Von tollen Vätern und selbstsüchtigen Müttern: Kinderbetreuung im Urlaub

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Neulich kam ich auf dem Spielplatz mit einem Vater ins Gespräch. Er hatte vor wenigen Wochen seine obligatorischen Vätermonate begonnen und sollte dann bald mit der Eingewöhnung in der Kita beginnen.

Man könnte nun argumentieren, dass er dann ja de facto nur einen Monat Elternzeit macht, da das Kind, wenn alles gut läuft, den anderen Monat tagsüber in der Kita verbringt. Doch Elternzeit und Eltern sein ist ja viel mehr als nur aufs Kind gucken. Einkaufen und putzen muss er ja trotzdem. (Hoffe ich.)

Wir unterhielten uns, wie man sich so unterhält, und ich sagte dann, dass es ja ein Segen war, mit den Großeltern gemeinsam in den Urlaub zu fahren und dass wir uns nun nette Gasthäuser und kleine Hotels mit der Option auf Kinderbetreuung für den Sommer anguckten, um auch im Urlaub mal die Option auf Zweisamkeit zu haben. Daraufhin er, wie aus der Pistole geschossen:

„Also wenn ich in den Urlaub fahre, dann möchte ich ja auch mein Kind sehen.“

Ich kramte kurz in meiner Tasche, aber ich konnte die Krone und Schärpe für den Spitzenvater des Jahres nicht finden. Mist, normalerweise hab ich das für solche Über-Papas immer dabei.

Warum er sich den Kommentar oder diese Formulierung hätte sparen können? Es impliziert, dass ich mein Kind nicht sehen wollen würde, und durch die Option auf Kinderbetreuung nicht sehen werde. Der Satz saß und hat mich kurz mundtot gemacht. Es war wieder einmal einer dieser Momente, in denen Frauen, gerade Mütter, sich so fühlen, als sei es ihnen nicht gegönnt, auch mal an sich zu denken. Dass solche Auszeiten bei Männern nicht nur akzeptiert sind, sondern auch erwünscht, braucht man kaum zu diskutieren. „Der muss auch mal raus, der braucht Zeit für sich, neben der Arbeit, Frau und Kind. So ein Wochenende mit den Jungs, das tut ihm mal gut.“ Wie oft ich das hören und lesen muss.

Letztens fuhr mein Mann von NRW nach Berlin mit dem Zug. Mit Kind (15 Monate). Nur die beiden. Abends. Ich fuhr am nächsten Morgen nach, da ich abends eine Veranstaltung hatte und auch mal in Ruhe feiern wollte. SKANDAL! Was ich zu hören bekam (auch von gleichaltrigen Freundinnen): „Bist du nervös, ist das schwer für dich, du hast aber einen tollen Mann, Mensch, klasse.“ Was mein Mann zu hören bekam: „Respekt! Oho! Was esst ihr dann wenn ihr nach Hause kommt? Ist der Kühlschrank nach der Reise nicht leer? Was machst du, wenn er weint?“ Was ich die ungefähr zehnmal gehört habe, als ich alleine mit dem Kind Zug gefahren bin: Nichts. Ich habe vielleicht einen tollen Mann, und es gibt sicherlich tolle Spitzenväter, aber sie sind nicht toll, weil sie Zug fahren und staubsaugen und einkaufen und mal Windeln mitbringen ohne vorher darum gebeten worden zu sein. Dann machen sie einfach den gleichen normalen Alltagsscheiß, den so ziemlich jede in Partnerschaft lebende Frau oder Mutter auch macht. Ich will hier keine Feminismus- oder Gleichberechtigungsdebatte lostreten. Ich rede von zwei Menschen, die ein Kind großziehen oder gemeinsam in einem Haushalt leben und einander nach eigenem Ermessen und aus gegenseitigem Respekt unterstützen und helfen!

Es ist ja ein Teufelskreis, man soll die wenigen Männer, die mehr als zwei Monate Elternzeit machen, oder überhaupt in Elternzeit gehen, natürlich loben, weil es leider immer noch etwas Besonderes ist, aber man muss auch nicht jeden Papa, der Sonntagnachmittags den Kinderwagen schiebt, mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnen wollen, nur weil er Zeit mit seinem eigenen Kind verbringt (oder mit dem Kind zum Arzt geht oder staubsaugt). Whoopdeefuckingdoo.

Man könnte aber mal darüber nachdenken, warum Mütter sich auch im Urlaub mal eine Kinderbetreuung wünschen würden. Für ein paar Mal, für ein paar Stunden. Um vielleicht nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit die Mama von zu sein. Sondern einfach nur die Frau mit dem Mann dort hinten im Café beim Croissant essen. (Oder Frau mit Frau oder Frau alleine, wie ihr wollt!)

Doch aus dem gleichen Grund, warum mir auf dem Spielplatz entgegnet wird, dass man ja im Urlaub Zeit mit seinem Kind verbringen wollen sollte, wird mir auch nichts gesagt, wenn ich mit meinem Kind alleine Zug fahre: Es ist selbstverständlich. Und es ist selbstverständlich, weil die gesamte Gesellschaft davon ausgeht, dass mich die Mutterschaft so krass erfüllt und glücklich macht, dass ich jeden Abend selig einschlummere und morgens mit einem Lächeln um 5 Uhr aufstehe, um Pfannkuchen für meine Familie zu backen und Kaffeebohnen für den Espresso meines Mannes zu mahlen. Mit der Hand, aus Freude.

