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Till Raether: „Die Latte für Väter ist so niedrig und sie wollen immer noch Hilfe“

Dani war schon immer Fan von Till Raether und Elina ist es allerspätestens nach diesem Interview geworden. Vielleicht kennt ihr den Berliner Autoren von seinen Kriminalromanen über den hypersensiblen Hauptkommissar Danowski oder von seinem Spiegel Bestseller ‚Bin ich schon depressiv oder ist das noch das Leben?‘ (Rowohlt, 2021). Anderen mag er von 2002 bis 2005 als Chefredakteur der Brigitte begegnet sein. Wenn das alles nicht genug wäre, hat er auch noch einen äußerst unterhaltsamen Podcast ‚Sexy & Bodenständig‘ mit Autorin Alena Schröder. Worum es geht? Ein Entlastungs-Podcast für Autor*innen, in dem sie darüber reden, was am Schreiben schwierig ist und wie man es sich leichter macht. 

Nun ist sein neuer Roman ‚Treue Seelen‘ (btb, 2021) erschienen und es ist Berlin, es ist 1980er, es ist Mauer und Provinz.

Das Interview fand im Juli 2021 in Hamburg statt. Wir durften mit Till Raether im Adina Hotel sprechen und ihn dort auch interviewen. Vielen Dank dafür und euch nun viel Spaß bei diesem sehr, sehr ausführlichen Interview zum Thema Corona, Teenager, Depressionen und Social Media. Wir haben viel gelacht, wirklich.

Lieber Till, stell dich doch mal vor. Wer bist du?

Interessante Frage, vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, ich bin Journalist und Autor. Inzwischen bin ich wirklich hauptsächlich Buchautor. Ich bin 52 Jahre alt und habe zwei Kinder, die diesen Sommer 14 und 17 Jahre alt sind. 

Whoooooa Corona Teenager!

Richtig, zwei Corona Teenager! Ich finde, dass sie echt gut damit umgegangen sind, obwohl es eine echt harte Zeit für beide war und die Verschleißerscheinungen merkt man langsam. Es war aber auch eine Zeit, die uns gerade als Teenager-Kinder-Familie so richtig zusammengeschweißt hat. Das war wirklich toll, denn ich bin ja auch noch verheiratet, zusätzlich. (Lacht.)

Echt jetzt?

Genau. Ich komme außerdem aus Berlin und lebe in Hamburg.

Also nicht aus Koblenz?

Ich bin in Koblenz geboren, weil meine Großmutter dort gelebt hat – aus Nachkriegsgründen. Meine Mutter, meine Großmutter und die ganze Familie meiner Mutter stammen seit Generationen aus Berlin. Als ich geboren wurde, haben meine Eltern auch in Berlin gewohnt.

Meine Mutter wollte damals gleich wieder arbeiten und hat das dann im Nachhinein oft in Frage gestellt. Das war ihre erste Stelle und die war ihr wichtig, deshalb bin ich die ersten drei Monate meines Lebens bei meiner Großmutter in Koblenz geblieben. 

Auch krass.

In meiner Erinnerung natürlich nicht. Aber klar, meine Großmutter und ich haben dann immer ein sehr enges Verhältnis gehabt, denn von ihrer Seite aus bestand eine besondere Beziehung zu mir. Als Enkel merkt man das später auch noch. Meine Mutter jedenfalls hat sich dann später extrem schuldig gefühlt. Das war der Höhepunkt dieser Zeit, in der es hieß ‚Stillen ist unmodern‘. Damals wurde gesagt, es wäre für die Kinder viel besser, regelmäßiger und einfacher, wenn sie Fläschchenmilch erhalten würden. Sie hat sich damals von den rationalen Erwägungen mitreißen lassen: Sie hatte den Job, es hat funktioniert, Oma Käthe kümmerte sich rührend. Aber eigentlich war das nicht die richtige Entscheidung für sie. 

Schuldgefühle und Mutterschaft

Krass halt auch, weil ihr in Westdeutschland wart. 

