Hauptstadtmutti

Bianca Nawrath: Meine Mama ist ein Badass!

Ich kannte das Cover von Bianca Nawraths Buch, bevor ich wusste, wer sie ist oder warum es geht, denn bei dem Glas eingelegte Gurken auf pinkem Untergrund in meinem Instafeed war mein Interesse sofort da. „Iss das jetzt, wenn du mich liebst“ erschien bei Ecco, einem neuen Verlag, bei dem nur Frauen arbeiten und nur Frauen veröffentlicht werden.

Ich durfte im Mai die Lesung mit unter anderem Bianca moderieren und war sofort begeistert von ihrer Energie. Nicht nur das, die Geschichten über ihre Berliner Kindheit und das Aufwachsen mit migrantischen Eltern in Deutschland hörten sich so spannend an, dass ich unbedingt noch einmal mit ihr sprechen wollte. In ihrem Buch spielt Mutterschaft aber auch Kindheit mit einer migrantischen Mutter eine große Rolle, ich kann es euch sehr empfehlen. Auch, weil es gleichermaßen witzig wie charmant ist, genau wie die Autorin.

HSM: Liebe Bianca, stell dich bitte vor.
Frühaufsteherin, Stock im Arsch, Schuhgröße 36, Fahrradliebhaberin, vergesslich, liebt Mamas Apfelrotkohl, ungeduldig, strebsam, trinkfest, Film-Fan, stolze Tante, ist gerne Gastgeberin, neugierig, Hobby-Tänzerin, liebt die Berge, wäre gerne Bibi Blocksberg gewesen, hat die besten Freund*innen, plantscht gern, schwimmt ungern, Seitenschläferin, fiebert leidenschaftlich bei Quizsendungen mit, Kniffel-Göttin, Poker-Star, übertreibt manchmal…

HSM: Haha, das ist alles mega. Und die ganz formalen Eckdaten?
Ich wurde 1997 in Berlin geboren, doch habe im Laufe meines Lebens zahlreiche Urlaube bei der erweiterten Familie in Polen verbracht. Seit meinem Journalismus Bachelor arbeite ich als freie Journalistin, Moderatorin und Schauspielerin. (Mehr Infos hier.)

HSM: Falls du es nicht erwähnt haben solltest, du bist keine Mutter, korrekt?
Ich bin keine Mama, aber will irgendwann mal eine werden.

HSM: Ich wollte dich dennoch interviewen, weil ich glaube, dass die Erfahrungen der Migrant Kids in unserer Gesellschaft geteilt werden sollten. Wo in Berlin bist du aufgewachsen und wie war das so?
Ich bin im Märkischen Viertel, also in der Platte, groß geworden. Meine Eltern haben mir dort ein richtig schönes Zuhause geschaffen, deshalb löst der Anblick von Plattenbauten ein heimeliges, nostalgisches Gefühl in mir aus. Unsere Wohnung im 11. Stock hatte einen Ausblick auf die Skyline Berlins mit Fernsehturm, Brandenburger Tor und allem drum und dran. Das war nicht nur an Silvester der Knüller. Vor ’89 konnte man über die Mauer sehen. In anderer Lage hätte die Wohnung bestimmt das Dreifache gekostet. Als Kind war für mich aber vor allem die große Auswahl an Spielplätzen ein Grund, den Kiez zu lieben. 

HSM: Wie bezeichnest du dich selbst bzw. wie definierst du deine Herkunft?
Mich mit meiner polnischen Herkunft auseinanderzusetzen, hat mich viel darüber gelehrt, wer ich bin. Ich liebe vieles an Polen und der Kultur, schneide mir mein liebstes Stück Torte davon ab. Aber in letzter Zeit wird mir mehr und mehr bewusst, dass Berlin eine entscheidende Rolle in meiner Charakterentwicklung spielt und gespielt hat. Mit Berlin meine ich die Menschen, die hier leben. In meiner Heimatstadt werden unterschiedliche Menschen dazu gezwungen, miteinander klar zu kommen und dadurch merken sie, dass es sich nicht bloß nach „miteinander klar kommen“ anfühlt. Anders als bei meiner Familie in Polen. Natürlich ginge es noch besser. Auch in Berlin ist jeder Kiez ein eigenes Dorf mit speziellem Charakter und Menschen, die sich danach sortieren. Aber spätestens in der U8 teilen wir uns dann (fast) alle eine Sitzbank.

Ich verstehe jeden, der sagt, Berliner*innen und ihr Lokalpatriotismus würde nerven. Wir halten uns echt manchmal für etwas Besseres und das obwohl wir auch einige Macken haben: Wir kriegen nie genug, sind laut und dreckig. Die Clubs sind schlechter als ihr Ruf, Beziehungen halten drei Tage, Haferbrei heißt Porridge und kostet 6,95 Euro. Aber in jeder Stadt würde mich etwas stören und hier habe ich wenigstens meine Leute gefunden, viele davon. Mit „meinen Leuten“ meine ich die Zahnmedizinstudentin mit der Liebe zu Trash-Formaten, die stets etwas zu laute Schauspielerin mit dem ehrlichsten Herzen der Welt, den Bootsliebhaber, der immer zu spät kommt und die Grundschullehrerin, die gerne ins Kitkat geht.