Sheryl Sandberg hat das ganz schön in ihrem berühmten Lean In beschrieben:

„Wir glauben nicht nur, dass Frauen fürsorglich sind, sondern vor allem, dass sie es sein sollten. Wenn eine Frau Dinge tut, die signalisieren, dass sie vielleicht nicht nett und zuvorkommend ist, hat das einen negativen Eindruck zur Folge, und das behagt uns nicht.“

Ich applaudiere jeder Mutter, die ehrlich mit sich selbst und der Welt ist und sagt, hey, ein Kind reicht mir Oder dass sie die Zeit mit dem Baby nicht so geil fand, und nun als Mutter eines Kleinkindes glücklicher ist. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, wie toll das mit einem Baby ist, und wie schwer mir eine Trennung je fallen würde. Macht euch mal keine Sorgen, mein Kind macht mich glücklich, und das Muttersein macht mich glücklich, aber es kann nicht sein, dass dies nun meine Erfüllung zu sein hat und ich kein Anrecht mehr auf eigene Personhood habe. Und es kann nicht sein, dass meinem Mann jedes Mal ein Blumenkranz auf den Kopf gelegt wird, wenn er weiß, welche Schuhgröße sein Kind hat. Das ist doch Bullshit.

Ich sprach über den Wunsch, ein Hotel zu finden, das Kinderbetreuung für Kleinkinder anbietet, aber keine all-inclusive-Pool-Animations-Hölle ist. Vielleicht wo Kinder einfach ganz klassisch aus Bio-Ingwer ihren Namen schnitzen lernen um dann exzellenten Tee zu kochen. Die Basics für ein Großstadtkind. Oder Suhaeli lernen und Yogakurse machen. Ich bin ja dafür, dass Kinder lernen, wie man eine perfekte Maniküre macht, aber das ist ja nicht so alternativ wie Mandalas ausmalen. Oder Kaffee kochen, Frühstück machen und Schuhe putzen.

Wir reden immer von Gleichberechtigung und Vereinbarkeit, wir lächeln und ziehen uns stylisch an und versuchen es alles hinzukriegen. Wir wissen alle, dass Frauen letzten Endes immer ein bisschen mehr machen. Nicht nur ein bisschen. Gestern hab ich diesen Fragenkatalog gefunden. Füllt den mal aus. Ihr werdet schlucken, und euer Mann wird wahrscheinlich ganz, ganz leise werden. Man kann da natürlich auch noch ein paar Fragen hinzufügen, zum Beispiel Reparaturen im Haus oder Ölwechsel, aber das sind ja eher seltene Aufgaben, die fallen im Alltag nicht ins Gewicht.

Das wenigste, was Männer, Väter, Ehemänner dazu sagen können (mal abgesehen davon, dass sie einfach ihre 50% erledigen sollten), ist: danke.

Vor einigen Wochen ging dieser kleine Rant eines männlichen Kabarettisten viral. Alle applaudierten. Frauen haben vielleicht auch heimlich geschluckt. Denn der Shit war real. Ja, von Frauen wird das Meiste tatsächlich erwartet. Oder man hat das Gefühl, es wird erwartet.

Wenn dann eine starke, selbstbewusste Frau zu einem Vater, der seit drei Wochen täglich Zeit mit seinem Einjährigen verbringt, sagt, dass sie gerne einmal wieder in den Urlaub fahren würde und dann auch das Gefühl von Urlaub haben zu wollen, dann sollte man applaudieren! Denn wer wird im Urlaub die Ansprechperson für das Kind sein, wenn auch ungewollt? Wer wird nachts zuerst wach? Welches Wort kann fast jedes Kind zuerst? MAMAMAMAMAMAMAMAMAMAMAMAMAMAMA!

Jede Frau, die Interesse an geistiger Gesundheit und einer intakten Ehe hat, sollte, wenn sie Bock drauf hat, einen Urlaub mit Kinderbetreuung buchen oder mit Freunden oder mit den Großeltern in den Urlaub fahren. Warum zum Teufel sollte man sich diesen Stress auch noch im Urlaub geben? Arbeitet ihr nicht hart genug? Seid ihr nicht immer da? Backt ihr eure bescheuerten veganen und zuckerfreien Muffins nicht selbst, abends um 10 wenn alle pennen? Und wenn der Mann „vergessen hat“ die Wäsche aufzuhängen, und das das Einzige war, worum ihr ihn gebeten habt, bevor er ins Fitnessstudio gegangen ist um an seinen verfickten Bauchmuskeln zu arbeiten und inneren Frieden im Speed-Yoga zu finden, hängt ihr sie dann nicht auch selber auf? Und werdet ihr dann nicht auch noch gebeten, euch nicht aufzuregen, weil man ja nicht keifen und nölen soll, weil das so nervt? Seid nachts  nicht hauptsächlich ihr aufgestanden? Habt ihr nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit gestillt und eure entzündeten Brustwarzen mit gefrorenem Quark eingerieben?

Ihr habt bestimmt tolle Männer. Ihr habt Männer, die helfen, und ihr habt Männer, die euch jeden Wunsch von den Augen ablesen. Das ist super. Ihr arbeitet trotzdem Tag und Nacht und seid manchmal am Rande eurer Kräfte, egal wie gerne ihr das alles macht.

Also. Wenn ihr in einen Urlaub fahren möchtet, in dem ihr keine Spülmaschine ausräumen müsst und auch mal ein paar Stunden ohne Job, ohne Kind, ohne Mann, mit Mann – vielleicht sogar nackt? – verbringen möchtet, dann ist das euer Recht! Das nächste Mal, wenn einer dieser Zwei-Monats-Väter euch erklären möchte, wie gutes Parenting auszusehen hat, schickt ihm diesen Link oder sagt das hier:

„Ich bin eine großartige Mutter, back dir ein Eis.“

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Text: Elina Penner // Foto: Kai Senf

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