Definitiv, ich beobachte das auch ganz neutral, aber es hat einen Rollback gegeben. Denn Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, gab es ein Zeitfenster in Westberlin, in dem Frauen wie meine Mutter das Gefühl hatten, jetzt steht die Selbstbestimmung und die Berufstätigkeit im Vordergrund. Es gab die Ressourcen und es gab die Fläschchenmilch. Wenn ich mir meine Generation, meine Mitschüler*innen von damals und auch meine ersten Freundinnen, das war in den Biographien, auch in Westberlin, da hätte keiner gesagt, boah krass. Es war vielleicht auch nicht unbedingt die Norm, aber dass es sich jetzt noch einmal ganz anders entwickelt hat, das ist mir auch erst so richtig klargeworden, als wir selber Eltern geworden sind.

Es war für meine Frau völlig selbstverständlich, dass sie nach einem Jahr wieder arbeiten wollte. Da war ich total überrascht, dass da bei manchen Reaktionen ein ‚Ooohhhhh‘ mitschwang. So ein kleines Kind, und kann das denn schon laufen? Nein. Unsere Kinder konnten mit einem Jahr noch nicht laufen, konnten sich aber im Krippenbereich mehr als erfolgreich fortbewegen und zur Wehr setzen. Das war wirklich der Moment, in dem ich gemerkt habe, in diesen 30 Jahren hat sich irre viel geändert. 

Trotzdem hast du völlig Recht. Es ist eine Ost-West-Thematik. Es gab ein kurzes Zeitfenster, wo der Westen sich dem Osten angelehnt hat, was Berufstätigkeit von Frauen anging. Ich muss sagen, dass das alles echt ungerecht für meine Mutter verlaufen ist, weil sie immer diese Schuldgefühle hatte. Ich glaube nicht, dass ihr die jemand von außen gemacht hat, aber sie hat erst später gemerkt, wie sehr sie in dieser Zeit gelitten hat. Die Wahrheit ist aber, dass sie relativ schnell aufgehört hat zu arbeiten, dann kam auch noch meine Schwester und dann war sie eh die 70er-Jahre-Hausfrau. 

Nach der Trennung meiner Eltern 1980 ist es ihr gelungen, nach über zehn Jahren in ihren Beruf als Textilingenieurin zurückzukehren – obwohl sie vorher nicht mal ein Jahr berufstätig war. Letzendlich hat sie diesen Job so schnell wieder gekriegt, weil sie damals in ihrer ersten Berufstätigkeit so viele Verbindungen geknüpft hat. 

Auf ihre Biographie betrachtet hat sie im Grunde genommen alles richtig gemacht. Trotzdem waren ihre Schuldgefühle über diese drei Monate stärker, als die objektive und sichtbare Wahrheit, dass sie für ihre Biographie, die Versorgung ihrer Kinder langfristig und in dieser Krisensituation ‚Trennung‘ alles richtig gemacht hat.

Guck dir an, wie viele Frauen heutzutage noch aus finanziellen Gründen in einer Ehe bleiben.

Genau das musste meine Mutter nicht. Aber das weißt du auch, davon handeln ja auch ganz viele von diesen Themen. Selbst wenn es so ist, man selber kann sich diese Absolution oder diese Erlaubnis das loszulassen nicht geben und das konnte sie auch nie. 

Ich war immer sehr stolz auf meine Mutter

Der Höhepunkt meiner Kindheit war, als meine Mutter diesen Job geschossen hat und meine Schwester und ich miterlebt haben, wie sie sich da überwunden hat, sich bei diesem Typen zu melden, für den sie zuletzt nach meiner Geburt gearbeitet hatte. Mit dieser Nachfrage hat sie ihr Glück erzwungen, denn er suchte wirklich jemanden in dem Bereich. Wir als Kinder haben sie damals auch angefeuert und nach ihrem ersten Arbeitstag haben wir sie mit Eiskaffee überrascht. Da war ich 12 und meine Schwester war 9 Jahre alt. Wir haben sie einfach gefeiert und wir waren richtig stolz.

Jeder Lebensentwurf hat seine Leistungen und Höhepunkte, aber was für mich oftmals zu kurz kommt, wenn es um die Berufstätigkeit von Müttern geht, ist die Perspektive der Kinder. Dieses Gefühl zu sehen ‚Meine Mutter geht raus in die Welt und hat was erreicht‘, das war für uns richtig toll. Ich glaube, dass das für Kinder super ist. 

Wie hat deine Mutter denn ihre Schuldgefühle vor euch thematisiert?

