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Tabuthema in der Schwangerschaft: Ich war nicht gerne schwanger …

„Ich war nicht gerne schwanger. Schon beim ersten Kind nicht so wirklich und beim zweiten noch weniger“. Solche Aussagen hört man nicht oft von Müttern, viel zu groß ist der Scham. Ich habe mit einer Psychologin gesprochen und sie gefragt, warum dieses Thema so tabu ist und ob solche Mütter eher die Ausnahme sind.

In allen Magazinen und Medien wird die Schwangerschaft als das schönste und erfüllendste Erlebnis überhaupt dargestellt. 9 Monate voller Selbstfindung und Symbiose mit dem im Bauch heranwachsenden Kind. Klar, es gibt die „Morgen“-Übelkeit (die eigentlich den ganzen Tag andauert) und andere kleine Wehwechen für die Freundinnen und Mutter stets einen guten Tipp parat haben. Man winkt es ab und hört immer wieder „Ach, das gehört halt dazu“, oder „Ist doch ganz normal, in dir entsteht ein Leben“ oder noch schlimmer „Du hast es nicht anders gewollt“. Doch wie sieht es mit den tiefer sitzenden Emotionen aus, die einer jungen Mutter 9 Monate lang zu schaffen machen?

Als erstes sei gesagt, dass es mehr unglückliche Schwangere gibt, als man denkt. Sie leiden nicht nur an ihrem schlechten Gewissen, die Schwangerschaft nicht genießen zu können, so wie es in der „Eltern“-Zeitschrift doch drin steht, sie leiden insbesondere an dem tabuisierten Thema, dem Schamgefühl und der Isolation, die damit einhergehen.

Die Schwangerschaft, diese Geduldsprobe und Identitätskrise

Für manche Frauen fühlt sich die die Schwangerschaft so an, als würde das Leben sie bis ins letzte Eck herausfordern. Auf einmal gilt es seinen oft noch Mädchenhaften Körper einem heranwachsenden Wesen zur Verfügung zu stellen, unwissend, wie er sich genau verändern wird. „Viele Frauen erleben diesen Prozess, wie ein Kontrollverlust und das ist oft mit Ängsten verbunden“, erklärt uns Carole Bourreau Dijon, Diplom Psychologin.

Wir müssen lernen die vielen Widersprüche zu akzeptieren und damit umzugehen. Lernen, die Kontrolle über seinen Körper abzugeben und gleichzeitig Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen. Ein Riesenspagat, also. Bei manchen Frauen löst dieser Kontrollverlust absolute Panik aus, sie fangen an ihr Essverhalten zu kontrollieren, viel Sport zu machen und wo es nur nur geht, einen Ausgleich herbeizurufen. Sie fühlen sich in ihrer Freiheit beschnitten, ein Gefühl, dass sich im Laufe der 9 Monate intensiviert, sobald sie merken, dass dieser Bauch sie körperlich doch sehr einschränkt. „Das unangenehme Körpergefühl, dass vor allem in den letzten 3 Monaten auftritt, kann zu tiefer Traurigkeit und Verzweiflung führen. Die jungen Mütter fühlen sich gefangen in ihrem Körper und kämpfen auch hier wieder mit dem Widerspruch ‚Das Baby soll endlich kommen vs. Ich bin noch gar nicht bereit!‘. Das Schlimme daran ist, dass sie diese tiefe Unzufriedenheit selten ansprechen, da die Gesellschaft ihnen eingetrichtert hat – als Schwangere hast du happy und voller Vorfreude zu sein“, erklärt Dr. Bourreau.

„Wir leben in einer Gesellschaft in der Körperkult, Schlankheit und Kontrolle noch immer sehr omnipräsent sind. In den Medien sieht man nur glückliche Schwangere. Komplikationen oder unangenehme Nebeneffekte werden anekdotisch und als Einzelfälle dargestellt, jedoch gehören sie dazu. So entsteht bei vielen Frauen der Eindruck, dass eine Schwangerschaft, wie 9 Monate im Paradies gleichzusetzen sind und sie fühlen sich traurig oder haben ein schlechtes Gewissen, wenn nicht alles perfekt abläuft“.

In Wirklichkeit empfinden es die wenigsten Frauen so. Das Baby ist noch nicht einmal da und schon verlangt man von ihnen, perfekt zu sein. Sie dürfen weder trinken, noch rauchen, noch Rohmilch-Produkte essen, sie sollten nicht joggen und auch nicht zu heftig tanzen. Immer wieder wird ihnen klar gemacht, dass der sorgenlose Teil des Lebens nun erstmal vorbei ist und trotzdem sollen sie voller Zuversicht in die Zukunft blicken. Die Haare sind fettig und die Haut voller Pickel, überall zieht und zwickt es. Man ölt sich pausenlos ein, damit keine Dehnungsstreifen entstehen und man hat ein Gewicht im Kopf, dass man auf keinen Fall überschreiten möchte. Was für ein Druck!

Jede Schwangerschaft ist einzigartig

Es gibt kaum ein Frauenthema, über das so viel davor, während und noch danach gesprochen wird. Jede Frau hat so ihre Anekdoten und Stories, denn jede Schwangerschaft ist einzigartig. Diejenigen mit Kinderwunsch hören voller Ehrfurcht zu, wie junge Mütter nicht wenig stolz von ihren Erlebnissen berichten. Immerhin gibt es es kaum etwas aufregenderes als ein Menschenleben zu kreieren.

