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Ivy Park: Bey-sessen von der einzig wahren Queen

 

Ich konnte letzte Nacht nicht einschlafen. Immer wieder rechnete ich mir aus, wie viele Stunden es noch dauern wird, bis ich mir die Ivy Park Kollektion angucken kann und endlich weiß, wie stark ich die Kreditkarte diesmal im Namen des Beyhive belasten muss.

Die was Kollektion? Im Namen des wie bitte?

Ivy. Blue Ivy. Park. Parkwood. Beyhive. Beyoncé. Queen Bey. Queen B. Yoncé. Flawless. Feminist. Run the World. Independent Woman.

Es gibt kaum Worte dafür, die ausdrücken können wie besessen ich von dieser Frau bin. Vor zwei Wochen hat sie mir den Gefallen getan, nach drei Jahren Pause mal wieder ein echtes Interview zu geben. Und gleichzeitig ihre Sportklamotten-Kollektion Ivy Park anzukündigen. Da muss man als Fan ja schon auf die Knie gehen, denn seit der digitalen Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Albums im Dezember 2013 lebt man in der ständigen Erwartung, dass sie heute mal wieder etwas raushauen könnte. Revolutionäre Marketingstrategie, die der gesamten kaputten Musikindustrie auf den Kopf geschissen hat. Sie zwang Leute, ein Album zu kaufen. Ein Album in seiner ganzen Länge anzuhören. Als Gesamtwerk zu respektieren. Sie veröffentlichte begleitende Videos, die erklärten, was ihr wichtig war bei der Entstehung dieses Meisterwerks. Und die Medien standen Kopf (siehe links unten).

“Changed the game with that digital drop
Know where you was when that digital popped
I stopped the world
Male or female, it make no difference“

Ich erinnere mich noch genau daran, als ich es zum ersten Mal gehört habe. Eigentlich war ich auf dem Weg zu meiner eigenen Preisverleihung. Dort sollte ich den ersten Preis des Essaywettbewerbs der Deutschen Gesellschaft e.V. entgegennehmen. Für einen Essay über meine Interpretation von Heimat und meine persönliche Migrationsgeschichte. Stattdessen saß ich ungeduscht im Bett und schrie. Und weinte. „SIE DEFINIERT FEMINISMUS! BLUE IST IM VIDEO! ES GEHT UM SEX! SIE HAT FUCK GESAGT! SIE REDET ÜBER FRAUEN! ES GIBT VIDEOS! ES GIBT MEHR VIDEOS ALS LIEDER! SIE HAT 17 VIDEOS WÄHREND IHRER WELTTOURNEE GEDREHT UND NIEMAND WUSSTE NICHTS!“

Und ich schaffte es nicht mal eine Hausarbeit während eines Praktikums fertig zu schreiben. You have as many hours in the day as Beyoncé. Jetzt kommen gleich wieder die ganz Schlauen unter euch und sagen „neeeeeeeiiiiiiin, hast du nicht“. Beyoncé hat Köche und Nannys und Geld. Stimmt. Die Köche und Nannys und ihr Geld helfen ihr aber auch dabei zu arbeiten. Nicht zwei Staffeln „How to Get Away With Murder“ (#shondaland) an einem Wochenende zu gucken (ich so). Ich habe Angst auszurechnen, wie viele Stunden das waren. Viele. In der Zeit hätte ich laufen gehen können, ein Buch schreiben oder wenigstens mal meine Nägel lackieren. Hab ich nicht. Ich saß auf meinem Arsch und war faul. Muss auch mal sein, war geil. Auf dem Weg zur Preisverleihung guckte ich im Auto weiter. Ich blieb so lange sitzen, bis ich wirklich rein musste. Parallel dazu bestellte ich mir das Gesamtwerk von Chimamanda Ngozi Adichie und verschlang es innerhalb einer Woche. Solltet ihr auch, begnadete Autorin, starke Frau, unglaublicher Style. In Schweden bekommt seit diesem Jahr jede und jeder 16-Jährige eine Kopie ihres „We Should All Be Feminists“ Essays, der auf dem TED-Talk basiert, aus dem Beyoncé auf „Flawless“ zitiert. That is the power of Beyoncé.

Habt ihr noch Vorbilder? Ikonen? Menschen, die ihr vergöttert? Und jetzt gebt mir nicht so einen Bullshit von wegen, ich bewunder mich selbst oder meine Gold-Kinderchen sind die Quelle meiner Lebensfreude, oder die unendliche Liebe zu meinem Partner oder meiner Partnerin. Will keiner hören, spart euch das für euer nächstes New Age Yoga Retreat-Wochenende. Ich rede von Menschen, die euch inspirieren, vielleicht sogar glücklich machen. An die ihr euch wendet, von denen ihr Musik spielt, wenn es euch nicht gut geht, oder deren Filme ihr anmacht, um aus der Welt zu flüchten.

