Von der Twitter Heldin zur Buchautorin: Marlene Hellene möchte, dass wir mehr lachen. „Man bekommt ja so viel zurück“

Ich bekomme so viele Mamabücher, Erziehungsratgeber und Romane, in denen auch nur einmal im Buch vielleicht einmal das Wort Baby/Eltern/Familie vorkommt, zugeschickt, dass ich sie meistens nicht einmal mehr mit dem Allerwertesten angucke. Sie türmen sich in der Redaktion und bei mir zu Hause. Oft verschenke ich sie an frische Mamas, die freuen sich noch. Ich bin ein verwöhnter alter Hase. Generell sollten Verlage und PR Agenturen uns mehr Alkohol und Essen schicken. Doch ich schweife ab!

Es begab sich aber zu der Zeit, als ich keine Lust auf nichts hatte und mitten im Umzug steckte. Der Mann händigte mir ein kleines Paketchen und darinnen befand sich ein mini Büchleinchen. IN BUNT! Und der Titel? ‚Man bekommt ja so viel zurück‘. Oha dachte ich mir, da versteht mich jemand. Ich hob es mir für die Zugfahrt am nächsten Morgen auf und war so damit beschäftigt, Fotos meiner Lieblingsstellen an meine Lieblingsmamas zu schicken, dass ich fast meine Haltestelle verpasste.

Nachdem ich auf Instagram aus dem Schwärmen nicht heraus kam, flehte Isa mich förmlich an, sie doch nun endlich vorzustellen, die Marlene Hellene, die die meisten von euch unter Umständen von Twitter kennen.

Hauptstadtmutti: Hallo Marlene, stell dich doch mal vor.

Marlene: Hallo Hallo. Mich vorzustellen ist gar nicht so einfach, weil es so langweilig ist. Ich bin kein Promi-Kind, war nie im Weltraum oder im Knast und kann auch keine Karriere bei DSDS vorweisen. Ich bin eine völlig durchschnittliche Neunundzwanzigjährige, die nicht mal neunundzwanzig ist, sondern arschalte achtunddreißig. Zu allem Überfluss bin ich Beamtin. Auf Lebenszeit! Safety first und so.

„Ich war eine Streberschwangere der übelsten Sorte.

Fünf Tage lang.

Dann fing das große Kotzen an.“

 

Hauptstadtmutti: Boah, ok, ja das ist erstmal sehr langweilig. Hast du auch etwas Interessantes zu erzählen? Zum Beispiel wie man Twitter famous wird? 

Angefangen hat das mit Langeweile. Ich hatte ein Baby, das mich aufgrund seiner Stillgewohnheiten (immer!) völlig von der Außenwelt und jeglichem Sozialleben abschirmte. Außerdem lebe ich auf dem Dorf. Wir haben da vor wenigen Jahren ein Haus gekauft. Es ist wunderschön und idyllisch. Ein Kinderparadies. Aber ich kannte keine anderen jungen Mütter. Also anfangs. Ich bin in Karlsruhe aufgewachsen und wohne dort immer noch im Landkreis, aber auf dem Dorf war es irgendwie schwieriger die Mütter (also die coolen) zu finden, als in der Innenstadt. Da gibt es keine hippen Kaffees oder Elternbloggerveranstaltungen und solche Dinge. So entdeckte ich dieses Internet für mich. Ich konnte halbnackt und angekotzt auf der Couch sitzen und trotzdem am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Und viel besser noch: Ich fand Gleichgesinnte. Ok, ich weiß nicht, ob die anderen auch halbnackt waren (einige bestimmt), aber sie hatten die gleichen Themen wie ich: Kinder, Kacke und Katastrophen. So landete ich bei Twitter. Am Anfang schrieb ich da so völlig allein vor mich hin. Das war irgendwie strange, als würde ich dauern plappern und keiner würde zuhören. Aber nach und nach bekam ich die ersten Follower und ich weiß noch genau, wie ich mich unglaublich über die ersten hundert freute. Warum es jetzt plötzlich so viele sind? Keine Ahnung. Echt! Das frage ich mich selber oft. Offensichtlich treffe ich einen Nerv bei anderen Eltern. Ich habe diesen „genau so ist es bei mir auch, endlich sagt es mal jemand“ Effekt.

„Ich war zum ersten Mal Mutter. Ich besuchte Krabbelgruppe und Baby-Yoga. So eine Scheiße. Dabei erfuhr ich nämlich, dass ich auf gar keinen Fall Herrn Hipp oder Frau Alete das Essen meines Babys kochen lassen durfte. Nein, diese Herrschaften machen vielleicht Salz (oh mein Gott!) in den Brei. Oder sie verwenden Karotten, die nicht ganz glücklich waren vor der Ernte. Depressive Karotten vielleicht. Nein, nein, gute Mütter kochen selbst. Sehr gute Mütter dampfgaren.“

Hauptstadtmutti: Warum bist du so lustig?

 Marlene: Grundsätzlich bin ich am Lustigsten, wenn ich am Verzweifeltsten bin. Umso mehr Stress, umso mehr Galgenhumor. Ich habe zwei Kinder, die mittlerweile vier und sechs Jahre alt sind. Außerdem arbeite ich halbtags, schreibe und mache noch weitere tausend Dinge, wie Haushalt, Ehefrau sein (eine supertolle!), Kindertaxi spielen und die Welt retten (also vielleicht irgendwann mal). Ich habe dementsprechend häufig Stress. Humor bringt mich durch den Tag und am liebsten lache ich über mich selber.

 

Hauptstadtmutti: Du hast da ein sehr feines kleines Buch geschrieben, bei dem der Titel wirklich schon vor Sarkasmus trieft. Hat das Spaß gemacht?