Doch ist es auch die Zeit, in der bei der Schwangeren alle Unsicherheit der Vergangenheit zum Vorschein kommen. Auf einmal wird man mit seinen psychischen Schwächen konfrontiert, sie fragen sich, was für ein Baby sie damals waren und machen sich Gedanken über die oft schwierige Beziehung zur eigenen Mutter. Für viele Frauen ist das jetzt die Zeit in der nochmal klärende Gespräche geführt werden, in der Hoffnung vor der Geburt des eigenen Kindes, nochmal richtig Klarschiff zu machen. Verdrängte Themen, Probleme und Ängste, die man viele Jahre verdrängt hat, kommen in der Schwangerschaft wieder zum Vorschein. Ignoriert oder verdrängt man sie weiter, so kann dies zum späteren Baby Blues führen.

„Zur Geburt werden oft Gutscheine für Massagen, Maniküren und Kosmetik verschenkt, Maßnahmen für das äußerliche Wohlbefinden. Doch oft wäre ein Besuch beim Psychologen das bessere Geschenk“, meint Dr. Bourreau. „Den Frauen fehlt der so dringend benötigte Raum, um über alle diese Veränderungen in Körper und Seele offen zu sprechen“.

Schwierige Schwangerschaft aber tolle Mutter

Wichtig ist es zwischen Nicht-gerne-schwanger-sein und der Liebe für das heranwachsende Kind zu unterscheiden. Denn schwierige Schwangerschaft heißt nicht, dass man später eine schlechte Mutter sein wird. Es kann durchaus sein, dass eine Frau schreckliche und manchmal grenzwertige Gedanken in der Schwangerschaft hatte und diese Zeit schrecklich fand, und sich dann als wunderbare, liebende und fürsorgende Mutter entpuppt.

„Wichtig ist hier, dass die Schwangere ihre Schuldgefühle ablegt und diese wenn möglich mit einem Therapeuten bespricht, um diese schwere Zeit gut verarbeiten zu können. Schuld- und Schamgefühle hindern den Prozess und sollten schnell abgelegt werden“, erklärt Dr. Bourreau weiter.

Schuldgefühle Ade

Schwanger sein bedeutet loslassen lernen. Zusehen, wie der Körper sich verändert, ohne dass man es wirklich beeinflussen kann. Doch heutzutage ist das Konzept „Loslassen“ noch viel zu oft negativ behaftet und wird mit „Kontrollverlust“ gleichgestellt. So entsteht für viele schwangere Frauen das Gefühl, sie machen etwas nicht richtig, da ihre Schwangerschaft nicht so „perfekt“ abläuft, wie sie es sollte. Doch selbst wenn Frauen keine schlechten Erfahrungen hatten – eine Schwangerschaft ganz ohne Ängste gibt es nicht. Neue und komplexe Sachverhalte lösen zunächst immer Angst aus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch in der Schwangerschaft Angst ein normales Phänomen darstellt.

Auch das Gefühl des Versagens sitzt oft mit im Boot. Gedanken wie, „Offenbar sind alle glücklich schwanger, und ich eine Versagerin“ oder „Ich bin launisch und weine oft und habe Angst, das arme Kind bekommt vielleicht mit, dass ich mich nicht sonderlich freue“, sind nicht selten. Die Ironie an dem Ganzen: Wirft man die Schuldgefühle über Bord, hat man eher eine Chance, eine glückliche bzw. passable Schwangerschaft zu genießen.

„Sich eingestehen, dass Schwanger sein nicht gleichbedeutend mit glücklich sein ist und viel Zuwendung vom Partner, Freunden oder hilfreichen Verwandten sind die besten Zutaten für diese intensive Zeit“, schließt Dr. Bourreau ab. Amen.

 

 

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  • Toller, spannender Artikel! Ich hatte grundsätzlich gar kein Problem mit dem Schwangersein: der Verzicht machte mir nichts aus, meine Haare waren ein Traum und ich habe trotzdem getanzt … aber dafür hatte ich auch nicht diese extremen Glücksgefühle, die manche Mütter beschreiben. Ich habe sehr lange gebraucht, um wirklich zu begreifen, dass ich Mutter werde. Der Gedanke war mir einfach viel zu abstrakt. Trotzdem liebe ich mein Kind heute wie verrückt und denke, dass ich als Mutter schon ganz okay bin. 😉 (Übrigens habe ich die Schwangerschaft nach der Geburt manchmal vermisst und erst da verstanden, was mit „genießen“ gemeint war. ;))
    Ich kenne es aber auch, dass Ängste, die man bezüglich Geburt und Muttersein hat, gerne als irrational und idiotisch abgewimmelt werden.

  • Sab

    Schöner Beitrag und danke für das Veröffentlichen! Meine beiden Schwangerschaften empfand ich als sehr anstrengend und oft lästig. Die Geburt fand ich vergleichsweise toll! Obwohl es überal heißt, die Beschwerden xyc betreffen 4 von 5 Schwangeren, habe ich im Freundeskreis kaum welche gefunden mit Verständnis. Dass ich nicht gerne schwanger war, stößt weiter auf Unverständnis. Dabei habe ich mich auf meine Kinder sehr gefreut!

    Vielleicht regen Artikel wie diese zu mehr Offenheit an!

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