Hauptstadtmutti

‚Ey meine Freundin letztens so‘: Musikschule und Kleinkinder

Kennt ihr das? Freundinnen, die ihr anruft, wenn ihr mal wieder ordentlich abblättern wollt? Scherz: Informationsaustausch heißt das.

Es ist ja das gleiche Prinzip wie bei den Reality Shows im Privatfernsehen: Auf hohem Niveau fremdschämen, weil man denkt, man ist besser, weil man kein Plastikspielzeug hat, nicht in der Wohnung raucht und nur Bio Chips mampft. Hihi. Bio Chips, ist klar.

So läuft das doch, wenn man sich über die ominösen anderen Kita Mütter unterhält. Voll witzig, guck mal die Muttis da, gut, dass wir so cool sind. Das hält uns doch am Leben, oder? Dass wir manchmal noch denken, wir sind cool (oder cooler) und alle anderen sind doof (also doofer)? Mean Girls mäßig. Eigentlich auch scheiße, weil man muss sich ja gegenseitig unterstützen, wir sitzen alle im gleichen Mutti Boot, aber hast du gehört, die eine letztens…

Jedenfalls. Schickt meine letzte Hamburger Freundin mir einen Screenshot von ihrer Kita Gruppe. Ich les mir das durch und dachte ich spinne. Ein ganz normaler Chatverlauf zum Thema Geschenke für die Erzieherinnen. Ich frage meine Freundin, was daran so interessant sein soll. Sagt meine Freundin, die große Angeberin, dass sie das voll unkreativ findet, wenn man immer nur Gutscheine schenkt und das regt sie auf.

Ich sage der Frau Hamburgerin folgendes:

„Hiermit ist unsere Freundschaft offiziell auf Eis gelegt. Wenn du mir Screenshots von deiner Kita Gruppe schickst und ich gehe heimlich auf der Arbeit aufs Klo, damit ich das lesen kann, dann muss das verdammt noch mal unterhaltsam sein!“

Meine Freundin, die beleidigte Leberwurst, schickte mir eine Sprachnachricht in der sie entweder tatsächlich furzte oder so tat als ob. Depp. Streiten auf hohem Niveau, können wir.

Doch ich musste nicht mal eine Woche warten.

Mit den Worten: „Ich weiß nicht ob du das verdient hast, aber here it comes…“ eröffnete sich mir die wundervolle Welt der komplizierten musikalischen Früherziehung von Hamburger Kleinkindern.

Kurzer Hintergrundbericht: Meine Freundin ist in einer kleinen Mini Kita mit, uhm, alternativer Ausrichtung. Sie ist zudem die einzige arbeitende Mutter. Ernsthaft. Sie ist quasi die in-echt Version von der Mila Kunis in dem Bad Moms Film. Immer abgehetzt, immer irgendwie gestresst, liebt aber ihren Job, und hat keine Ahnung wie der Großteil der anderen Kinder in der Gruppe heißt oder welches Fest in welcher Woche gefeiert wird. Ihr Kind ist auch das Einzige, das in der Kita schläft. (Die Kita ist ab 2.)

Jedenfalls schickt sie mir den Screenshot und ich dachte echt ich fall vom Stuhl. Also. Die eine Kita Mutti hat ein Problem. Sie sucht eine Musikschule für ihre Tochter. Das stellt sich aber als nicht so einfach heraus. Und alle anderen Kita Muttis helfen ihr in dieser schweren Stunde ihres Lebens.

Das Hauptproblem: Dem Musiklehrer scheint es keinen Spaß zu machen. Er wirke unmotiviert.

Ich dachte mir, bevor ich hier mal wieder unqualifiziert rumkacke, ruf ich meine Freundin an, die aus Prag ist (Kultur!) und eine echte Geigenspielerin ist und ihr Mann ist ein quasi berühmter Cellist in Asien. Die haben also zunächst mal einen Plan, was Musik angeht.

Ich frage sie, was sie so für Musikkurse mit ihrer Tochter besucht.

Sie lacht.

Und dann lacht sie weiter und dann sagt sie, sie muss jetzt mit Baby und Kleinkind einkaufen gehen und wenn ich was wissen will, soll ich mitkommen, aber sie hat keine Zeit mit mir zu telefonieren. Gut, dass wir im gleichen Kiez wohnen. Also ab zum Supermarkt um mal über musikalische Früherziehung zu philosophieren. Standard.

