Hauptstadtmutti

Vorstellungsgespräch mit Baby: Aber wohin damit?

“Wir würden dich gerne nächsten Mittwoch um 13 Uhr kennenlernen!” Peng! 13 Uhr? Kind hält Mittagsschlaf, Ehemann hat aber auch Mittagspause… Ist der Schwiegervater dann noch in town? Lohnt es sich, meiner Mutter ein Zugticket zu zahlen, damit sie für einen Tag aus NRW herkommt? Damit ich zu einem Vorstellungsgespräch gehen kann, das im besten Fall nicht mal zu einer Festanstellung und im schlimmsten Fall zu einem “Danke, aber wir haben uns leider … viel Erfolg” führen kann?

Und wenn Schwiegerpapa, die gute Seele, mit dem Kind alleine wäre … Und wenn der Kleine fällt und weint, tröstet er ihn dann? Oder gibt er ihm eine Zigarre und einen Brandy und bittet ihn, sich wie ein Mann zu verhalten, mit seinen inzwischen 13 Monaten? Dann müsste ich aber auch das Handy anlassen, für den Notfall, versteht sich. Und wenn dann die beste Freundin zeitgleich mal wieder 20 Bilder aus ihrem Leben in Tel Aviv rüberschickt? Und es macht konstant ding-ding-ding? Ist aber kein Notfall? Das kommt doch auch scheiße. Kann man denn das Handy so einstellen, dass es nur bei einer Person klingelt und bei allen anderen lautlos ist? Kann man bestimmt. Muss ich gucken. Kommt auf die Liste von Dingen, die ich gucken muss.

Oder ich frage einfach mal wen? So, Freunde? Die, die es noch gibt? Haben die ernsthaft alle einen Job gefunden? Ich bin alt. Und die anderen Eltern in meinem Leben? Kommen die mit meinem Kind klar?

Man könnte ja auch … nun ja, einen Babysitter? Babysitter kosten Geld. Geld für so etwas habe ich erst wieder, wenn ich einen Job kriege. Und ich habe kein Vertrauen zu fremden Menschen, solange mein Kind noch nicht sagen kann “Rita gehört einem internationalen Drogenring an und möchte meine Babynieren für Crack verkaufen”. So in etwa stelle ich mir den durchschnittlichen Babysitter vor.

Kann ich einen Gegenvorschlag machen? Ist das ok? Macht man das so? Die haben
doch auch Termine und zu tun? Ich hab jeden Tag nur einen Termin: Mittagsschlaf. Aber wenn wir uns um 9 Uhr morgens oder 17 Uhr treffen, dann kann mein Mann das Kind mit ins Büro nehmen oder ich bring ihm das Kind um 16:30 Uhr, nehme sein Fahrrad, weil das kann er ja nicht nehmen, wenn er das Kind hat (wir brauchen einen Fahrradsitz -> Liste), er das Monatsticket und Kinderwagen und wir treffen uns zu Hause? Hätte mein Mann das Kind, wäre ich während des Gesprächs wenigstens entspannt. Und wenn es länger als eine Stunde dauert? Kündigen die dann meinem Mann, weil seine feministische Frau davon überzeugt ist, dass Männer ihre Kinder auch mit ins Büro nehmen sollten, wenn das mal nicht anders geht?

“Du kannst dein Kind gerne mitbringen.”

Ist das die Lösung? Mein Kind? Mein Kind sitzt nicht in der Ecke und singt katholische Kirchenlieder mit gefalteten Händchen. Mein Kind steckt Schlüssel in Steckdosen, kann Telefone auf 500 Meter riechen und auffinden und redet und rennt schneller als die meisten Erwachsenen, die ich kenne. Außer natürlich die Nervensägen, die sich am 1. Januar in einem Wahn von Detox bei irgendeinem Marathon angemeldet haben und nicht aufhören können darüber zu reden. Ihr wisst, wer ihr seid.

Mit meinem Kind in ein Büro? In ein nicht kindergesichertes Büro? Mit anderen
Erwachsenen? Mit hübschen Designervasen, teuren Computern und scharfen Kanten überall? Das heißt nicht nur auf kluge und witzige Antworten konzentrieren, sondern auch auf ein wildgewordenes Kind im Kabel-Paradies. Wenn ich einen Koffer voll Spielzeug mitnehme, bin ich die Helikopter-Mutti, wenn ich nichts mitnehme, bin ich unvorbereitet. Mit seinem eigenen Spielzeug spielt der doch eh nicht in spannenden fremden Räumen.

Der wird noch gestillt. Und sieht aus wie zwei Jahre alt. Was ist, wenn er durchdreht und nur noch die Brust will? Ich kann doch mein Riesenbaby nicht während eines Bewerbungsgesprächs stillen? Was ist, wenn der kackt? Was ist, wenn der heult? Was ist wenn er anfängt zu jodeln und ich kann das aber nicht schnell für Snapchat aufnehmen, weil Professionalität und so.

Bin ich überhaupt noch stylisch? Was zieh ich da an? Sollte ich ein Ersatz-Outfit dabei haben? Falls er mich auf dem Weg dahin dreckig macht? Was habe ich denn bitte, was still- und stilfreundlich ist? Bin ich wirklich so eine Mutter geworden? Damit er schläft, muss ich zu Fuß gehen. Das sind nur 3,5 Kilometer, also Turnschuhe. Oh Gott, jetzt muss ich mir auch noch ein stylisches, stillfreundliches, babyproofed Outfit überlegen, das zu Sneakern passt. Damit ich da aber nicht erschöpft und abgehetzt ankomme, muss ich früh losgehen. Und wenn da kein Aufzug ist? Oder ihn doch tragen? Dann muss das Outfit auch noch Trage-kompatibel sein! Mantel muss übers Kind gehen, aber der XL-Capemantel, der geht dann nicht mit dem schicken Moleskine Rucksack, wegen der Fledermausärmel! Und wenn er wieder durchdreht im schicken Kinderwagen? Lieber doch den praktischen (hässlichen) Kinderwagen, in dem das Kind immer stundenlang schläft? Und meine Nägel? Schaffe ich es, die auf dem Weg dahin zu lackieren?

Kann ich da anrufen und fragen, ob die das Bewerbungsgespräch nicht einfach bei mir zu Hause machen wollen? Um 12? Dann kann ich auch gleich den Jogger anlassen. Oder ist das realitätsfern?

Foto: unsplash.com/Annie Spratt

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