„Gehorche oder stirb.“ Ein Buch über eine Familie, die in den Wald zog.

Hygge. Achtsamkeit. Entschleunigung. Digital Detox. Reden alle drüber im Moment. Ich auch. Ich stehe am Bahnhofskiosk und nehme die FAZ Quarterly mit, ohne nachzudenken. RAUS AUFS LAND! steht da. Auf dem Cover ist ein schlankes weißes modernes Adam und Eva Pärchen auf einem Baum im Wald zu sehen, umgeben von Grün. Nur halt bekleidet, wahrscheinlich in COS. Ich schicke Isa ein Bild vom Anfang des Artikels, sie beschreiben die Augustrasse in Berlin, in der auch unser Büro ist. Wann kaufen wir denn endlich den Bauernhof, von dem wir seit Jahren träumen? Ich seufze und sprinte mit Kind zum Zug, der uns zu meinen Eltern bringt. Aufs Land.

Wir schreiben und lesen so viel darüber, wie wir runterkommen sollen, wie wir besser leben sollen, welche Lebensmittel und wacher und schöner machen sollen, und welche Cremes euch mit eurer Haut helfen sollen, und welches Spielzeug eure Kinder klüger oder eure Spielzimmer stylischer machen sollen. Währenddessen leben wir in der Stadt und zahlen so viel Miete, dass wir schon längst ein kleines Haus irgendwo auf dem Land hätten anzahlen können. Also nicht im Speckgürtel Berlins, wohlgemerkt, da kosten die Häuser mehr als eine schicke kleine Eigentumswohnung im Zentrum. (‚In Berlin gibt es kein Zentrum‘ sticheln jetzt die Hater.)

Und was sollen wir jetzt machen? In den Wald ziehen?

Keine Ahnung. Ein Buch lesen. Mega Überleitung, Elina. Du hast es einfach so drauf. Im Ernst: Schmeißt die Hygge Ratgeber weg und holt euch „Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald.“ von Andrea Hejlskov. ‚Tis the season um mal wieder im Bett zu liegen und Tee zu trinken und in einem Buch zu versinken. Ich gebe hier einfach nur Klischees wieder, die mir immer mal wieder auf Instagram begegnen. Ihr kennt sie, die Posts mit der grauen oder beigen Tasse auf einem Fell oder mit Bettdecke und einem ‚guten Buch‘. Für mich gibt es keine Jahreszeit zum gepflegten Bücherlesen. Lesen geht immer.

Andrea Hejlskov erzählt mit „Wir hier draußen: Eine Familie zieht in den Wald“, die Geschichte ihrer dänischen Familie, die in den schwedischen Wald zieht. Von ihren Teenagern, die nur noch in ihrem Zimmer und vor dem Computer aßen, ihren eigenen Angstzuständen und der klinischen Depression ihres Mannes. Dass ihr Mann nicht mehr in einem Supermarkt einkaufen konnte, weil ihm alles zu viel war, auch die Auswahl an viel zu vielen Produkten. Also zogen sie aufs Land. Es reichte nicht. Sie hatten nur Stadt gegen Land ausgetauscht, die Probleme blieben. Nach langen Gesprächen und einem Reinigungsprozess der sie selbst zur „Sachenwegwerfmaschine“ werden ließ, ziehen sie mit den drei großen Kindern und dem Baby in den Wald. So richtig.

Ich fing an, unsere Entscheidung anzuzweifeln. Ohne die Kinder wäre es so einfach gewesen. Ohne Kinder konnte jeder Idiot in den Wald anhauen und ganz neu anfangen

„Jetzt sind wir da, ist das nicht aufregend?“, beruhigte ich sie. Ich beruhigte sie. Ausrufezeichen!

Armut, Ressourcen, Rollenverteilung, Familie und Liebe

Das Buch ist ehrlich. Es ist dreckig, detailliert, wunderschön und roh. Es hat nichts mit Romantik zu tun, jedenfalls nicht im Reese Witherspoon Sinn – bis sie ‚Wild‚ gemacht hat. Es ist tatsächlich „Eine wahre Geschichte über die Abkehr von der Zivilisation und einen Neuanfang im Wald.“ Es geht um Armut, Ressourcen, Rollenverteilung und Familie. Auch um Liebe und um das Zusammenleben. Es geht um die ganz großen Themen: Sind wir Sklaven des Systems? Wird unsere Gesellschaft bald zusammenbrechen? Was ist, wenn die globale Erwärmung uns früher als gedacht heimsuchen wird? Weißt du, wie man ein Feuer anmacht? Ein Huhn schlachtet? Ein Brot ohne Brotbackmaschine backt?