Braucht man mit zwei Jahren Musikunterricht?

Meine wunderschöne, tolle tschechische Freundin erklärt mir mit ihrem perfekten Deutsch, dass sie absolut nichts davon hält, Kindern unter drei Jahren irgendeine Art von ernsthaftem Musikunterricht aufzuzwingen. Sie erzählt nebenher, dass sie ja jetzt ihren Master in Musikpädagogik macht, und sie davon träumt, irgendwann mal eine Musikschule für Kleinkinder aufzumachen, weil sie sich dann dumm und dämlich verdienen wird. (Etwas ähnliches hat mir meine Freundin, die Logopädin ist, auch erzählt. Also, dass sie gut an überbesorgten Eltern verdient. Und das nicht in Berlin.)

Interessant. Ich frage sie, was man denn aber machen soll, wenn das Kind wahrscheinlich ein musikalisches Wunderkind ist, und die Musiklehrerin einfach nicht so denkt wie man selbst.

Wenn die Musiklehrerin vielleicht sogar unmotiviert ist!

Meine Freundin sagt, dass das natürlich nicht geht und einfach unfassbar ist, dass ein ausgebildeter Musiker nicht gerne mit 15 Babys und Kleinkindern in einem Raum ‚Alle meine Entchen’ singt. Man muss sich das mit einem leichten tschechischen Akzent und perfektem Sarkasmus in der Stimme vorstellen. Zwischen der Geflügelsalami und den Bratwürsten. Wie immer, mein Life, der Glamour.

Ihr Vorschlag war: Kinder einfach mal in Ruhe lassen. Vielleicht tatsächlich warten, bis sie von alleine sagen, dass sie das mal ausprobieren wollen. Also vielleicht mit 30 oder 40 Monaten. Oder Jahren. Musikgruppen für Kleinkinder können bestimmt auch voll Bock machen! Wenn man das Geld übrig hat, denn sowas kostet ja auch Geld, oder wenn man einfach mal Abwechslung in den Spielplatz Alltag bringen will, Bitteschön. Das hat dann nur einfach nichts mit Musikunterricht zu tun, sondern ist einfach eine Aktivität zum Zeitvertreib.

Be the change you want to see in the world

Ich erzähle der einen Freundin abends was die andere Freundin gesagt hat. Wir hocken da mit unseren Skype Kameras, zählen Augenringe und trinken ein Gläschen. (Also jeder eine Flasche, passiert. Es war Champions League.) Unsere Männer schlafen. Ein Kind auch. Das andere nicht. Ich nötige sie in die Gruppe zu schreiben, dass sie Musikschule für unter Dreijährige nicht unterstützt. Sie reagiert mit absolutem Entsetzen.

„Bist du wahnsinnig? Das sind die Mütter von allen anderen Kindern! Ich bin doch eh schon die Dumme! Die eine hat bis vor Kurzem gedacht, dass mein Mann Witwer ist, weil er die Eingewöhnung gemacht hat und weil ich immer abhole, und sie mich deswegen noch nie gesehen hat. Gib dir das: Die dachte ich bin TOT und nicht, dass ich arbeite! Nichts da. Als nächstes erzähl ich denen, dass die Tofu Würstchen vom Kind normale Würstchen sind, obwohl unsere Scheiß-Kita vegetarisch ist und das Kind aber kein Tofu mag.“

-Entschuldigung, aber kein Mensch mag Tofu.

„Is richtig aber das wissen die anderen Mütter nicht. Die haben nur ein Kind. Dieses eine Kind ist bei allen klein und sie müssen nicht Vollzeit in einem Büro hocken.“

– Vielleicht lieben wir unsere Kinder einfach nicht genug. Sonst wären wir auch zu Hause.

„Keine Ahnung. Ich bin netter zu meinem Kind, wenn ich arbeiten gehe.“

-Ich muss pennen. Es ist fast 10.

„Warte. Warte. Warte. Warte. Warte.“

-WAS?

„Es wird diskutiert, ob man beim Martinsumzug echte Kerzen aus Bienenwachs oder normalem Wachs nimmt.“

– NEIJEEEEEN. Geil. Aber du nimmst die elektrischen, oder?

„Selbstverständlich, ich bin doch nicht lebensmüde.“

– Ok, ich hol mir noch ein Glas, lies vor, ich nehm dich mit in die Küche.

 

Foto: Tucker Good auf Unsplash.

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