Meine Mutter ist dieses Frühjahr gestorben, kurz bevor mein Buch über Depressionen erschienen ist. In meiner Wahrnehmung hängt das alles eng zusammen und in meinem Buch geht es ja auch um Schuldgefühle. Meine Mutter war sehr depressiv. Man kommt immer wieder auf diese Sätze zurück und sagt sie sich selbst auch immer wieder: ‚Das hätte ich damals nicht machen sollen.‘ Das hat sie sich, aber das hat sie auch uns so oft gesagt, dass ich da dann auch irgendwann reagiert habe und zu ihr meinte ‚Ach komm, diese drei Monate, das war doch genau richtig‘ und sie lediglich entgegnete ‚Nein, das war ganz schrecklich.‘ Das konnte ich ihr als Sohn leider nicht nehmen.

Innerhalb der Familie solche Sachen zu besprechen, finde ich schwierig. Tiefer über diese einschneidenden Gefühle und wahrscheinlich sogar Traumata zu reden und ihre Bedeutung herauszufinden, ist aber wichtig. Meine Mutter hat leider selten eine Instanz von außerhalb gefunden, mir der sie darüber konnte. Aber sie wusste, dass wir total stolz auf sie waren. Nachdem sie gestorben ist, habe ich geguckt, was ich von ihren Sachen behalten will. Da war ein Buch dabei ‚Der Golem‘ von Gustav Meyrink. Ein Gruselroman über den Rabbi, der den Golem aus Lehm zum Leben erweckt.

Weißt du, wo das erwähnt wird? Melissa Broder nutzt in ‚Muttermilch‘ auch das Golem Motiv, zieht sich durchs ganze Buch.

Oh, das muss ich mir unbedingt angucken. Das ist super interessant und mir ist klar, dass auch in vielen jüdischen Biographien der Golem ein viel präsenteres Thema ist. Ich verbinde das mit meiner Mutter, weil sie die Schauergeschichten-Literatur aus dieser Zeit geliebt hat. Obwohl sie immer ganz viel ausgemistet hat, war dieses Buch, das wir ihr geschenkt haben, noch in ihrem Bücherschrank und da steht in meiner Kinderschrift ‚Zur Feier deines ersten Arbeitstages. Wir sind sehr stolz auf dich, Mama‘.

Voll süß eigentlich.

Sie wusste also schon, dass wir stolz auf sie waren. Aber man kann solche Verletzungen, die man sich selber zugefügt hat, oder die das Leben einem zugefügt hat…in meiner Erfahrung ist es noch nie gelungen, so etwas innerhalb der Familie zu heilen. Man kann es lindern, indem man Menschen, die einem ganz nah sind, zuhört oder sie tröstet, aber zu sagen, das war nicht so schlimm oder ‚sei nicht so hart zu dir‘, das bringt’s irgendwie nicht. 

Ich kann ansonsten auch immer empfehlen, ein Buch drüber zu schreiben, das hat mir zumindest sehr geholfen. Was natürlich ein riesiges Privileg ist, sich hinzusetzen und einfach mal monatelang über die eigene Familiengeschichte nachzudenken. 

Depressionen: Warum geht’s mir so?

Dein Depressionen Buch hat mich sehr bewegt. Besonders toll fand ich, dass du beschreibst, dass Depressionen nicht so aussehen müssen, wie uns mediale Bilder oftmals vermitteln wollen. Es muss nicht das dunkle Zimmer mit den zugezogenen Vorhängen und dem ständigen Weinen sein. Dass man auch eine mittelgradige Depression haben kann und trotzdem zur Arbeit gehen kann. Wie waren die Reaktionen auf dein Buch?

Die Reaktion, die ich oft auf dieses Buch erhalten habe war, dass Menschen es als Einladung empfunden haben, sich überhaupt diese Frage mal zu stellen. Der Titel „Bin ich schon depressiv oder ist das noch das Leben?“ ist natürlich überspitzt, aber es geht darum, wenn ‚eigentlich alles ok ist‘, warum geht’s mir dann so? Warum fühl ich mich so scheiße? Könnte es vielleicht doch was sein?

Sich diese Frage überhaupt mal zu stellen, ist das Ziel des Buches. Das Buch richtet sich an Leute, die im Hinterkopf haben, dass sie sich diese Frage mal stellen sollten. Ich glaube, dass ganz viele Menschen, auch ich, an diesem Klischee abprallen und dann denkt man, solange man nicht den ganzen Tag zu Hause liegt, muss alles ok sein.

