Meine beste Freundin, ihre Prinzessin und ich – wenn unterschiedliche Erziehungsmethoden die Freundschaft belasten

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Beate ist sowas wie meine beste Freundin, wir kennen uns schon seit der Kindheit. Gemeinsam haben wir so manch Blödsinn angestellt und unsere Eltern bis zur Weißglut getrieben. Oft auch absichtlich, Grenzen testen und so…

Und da ging so einiges, von schwarz bemalten Lippen und lila gefärbten Haaren bis hin zu Sturmfrei-Parties mit Brandlöchern im Parkett. Auch im Studium, als ich nach England auswanderte und sie nach Wien, blieben Beate und ich in Kontakt, hingen stundenlang an der Strippe und erzählten uns kichernd von unseren Männergeschichten. Wir waren beide schon immer Chaoten gewesen, oder „Lebenskünstler“, wie sie es charmant nannte. Es gab keine Eifersucht, denn unsere Geschmäcker konnten unterschiedlicher nicht sein. Ich tröstete sie, als Carlos mit ihr Schluss machte, weil sein Erasmus Jahr vorbei war und er ihr von Mexiko aus keine Treue versprechen wollte. Und sie kam nach England geflogen, als es mit Ben, meiner ersten großen Liebe, nach einem dramatischen Hin und Her nun doch AUS war. Ja wir waren Besties, BFF’s so to speak.

Als Beate mich eines Tages anrief, um mir stolz zu verkünden, dass sie jetzt schwanger ist, fiel ich aus allen Wolken. Hatte ich da was verpasst? Dieser Olaf war doch nur eine Affäre gewesen, oder nicht? Ich gratulierte ihr etwas zu hysterisch und legte nachdenklich den Hörer auf. Was bedeutete das jetzt für unsere Freundschaft und wieso konnte ich mich nicht mehr über diese doch eigentlich positive Nachricht freuen?

Ich beschloss, mir nicht weiter darüber Gedanken zu machen und buchte ein paar Monate später, als Beate im 6. Monat war, einen Flug nach Wien. Schließlich kannte ich diesen Olaf ja noch gar nicht und meine beste Freundin mit Bauch zu sehen, würde mir das Konzept „Meine Freundin wird jetzt Mama“ bestimmt etwas näher bringen.

Und so stand ich also im frisch gestrichenen Kinderzimmer, „das vorher eigentlich das Büro war, aber ich (also Beate) werde ja jetzt eh nicht mehr so arbeiten können und Lieschen braucht doch ein Zimmer“. Aha, Lieschen also. Ergo die rosa Wandfarbe und Rüschen um das (bereits bezogene!) Bettchen. Klar.

Als ich am Abend mit Beate und Olaf am Esstisch saß und in meinem Quinoa-Salat rumstocherte, „weil da sind ganz viele gesunde Sachen fürs Baby drin“, wusste ich nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen sollte. Wo zum Teufel war meine Beate geblieben? Kommt sie gleich, Aktentasche unterm Arm und im Boss-Blazer reinstolziert, wie immer zu spät, weil sie von einem ihrer Mandanten aufgehalten wurde? Und dieser schlaksige, Bananen-mampfende, bärtige Typ, das war doch jetzt ein Scherz, oder?

Ich guckte auf die Ikea-Lampe und rechnete im Kopf. Heute war der 12., mein Rückflug ist am 16. – noch vier Nächte. Shit.

Im Flieger zurück nach Hause starrte ich gedankenverloren auf die fluffige Wolkendecke. Es stimmte also, dass so ein kleiner Avocado-Kern im Bauch das Leben einer Frau auf den Kopf zu stellen vermag, und das auch schon ehe es zu einem reifen Früchtchen herangewachsen war. Beate war sehr bemüht gewesen, dies während meines Aufenthalts zu dementieren, eines Abends zog sie sich sogar ihr nun doch viel zu kleines Leder-Nieten-Jacket aus dem Ibiza-Sommerurlaub ’99 an und wollte mir unbedingt diese eine Bar zeigen, in der es so tolle Moscow Mules gab. Das wusste sie von einem Blog, denn sie selbst konnte ja nichts trinken. Um 23.15 Uhr, als ich ihr gerade erzählte, wie ich Till nun schon zum 2. Mal aus der Wohnung geworfen hatte, weil ich mich so missverstanden fühlte, sah ich, wie Beates Augen in regelmäßigen Abständen nach hinten in ihr Gehirn rollten und sie kurz davor war, ihre Nieten-Jacke als Kopfkissen auf die Bar zu legen, um eine Runde zu pennen. Hormone, verstehst.

Da war sie mitten in der „Ein-Kind-ändert-sicherlich-vieles-aber-keine-Angst-ich-bleib-immer-noch-die-Selbe“ Phase. Das war 2012.