Ich weiß, in Deutschland ist das mit dem Personenkult so eine Sache. (In der ehemaligen Sowjetunion, wo ich geboren bin, bekanntermaßen auch.) Hier ist man ganz schnell, auf die Fehler eines erfolgreichen Menschen hinzuweisen. Wenn ich mit Menschen über Beyoncé spreche, und sie den Wahnsinn in meinen Augen erkennen, sagen sie schnell Dinge wie „Die soll ja richtig dumm sein“ oder „Sie drückt sich schlecht aus“ oder „Ganz schön billig, über Sex und Erotik Musik über Feminismus zu vermarkten“. Warum verspürt man dieses Verlangen, Dinge, die andere (Frauen) glücklich machen, schlecht zu machen?

So what if she’s dumb? Was ist eigentlich dumm? Viele denken sicherlich Daniela Katzenberger sei dumm, manche denken, Jan Böhmermann sei dumm gewesen, andere finden ihn mutig. Ich spreche vier Sprachen fließend und habe zwei Uniabschlüsse, wusste aber bis vor Kurzem nicht, dass Slowenien und die Slowakei zwei verschiedene Länder sind. Blöd.

Es ist immer so einfach, Menschen, die als Künstler erfolgreich sind, als dumm zu betiteln oder zu slutshamen. Zu den Vorwürfen, sie müsse sich ja nicht immer so räkeln und ausziehen, sage ich nichts. Das ist slutshaming vom Feinsten. Geht mal auf ein Konzert, da erlebt ihr eine Show, die vom körperlichen Anspruch her unglaublich beeindruckend ist. Soll sie das nächste Mal in Jeans und Hoodie tanzen, um euch glücklich zu machen? Wenn ihr noch keinen Live-Auftritt bewusst gesehen habt, fragt mal meinen Mann, der war eher skeptisch vor seinem Konzertbesuch der Mrs. Carter Show. Und sagt bis heute, dass er Vergleichbares in Anspruch, Perfektion und Unterhaltung bisher nicht erlebt hat.

 

Ich weiß, dass Beyoncé mich glücklich macht. Wenn ich ihr Gesicht sehe, ihre Stimme höre oder ihre Musik gespielt wird. Auf dem letzten Konzert, auf dem ich war, hab ich am Ende geheult. Mein Mann würde sagen: einen leichten Nervenzusammenbruch erlitten. Vor Glück, versteht sich. In wirklich dunklen Zeiten gucke ich mir ihre Doku Life is but a Dream an, die in Zusammenarbeit mit HBO entstand. Notice the word „Arbeit“. Wenn ich eines von ihr gelernt habe (und natürlich auch von meinen Eltern), dann dass Disziplin, Fleiß und Tüchtigkeit Tugenden sind. Ich bin Perfektionistin und ein Arbeitstier wie sie. Ich verstehe, was sie meint, wenn sie sagt, dass sie erst durch die Geburt ihrer Tochter gelernt hat, wie wichtig es ist, runterzuschalten. Seitdem sieht man sie immer wieder auf ihrer Yacht in Südfrankreich, meistens mit einem Champagnerglas in der Hand. Ich gönne ihr das. Ich kenne keine andere öffentliche Person, von der ich weiß, dass sie so hart arbeitet. Außer vielleicht Barack Obama und Cristiano Ronaldo.

Ich gönne ihr ihren wunderschönen und starken Körper, weil ich weiß, dass sie an diesem Körper arbeitet. Früh aufsteht. Trainiert. „Ja, aber sie hat einen Personal Trainer.“ Blablabla. Trotzdem steht sie um 5 auf und trainiert. Oder macht der geheime Muskelmasseur, der sie im Schlaf so massiert, dass sie so aussieht? Bewegt ihr euren Arsch morgens aus dem Bett und geht laufen? Nein? Ich auch nicht. Sollte ich vielleicht mal. Aber dafür hab ich ja jetzt bald meine Ivy Park Sachen, die sie für kurvige Frauen (wie mich) entwickelt hat. Mit extra hohem Beinausschnitt und Material, das nicht für flachbrüstige Yoga-Queens entwickelt wurde (ihr seid großartig, Namaste, ich bin ja nur neidisch, weil meine Brüste sich in nichts reinquetschen lassen).