Ich habe mich auch immer mit schwereren Fällen wie meiner depressiven, berufsunfähig geschriebenen und suizidalen Mutter abgeglichen. Demnach war ich nicht depressiv. 

Das Buch soll Menschen einladen, es nicht von vornherein auszuschließen und sich einfach mal mit dem Thema zu beschäftigen. Sich zu überlegen, wenn man sich diese Frage stellt und die Antwort erlaubt, ob es einem dann besser gehen könnte. Das wäre doch gar nicht so schlecht. Das sind die Leute, die das Buch erreichen soll und die es tatsächlich auch erreicht.

Depression hat so viele verschiedene Gesichter und ist von außen kaum zu erkennen.

Die Person, die immer hochmotiviert, aber nur etwas übellaunig sein kann, kann man von außen nicht als depressiv erkennen. Die Person kann oder will es sich eine Zeitlang möglicherweise selbst nicht eingestehen, weil man selbst immer denkt, ‚hä, es läuft doch?‘

Wenn man dann aber Angst bekommt, dass es vielleicht doch eines Tages nicht mehr laufen könnte, dann ist der erste Instinkt auch oft, dann muss ich mich halt noch mehr bemühen. Wenn ich einfach doppelt so hart arbeite, dann klappt es schon. Dann werde ich mich besser fühlen. Dann kann ich mich endlich entspannen. Man spricht es nie so aus, aber dann krieg ich auch endlich diese Anerkennung. 

Das passiert aber nie, weil die Resultate nicht besser werden. Oder sie erreichen einen irgendwann nicht mehr, weil man innerlich so erschöpft und leer ist. Das Buch ist eine Einladung, sich aus dieser Schleife herauszuarbeiten.

Männer und Depressionen

Ist das Buch besonders für Männer?

Ich bin ein Mann und ich bin ziemlich männlich sozialisiert und wollte immer gerne traditionell männliche Sachen machen und mögen, was mir nicht immer gelungen ist. Ich bin am Ende meiner Journalistenausbildung bei Brigitte gelandet und das entsprach dann auch nicht meinem Bild eines Journalisten, der sich in Tiefgaragen mit dubiosen Quellen trifft oder rauchend am Schreibtisch sitzt und mit Deadlines kämpft. Das machen Frauen alles auch, ist aber in der Popkultur männlich konnotiert, dass Männer selbstzerstörerisch und aufopfernd arbeiten. Das war auch mein Ziel.

Ich habe dann gemerkt, dass mir diese männlich besetzten Verhaltensmuster keine Freude machen, ganz davon abgesehen, dass ich sie nicht drauf hatte. Ich bin aber mir genau diesem Bild aufgewachsen und darum ist es schon ein Buch, das aus einer Männer-Erfahrung kommt und ich glaube, dass sich eine Depression als Männer-Erfahrung in einer Gereiztheit, Übellaunigkeit und Aggression äußert. 

Das fand ich bei mir ganz schrecklich und ich beschreibe den Wendepunkt in dem Buch. Ich wollte nicht, dass meine Kinder mit einem Vater mit einer kurzen Zündschnur aufwachsen. Ich hoffe, dass es eine Perspektive ist, die Männer einlädt, sich abzugleichen. Doch die Reaktionen, die ich insgesamt bekomme, sind absolut Gender übergreifend. 

Ich wollte nicht, dass meine Kinder mit einem Vater mit einer kurzen Zündschnur aufwachsen.

Man liest in Untersuchungen, dass Männer dazu neigen, Depression in Aggression zu verwandeln und wenn man Kinder in der Familie hat, ist das einfach furchtbar. Außerdem ist es für Männer meiner Generation auch ein Zeichen, wenn sie sich voll im Job aufopfern. Das ist ja jetzt bei den 20 Jahre Jüngeren schon ganz anders.

Och, guck dir mal die Corona-Krankentage bei Frauen und Männern an.

Du hast total Recht. Ich bin da einfach immer wieder überrascht, weil ich glaube, dass es diese wirtschaftliche Perspektive nicht mehr gibt. Als ich angefangen habe zu arbeiten, war es noch denkbar, dass eine Person eine vierköpfige Familie ernähren könnte. Das gibt es doch gar nicht mehr? Wer das noch hinkriegt, der muss doch irgendwie geerbt haben.

