Eine vollwertige Mutter – was ist das?

Eine vollwertige Mutter
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Manchmal schreibt man sich Texte von der Seele, weil man sich ärgert oder freut oder etwas mit der Welt teilen möchte. Und manchmal, wenn man sich wegen etwas schlecht fühlt (und sich eigentlich gar nicht schlecht fühlen sollte), denkt man sich: Gibt es vielleicht Frauen da draußen, denen es ähnlich geht?

Meistens möchte ich diesen Frauen sagen: Ihr seid nicht allein. Es mag sich so anfühlen, aber wir haben alle schon mal den Apfel, den Junior weggeschmissen hat, vom Küchenboden aufgehoben, ihn gegessen und triumphiert – denn hey, Vitamine!

Manchmal frage ich mich warum das alles. Warum überhaupt noch solche Texte schreiben, warum einzelne Aussagen auf die Goldwaage legen, warum nicht gelassener sein, warum sich über Männer beschweren, auch wenn man einen tollen Mann zu Hause hat, warum nicht dankbar sein für das eigene Glück und die Klappe halten? Warum? Weil immer noch zu viele Mütter nicht gelassen bleiben können, weil sie manchmal weinen, aber es niemandem erzählen. Ich kriege ehrliche Geschichten und Gefühle zu hören, von Nachbarinnen, Freundinnen, Bekannten, Bäckerinnen, Spielplatzmenschen, anderen Eltern und Verwandten, über die man auch mal sprechen sollte. Nicht alle meine Texte geben meine eigenen Erfahrungen wider, und meistens hat es nichts mit meiner Situation zu Hause zu tun, sondern mit der Gesellschaft, in der wir versuchen zu überleben. Als Eltern.

Wir haben am Sonntagabend den Artikel Von tollen Vätern und selbstsüchtigen Müttern: Kinderbetreuung im Urlaub veröffentlicht, der überraschenderweise unglaublich viel positives Feedback gebracht hat. Eigentlich wollte ich mich doch nur in meiner „pseudo-proll-coolen“ Art (für die ich eigentlich nichts kann, weil ich aus Westfalen komme und Migrationshintergrund habe, daher mein Temperament) aufregen. Wirklich, ich war überwältigt von jedem „Danke“ und „Amen“, danke euch dafür! Doch ein Kommentar hat mich tatsächlich etwas stutzig gemacht. Der Kommentar war so fernab meiner Lebensrealität, dass ich ihn eigentlich nur ignorieren wollte. Doch ein Ausdruck blieb mir im Gedächtnis hängen: die vollwertige Mutter. Ich möchte kurz sagen, was für mich eine vollwertige Mutter ist:

Eine vollwertige Mutter ist für mich …

… eine Mutter, die nach fünf Jahren der Freiberuflichkeit zurück in eine Teilzeitstelle gegangen ist und unglaublich glücklich ist, die Mittagspause mit anderen Erwachsenen zu verbringen und nicht mehr spätnachts an Aufträgen arbeiten zu müssen, weil ihr Mann ihre Freiberuflichkeit hauptsächlich als „zu Hause sein“ angesehen hat. Sie hat immer die unglaublichsten Geburtstagstorten gebacken, Marmelade selbst eingekocht und ihrer Tochter ein Faschingskostüm selbst genäht. M. ist für mich eine vollwertige Mutter.

… eine Mutter, die bei der Geburt ihrer ersten Tochter fast gestorben ist, Bluttransfusionen benötigte und lange Zeit mit Depressionen, Panikattacken und Blutarmut kämpfte, nicht stillen konnte, ist eine vollwertige Mutter. D.s Mann hat in dieser Zeit so ziemlich alle „mütterlichen“ Pflichten auf sich genommen. Er ist für mich ein vollwertiger Mann und die beiden führen meiner Meinung nach eine vollwertige Ehe.

… eine Mutter, die sich gegen die Beziehung zu dem Vater ihres Kindes entschieden hat, weil er ihr einfach nicht taugt und sie bei einem One-Night-Stand schwanger geworden ist. Sie ist eine vollwertige Mutter und führt ein vollwertiges Familienleben. P. hat fast täglich Gewissensbisse, weil sie denkt, dass ihre Tochter nicht glücklich sein wird, weil Mama und Papa nicht zusammen sind.

… eine Großmutter, die als Mutter vor über 40 Jahren aus Prinzip ohne ihre fünf Kinder in den Urlaub gefahren ist. Weil sie es sich nicht leisten konnten, aber auch, weil es ihr nicht in den Sinn gekommen wäre. Sie war ja schließlich auch Ehefrau. Sie ist für mich eine vollwertige Mutter.

… eine Mutter, die wieder schwanger wurde, als die Ältere nur ein halbes Jahr alt war und sich nun fragt, ob das so richtig ist, dass sie weniger Zeit für das ältere Kind hat, und eigentlich auch mal wieder einen Moment für sich haben möchte. Auch F. ist eine vollwertige Mutter.

… eine Mama, die am Sonntagnachmittag alleine am Spielplatz saß, mit verheulten Augen und einem Jogginganzug, und nebenher in ihr Handy guckte, während ihr Kind im Sand spielte, ist eine vollwertige Mutter.

… jede Mutter, die darauf achtet, dass ihr Kind gesund, gefüttert und angezogen das Haus verlässt, ist für mich eine vollwertige Mutter. Jede Mutter, die sich mit dem Papa, der Kinderbetreuung, der Tagesmutter, dem Au Pair oder der Großmutter abspricht, und so sicherstellt, dass ihr Kind gesund, gefüttert und angezogen das Haus verlässt, ist für mich eine vollwertige Mutter.

… jede Mutter, die nicht gestillt hat, und jede Mutter, die keinen 250 Euro-Reboarder hat, und jede Mutter, die vorher nicht wusste, was Pastinaken sind, ist für mich eine vollwertige Mutter. Und jede Mutter, die jetzt gerade auch nicht weiß, was Pastinaken sind, ist für mich eine vollwertige Mutter.

… jede Mutter, die mit ihrem Kind eine andere Sprache spricht als Deutsch ist für mich eine vollwertige Mutter. Jede Mutter, die ihr Kind taufen lässt und jede Mutter, die sich dagegen entscheidet, ist für mich eine vollwertige Mutter. Und jede Mutter, die Quetschies selber macht, und jede Mutter, die Quetschies kauft, und jede Mutter die nicht weiß was Quetschies sind, und jede Mutter, die Quetschies scheiße findet, ist für mich eine vollwertige Mutter.

… jede Mutter, die auf eine alternative Art und Weise schwanger geworden ist, oder ihr Kind nicht in ihrem Bauch getragen hat, ist für mich eine vollwertige Mutter. Jede Mutter, die Geschäftsreisen wahrnimmt, und jede Mutter, die nach der Trennung vom Partner ihr Kind nur jedes zweite Wochenende sieht, ist für mich eine vollwertige Mutter.

Jedes Kind ist anders, aber Mütter sollen alle gleich sein. Mutterschaft ist so komplex, dass das Wort vollwertig eigentlich wenig Sinn macht.

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