. Madeleine packt noch einen drauf. Es reicht nicht, dass sie permanent Fernsehen geschaut hat als Kind, sie offenbart das Unglaubliche: TIEFKÜHLKOST! Und nicht nur das, die Chicken Wings!!! WHAT? Boje Moij, somebody come get here, hier fällt gleich wer in Ohnmacht!

Wir reden viel über die Perfektion auf Instagram. Wir reden sehr inszeniert über Perfekt auf Instagram. Auch unseren Dreck inszenieren wir. Huch, schaut mal, unser Chaos, hach, so ist das Leben. Also ich hab jetzt jeden Quadratmillimeter rangezoomt, aber alles was ich sehen kann, sind ein paar von diesen 50€ Osterndorfer Holzdinger umgekippt und dass das Pikler Ding nicht parallel zum Regenbogen steht auf dem Buchstaben Teppich, meinst du das? Oder was genau meinst du? Weil sonst schlag ich vor, du postest weiterhin Bilder, die halt schön aussehen, aber tu nicht so, dass in dem 450.000€ Neubau ernsthaft jemals Chaos geherrscht hat und wenn dann nicht die drei Brotkrümel auf auf dem Marmor-Heringsparkett. Es nervt mich wirklich, und inzwischen haben auch normale Menschen in meinem Umfeld damit angefangen. Junge, wenn du für mehr Realität auf Instagram bist, zeig halt die Realität, aber zeig nicht mit dem Finger auf dein pseudo-Chaos, und geil dich auf deinen #humblebrag auf.

Eigentlich dachte ich ja, ich wäre mächtig erhaben über solchen Vollzeit-Instagram-Accounts. Solchen Leuten folge ich ja gar nicht, also bin ich fein raus. Den altrosa grau Tipi in the corner Accounts. Den Keksausstecher-Butterbroten, dem Holzspielzeug und den Achtsamen und Ruhigen, die niiiiiiieee laut werden. Die machen ihr Ding und ich chille hier zwischen Memes und Goldhosen (wieder einmal ein perfekter Podcast Titel). Doch ich merke, je mehr ich mich in Madeleines Stories verliere, so wie sie es gerade beschreibt, so habe ich es vielleicht noch nie in meiner Blase gelesen. 

Homeoffice ist ein Privileg

Das erste Mal, als ich mit der Thematik Fernsehkind mal so richtig aneckte, war während des ersten Lockdowns. Also so richtig, richtig. Wenn dann die ersten Mutti-Accounts ganz, ganz vorsichtig verkündeten, sie hätten dann nach zwei Wochen Homeschooling klein beigegeben und die Kinder ‚ausnahmsweise‘ auch mal unter der Woche was gucken lassen, aber nur eine Stunde! Damit sie in Ruhe was arbeiten kann! Während sie gerade ALLEINE mit diesen Kindern in einer Wohnung sind??? OH MEIN GOTTVERDAMMTER GOTT. Pscht Pscht Pscht. Bitch, mach den Kack Fernseher an und arbeite? VER-ARSCH-ST du mich? Und wenn du dabei bist: schmeiß Tiefkühlpizza in den Ofen, Dino Nuggets, mach dir ein Bier auf und rock die Exceltabelle! Was geht ab?

Wie fucking privilegiert musst du sein, dass du a) im Homeoffice arbeiten kannst und b) anscheinend deine reguläre Arbeitswoche von 20-30h die Woche irgendwie an 2-3h am Tag hinkriegst? Ist hier eigentlich irgendwem auf dieser komischen App bewusst, dass Homeoffice Gelaber schön und gut (danke auch an die Einrichtungstipps), aber das am Ende des Tages so krass richtig viele Menschen ihre Entschuldigung, aber, echten Jobs, nicht im Home Office machen konnten? Während ihr GEKLATSCHT habt und davon Videos gemacht habt???

Als ich anfing diese Zugeständnisse zu lesen, hatte ich wirklich Pipi inne Augen, vor Lachen. Bauchkrämpfe. Ich dachte mir echt, ich kann noch so viel studieren, fette Jobs machen, Buchdeals an Land ziehen, aber ich bleibe ein Asi Migrantenkind, denn Freundin, ich sehe deinen Stress nicht. Wo isser, was da los, welchen Komplex lebst du da gerade aus? Was passiert da gerade in deinem Kopf? Wenn du die Kinder stundenlang Fernsehgucken lässt, was passiert dann? Werden sie dann zu kleinen Asi Schlüsselkindern? So wie die anderen Kinder, die du von der Grundschule aus deiner Straße vom Vorbeigehen her kennst, während du schnell zur guten Schule deines Kindes schreitest, damit du dann in deinen Bullshit Job gehst, wo du irgendwelchen Marken irgendwelche Zahlen oder Claims präsentierst?