2015 flog ich wieder nach Wien, Kotztüte auf dem Schoß. Ich war im 5. Monat bzw. in der 22. Woche. Lieschen feierte ihren 3. Geburtstag und ich hatte sie bis dahin nur auf Fotos und in kurzen Videos gesehen. Beate und ich hatten weniger Kontakt, ich bekam überwiegend die Milestones der Tochter mit und wenig von ihr. Mit Olaf war es halt auch nicht immer einfach, meinte sie, aber das wusste ich bereits seit dem Quinoa-Abend. Als ich ihr von meiner Schwangerschaft berichtete, reagierte sie etwas schnippisch mit „Endlich! Hast du doch noch jemanden gefunden, der es länger mit dir aushält. Wirst sehen, wird super!“ Eine Nachricht, die mich Ingwer schnibbelnd erreichte, als ich konsterniert feststellen musste, dass gegen diese verdammte Übelkeit einfach nichts zu machen war.

Da stand ich also wieder, in Lieschens Zimmer. Es war ein Prinzessinenzimmer, wie es im Buche stand. Von der Decke hingen glitzernde Feen und es gab ein Doppelbett und ein Zelt. Mehr konnte ich in dem Rosa-Wahnsinn nicht ersehen. „Wer bist du? Hast du mir was mitgebracht?“, waren Lieschens erste Worte an mich. Natürlich hatte ich eine Kleinigkeit für das Kind dabei und es war nicht rosa. Diese zweite Frage irritierte mich. Klar hätte ich sie innerlich mit einem „Kinder…“ abtun können, aber diese Irritation bestätigte sich im Laufe des Tages, als Lieschens Freundinnen zum Geburtstag eintrudelten und die Prinzessin ihre Rolle etwas zu ernst nahm. Als sie ihren Gästen die Geschenke aus den Händen riss, das Papier lieblos abkratze und den Inhalt gelangweilt in die Ecke warf. Immer und immer wieder. Als ich sah wie Pia, Mia und wie sie alle hießen ihre Mitbringsel wieder aus der Zimmerecke aufhoben und traurig anstarrten. Sich wünschten, das Päckchen endlich aufmachen zu können, hatten sie es sich doch am Vortag noch selbst im Laden ausgesucht und ihre Mütter angebettelt, dasselbe zu bekommen.

Aber ich glaube am meisten irritierte mich meine gute alte Freundin Beate. Ihre robotisierten „Ach Lieschen“, „Liesi-Schatz, das war jetzt aber nicht so nett“, „Liesi nein, das machen wir nicht“, die sie durch den Tag verteilt runter ratterte, immer mit einem Lächeln, immer die Wange ihrer Prinzessin streichelnd.

„Verdammt Lieschen, komm mal klar!“, musste ich mir wiederum verkneifen. Die nächsten Tage verliefen nicht anders. Lieschen durfte alles, tobte und provozierte, was das Zeug hielt. Marmelade und Nutella auf alle Brotscheiben streichen. Check. Die guten Bio-Eier vom 4. Stock in den Hof knallen. Check. Bis 22 Uhr vor der Glotze herumjucken und nach jeder Folge einen Heulkrampf kriegen, wenn es hieß, jetzt wäre dann mal „langsam Bettzeit“. Check, check und nochmal check.

Ich fiel jeden Abend erschöpft in die Federn. Als mein Aufenthalt dem Ende nahte, beschloss ich das Thema vor der Abfahrt doch noch anzusprechen. Doch wie weit darf man sich in die Erziehung der Freundin einmischen? Darf man was sagen, wenn es bereits absolutes Unbehagen in einem auslöst und es so sehr auf der Hand liegt, dass es anders viel besser gehen würde? Wenn man leidend mitansehen muss, dass sich das Lieschen mit ihren drei kleinen Jahren zu einem Ekelpaket entwickelt und sie eigentlich nichts dafür konnte. Vielleicht sah Beate die Dinge ja ähnlich wie ich und war dankbar für Input?

Beate war nicht dankbar für Input. In fact war Beate total im Einklang mit ihrem Erziehungsstil, fand es super, wie toll sich Lieschen entwickelte und bereits so eine laute und selbstsichere Meinung (und Stimme) hatte für ihr Alter. Sie verstand mein vorsichtiges Anklopfen als frontalen Angriff und zog ohne mit der Wimper zu zucken die Großartillerie raus. „Du bist noch nicht mal Mutter, was redest du überhaupt? Was weißt du denn schon über Erziehung, deine Eltern waren doch nie da. Schau dir mal deinen Bruder an, da haben deine Eltern ja tolle Arbeit geleistet“. Wow. Hätte ich es mir doch verkneifen sollen? War ich zu naiv gewesen, zu meinen, meine Freundin interessiere sich für meine unqualifizierte Meinung, ich, die noch nicht mal wusste, dass Größe 68 sechsmonatigen Babys passt und ab wann man einem Kind Kuhmilch füttern darf. (Ja, ich weiß, ab 1 Jahr).