Ich habe mich auch viel mit jungen Vätern auseinandergesetzt und am Ende kommen immer alle zurück auf dieses Maternal Gatekeeping und ich denke mir jedes Mal: Leute, wenn ihr wirklich, wirklich Bock hättet, Zeit mit euren Kindern zu verbringen, dann würdet ihr einen Weg finden. Ganz ehrlich, wenn das Kind nachts um 3 Uhr kotzt, dann gibt es kein Maternal Gatekeeping, das ist dann einfach das, was ihr euch angewöhnt habt. 

Als ich angefangen habe zu arbeiten, war es noch denkbar, dass eine Person eine vierköpfige Familie ernähren könnte. Das gibt es doch gar nicht mehr? Wer das noch hinkriegt, der muss doch irgendwie geerbt haben.

Das ist für mich auch kein Männer-Bashing, sondern eher wie frustrierend die eigene Bubble sein kann. Ihr braucht als Männer Unterstützung? Frauen haben euch hier gerade 30 Jahre den Arsch politisch hinterher getragen und diese ganzen großen Familiengesetze gibt es nur wegen Politikerinnen der 70er und 80er Jahre und ihr braucht was genau, weil euch euer Chef komisch angeguckt hat, als ihr gesagt habt, dass ihr drei Monate Elternzeit machen wollt?

Diese Latte des ‚Bare Minimums‘ ist so unfassbar niedrig und selbst da heißt es, bitte helft uns drüber.

Klar sind das alles individuelle Erfahrungen, aber ich kann es nicht mehr hören.

Mein Motto ist ja immer Augen auf bei der Partnerwahl, wenn möglich. 

Klar, das steht und fällt damit. 

Ich bin da ja extrem. Auch dass mein Mann seine 7 Monate Elternzeit genommen hat, stand nicht zur Diskussion. Es war einfach klar, weil es die Hälfte war. Und weißt du was, jeder, der nach meinem Mann Vater wurde in dem Job, hat danach 7 Monate genommen. True Story. Und vielleicht hat das in dem Kontext nachhaltig wesentlich mehr gebracht, als jeder beschissene Text, den ich je geschrieben habe und der eh nur von Frauen gelesen wird, die meine Meinung teilen. 

Weil er es auch wollte, und er es gemacht hat. Wie so ziemlich jede Frau vor ihm. 

Versteh mich nicht falsch, mir ist vollkommen klar und dir auch, dass es viele gute Gründe gibt in einkommensschwachen Familien, sich gegen eine Elternzeit des Mannes zu entscheiden. Bevor das hier wieder mal jemand in den falschen Hals kriegt. Ich meine die mit den guten Jobs, die so gerne was zu Gleichberechtigung posten. Practice what you preach. 

Das Autorenleben: Nur Glamour und Twitter?

Apropos arbeiten, sag mal Till, wie schreibst du denn? Nachts um 2 mit drei Tassen Kaffee intus oder 9 to 5?

Bei mir ist das übers Jahr aufgeteilt. Es gibt relativ lange Phasen in denen ich gar nicht schreibe, weil ich im Grunde genommen immer erst dann anfange zu schreiben, wenn ich eine sehr klare Vorstellung von dem Buch habe. Das heißt, ich weiß entweder sehr genau, was in den ersten zwei Dritteln eines Buches passiert, oder, wie im Fall des Depressionsbuchs, ich habe eine sehr klare Vorstellung davon, wie das Buch sein wird. Wenn ich sage, dass ich pro Buch ein Jahr brauche, dann besteht die Hälfte der Zeit darin, dass ich sehr viel lese, nachdenke, recherchiere und rumfahre. Der eigentliche Schreibprozess ist dann wirklich super konzentriert. Ich habe ein Büro und wenn meine Kinder in der Schule sind, bemühe ich mich, mich aufzuraffen – was ich auch fast immer schaffe – und schreibe dann jeden Tag eine festgelegte Anzahl von Seiten. 

Mit dem Bücher schreiben hat das angefangen, als ich freiberuflich wurde und meine Kinder in die Kita kamen. Ich muss dann aber ein Seitenzahlenziel haben, das ich an dem Tag erreichen will.

Kannst du dann andere Sachen ignorieren, wie z.B. das E-Mail Postfach oder die Wäsche?