Hast du Angst, dass das Fernsehen aus deinen Kindern Asis macht?

Zahlst du Miete? Zahlst du Strom? Zahlst du ein Haus ab? Zahlst du für die Lebensmittel? Zahlst du für die Reitstunden, den Sportverein und die ganzen Nexo Knights Spielkarten? Hat Jonas-Jasper oder Marie-Magdalena einen Job? Ne, oder? Da du also eine berufstätige Mutter bist, die mit ihrer Berufstätigkeit RECHNUNGEN bezahlt, die allen helfen, zu leben, zu essen, und zu duschen, sollte deine Arbeitszeit während einer weltweiten Pandemie unter Umständen wichtiger sein, als die eventuell verblödeten Gehirnzellen deines Grundschulnachwuchses. Who the fuck cares, jetzt mal ganz im Ernst. 

Oder warte mal ganz kurz, arbeitest du nicht, um diese Rechnungen zu zahlen? Doch, oder? Oder arbeitest du für das Teak Regal, den Winter auf Bali und die veganen Turnschuhe? Für deine Putzfrau? Denn wenn du arbeiten würdest, um Miete und Rechnungen zu bezahlen, dann, upsi, sorry, lass dir von meiner Kindheit erzählen, und jedem anderen kleinen Migrant Kind, das ich kenne, voll süß, aber dann ist das im Normalfall so, dass die Mütter, die wir so hatten, die sind putzen gegangen, nach ihrer Festanstellung. Weil sie mussten. Voll witzig, aber wenn man Mütter hat, die im Schichtdienst arbeiten, und nebenher putzen, wisst ihr wer dann zu Hause mindestens 50% der Hausarbeit macht? Richtig, die Männer. True Story. Weil sie mussten.

Und wir, danke lieber Gott, wir hatten deutsches Fernsehen

Oh Baby, wir hatten die Kickers, wir hatten Cat’s Eye, wir hatten Mila, Pinky und der Brain, Full House, Darkwing Duck, die Gummibärenbande, alles! Wir hatten SEGA Mega Drive, Nintendo und Gameboys. Geil war das!

Immer höre ich die Bedürfnisse der Kinder, die Bedürfnisse der Kinder. Ist wichtig, keine Frage, aber wer kümmert sich um die Kinder? HA! Und wem bringt das was, wenn ihr euch wegen Erschöpfung und Burnout einweisen müsst, weil ihr, warum auch immer, gedacht habt, ihr müsst hier pädagogisch wertvolle Unterhaltung 24/7 anbieten? Während eines weltweiten Ausnahmezustandes? Wann genau wurde dieser Deal gemacht? Und von wem mit wem?

Ist es wirklich so weit gekommen? Freunde, wirklich, ist Fernsehen wirklich, ganz im Ernst, das Schlimmste, was euren Kindern passieren kann? Oder ist, wie gesagt, eure Assoziation mit dem vermeintlich ‚Asozialen‘ eure größte Angst? (An dieser Stelle erwähnen Almans immer gerne ihren Quotenausländer, mit dem sie aufgewachsen sind, und bei dem sie immer heimlich Fernseher geguckt haben.)

‚Ja aber Kinder sollten sich selbst beschäftigen können und in dem Alter…‘

In dem Alter SCHEIß DRAUF. Die Spielplätze waren zu! Alles war zu! Ihr wart eingeschlossen ohne Garten. Ich mein, voll schlimm, mein Beileid und so, weil hier ist Eigenheim am Arsch der Heide am Start, mit inklusive Garten, ne, Garten. Und jetzt, West German Girlz and Boyz, stellt euch mal das, was ihr empfunden habt, während des Lockdowns, was ihr jetzt empfindet, als Dauerzustand vor. Wie im Beispiel von Madeleine, wenn ihr beispielsweise alleinerziehend seid, oder wenn eure migrantischen Eltern beide arbeiten und nebenher putzen oder am Wochenende aufm Bau rumkloppen, weil sie die Memo nicht gekriegt haben, dass westdeutsche Muttis zu Hause zu bleiben haben, damit sie den Fernsehkonsum ihrer Kinder kontrollieren können. 

„Nur eine Folge Schloss Einstein nach der Schule, dann geht ihr spielen!“ Dieser Satz, und als ich das erste Mal Maggi probiert habe, da wusste ich, ich habe im gleichen Dorf eine andere Kindheit. 