Beyoncé hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie definitiv und zu 100% nicht so aussieht wie sie aussieht, wenn sie sich nicht selbst zu Sport und gesunder Ernährung zwingen würde. Sie kommt aus Texas, ich hab eine halbe Ewigkeit in Virginia gelebt. Im Süden zu leben heißt jeden Tag dagegen anzukämpfen, fett zu werden, weil einfach alles frittiet und geil ist. Ich finde es gut, dass sie sagt, ohne harte Arbeit würde sie so nicht aussehen. Dass es ihr aber wichtig ist, stark und trainiert zu sein, um auf der Bühne ihr Bestes geben zu können und fit für ihre Tochter zu sein.

Dann kam „Formation“. Puh. Es war die Nacht vorm Superbowl. Kann man nicht einmal in Ruhe aufstehen ohne dass Queen Bey wieder einmal einfach macht und tut und nichts ankündigt? Ich schrie mal wieder durch die Wohnung: „SIE STEHT AUF EINEM POLIZEIAUTO IM WASSER UND SPRICHT ÜBER NEW ORLEANS! SIE ERWÄHNT BLUES HAARE! DAS VIDEO IST SCHWARZ! ALLES IST POLITISCH! DER KLEINE JUNGE TRÄGT HOODIE UND TANZT VOR DEN POLIZISTEN! HOLY FUCKING SHIT!“

Sie sagt drei Jahre lang gar nichts und bringt dann dieses Lied, dieses Video raus. Unapologetic, entschuldigt sich für nichts, owning her blackness. Stark. In your face. Und plötzlich hatten sie wieder Angst, die weißen Republikaner, die konservativen Fox News-Moderatoren. Sie soll den Superbowl in keine Politik-Arena für Afro-Amerikaner verwandeln. Ihre Tänzerinnen würden an die Black Panthers erinnern.

Das Lied ist zu politisch. Diesen Kommentatoren scheint es wirklich entfallen zu sein, dass Beyoncé schwarz ist. Ihre Familie aus New Orleans stammt. Sie selbst kreolisch ist. Während schwarze Kinder und Jugendliche in aller Öffentlichkeit für das Tragen von Kapuzenpullis und Spielzeugpistolen erschossen werden, während Lifestyle-Magazine es wichtiger finden, Blue Ivys Haare zu bemängeln, weil sie au natural getragen werden und während Raven-Symoné und Stacey Dash die absurdesten Dinge sagen, soll Beyoncé sich in ihr Studio verziehen und euch einen Arschwackel-Song für den nächsten Mädelsabend schreiben, ohne aufzumucken?

Kurz bevor sie mit ihren Mitstreiterinnen auf das Feld des Superbowls marschierte, standen da noch ohne großes Aufschreien der Presse Footballspieler, die zum Teil wegen Vergewaltigung, Nötigung oder häuslicher Gewalt angezeigt worden sind.

2001 kam „Independent Women“ raus. Mein Schicksal war besiegelt. Während in Deutschland Interpreten wie Bro’Sis und Christian („Es ist geil, ein Arschloch zu sein“) die Charts anführten, fühlte ich mich von Destiny’s Child verstanden. Seitdem ist Beyoncé mein spirit animal. Ich ging mit ihr durch dick und dünn, durch Blocksträhnen, Netzoberteile, und auch fragwürdige Duetts (Beautiful Liar…uhm. Skip). Sie ist so politisch, ehrlich und großartig wie ich es mir von vielen anderen Künstlern wünschen würde. Sie wird einfach immer besser.

Jeder Song, jedes Album, jeder Auftritt, ist immer eine Verbesserung, eine Weiterentwicklung. Ich habe keine Ahnung, womit sie als nächstes ankommt. Vielleicht wache ich morgen auf und sie hat endlich wieder ein Album rausgebracht. Bis dahin weiß ich, dass ich auch jeden Tag ein bisschen besser sein möchte, mich zu informieren über diese Welt, in der wir leben, meinen Horizont erweitern, Spaß zu haben, mein Kind fest an mich zu drücken und crazy in love die world zu runnen während ich flawless slaye.

Ihr solltet respektieren, dass es da draußen wenigstens eine Person gibt, die ihre gesamte Karriere damit verbracht hat, Frauen zu sagen, dass sie wundervoll, stark, und bootylicious sind!

Immer und immer wieder spricht sie über die Stärke von Frauen, ihrer Mutter, ihrem Leben als Mutter, die Frauen in dem Friseursalon ihrer Mutter, die sie so geprägt haben. Sie hat Hymnen auf den weiblichen Körper geschrieben, damit Frauen sich selbst feiern können, egal ob single, verheiratet, erwachsen, masturbierend. Aber immer makellos.

Photo by Brianna Santellan on Unsplash

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