Ich twittere wahnsinnig viel, wenn ich schreibe. Ich twittere wahnsinnig wenig, wenn ich nicht schreibe. Im Moment schreibe ich nicht und das kann man an meiner Twitter Timeline erkennen. Ich habe Fenster parallel auf und schreibe mit einer 80%igen Aufmerksamkeit. Ich bin aber dankbar für die Ablenkung, weil mir das hilft, nicht so nach unten zu gucken von diesem Drahtseil, auf dem ich mich mental befinde. Ich denke mir ‚Was machst du hier eigentlich? Du denkst dir jetzt wieder irgendeine Geschichte aus, wofür Leute 10 oder 15€ zahlen. Du redest 120 Seiten darüber, dass es dir nicht so gut geht.‘

Das will ich und das kann ich in dem Moment nicht gebrauchen und sobald irgendwelche Zweifel kommen, twitter ich irgendwas über Salzmandeln oder mache die Musik lauter.

Richtig intensive Schreibphasen habe ich 2-3 mal im Jahr, wenn ich mit Kolleg*innen auf Schreibreise fahre und da mach ich dann wirklich die E-Mails und das Telefon aus. Aber das kann ich auch nicht länger als fünf Tage am Stück. 

Und worüber twitterst du sonst so? Mischst du dich auch ein?

Ich krieg manchmal Phasen, in denen ich politische Rants loswerde, aber ich versuche immer mal wieder über positive und schöne Dinge und Dinge, die mir gefallen, zu twittern. Ich denke oft, am besten gefallen mir die sozialen Medien, wenn jemand mitteilt, ‚Hey, ich habe dieses Buch gelesen und es ist so toll‘.

Die Versuchung, dort zynisch oder sarkastisch loszupoltern ist sehr groß. Und klar, es ist für mich ein Wut-Ventil. 

Gerade bei Instagram hat man irgendwann den Eindruck gekriegt, dass man nur noch Likes abgreifen kann, wenn man richtig krass wird. Sei es besonders herzbrechend, wütend oder einfach tragisch. Es gab diesen Post von @cloudy_z Anfang des Jahres, der dieses Gefühl benannt hat. Sie nannte es die Glorifizierung des Struggles, das die Glorifizierung des Glücklichseins abgelöst haben soll. Ist dir so etwas aufgefallen bzw. hat das auch etwas mit Corona zu tun?

Meine Instagram-Welt ist sehr, sehr klein. Meine Twitter-Welt ist zwar durchaus vergleichsweise groß, aber auch sehr homogen. Ich kann nachvollziehen, dass in der Corona-Zeit ein Bedürfnis nach dem Abgleich entstanden ist. ‚Andern geht’s noch schlechter oder genauso schlecht wie mir.‘ Das hat ja auch was Tröstliches, es kann auch eine Empathie-Schule sein. Wie immer sind diese Grenzen zwischen Empathie und Voyeurismus und Empowerment nicht klar. Es kommt auch immer drauf an, worum es gerade geht. 

Wie toxisch sind soziale Netzwerke für uns? Oder tut Twitter dir gut?

Ich finde Twitter zum Austausch z.B. über Depressionsthemen total super. Ich habe da wirklich eine Community und Leute, mit denen ich mich über andere Sachen austausche, gefunden. Die verstehen auch alle, wenn ich bestimmte Dinge von mir preisgebe. Facebook habe ich am Ende als total toxisch empfunden. Ich glaube, dass es eine total individuelle Wahrnehmung ist, wie welche Plattform und Bubble auf einen wirkt. Man muss sich aber total bewusst sein, dass es wiederum Arbeit ist, die Plattform so zu benutzen, dass sie für dich selber und andere nicht toxisch ist. 

Einfach nur gucken und sich treiben lassen geht halt nicht. Du musst die ganze Zeit gucken: ‚soll ich den Account nicht lieber stumm schalten, der nervt mich jetzt zum dritten Mal, kann ich den blockieren oder gibt es dann Drama?‘ Das habe ich am Anfang unterschätzt und bin da einige Male echt auf die Fresse geflogen, weil ich mir Sachen reingezogen habe, bei denen alle meine Instinkte Alarm geschlagen hatten.

Ich gehe zur Anregung und zur Zerstreuung auf Twitter, aber nicht zur Entspannung. 

Der Nachwuchs und die Handynutzung

Redest du mit deinen Kindern über soziale Netzwerke?