Auf der anderen Seite sollte eine enge Freundschaft doch gerade solche freundlich gemeinten Anregungen aushalten können. Wie hatte Beate damals über die Über-Muttis gekeift, als wir Mitte 20 übernächtig auf einer Parkbank saßen und durch die Sonnenbrille ein Mutter-Kind Picknick beobachtetet. Sie hatte sich aufgeregt über die verzogenen Kinder, die respektlos übers Essen trampelten, aber vor allem die Mütter, die alles meinten kontrollieren zu müssen, aber scheinbar nichts im Griff hatten, waren ihr ein Dorn im Auge gewesen. Wieso also konnte unsere Freundschaft solche gut gemeinten Rückmeldungen nicht auch aushalten? Ich hatte nicht belehrt, fand mich sogar recht konstruktiv, als ich Beate an dem Morgen charmant eingepackt sagte: „Ich hatte auch mal so eine Phase wie Lieschen sie gerade durchmacht, in der Pubertät. Da konnte man mir sagen, was man wollte, ich hatte meinen eigenen Willen. Hinterher denk ich, da hätten meine Eltern vielleicht mal härter durchgreifen sollen“. Wäre Beate nicht gleich aus der Haut gefahren, hätte ich vermutlich nachgehört, warum sie denn so gereizt mit dem Thema umgeht. Ob der Bananen-Papa auch ausreichend Unterstützung liefert und sie sich hin und wieder eine Pause gönnt. Doch dazu kam es nicht.

Ein paar Monate später bekam ich Post von Beate. Wir hatten nach dem Lieschen-Geburtstag wenig gesprochen und ich war mittlerweile auch Mama geworden. Ihr Schreiben berührte mich sehr, und nicht nur weil sie sich die Mühe gemacht hatte, ihr altes Briefpapier rauszukramen, um ganze zehn Seiten mit Füllfeder zu bekritzeln. Sie schrieb, wie erschöpft sie war, immer die bestmögliche Mutter sein zu wollen. Von ihrem Partner, die olle Banane, die nur selten zu Hause war und seit Wochen nach der Arbeit mit einem anderen T-Shirt als dem, das er am Morgen angezogen hatte, nach Hause kam und anscheinend meinte, keiner merke es. Das machte sie sehr unglücklich, aber davon sollte Lieschen auf keinen Fall was merken, sie wollte ihrer Tochter das Leben so schön wie möglich gestalten. Das hieß natürlich auch, keine Konflikte mit ihr einzugehen, ihr alles recht zu machen und niemals zu widersprechen. „Ich habe dich gehört an dem Morgen, Babes. Deine beste Freundin Beate“.

Ich atmete auf… Mit schnellen Verbesserungen darf man nicht rechnen. Aber man kann darauf vertrauen, dass das Gesagte weiter wirkt und hoffen, es führt doch zu einer Veränderung. Beate und ich haben jetzt eine Vereinbarung getroffen. Wir dürfen uns untereinander sagen, wenn einem bei der Erziehung der jeweils anderen etwas Wichtiges auffällt. Was nicht heißt, dass man seine Rückmeldung nicht vorsichtig formulieren sollte, denn delikat ist es allemal. Aber wir fänden es schlimmer, deswegen auf unsere Freundschaft verzichten zu müssen. Es wird nicht belehrt und auch nicht kritisiert, das ist tabu. Und jetzt wo ich auch Mama bin, bin ich ganz froh, wenn ein Außenstehender mir Dinge aufzeigt, die ich so im Alltag nicht wahrnehme. So sagte mir Beate neulich bei ihrem letzten Besuch, ich hänge zu viel auf meinem Handy rum und wirke manchmal abwesend und sie nahm mir auch nicht übel, als ich sie am Arm packte und zurück auf ihren Stuhl drückte, obwohl Lieschen schon zwei Mal gerufen hatte.

Es gibt ein Sprichwort das sagt: „Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er in sie hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen“. Beate und ich sind inzwischen ganz gut geworden im Mantel-Hinhalten. Ihr „liberaler“ Erziehungsstil hörte an dem Tag auf belastend zu sein, an dem sie meiner Meinung Raum ließ und sie anerkannte. Den gegenseitigen Respekt, den wir uns bis heute entgegenbringen führt dazu, dass wir uns weiterhin nahe sein können, auch wenn wir nicht immer mit den Entscheidungen und Methoden des anderen einverstanden sind. Heute leben wir beide endlich in derselben Stadt, Berlin. Wenn Lieschen zu uns spielen kommt, legt sie ihre Prinzessinenkrone, der seit Wien glücklicherweise ein paar Juwelen rausgefallen sind, an die Garderobe und läuft erhobenen Hauptes ins Spielzimmer. Ich glaub sie mag es bei uns zu sein, klare Regeln und Grenzen zu erfahren. Wenn mein Sohn bei Beate war, erzählt er vom Aufbleiben „bis die Augen von allein zugefallen sind“. Dort darf er Dinge tun, die bei uns verboten sind. Und das ist ok. Am Wochenende.

Text: Franca Rainer  /  Foto: Pexels

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