So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wir hätten bei Sonnenschein ankommen sollen, mit geöffnetem Sonnendach und Blumen im Haar.

„Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald“ ist am stärksten, wenn es um ihre Ausflüge in das neue Draußen geht. Wenn sie beginnt, ihre verfilzten Haare, die schwarzen Fingernägel und den Ruß im Gesicht zu bemerken. Wie sie die zivilisierte Welt wahrnimmt, nach Monaten im Wald, ist es allein wert, gelesen zu werden. 

Manche Sachen ändern sich nicht. Auch nicht im Wald. Andrea kümmert sich um das Baby. Ergo kümmert sie sich auch um die Hütte, um das Kochen (ohne Herd!), um die Wäsche (ohne Waschmaschine!).

Während ihr Mann und die älteren Kinder versuchen, ein Blockhaus zu bauen. Sie fällen Bäume, verarbeiten Totholz, legen Beete an. Andrea schreibt darüber, wie ihr diese Aufteilung zusetzt, auch wenn sie zu dem Zeitpunkt Sinn für alle macht. Sie wird immer unglücklicher, und zählt die Momente des Glücks und der Schönheit, bis es zum absoluten Showdown zwischen ihr und ihrem Mann kommt. Ihre Beziehung wird, wie sagt man so schön, auf eine harte Probe gestellt.

Kochen, aufräumen, spülen, das Unorganisierbare organisieren. Meine Arbeit verschwand, sobald sie erledigt war, sie war unsichtbar, während seine, da draußen, stetig in die Höhe wuchs.

Ich spüle, ich putze, ich backe Brot, ich verrichte all die hirnlosen häuslichen Pflichten, die Tausende von Frauen Tausende von Jahren vor mir verrichtet haben, und ich halte inne und betrachte meine klebrigen Hände und frage mich: Warum ist das nicht genug? Warum genügt es nicht, einfach zu leben, warum muss man irgendetwas erreichen, warum hat man den Ehrgeiz, etwas zu werden? Ist man nicht so schon etwas? Solche Dinge denke ich, und wenn ich mit dem Denken fertig bin, gehe ich runter zum Fluss und wasche meine Teilnähme. Ich reibe sie mit Sand ab und tauche sie ins eiskalte Herbstwasser. Ich sage mir, dass ich nicht vergessen darf, dass ich glücklich sein sollte, und dann weine ich.

Warum ist die Frau für das Innere des Hauses zuständig und der Mann für draußen? Wie viel müssen die Kinder entscheiden, wie viel müssen sie tun, wie viel Mitspracherecht müssen sie bekommen? Wie befriedigt man die Bedürfnisse von sechs verschiedenen Menschen? Wie sorgt man dafür, dass alles klappt, ohne jemanden zu verletzen?

Wir wussten beide, dass ich diejenige war, die arbeiten müsste. Für ihn gab es keine Arbeit. Bei mir war das anders. Ich hatte eine Ausbildung. Ich hatte einen Lebenslauf. Meine Minuten waren mehr wert.

Mir fehlen noch gut 40 Seiten bis zum Ende. Deshalb weiß ich nicht wie es ausgeht, aber wer auf Andreas Blog oder Instagram Account geht, weiß, dass sie nun seit 2011 im Wald leben. (Ja, auch im Wald kann man anscheinend bloggen.)

Ich habe viel, vielleicht zu viel über unsere Probleme geschrieben. Doch da war auch immer diese überwältigende Schönheit. Aber ich wollte eben keine Geschichte über überwältigende Schönheit erzählen, ich wollte keine romantisierende Geschichte wie in einer Frauenzeitschrift erzählen, eine leichte Geschichte, eine rosige Geschichte, nein, ich wollte eine wahre Geschichte erzählen – also habe ich über all die Probleme geschrieben und das Schöne weggelassen, aber es war da, und es war überwältigend!

Wir verlosen zwei Exemplare des Buches! Kommentiert einfach bis zum 4.10., ob ihr euch vorstellen könntet, in den Wald zu ziehen. (Die Gewinnerinnen sind ausgelost und wurden kontaktiert, herzlichen Glückwunsch!)

Bilder: www.mairisch.de

Die Homestory von Julia und wie sie mit ihrer Familie (4 Kinder) ein Haus selber bauten könnt ihr hier nachlesen:

Die Hoppen Homestory, Teil 1: Ein Bauwagen in Brandenburg (2010-2014)

Die Hoppen Homestory, Teil 2: Leben in der Datsche & Hausbau (2014-2016)

Die Hoppen Homestory, Teil 3: Von der Datsche ins Traumhaus (2016-2017)

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