Ich liebe Fernsehen. Ich liebe Serien, Filme, ins Kino gehen, alles daran. Ich liebe Bücher auch, aber das ist eine andere Liebe. Wie schwer es mir gerade fällt, auf Netflix zu verzichten, weil ich so unfassbar viel zu arbeiten habe, das wisst ihr gar nicht. Ich könnte eher zwei Jahre Alkohol verzichten, als auf Netflix. Heul, Scherz. Wie dankbar ich bin, dass Serien so gut geworden sind! Mit was für Dreck wir aufgewachsen sind, haha. Vor Sex and the City und Sopranos lief nur Müll, und selbst SATC ist rückblickend 90% cringe, auch wenn wir nicht abstreiten wollen, dass es ein Meilenstein war. Klar. 

Und Leute, es ist Lockdown. Macht den Fernseher an. Scheißt drauf, bitte, lasst ihn laufen, glühen, egal. Welcome to the dark Side! Keine Sorge, so schlimm ist das nicht, das Essen schmeckt meistens besser! Wenn doch das Fernsehen eure Rettung ist gerade? In eurer Wohnung, die nicht dafür gemacht ist, dass ihr zu dritt, zu viert, zu fünft den ganzen Tag, wochenlang aufeinander hockt? Macht die Glotze an. Wen interessiert’s? 

Ich danke DariaDaria für das instagramsche TV-Gate. Herrlich. Ich verneige mich. Madeleines Clapback-Game wurde nur noch stärker dadurch. Innerhalb von wenigen Tagen lieferte sie hervorragenden Content bezüglich ihrer selbst gekauften Wohnung, Misogynie in der linken Szene Österreichs und stellte sich der Kritik ihres Thermomix. Also der Thermomix hat sie nicht kritisiert, so weit ich weiß, sie wurde für wegen des Thermomixes angehatet. Sie tat das alles mit Bravour, mit Charme, Finesse und Intelligenz. Mensch, und das obwohl sie soviel ferngesehen hat als Kind. Oder gerade deswegen?

Cool fand ich sie schon immer, aber jetzt ist sie auch noch korreeeekt. 

Peace out.

PS: Wollt ihr lachen? Wir haben übrigens keinen Fernseher, damit mal was wird aus unseren Kindern. True Story. Und, auch true story: Im Normalfall gibt es einmal die Woche einen Film und sonntags Sendung mit der Maus. Hihi. Mein Alman Level ist unerreichbar. Haben wir während der Weihnachtsferien zwei bis vier Filme am Tag geguckt? Haben wir, es war Weihnachten. Haben wir im Lockdown gemacht, was wir wollten? Haben wir, weil Kindergarten.

Und BITTE. Seid nicht albern. Als linksversiffte Grünenwählerin handle ich nach Möglichkeit antikapitalistisch, also wenn es mir passt, und deshalb mag ich keine Werbung. Aus dem gleichen Grund verzichte ich auf YouTube. Deshalb haben wir keinen TV-Fernsehgerät.
Was gucken wir also? Girl, alles andere. Öko Tipp: (Gebrauchte) DVDs yoooooooo. Belasten die Server nicht so stark, Und das Internet bleibt stabil genug um nebenher Zoom Konferenzen zu führen. Oder Bridgerton zu suchten. Je nachdem was gerade Priorität hat. Seht ihr, hier lernt hier noch was.

2 Kommentare zu “Zwischen Bauern und Berlin: Fernsehkind

  1. Sehr schöner Text! Besonders gefällt mir die Differenzierung „West German…“. Den ja ich bin auch ein Fernsehkind und oh we meine Mutter hat immer voll gearbeitet. Teilweise kam sie erst 19 Uhr nach Hause und wehe wir hatten den Abendbrotstisch nicht gedeckt! Ich bin in der DDR geboren (Jahrgang 1982) und in Thüringen aufgewachsen. Hier war es vollkommen normal, dass man nach der Schule eine Packung Instantnudeln mit Wasser übergossen hat und diese kulinarische Köstlichkeit dann vor dem Fernseher gegessen hat.

    1. Ich sag es immer wieder: Eistee-Granulat, so gut! Oh ja, die West German Erwähnung ist absolut absichtlich. Ich könnte Bücher damit füllen, was der westdeutsche Muttermythos mit unserer Gesellschaft macht, aber das machen andere schon ganz gut. Vielen Dank, Susanne, und liebe Grüße! Elina

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