Auf jeden Fall. Das einzige, was mir zu denken gibt, ist, dass meine Teenager-Kinder mich für total Twitter süchtig halten. Sie finden es unangebracht und unangenehm, wie viel ich am Handy bin, gewesen bin. Ich habe es echt zurück gefahren. Meine Tochter ist von Instagram wieder weggegangen, weil sie meint, das bringt sie total schlecht drauf. Das tut mir leid für sie, aber ich finde es für eine 13-jährige eine selbstwirksame Reaktion. Mein Sohn ist sehr anonym auf Instagram für bestimmte Hobbies, die er hat, die aber nichts mit seinem Körper und seiner Persönlichkeit zu tun haben. 

Ich bemerke bei beiden und ziemlich vielen aus dieser Generation eine totale Distanz. Zum einen eine sehr ironische Distanz: alles wird per se erstmal nicht ernstgenommen. Zum anderen aber auch ein Instinkt, der ihnen sagt, lieber erstmal fernhalten. 

Ich bin nur für die Memes auf Instagram. 

Oh ja. Meine Kinder sind ja quasi genauso alt wie das iPhone und auch damit aufgewachsen. Ich hoffe, dass die das hier nicht lesen werden. Sie sind beide den ganzen Tag vor einem Bildschirm, aber auf eine völlig andere Art und Weise als ich und das ist für mich endlos faszinierend. Sie sind sehr selbstbestimmt und lassen sich kaum treiben und mitreissen. Facebook ist für die eh nur noch ein Witz, sie bewegen sich zwischen Discord-Gruppen und Snap-Maps. Es ist viel punktueller und selbstkuratierter, als so ein 52-jähriger der sagt ‚Ich mach mal Facebook an, mal gucken was im Internet los ist.‘

Neben tausend Sachen, die ich unfassbar toll finde am Elternsein, ist es schon der absolute Mittelpunkt meines Lebens, mitzuerleben, wie die Kinder sich diese Welt einrichten. Ich finde das spannend. 

Auf Twitter machen sich die Leute schon lustig, dass die Memes 48h später erst auf Instagram auftauchen und dann zwei Wochen später auf Facebook. Mein Sohn kennt alle Memes, immer. Wenn ich ihm was zeige, was neu auf Twitter ist, hat er es schon vor Tagen durch irgendwelche Whatsapp-Gruppen gesehen. Auf eine fast unsichtbare Art sind die noch näher dran. 

Gleichzeitig sagen sie mir ja auch, dass ich Twitter-süchtig bin. Sie haben auch Recht, da sie mich ständig mit dem Handy sehen.

Und die haben das nicht in der Hand?

Irgendwie nicht so. Es ist dann eher so, wenn sie sich entscheiden, ins Wohnzimmer zu gehen, um Kontakt aufzunehmen…

…dass sie das bewusst machen?

Oder strategisch, weil sie etwas erreichen wollen? Dann haben sie natürlich den vollen Fokus auf ihrer Mission und diese zu erreichen. Zu Beginn der Corona-Zeit haben wir auch um die Familienstruktur und Tagesabläufe gerungen und haben auch ganz wenige Vereinbarungen geschlossen. Jeden Morgen um 9 treffen und den Tag einmal kurz durchsprechen: wer macht was, wer kümmert sich um Oma, wer geht einkaufen, wer muss was arbeiten und wer braucht Hilfe bei Schulsachen?

Die andere Vereinbarung war: keine Mobiltelefone bei Tisch. Die eine Person, die durchgehend gegen diese Regel verstoßen hat, ohne es zu merken, war ich. 

Die Art und Weise, wie du beschreibst, wie deine Kinder zu sozialen Netzwerken stehen und Handynutzung bei euch behandelt wird. Ist das eure Erziehung oder ist das einfach die Generation?

Es ist ein bisschen Glückssache, ich habe meinen Kindern von Anfang an viel Medienfreiheit gelassen. Ich habe mich aber auch die ganze Zeit dafür interessiert was sie machen und wie sie es machen. Wir haben uns über alle Inhalte unterhalten und ich habe jedes Computerspiel meines Sohnes mitgespielt bis er 14 Jahre alt war. 

Ich habe mir Bibis Beauty Place Videos, Shuffle Dance Videos und TikTok Videos mit ihnen angeguckt und es auch kommentiert und eingeordnet. Ich habe super aufwendige Diskussionen mit meinem Sohn geführt, warum ich YouTuber, die er eigentlich mag oder lustig findet, für absolute Nazis, Faschisten und Arschgeigen halte. 