Marlene: Mein Buch war eher ein Zufallsprodukt. Ich bin da so hineingerutscht. Anfangs schrieb ich ein bisschen für einen Blog. Das gefiel dann unter anderem auch meiner lieben Lektorin beim Rowohlt Verlag. Zum Glück. Ich hätte mich selber nämlich nie für fähig gehalten, ein Buch zu schreiben, aber manchmal passieren einfach die verrücktesten Dinge. Insgesamt hat es ca. 1,5 Jahre gedauert, bis das Buch fertig war. Aber ich schrieb auch nicht kontinuierlich. Meist kam ich erst dazu, wenn die Kinder irgendwann nach dem dreitausendstem Lalelu endlich eingeschlafen waren. So ein Buch ist fast wie ein Baby. Die ganze Schwangerschaft denkt man: „Anstrengend! Wann ist das endlich vorbei?!“ und wenn es dann da ist, will man am liebsten gleich das nächste.

„Kinderwagen (ich will den, den Kate Hudson bei ihrem 14. Kind hatte), Bettchen nebst Matratze (von Nobelpreisträgern getestet), Wickeltisch (Runterfallschutz!), Wanne, Trage, Laufstall, größeres Auto (in das alte geht der Kate-Hudson-Kinderwagen nicht rein), mit Autositz, Stillschaukelstuhl von Eames (ich will es bequem beim Stillen, ich ernähre unser Kind, DU LIEBST MICH WOHL GAR NICHT?!) und noch eine Menge anderer wirklich ultrawichtiger Dinge.“

Hauptstadtmutti: Ich mache immer Fotos von deinem Buch, also von den Stellen, die ich witzig finde, und schicke es dann alle Mama Chats, in denen ich drin bin. Die finden das auch gut. Ist das der Weg, wie Bücher viral gehen?

Marlene: Ich bin total stolz auf das Buch und fände es toll, wenn es dazu führen würde, dass manche Mamis die Dinge etwas lockerer nehmen würden, also ja, empfehlt mich in Chats, im Kindergarten und auf dem Schulhof, weil lachen ist ja immer gut. Generell sollte viel mehr gelacht, als geweint werden. Insbesondere als junge Eltern. Am tollsten ist es doch, Bedenken und diese ganze „was werden die anderen denken“-Sache über Bord zu werfen.

Hauptstadtmutti: Apropos über Bord. Ich hoffe, dass du meine Überleitung zu schätzen weißt. Kannst du ein Reiseziel mit Kind empfehlen?

Marlene: Unser bester Familienurlaub war, als wir mit einem Zweijährigen und einer Vierjährigen nach Thailand flogen. Wir waren ca. 36 Stunden unterwegs mit Umsteigen, Aufenthalten und Fahrerei. Klingt völlig irre? Ja! War es irgendwie auch. Aber es war toll. Wir wollte nicht in den Schwarzwald oder nach Rügen. Wir wollten nach Thailand. Auch für uns. Also für uns Erwachsene. Es sollte auch uns gefallen. Das ist generell so ein Ding. Man sollte sich auch als Eltern nicht verlieren. Damit meine ich jetzt nicht nur die Partnerschaft, sondern sich selbst, als Mensch mit Bedürfnissen. Natürlich stelle ich die für meine Kinder oft hinten an. Aber doch bitteschön nicht immer und ausschließlich. Es muss einen Mittelweg geben, der alle glücklich macht. Wir sind zum Beispiel in Kürze auf einer Hochzeit eingeladen. Die Kinder kommen mit. Aber sobald die Cocktailbar öffnet, werden sie von den Großeltern abgeholt und für uns ist Partytime. Das ist natürlich Luxus. Nicht jeder hat die Möglichkeit, Kinder an vertrauensvolle Personen abgeben zu können. Ich weiß das zu schätzen.

„Ihr Baby wird sie das erste Mal mit Erbrochenem im Haar, verlaufener Wimperntusche und ihrem alten Abi-99-T-Shirt sehen, während Tim seine in Rohseide gehüllte, taufrische und nach Veilchen duftende Mutter begrüßen darf.“

Hauptstadtmutti: Hast du einen speziellen Mama Style?

Marlene: Shopping ist für mich Luxus. Ich bin sonst eher sparsam (laaaangweilig), aber wenn es um Klamotten geht, kaufe ich gerne. Ja, und viel. Ich mag es lässig und bequem aber trotzdem stylisch. Marken interessieren mich dabei nicht sonderlich. Mein Style hat sich schon ein wenig geändert, seit ich Mutter bin. Ich finde Highheels auf dem Spielplatz einfach lästig und auch ein Hosenanzug mit Blüschen wäre beim Toben mit den Kindern eher unpraktisch. Aber Kinder- und spieltaugliche Kleidung muss nicht bedeuten, dass man sich völlig aufgibt. Ich versuche trotzdem noch attraktiv auszusehen. Ich möchte mir einfach selbst gefallen. Aber das ist einfach ein Ding, das jeder tun sollte, wie er gerne möchte. Magst Du Highheels auf dem Spielplatz, dann ist das super. Findest du Styling völlig überflüssig als Mutter, auch ok. Hauptsache, Du fühlst Dich wohl.

Hauptstadtmutti: Was braucht jede Mutter? (Außer dein Buch.)

Marlene: Was jede Mutter unbedingt braucht? Humor! Und davon am besten massenhaft. Lacht über Euch, Eure Pannen und Augenringe, Eure missglückten Mottotorten und hässlichen Kindergeburtstagseinladungen. Das macht den ganzen verrückten Mama-Wahnsinn viel leichter. Versprochen!

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