Wenn ich mit ihnen zusammen bin, muss ich mich nicht über Hekunft, Geld oder Bildungsgrad definieren. Wir definieren uns über die Albernheiten, die wir so gerne und am liebsten gemeinsam fühlen und über die Kompromisse, die wir füreinander eingehen. Am Ende definiere ich meine Herkunft also über die Menschen, die ich liebe. 

HSM: Wie ist deine Beziehung zu deiner Mutter heute, wie war sie früher und wie wurde eure Beziehung durch ihren Migrationshintergrund beeinflusst?
Mama ist die Beste! Ich weiß, das sagen viele, aber bei mir stimmt es. Dadurch dass sie auf dem polnischen Dorf aufgewachsen ist und ich ausgerechnet in Berlin, haben sich schon früh unterschiedliche Ansichten heraus kristalisiert. Das Coole ist: Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns schon viel zu sehr geliebt, um uns einfach fallen zu lassen. Wir sind nun mal Mutter und Tochter, das ist ohnehin eine ganze eigene Art von Gefühl.

Wir mussten uns also zuhören und unterschiedliche Meinungen akzeptieren lernen. Ich lernte mit Mama, als Menschen den ich liebe, was ich nun auch bei Menschen anwenden kann, die ich nicht liebe. Gleichzeitig hat sie mir vorgemacht, wie es einem Menschen gelingen kann, selbst grundlegendste, seit Kindertagen anerzogene Denkmuster zu hinterfragen und wenn nötig zu ändern. Mama ist so ein badass!

HSM: Nutzt du Social Media?
Ich liebe Social Media fürs Netzwerken, für die Inspirationen, für Memes. Ich hasse Social Media für die Art wie sie unsere Sozialisierungs- und Kommunikationsstrukturen unnatürlich schnell verändern, Hetze aufgrund von Annonymität erleichtern und Zeit stehlen. Und wir lassen das auch noch zu. (@bianca.nawrath auf Instagram)

HSM: Wie kam es zu der Idee mit dem Buch? 
Schon als Schulkind habe ich für mein Leben gerne geschrieben. Ich liebe Geschichten und ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Anfangs war es ein Hobby, doch mit der Zeit mochte ich mein Manuskript so gerne, dass ich es teilen wollte. Dabei hielt ich meine Hoffnungen klein genug, um nicht zu traurig zu sein, wenn es nicht klappt. Selbstschutz. Gleichzeitig wollte ich mir aber auch nicht jegliche Hoffnung absprechen, um die Motivation aufrecht zu erhalten.

Wie war der Schreibprozess?
Der Schreibprozess ging mir erstaunlich schnell von der Hand, die Strukturierung und die Ideenfindung sind schon schwieriger zu meistern. Mittlerweile schreibe ich jeden Tag und kaum etwas erfüllt mich so sehr. Selbst wenn es nur zwanzig Minuten sind. Wenn ich nicht weiß, was ich schreiben soll, hole ich alte Fotos hervor und stelle dar, was ich sehe und was die Erinnerungen in mir auslösen.

Die Erfahrung, mit mir und meinen Gedanken allein happy zu sein, ist ein sehr gutes Gefühl. Ebenso wie mir selbst dabei zusehen zu können, wie ich durch Übung besser werde. Mein Textverständnis, mein Wortschatz, das Wissen über eigene Schwächen – all das kann ich nur ausbauen, wenn ich schreibe.

Auch: worum geht es in deinem Buch?
In Stichworten: Polnische Hochzeit, Migration in Berlin, Platte, eine junge Liebe, starke Frauenbeziehungen, Heimat und Herkunft.

HSM: Wie stellst du migrantische Mütter in deinem Buch dar?
Es spricht von sehr viel Stärke für eine bessere Zukunft der eigenen Kinder auszuwandern. Diese Stärke will ich betonen. Gleichzeitig versuche ich mich über jede Figur, wenigsten in Momentaufnahmen, augenzwinkernd lustig zu machen. Denn Scheitern und Straucheln und Mensch sein hat immer etwas lustiges. 

HSM: Gibt es einen Lieblingsteil?
Am Ende des Buches gibt es ein intensives Gespräch zwischen Mutter und Tochter, das ich sehr mag. Aber auch die Situationen in denen ich mit meinen Leser*innen Einblicke in die polnische Kultur teile, sind mir sehr wichtig!

HSM: Für wen ist dein Buch?
Für Mama, für mich, für Menschen, die sich für Polen und Berlin und Platte interessieren. Für junge Erwachsene, die sich frei machen wollen. Aber vor allem für Mama. 

HSM: Kennst du geheime Ecken oder geile Restaurants/Bars in Berlin, die wir unbedingt mal ausprobieren sollten? 
Tagsüber zieht es mich oft ins Grüne, z.B. in die Rehberge im Wedding, zum Müllberg in Lübars oder zum Flughafensee in Tegel. Auch an der Spree lässt es sich gut aushalten, z.B. in der Nähe der Museumsinsel.
Wenn wir nicht gerade in einer Pandemie stecken, bin ich abends gerne in der Schmittz Bar in den Nähe vom Rosi oder spaziere von Späti zu Späti mit einem Wegbier. In der Nähe vom Maybachufer entdecke ich immer wieder gute Bars, da lasse ich mich gerne überraschen.

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