Meine Kinder nehmen beispielsweise Serien wie ‚13 Reasons Why‘ als Warnung wahr. Meine Tochter durfte es nicht sehen und mein Sohn erst mit 16. Meine Kinder haben auch ‚The Social Dilemma‘ auf Netflix gesehen, ich bisher nicht. 

Aber Regeln im Sinne von ‚Heute gibt es nur so und so viel zum Gucken‘ gab es nie. Den Zugang zu den sozialen Netzwerken haben wir allerdings verwehr. Die wollten ja schon mit 10 und das durften sie nicht. Da hab ich mich immer hinter den Altersangaben des App Shops versteckt. 

Was ist, wenn sie es trotzdem gemacht hätten?

Wie gesagt, ich glaube es ist Glückssache und ich habe mit ihnen die ganze Zeit das Gepräch gesucht und sie teilweise auch mit meinen Kommentaren genervt. Außerdem hat gerade meine Tochter gemerkt, dass ich voll auf YouTube DIYs abfahre und dann mir ihr die Slime Machine baue. Wenn du dann also mit all dem Interesse auf sie zugehst und sagt, diese YouTuberin find ich total blöd, denn sie macht zwar DIYs, aber sie verkauft die ganze Zeit die Zutaten für die DIYs. Meine Kritik hat in diesem Kontext dann ein anderes Gewicht. 

Das bedeutet aber auch ein immenses zeitliches Engagement und das kann einfach nicht jede*r leisten. Es ist also ein Privileg, dass ich mich so intensiv mit der Mediennutzung meiner Kinder auseinandersetzen kann. Bei ‚Ich werd dann mal…‘ gibt es gut zehn Texte zum Thema Medien und meine Kinder. Wir können das also auch noch immer beruflich verarbeiten. Außerdem finde ich es wirklich interessant.

Wenn nun aber Eltern aus dem Schichtdienst kommen oder drei Mini-Jobs arbeiten und nicht unbedingt Bock haben, 3h mit den Kindern YouTube Videos zu gucken und die Medienkompetenz der Kinder durch Diskussionen auszubauen, kann ich das vollkommen verstehen. Ich habe immer das Gefühl, dass man so hoffen kann, dass die Kinder Werte mitkriegen, die ihnen dann auch signalisieren, wenn Sachen auf YouTube oder anderswo echt nicht mehr ok sind. 

Das ist eine sehr, sehr große Hoffnung.

Es ist eine riesige Hoffnung, aber hat nicht so viel bei der Kindererziehung und beim Großwerden mit Hoffnung zu tun? Ich glaube schon.

Lieber Till, was geht gar nicht?

Scheiße, ich hab doch das Interview mit Ilka Piepgras gelesen und wollte mir genau diese Fragen vorbereiten. Ich fand das einfach ein sehr gutes Interview und ich habe das als Recherche für Alenas und meinen Podcast gelesen. Wie war die Frage?

Was geht gar nicht? Es antworten eigentlich immer alle ‚Nazis‘, es scheint die politisch korrekte Antwort zu sein.

Es ist echt eine interessante Frage. Was geht gar nicht…was wirklich stimmt und es ist echt traurig, aber mich ansprechen, wenn ich lese, geht gar nicht. Das ist gestern passiert und es gab richtig Streit. Wir kommen beide nicht aus Streitfamilien und mussten das entwickeln. Wir mussten unsere Streitkultur aus dem Boden stampfen, damit die Kinder nicht in einem Haushalt aufwachsen, in dem höchstens mal die Augenbraue gehoben wurde und dann hinter verschlossener Tür geschluchzt wird.

Was auch gar nicht geht, ist die Fußball WM in Katar. Als ich am Sonntag das Endspiel geguckt habe, hat meine 13-jährige Tochter hat gesagt, die drei Männer werden so gehated werden. Dieser ganze unsägliche Rassismus im Fußball, dieser ganze Dreck mit diesen vollen Stadien und dann auch noch Katar.

Ja. Versteh ich. Wir sind auch große, große Fußballfans und wir kotzen auch ab. Ist vielleicht jammerig, aber Fußballfan sein ist grad schwierig.

Die kognitive Dissonanz wird immer kreischender.

Gutes Schlusswort. Danke, Till.

Alle Fotos Kai Senf

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